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Der Kreislaufwirtschaft gehört die Zukunft

Der jüngste Hitzesommer zeigt, wie dringlich ökologisch nachhaltiges Wirtschaften ist. Doch was bedeutet der Umbau zu einer Kreislaufwirtschaft für die Volkswirtschaft?

Der Kreislaufwirtschaft gehört die Zukunft

Bauen mit Recyclingbeton: Die EU-Kommission schlägt vor, energieintensive Produkte wie Zement künftig länger im Kreislauf zu behalten. (Bild: Keystone)

Das Jahr 2022 war noch jung, da lebte die Schweizer Bevölkerung bereits über ihren Verhältnissen. Der sogenannte Overshoot Day markiert den Tag, an dem die Bevölkerung eines Landes mehr natürliche Ressourcen verbraucht hat, als im ganzen jeweiligen Jahr pro Erdbewohnerin und Erdbewohner nachwachsen oder nachhaltig genutzt werden können. In diesem Jahr fiel das Ereignis in der Schweiz bereits auf den 13. Mai, was bedeutet, dass beinahe dreimal die Erde erforderlich wäre, wenn alle wie die Schweizer Bevölkerung leben würden.

Global werden vier von neun planetaren Belastbarkeitsgrenzen unter dem aktuellen linearen Wirtschaftsmodell bereits überschritten: Klimawandel, Biodiversität, Abholzung und Phosphor- sowie Stickstoffüberschüsse (z. B. aus der Landwirtschaft). Das Überschreiten dieser Grenzen bedeutet, dass ein beachtliches Risiko für beträchtliche und irreversible Umweltveränderungen besteht, die sich negativ auf die Lebensbedingungen in der Schweiz und im Ausland auswirken. Wenn bestimmte Schwellenwerte über- oder unterschritten werden, kann dies letztlich die gesamte Resilienz der Erde als System gefährden.

Einen wichtigen Beitrag zur Lösung vieler dringender Umweltprobleme kann die Kreislaufwirtschaft liefern. Sie zielt auf eine zirkuläre Wirtschaftsweise, bei der Rohstoffe, Materialien und Produkte möglichst lange genutzt und die Stoffkreisläufe geschlossen werden. Dies soll den Material- und Energieverbrauch sowie die Abfallerzeugung, den Ausstoss klimaschädlicher Gase und die Nutzung von natürlichen Ressourcen senken.[1] Für die Schweiz als rohstoffarmes Land ist dieser zirkuläre Ansatz somit auch aus der Perspektive der Ressourcen- und Versorgungssicherheit interessant.

Studien zeigen Win-win-Opportunitäten auf

Der Übergang vom heutigen linearen Wirtschaftsmodell hin zu einer Kreislaufwirtschaft erfordert eine systematische und nachhaltige Transformation des gegenwärtigen Wirtschaftssystems. Gleichzeitig eröffnet dies gemäss zahlreichen Studien[2] aber auch Chancen für Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft. So soll etwa die effizientere Ressourcennutzung zu mehr Kosteneffizienz führen. Zudem ermöglicht beispielsweise die Wiederverwendung von Produktkomponenten neue Geschäftsmodelle und kann neue Investitionsmöglichkeiten und Arbeitsplätze schaffen.[3]

Ein geeignetes Werkzeug, um die Effekte der Kreislaufwirtschaft auf volkswirtschaftlicher Ebene zu evaluieren, sind makroökonomische Modelle. Sie bilden die Interaktionen der verschiedenen Wirtschaftssektoren ab und erfassen somit auch Preis- und Rebound-Effekte. Drei Review- bzw. Metastudien[4] haben die Ergebnisse von einer Vielzahl solcher Modelle wissenschaftlich untersucht. Auf diese wird im Folgenden eingegangen.

