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Ein Konjunkturpaket soll den europäischen Tiefbau beflügeln

Ein Konjunkturpaket der EU-Kommission will nach der Corona-Krise die europäische Konjunktur beleben und gleichzeitig die Infrastruktur modernisieren. Doch die akuten Probleme auf dem Baumarkt sowie lokale planerische Schwierigkeiten könnten die Wirkung des Programms schmälern.

Ein Konjunkturpaket soll den europäischen Tiefbau beflügeln

Autobahnbaustelle nördlich von Madrid. Der spanische Tiefbau dürfte am meisten von den EU-Geldern profitieren. (Bild: Keystone)

Strassen, Tunnels, Brücken, Bahnstrecken, Wasserwerke und elektrische Kabelnetze: Sie alle dienen der gesamten Bevölkerung. Nicht nur steigern solche Tiefbauprojekte die Lebensqualität, sie sind auch entscheidend für die Wirtschaftskraft. Deshalb werden sie mehrheitlich öffentlich finanziert. Diese zentrale Rolle des Staates führt allerdings dazu, dass der Tiefbaumarkt anderen Gesetzmässigkeiten folgt als der Wohnungsbau oder der Wirtschaftsbau, die grösstenteils privat finanziert sind.

Im Jahr 2021 investierten die 19 europäischen Länder[1], die dem unabhängigen Netzwerk für Baumarktprognosen Euroconstruct (siehe Kasten) angeschlossen sind, insgesamt 400 Milliarden Euro in Tiefbauten. Zum Vergleich: Das sind Investitionen im Umfang des Bruttoinlandprodukts von Österreich. Der europäische Tiefbaumarkt ist zwar nur halb so gross wie der Markt für Wohnungsbau, er entwickelte sich jüngst jedoch kräftiger und insbesondere stabiler. Während das Hochbausegment im Jahr 2020 um rund 6 Prozent schrumpfte, trotzte der europäische Tiefbausektor der Corona-Krise und verzeichnete nur leicht tiefere Investitionen als im Vorjahr (siehe Abbildung).

Bauinvestitionen in 19 europäischen Ländern, nach Sektor (2019–2024)

Anmerkung: Preise von 2021. Prognosen: 2022–2024. Die 19 europäischen Länder sind: AT, BE, CH, CZ, DE, DK, ES, FI, FR, HU, IE, IT, NL, NO, PL, PT, SE, SK, UK.
Quelle: Euroconstruct (2022) / Die Volkswirtschaft

 

Standhafte Tiefbaubranche

Diese Standhaftigkeit der Tiefbaubranche lässt sich einerseits durch die langfristige Natur der Infrastrukturprojekte erklären. Denn langjährig projektierte und im öffentlichen Beschaffungswesen bereits vergebene Grossprojekte wurden trotz der Corona-Krise fortgeführt. Dabei half auch die Tatsache, dass es sich bei diesen Projekten häufig um Baustellen im Freien handelte, wo die Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus geringer war.

Andererseits werden solche Infrastrukturinvestitionen sowohl in der EU wie auch in der Schweiz neben dem EU-Budget und den nationalen Budgets zu einem bedeutenden Teil durch zweckgebundene Infrastrukturfonds finanziert. Durch diese zweckgebundene Finanzierung entkoppeln sich die Tiefbauinvestitionen von sogenannten diskretionären fiskalpolitischen Massnahmen, die gezielt auf den Konjunkturverlauf Einfluss nehmen, und gewährleisten so fortlaufend stabile Investitionen.

EU-Konjunkturpaket bringt neue Impulse

Nun bringt das Programm «Next Generation EU» (NGEU) – ein massives Konjunkturpaket der Europäischen Kommission – neue Impulse für die Baubranche in der EU. Das befristete Aufbauinstrument wurde im Februar 2021 zur Ankurbelung der sozioökonomischen Erholung nach der Corona-Krise eingeführt. Das 807 Milliarden Euro[2] schwere Budget finanziert im Zeitraum von 2020 bis 2023 Reforminvestitionen der EU-Mitgliedsstaaten, welche die Nachhaltigkeit, die Digitalisierung und die Resilienz fördern. Das sind zusätzliche Mittel im Umfang von zwei Dritteln des regulären EU-Budgets, die durch dieses Programm in den Wirtschaftsraum, und teilweise auch in den Bausektor, fliessen werden.

