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Tourismus: Wer hats erfunden?

Die Schweiz gehört zu den Pionieren der Tourismusindustrie. Was mit Wallfahrten und Bädertourismus begann, steigerte sich immer mehr. Doch mit dem Ersten Weltkrieg war der Boom plötzlich vorbei.
Stummer Zeuge aus der Blütezeit des Hotelbaus um 1900: Das Hotel Belvédère am Furkapass. (Bild: Keystone)

Touristen im heutigen Sinn traf man bis in die neuere Zeit kaum. Reisende waren früher vor allem aus religiösen Motiven unterwegs: als Pilger auf Wallfahrten oder als Kreuzfahrer ins Heilige Land. Auch Söldner zu fremden Kriegsdiensten – sogenannte Reisläufer – bewegten sich auf etlichen Wegen sowie fahrende Gesellen. Aber auch Händler und Marktfahrer sowie Boten als Vorläufer der modernen Kommunikation und Beamte in obrigkeitlichem Auftrag reisten schon damals.

Oftmals war das Reisen in früheren Zeiten eine abenteuerliche Angelegenheit. Auf die Reisenden warteten schlecht unterhaltene Wege und in den seltenen Gasthäusern eine spartanische Infrastruktur. So bemerkte beispielsweise der Universalgelehrte Erasmus von Rotterdam auf seiner Reise durch die Schweiz im Jahr 1518: «Die Leintücher sind vielleicht vor einem halben Jahr letztmals gewaschen worden.»

Wellnessen in Baden

Sehr früh schon wurden auch gerne Heilwasser besucht, die vielerorts als Beginn des Tourismus dienten. Zu den berühmtesten Quellen gehörten die Bäder von Pfäfers im heutigen Kanton St. Gallen, im Walliser Leukerbad sowie die Heilwasser in der Bündner Gemeinde Tarasp. Bereits im 16. Jahrhundert wurde die Quelle in St. Moritz beschrieben.

Für die Eidgenossenschaft bildete aber die Bäderstadt Baden den Mittelpunkt dessen, was wir heute «Fremdenverkehr» nennen: einen Ort, an welchem sich die vergnügungssüchtige Welt mit Vorliebe ihr Stelldichein gab. Bereits römische Offiziere verbrachten ihre Sommerfrische gerne in den «Aquae Helveticae». Ebenso war für die Abgeordneten an den Tagsatzungen der Eidgenossenschaft eine «Badenfahrt» der Inbegriff aller Freuden und Genüsse.

Die Grand Tour – Bildungsreise durch Europa

Im späten 16. Jahrhundert erschienen, vom Geist der Reformation beeinflusst, die ersten Bücher über besonders schöne Gebiete. Ihre Autoren waren Historiker, Kartografen und Kosmografen aus dem Kreise des humanistischen Gelehrten Thomas Platter aus Basel. Zu dieser Zeit ermöglichte die neue Kunst des Buchdruckes zudem die Veröffentlichung von Reiseberichten. Darin fanden sich auch erste Texte zu Reisen über die Alpenpässe und durch Gebirgstäler.

Ebenfalls in dieser Zeit verbreitete sich der Brauch, dass englische Jünglinge aus noblem Haus zum Abschluss ihrer Ausbildung eine Reise unternahmen: eine sogenannte Grand Tour durch Europa mit dem Endziel Italien. Meistens waren sie in Begleitung eines Erziehers, der sie auf einen standesgemässen Umgang im Alltag vorbereitete. Rasch bürgerte sich als Bestandteil einer solchen Reise eine «Tour» durch die Schweiz ein. Aus den Bezeichnungen «Tour» oder «Grand Tour» entwickelten sich schliesslich die Begriffe «Tourismus» und «Tourist».

