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Die ausgebliebene Lehrstellenkrise und was man daraus lernt

Die Covid-19-Pandemie führte 2020 zu einem starken Einbruch der Wirtschaftsleistung in der Schweiz, ohne aber dabei den Lehrstellenmarkt in Mitleidenschaft zu ziehen. Ein Blick zurück und in die Nachbarländer zeigt, dass dies nicht selbstverständlich war.

Die ausgebliebene Lehrstellenkrise und was man daraus lernt

Corona hatte in der Schweiz keinen Effekt auf den Lehrstellenmarkt. Gärtnerin in einem Gewächshaus in Basel. (Bild: Keystone)

Nach dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie und der Verhängung des Lockdowns Mitte März 2020 war absehbar, dass die Pandemie und die dagegen ergriffenen Massnahmen nicht ohne Folgen für die Wirtschaftsentwicklung bleiben würden. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hatte im April 2020 seine Konjunkturprognosen drastisch nach unten revidiert und rechnete zeitweise mit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts von über 6 Prozent. Bei einem solchen Einbruch war zu befürchten, dass auch der Lehrstellenmarkt in Mitleidenschaft gezogen würde. Vor diesem Hintergrund rief Bundesrat Guy Parmelin die Taskforce «Perspektive Berufslehre» ins Leben, welche Massnahmen entwickeln sollte, um den zu erwartenden Schock abzufedern.

Konjunktur und Timing

Zwar ist die Berufsbildung in der Schweiz traditionell ziemlich konjunkturresistent, und die Reaktionen auf Schwankungen im Bruttoinlandprodukt (BIP) und bei der Arbeitslosigkeit sind entsprechend moderat.[1] Doch der erwartete Konjunktureinbruch drohte nicht unbemerkt am Schweizer Lehrstellenmarkt vorbeizugehen. Massnahmen zu ergreifen, war auch deshalb angezeigt, weil die ersten Daten des Lehrvertragsmonitorings einen Rückstand von unterschriebenen Lehrverträgen im Vergleich zur Vorpandemiezeit von 3 bis 4 Prozent zeigten. Dieser Rückstand war sogar noch deutlicher, als ihn Modelle, basierend auf den Erfahrungen der Konjunkturzyklen von den 1990er-Jahren bis in die 2010er-Jahre, vorausgesagt hatten.[2]

Im Oktober 2020, als die letzten Lehrverträge für das Lehrjahr 2020/21 unterschrieben waren, resultierte im Vorjahresvergleich keine Veränderung. Auch wenn basierend auf dem demografischen Wachstum und bei normalem Konjunkturverlauf ein Wachstum an Lehrstellen hätte erwartet werden dürfen, war das Ergebnis mehr als nur gut. Die zwei Fragen, die sich rückblickend stellen, sind: Wieso kam es zum Schluss zu keinerlei Eintrübung im Lehrstellenmarkt? Und weshalb war zu Beginn der Pandemie ein so deutlicher Einbruch eingetreten?

Stützung der Wirtschaft war entscheidend

Etwas mehr als die Hälfte der Antwort auf die erste Frage besteht darin, dass der konjunkturelle Einbruch am Schluss nur halb so gross ausfiel wie im April 2020 noch befürchtet. Die andere Hälfte verlangt nach anderen Erklärungen. Denn frühere Rezessionen, die allesamt weniger schlimm ausgefallen waren als 2020, hatten immer zu einem Rückgang an Lehrstellen geführt. Über die genauen Gründe der Abweichung von diesem Muster kann nur spekuliert werden. Andere Unterschiede zu früheren Rezessionen liefern dennoch wertvolle Hinweise. Erstens hat der Staat noch nie in der Wirtschaftsgeschichte zuvor praktisch den gesamten Nachfrageeinbruch monetär und mit Krediten ausgeglichen. Dies führte dazu, dass die Betriebe über Kurzarbeit, Darlehen und andere Entschädigungen den Schock abfedern konnten und keine Sparmassnahmen beim Personal vornehmen mussten. Wenn kein Stammpersonal entlassen werden musste, war auch die Notwendigkeit kleiner, das Lehrstellenangebot zu reduzieren. Zweitens war der Nachfrageeinbruch zu einem grossen Teil künstlich (Lockdown), was bei den Betrieben die Erwartung schuf, dass nach dem Ende der Pandemie eine schnelle Rückkehr zur Normalität möglich sei und somit auch entsprechend Personal benötigt werden würde. Drittens fielen auch keine Lehrstellen durch Konkurse von Lehrbetrieben, Kunden oder Zulieferern von Lehrbetrieben weg, weil der Bundesrat ein temporäres Betreibungsverbot erlassen hatte. Während in jeder bisherigen Rezession die Firmenkonkurse angestiegen waren, gingen 2020 sogar weniger Firmen in Konkurs als im Jahr vor Corona.