Aufgrund der komplexen Transformation zur Kreislaufwirtschaft untersuchen die in den Meta- und Reviewstudien eingeschlossenen Modelle und Studien meist nur ausgewählte Aspekte der Kreislaufwirtschaftstransformation. So evaluiert die Studie der Europäischen Kommission[5] beispielsweise ausschliesslich die volkswirtschaftlichen Effekte von erhöhter Ressourceneffizienz, die Studie von Cambridge Econometrics[6] beurteilt dagegen die Implikationen der Sharing-Economy. Die Studie der Ellen MacArthur Foundation[7] wiederum fokussiert auf Innovation in Form erhöhter Materialeffizienz und Substitution. Die in den Studien betrachteten Modelle treffen zudem unterschiedliche Annahmen, beispielsweise bei den Kosten und dem Potenzial von Kreislaufinnovationen sowie der Referenzentwicklung und beziehen sich auf verschiedene Länder oder Regionen.

Emissionsreduktion sowie BIP- und Beschäftigungszuwachs erwartet

Der Grossteil der in den Review- und Metastudien[8] betrachteten Modelle kommt zum Schluss, dass eine zirkuläre Wirtschaftsweise zu einer Win-win-win-Situation führen kann: Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft profitieren gleichermassen.

Dabei ist der Effekt auf das BIP in den Studien marginal bis positiv und liegt bei der Mehrheit der Studien zwischen 0 und 15 Prozent (total) im Jahr 2030 im Vergleich zum Referenzszenario; bei vereinzelten Studien liegt der BIP-Effekt jedoch auch im negativen Bereich. Gleichzeitig soll die Beschäftigung zwischen 0 und 2 Prozent zunehmen und die Emissionen um 0 bis 34 Prozent zurückgehen – dies immer im Vergleich zum Referenzentwicklungspfad im Jahr 2030, bei dem die bisherige bzw. die zu erwartende Entwicklung in die Zukunft extrapoliert wird. Wichtig ist hier auch, zu betonen, dass sich die aufgezählten volkswirtschaftlichen Effekte der Kreislaufwirtschaft nicht direkt auf die Schweiz beziehen.

Ein anschauliches Beispiel für das Potenzial der Kreislaufwirtschaft in der Schweiz liefert die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. So wird etwa erwartet, dass ein Unternehmen aus der Küchentechnikbranche fünf Jahre nach Einführung innovativer Ecodesign-Massnahmen bereits insgesamt 7500 Tonnen Chromnickelstahl und 75 Prozent weniger Energie verbrauchen sowie Kosten von mehreren Millionen Franken einsparen können wird. In der Möbelbranche entwickelte ein Unternehmen biologisch abbaubare Vorhänge – damit enden die ausgedienten Vorhänge nicht im Abfall, sondern werden vom Unternehmen wieder zurückgekauft und anschliessend wieder in den Produktkreislauf integriert. Diese Entwicklung erwies sich auch als ökonomisch erfolgreich, sodass das Geschäftsmodell inzwischen auch bei weiteren Produkten (z. B. Bettwäsche) angewendet wird.[9]

Referenzentwicklungen zu optimistisch

Bei den Referenzentwicklungspfaden in den Modellen wird davon ausgegangen, dass die heutige lineare Wirtschaftsweise fortgesetzt wird bzw. fortgesetzt werden kann. Tatsächlich aber ist dieses Szenario nicht wahrscheinlich. Realistischer ist gemäss den Einschätzungen von Expertinnen und Experten, dass sich mit einer nicht nachhaltigen, linearen Wirtschaftsweise die Ressourcenknappheit und die Erderwärmung noch verschärfen und Dürren zunehmen werden. Derzeit steuert die Welt auf eine globale Erwärmung zu, die weit über der kritischen Schwelle von 2 oder gar 1,5 Grad Celsius liegt. [10] Würde ein Referenzszenario gewählt, bei dem sich Klima- und/oder Biodiversitätsverluste noch verschlimmern, dann wären die Vorteile eines Kreislaufszenarios aus volkswirtschaftlicher Sicht noch bedeutend grösser.[11]

Ausserdem bewerten die meisten makroökonomischen Modelle die Veränderungen des BIP und die Beschäftigungsentwicklung als die wichtigsten volkswirtschaftlichen Indikatoren. Unberücksichtigt bleibt dabei, dass die Kreislaufwirtschaft (gerade auch in der mittleren und längeren Frist) einzelnen Regionen, Ländern oder Sektoren die Möglichkeit bietet, sich in neuen, nachhaltigen Zukunftsmärkten zu positionieren und damit ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. So hat etwa die EU-Kommission im März 2022 vorgeschlagen, die derzeit geltende Ökodesign-Richtlinie für energieverbrauchsrelevante Produkte auszuweiten. Damit würden die geltenden Ökodesign-Mindestanforderungen bezüglich Haltbarkeit, Wiederverwendbarkeit oder Reparierbarkeit auf weitere Produkte wie Textilien, Zement oder Chemikalien angewendet. Zukünftige Teilnehmer am EU-Binnenmarkt müssten diese Vorgaben dann einhalten.