Vorstoss ins Gebirge

Im 18. Jahrhundert erreichte das Reisen einen ersten Höhepunkt. Nun besuchte man neue Gegenden aus Vergnügen und zur Erweiterung des eigenen Horizonts. Der Inhalt einer Reise war wichtiger geworden als ihr Ziel, wodurch ein neuer Tourismus entstanden war. Damals reisten auch etliche Gelehrte wie Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller und der Engländer William Turner durch die Schweiz und verbreiteten in der Folge den Ruf des paradiesischen Hirten‑ und Berglandes im Herzen von Europa als Reisegegend.

Im 18. Jahrhundert begann auch der unaufhaltsame Vorstoss in die vergletscherte Gebirgswelt. So wurde 1786 erstmals der Gletscher am Montblanc bestiegen. Gegen 1800 hatte die Begeisterung für Berggipfel, Gletscher und Schluchten in den Gesellschaftsschichten, die sich eine Reise leisten konnten, weitherum Fuss gefasst. Im 19. Jahrhundert reihte sich Erstbesteigung an Erstbesteigung von Viertausendern: 1811 wurde die Jungfrau, 1812 das Finsteraarhorn, 1850 die Bernina, 1855 die Dufourspitze und 1865 das Matterhorn erstmals erklommen. Diese Expeditionen ins Hochgebirge blieben vorerst jedoch nur wenigen Abenteurern vorbehalten. Dazu gehörten viele Engländer, die sich eine Erstbesteigung von Berggipfeln mit einheimischen Bergführern finanziell und zeitlich leisten konnten.

Hotels werden gebaut

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden etliche neue Unterkünfte zum Aufenthalt der immer zahlreicheren Touristen. Früher hatte die spärliche Infrastruktur dazu geführt, dass Reisende auch in den Häusern von Privatpersonen logierten. Aus diesen entstanden nun vielerorts erste Gasthöfe für den Aufenthalt von Touristen. Diese Unterkünfte unterschieden sich normalerweise in ihrem Aussehen noch kaum von der ortsüblichen Bauweise und bildeten vielerorts den Grundstein des Gasthauswesens.

In den 1830er-Jahren setzte im schweizerischen Hotelbau eine intensive Bauphase ein. Vor allem in den Städten an den grossen Schweizer Seen: In Genf, Lausanne und Vevey am Genfersee, in Thun am Thunersee, in Luzern am Vierwaldstättersee und etwas später in Lugano am Luganersee entstanden in diesen Jahren mehrere Stadthotels der ersten Generation wie beispielsweise in Genf das Hôtel des Bergues (das erste Stadthotel überhaupt in der heutigen Schweiz), in Lausanne das Hôtel Gibbon, in Thun das Hotel Bellevue und in Luzern der Schwanen. Sie konnten diese Fremdenorte oftmals während langer Zeit prägen. Das Hotel am Wasser und später zur Aussicht in den Bergen wie beispielsweise die Hotels in Gletsch und auf der Belalp im Wallis, auf der Kleinen Scheidegg, auf der Rigi und der Davoser Schatzalp: Sie wurden bis zum Ersten Weltkrieg zu einem wegweisenden Bautyp im Schweizer Tourismus.

Auf den Boom folgt die Krise

In der sogenannten Belle Époque um 1900 fanden sich kaum Orte, die vom Wachstum des Tourismus nicht profitieren konnten. Jährlich stiegen die Zahlen der Übernachtungen, und der Hotelbau entwickelte sich mancherorts zu einem eigentlichen Wettrennen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg fanden in der Schweiz knapp 50’000 Angestellte in Hotels ihr Auskommen, und im Vorkriegsjahr 1913 erzielte die Schweizer Hotellerie das sagenhafte Ergebnis von 22 Millionen Logiernächten, eine in den nächsten fünf Jahrzehnten, bis nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht mehr erreichte Zahl.

Erste Anzeichen einer kommenden Krise wurden aber von «vorausschauenden Köpfen» bereits einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg prophezeit. So wurde bereits 1910 im Jahresbericht der Graubündner Kantonalbank vor einer «gefährlichen Überproduktion im Hotelbau» gewarnt. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs endete die Phase der Euphorie abrupt, und sie erhob sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er-Jahren wieder auf ein vergleichbares Niveau.