Temporärer Schock bei den Lehrstellensuchenden

Auch wenn die Stützung der Wirtschaft und der Verlauf der Konjunktur am Schluss den Lehrstellenmarkt retteten, gab es doch einen initialen Schock bei den Lehrvertragsabschlüssen. Untersuchungen basierend auf allen täglichen Onlinerecherchen nach Lehrstellen auf der öffentlichen Lehrstellenplattform Lena zeigten, dass sich praktisch zeitgleich mit dem Lockdown und somit auch mit der Schliessung der Schulen ein Einbruch bei den Suchanfragen einstellte. Im Ausmass war dieser vergleichbar mit jenem, der typischerweise in den Weihnachtsferien auftritt (siehe Abbildung 1).[3] Erst gegen Ende der ersten Lockdownphase wurden die Schulabgängerinnen und Schulabgänger wieder aktiv. Auch wenn hier ein kausaler Beweis schwierig ist, zeigte sich doch, dass die für das Lehrjahr 2020/21 noch rechtzeitig wieder aufgehobenen Schulschliessungen mit dazu beigetragen hatten, dass die Krise hatte vermieden werden können. Dazu kam ein Gewöhnungseffekt: Die Einschränkungen im täglichen Leben waren normal geworden, sodass trotz weiterhin bestehender pandemiebedingter Restriktionen die Schülerinnen und Schüler ein Jahr später wieder so aktiv auf Lehrstellensuche waren wie vor der Pandemie.

 

Abb. 1: Suchanfragen auf der Lehrstellenplattform Lena, jeweils zwei und eine Woche vor und eine und zwei Wochen nach dem 16. März

Quelle: Berufsberatung.ch / Datenanalysen: Goller & Wolter (2021) / Die Volkswirtschaft

Historische Verwerfungen in den Nachbarländern

Wer nun meint, es sei nie etwas anderes zu erwarten gewesen, den belehrt ein Blick über die Landesgrenzen eines Besseren. In unseren deutschsprachigen Nachbarländern mit ähnlicher Tradition der Berufslehre wie in der Schweiz löste die Covid-19-Pandemie Schockwellen auf dem Lehrstellenmarkt aus, die auch im zweiten Jahr nach der Krise noch nicht verdaut waren (siehe Abbildung 2). Währenddessen konnte in der Schweiz schon wieder ein zaghaftes Wachstum bei den Lehrverträgen konstatiert werden. Man muss sicherlich berücksichtigen, dass sich nicht alle Länder in derselben demografischen Situation befanden und beispielsweise im Falle von Deutschland die Lehrverträge schon vor der Krise rückläufig waren.[4] Somit kann nicht der gesamte Rückgang nur mit der Covid-19-Krise erklärt werden. Aber auch nach Einrechnung dieser Faktoren dürfte sich das Schweizer Berufsbildungswesen gesamthaft gesehen als resilienter erwiesen haben.

Abb. 2: Differenz zu den im Jahr 2019 abgeschlossenen Lehrverträgen in Prozent

Quelle: Schweiz: Monitoring Lehrstellen Tripartite Berufsbildungskonferenz; Deutschland: Bundesinstitut für Berufsbildung; Österreich: Wirtschaftskammer Österreich / Die Volkswirtschaft

Lehren für die Zukunft

Die Erfahrung der zwei Pandemiejahre hat gezeigt, dass Eingriffe, welche die Wirtschaft stabilisieren und ihr Planungssicherheit geben, gleichzeitig auch das Berufsbildungswesen effizient schützen. Flankierend haben sicherlich auch punktuelle Eingriffe in das Berufsbildungswesen selbst, wie beispielsweise die Möglichkeit, bis über den Start des Lehrjahres hinaus noch Lehrverträge zu unterschreiben, geholfen. Der Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt aber, dass dies nicht unbedingt ausreichen muss, um einen Lehrstellenmarkt in der Krise zu stabilisieren. Die zu verifizierende Hypothese zur Erklärung der unterschiedlichen Erfahrungen in den Ländern könnte deshalb lauten: Wer stark in die Krise gerät, kommt auch besser durch die Krise.

  1. Mühlemann und Wolter (2021). []
  2. Lüthi und Wolter (2020). []
  3. Goller und Wolter (2021). []
  4. Mühlemann et al., 2020. []

Bibliographie
  • Goller, Daniel und Stefan C. Wolter (2021). Too Shocked to Search. The COVID-19 Shutdowns’ Impact on the Search for Apprenticeships, Swiss Journal of Economics and Statistics, 157/6.
  • Lüthi, Samuel und Stefan C. Wolter (2020). Are Apprenticeships Business Cycle Proof? Swiss Journal of Economics and Statistics 156, 3.
  • Mühlemann, Samuel und Stefan C. Wolter (2021). Business Cycles and Apprenticeships. In the Oxford Research Encyclopedia of Economics and Finance. Oxford University Press.
  • Mühlemann, Samuel; Pfeifer, Harald und Bernhard H. Wittek (2020). The Effect of Business Cycle Expectations on the German Apprenticeship Market: Estimating the Impact of Covid-19. Empirical Research in Vocational Education and Training, 12(1), 1–30.

Zitiervorschlag: Stefan C. Wolter (2022). Die ausgebliebene Lehrstellenkrise und was man daraus lernt. Die Volkswirtschaft, 15. November.

Lehrverträge im Jahr 2022

Laut dem Monitoring der abgeschlossenen Lehrverträge für 2022 durch die Tripartite Berufsbildungskonferenz beliefen sich diese im August 2022 auf 95 Prozent aller im Vorjahr abgeschlossenen Lehrverträge. Damit dürften sie im Jahr 2022 wieder etwa gleich hoch ausfallen wie 2021. Gemäss dem durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) in Auftrag gegebenen Nahtstellenbarometer gaben im August 2022 61 Prozent der Ausbildungsfirmen an, im nächsten Jahr gleich viele oder mehr Lehrstellen als 2022 anzubieten. Im Jahr 2021 waren es zum gleichen Zeitpunkt 59 Prozent. Nur 7 Prozent planen, weniger Lehrstellen anzubieten. Allerdings ist die Unsicherheit weiterhin relativ gross, denn 32 Prozent der Firmen haben die Frage noch nicht beantwortet.