Um die von der Europäischen Kommission gesetzten Klimaziele zu erreichen, legt das NGEU-Programm grosses Gewicht auf die Transformation zur Klimaneutralität. Dabei kommt auch dem Bauwesen eine wichtige Rolle zu. Denn die finanzielle Spritze soll insbesondere den Gebäudepark energetisch modernisieren, die Bahnverkehrsnetze ausbauen und auf den aktuellen Stand der Technik bringen sowie nachhaltige Energiegewinnungsanlagen vorantreiben. Gemäss den Reform- und Investitionsplänen der EU-Länder werden rund 40 Prozent der beantragten Gelder in die grüne Transformation investiert. Davon dürfte – je nach Aufbauplan eines Landes – ein beachtlicher Teil in Bauinvestitionen fliessen.

Welche Impulse für die europäischen Tiefbaubranchen lassen sich von den NGEU-Geldern also erwarten? Gemäss der Einschätzung von Euroconstruct dürften insbesondere der Tiefbau in Italien und Spanien von den zusätzlichen finanziellen Mitteln profitieren. Denn diese beiden besonders gebeutelten Wirtschaftsräume gehören mit je knapp 70 Milliarden Euro zugesprochenen Subventionen zu den Hauptbegünstigten des NGEU-Subventionen-Topfs, der knapp die Hälfte des NGEU-Programms ausmacht[3] (338 Mrd. Euro[4]). Euroconstruct prognostiziert, dass die Tiefbauinvestitionen im Zeitraum 2021–2024 in Spanien insgesamt um 22 Prozent und in Italien um 18 Prozent wachsen werden. Diese grossen Wachstumspotenziale sind auch auf die zuletzt unterdurchschnittliche Entwicklung der beiden Tiefbausektoren zurückzuführen.

Widrigkeiten schmälern das Potenzial

Die Prognosen sind jedoch mit grossen Unsicherheiten behaftet. Die Hürden für das volle Ausschöpfen der zur Verfügung stehenden finanziellen Möglichkeiten sind vielfältig. Einerseits zeichnen sich bereits jetzt politische und bürokratische Erschwernisse ab. Denn in Italien etwa ist ein Grossteil der Gelder den Gemeinden zugesprochen. Die Projekte und Investitionssummen sind aber so gross und der gewährte Zeithorizont so kurz, dass es für kleinere Verwaltungseinheiten schwierig wird, die nötigen Planungskapazitäten aufzubringen. In Spanien verlangsamen bürokratische Prozesse bereits den Fortschritt der ersten in Angriff genommenen Projekte, und gleichzeitig wird Kritik an der Transparenz laut.

Andererseits schwächen die zurzeit äusserst schwierigen Marktverhältnisse die Effekte des Programms: Die europaweit stark angestiegenen Baumaterial- und Energiepreise sowie die knappen Materialien und Arbeitskräfte hemmen die Bautätigkeit. Denn zum einen führt dies zu erhöhter Planungsunsicherheit, was die Projektierung langfristiger Infrastrukturprojekte erschwert. Zum andern schmälert die Baupreisinflation die effektive Bauleistung, die mit den Geldern finanziert werden kann.

Klar ist: Das NGEU-Konjunkturpaket wird, neben den finanziellen Mitteln aus dem regulären EU-Budget und den nationalen Budgets, den Ausbau und die Modernisierung der europäischen Infrastruktur zusätzlich vorantreiben. Doch die Wirkung des Stimulus dürfte unter den ungünstigen Rahmenbedingungen leiden, insbesondere beim Tiefbau.

  1. Definition «EC19» gemäss Euroconstruct (siehe Kasten): AT, BE, CH, CZ, DE, DK, ES, FI, FR, HU, IE, IT, NL, NO, PL, PT, SE, SK, UK. []
  2. Zu aktuellen Preisen. []
  3. Rund 385 Mrd. Euro sind Kredite. []
  4. Jeweils zu aktuellen Preisen. []

Bibliographie

Zitiervorschlag: Stefanie Siegrist (2022). Ein Konjunkturpaket soll den europäischen Tiefbau beflügeln. Die Volkswirtschaft, 13. September.

Euroconstruct – Netzwerk für Bauprognosen

Euroconstruct ist das führende Netzwerk für Bauprognosen im europäischen Markt. Forschungsinstitute aus 19 Ländern in Europa, darunter die KOF, erstellen halbjährlich Berichte zur Entwicklung der Baukonjunktur mit regionalem sowie sektoriellem Fokus. Die Kooperation dient insbesondere der Harmonisierung der Indikatoren und Prognosen innerhalb des europäischen Baumarktes. Die neue Publikation wird jeweils an der Euroconstruct-Konferenz vorgestellt, einer Plattform für alle Akteure in der europäischen Baubranche.