Unter dem Strich vermitteln die hier ausgewerteten Studien ein klares Bild: Die Kreislaufwirtschaft hat bereits in der kurzen bis mittleren Frist positive Effekte für die Wirtschaft. Langfristig – dies zeigen andere Studien[12] – ist eine nachhaltige Wirtschaftsweise für die Volkswirtschaft sowieso unabdingbar; bei einer Weiterführung des gegenwärtigen Wirtschaftsmodells entstehen ansonsten massive Schäden und Kosten, etwa grossflächige Infrastrukturschäden oder Ernteausfälle durch den Klimawandel.

  1. Bafu (2020). []
  2. Bafu (2020); Ellen MacArthur Foundation (2015). []
  3. Bafu (2020). []
  4. Aguilar-Hernandez et al. (2021); McCarthy et al. (2018); Best et al. (2018). []
  5. European Commission (2014). []
  6. Cambridge Econometrics (2017). []
  7. Ellen MacArthur Foundation (2015). []
  8. Aguilar-Hernandez et al. (2021); McCarthy et al. (2018); Best et al. (2018). []
  9. Für detaillierte Informationen und weitere Fallbeispiele: Reffnet.ch oder Cleantechalps (2021). []
  10. Siehe etwa IPCC (2022) sowie IPBES (2019). []
  11. IPBES (2019). []
  12. IPCC (2022). []

Bibliographie
  • Aguilar-Hernandez, G. A., Rodrigues, J. F. D. und Tukker, A. (2021). Macroeconomic, Social and Environmental Impacts of a Circular Economy up to 2050: A Meta-Analysis of Prospective Studies. Journal of Cleaner Production, 278, 123421.
  • Bafu (2020). Massnahmen des Bundes für eine ressourcenschonende, zukunftsfähige Schweiz (Grüne Wirtschaft). Bericht an den Bundesrat.
  • Best, A., Duin, L., und Chelminska, M. (2018). Macroeconomic and Societal Impacts of Mainstreaming the Circular Economy. Deliverable D5. 3 Circular Impacts.
  • Cambridge Econometrics (2017). Environmental Potential of the Collaborative Economy.
  • Cleantechalps (2021). The Circular Economy: An Economic and Environmental Opportunity for Switzerland?
  • Ellen MacArthur Foundation (2015). Achieving «Growth within».
  • European Commission, Directorate-General for Environment (2014). Study on Modelling of the Economic and Environmental Impacts of Raw Material Consumption, Final Report, Publications Office, 2014.
  • IPBES (2019). Summary for Policymakers of the Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services. Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Cosystem Services.
  • IPCC (2022). Summary for Policymakers [H.-O. Pörtner, D.C. Roberts, E.S. Poloczanska, K. Mintenbeck, M. Tignor, A. Alegría, M. Craig, S. Langsdorf, S. Löschke, V. Möller, A. Okem (eds.)]. In: Climate Change 2022: Impacts, Adaptation, and Vulnerability. Contribution of Working Group II to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [H.-O. Pörtner, D.C. Roberts, M. Tignor, E.S. Poloczanska, K. Mintenbeck, A. Alegría, M. Craig, S. Langsdorf, S. Löschke, V. Möller, A. Okem, B. Rama (eds.)]. Cambridge University Press. In Press.
  • McCarthy, A., R. Dellink und R. Bibas (2018). The Macroeconomics of the Circular Economy Transition: A Critical Review of Modelling Approaches, OECD Environment Working Papers, No. 130, OECD Publishing, Paris.

Zitiervorschlag: Sarah Hafner (2022). Der Kreislaufwirtschaft gehört die Zukunft. Die Volkswirtschaft, 04. November.