Historisch wertvolle Tourismusinfrastruktur

Die Belle Époque bildete den eigentlichen Höhepunkt der Fremdenindustrie. Überall schienen sich die Touristen zu vergnügen. 1885 karikierte der französische Schriftsteller Alphonse Daudet das Verhalten der vielen Touristen in einer Satire mit dem Titel «Tartarin sur les Alpes» mit bitterbösen Texten zum Tourismus: «Die Schweiz […] ist heutzutage nur noch ein riesiger Kursaal, geöffnet von Juni bis September, ein Kasino mit Panorama, in dem sich Leute aus allen Erdteilen vergnügen. Betrieben wird dieses Unternehmen von einer Hunderte Millionen und Milliarden reichen Gesellschaft mit Sitz in Genf und London. Stellen Sie sich nur vor, wie viel Geld es gebraucht hat, um diese ganze Landschaft mitsamt ihren Seen und Wäldern, Bergen und Wasserfällen einzurichten und auf Hochglanz zu polieren, ein ganzes Heer von Angestellten und Statisten zu unterhalten und auf den höchsten Gipfeln Luxushotels mit Gas, Telegraf und Telefon zu erbauen […].»

Heute sind wir stolz auf den Pioniergeist und die Innovationskraft unserer Vorfahren. Historische Hotels stellen ein wertvolles Kulturgut in der Schweiz dar, das auch von unseren internationalen Gästen geschätzt wird. Um einem drohenden «Gedächtnisverlust» der Tourismus- und Hotelgeschichte aktiv zu begegnen, hat der Dachverband der Schweizer Beherbergungsbranche Holleriesuisse mit weiteren Partnern 2008 das «Hotelarchiv Schweiz» initiiert. Damit entstand eine Informationsplattform zur Tourismus- und Hotelgeschichte, die zur Verbreitung von Wissen und Information ihrer geschichtlichen Bedeutung dient.

Ein nächstes Ziel der Initianten des Hotelarchivs ist die Schaffung eines Zentrums mit Ausstellungen zur Dokumentation der Tourismus- und Hotelgeschichte, das in der Schweiz leider noch fehlt. Heute verfügt einzig Südtirol mit dem «Touriseum» in Meran über ein solches Landesmuseum. In der Schweiz als Vorzeigeland in diesen Bereichen sollte deshalb dringend auch ein Zentrum zu diesen Themen geschaffen werden.


Bibliographie
  • Flückiger-Seiler, Roland (1992). Zur Geschichte des Tourismus in der Schweiz. In: Denkmalpflege und Tourismus. Interdisziplinäre Tagung in Davos 16.–18. IX. [Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft Alpenländer, Herausgegeben von der Kommission III]. Bozen 1997. S. 73–142.
  • Flückiger-Seiler, Roland (2001 und 2005). Hotelträume zwischen Gletschern und Palmen. Schweizer Tourismus und Hotelbau 1830–1920. Baden.
  • Flückiger-Seiler, Roland (2003 und 2005). Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit. Schweizer Tourismus und Hotelbau 1830–1920. Baden.
  • Flückiger-Seiler, Roland (2015). Berghotels zwischen Alpweide und Gipfelkreuz. Alpiner Tourismus und Hotelbau 1830–1920. Baden.
  • Flückiger-Seiler, Roland (2019). Vom spartanischen Nachtlager zum bürgerlichen Traumschloss. Streiflichter zur Geschichte von Tourismus und Hotelbau in der Schweiz zwischen 1800 und heute. In: Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS, Forum 33.2019. Bern. S. 9–17.

Zitiervorschlag: Roland Flückiger-Seiler (2022). Tourismus: Wer hats erfunden. Die Volkswirtschaft, 10. Mai.