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Die Schweiz ist eine Sparnation

Die Bevölkerung in der Schweiz spart mehr als alle ihre europäischen Nachbarn. Zudem wird hierzulande immer mehr gespart. Dabei zeigt sich: Besserverdienende haben eine höhere Sparquote.
Die Sparquote im obersten Einkommensfünftel beträgt 23,4 Prozent. Ein Mann mit Weinglas und Rolex am Pferderennen in St. Moritz. (Bild: Keystone)

Was bedeutet Sparen? Ökonomisch gesehen, ist Sparen eine «Abwägung gegenwärtiger und zukünftiger Konsumbedürfnisse» und bietet eine Möglichkeit, die individuellen Bedürfnisse und die gesellschaftliche Wohlfahrt über die Zeit zu optimieren.[1] In der Realität ist Sparen oftmals auch das, was auf dem Konto übrig bleibt.

In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wird zwischen «Zwangssparen» und «freiwilligem Sparen» unterschieden. Unter Zwangssparen wird vorwiegend die Zunahme betrieblicher Versorgungsansprüche verstanden, welche staatlich geregelt sind. Über die Jahre gesehen, ist in der Schweiz eine leichte Abnahme des Zwangssparens zu erkennen (siehe Abbildung 1).[2]

Abb. 1: Die Sparquote von Schweizer Haushalten nimmt zu (1995–2022)

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Quelle: Bundesamt für Statistik (2023a) / Die Volkswirtschaft

Das freiwillige Sparen umfasst diejenigen Ersparnisse, welche die Haushalte im Grundsatz ohne äussere Zwänge bilden. Darin enthalten sind beispielsweise auch Einzahlungen in die Säule 3a. Das freiwillige Sparen dient dem Vermögensaufbau, dem Schuldenabbau oder einem zeitverzögerten Konsum. In der Schweiz hat sich der Wert freiwilligen Sparens von 8,5 Prozent im Jahr 1995 auf 16,3 Prozent im Jahr 2022 erhöht. Die Abnahme des Zwangssparens wird durch das freiwillige Sparen überkompensiert (Substitutions- und Ergänzungseffekt).

In der Theorie werden oft vier Faktoren genannt, welche die freiwillige Sparquote beeinflussen[3]: erstens das Realzinsniveau, dessen eindimensionale Wirkung auf die Sparquote aber verneint wird.[4] Zweitens die demografische Entwicklung, deren Einfluss weitestgehend bejaht wird, da die Sparquote auf Haushaltsebene je nach Altersklasse variiert. Drittens das Haushaltseinkommen sowie die Erwartungen an die zukünftige Einkommensentwicklung und viertens die Nettovermögensbestände, welche nachfolgend detaillierter analysiert werden.

Sparquote auf Haushaltsebene unterscheidet sich stark

Über die letzten 25 Jahre zeigte sich: Nimmt das (zwangsspar- und inflationsbereinigte) aggregierte Bruttoeinkommen zu, nimmt auch die aggregierte freiwillige Sparquote zu (siehe Abbildung 2). Während das Einkommen fast linear zunimmt, zeigt die Sparquote gewisse Schwankungen (die erhöhte Sparquote während der Pandemie zum Beispiel widerspiegelt die eingeschränkten Konsummöglichkeiten).

Abb. 2: Bruttohaushaltseinkommen und Sparquote steigen kontinuierlich an (1996–2022)

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Quelle: Bundesamt für Statistik (2023a) / Die Volkswirtschaft

Die Abhängigkeit zwischen Einkommen und Sparquote besteht nicht nur aggregiert gesamtwirtschaftlich, sondern zeigt sich auch auf der individuellen Haushaltsebene. Die einkommensschwachen Haushalte verzehren eher Vermögen beziehungsweise verschulden sich. Haben die Haushalte im untersten Einkommensfünftel in den Jahren 2006 bis 2008 durchschnittlich einen Betrag von 660 Franken pro Monat «entspart», belief sich diese Summe in den Jahren 2015 bis 2017 auf 686 Franken.[5] Das entspricht einer negativen Sparquote von 21,9 Prozent. Die einkommensstarken Haushalte können dagegen vermehrt sparen: Die Haushalte im obersten Einkommensfünftel sparten von 2006 bis 2008 durchschnittlich 3415 Franken pro Monat, wobei sich dieser Betrag in den Jahren 2015 bis 2017 auf 4479 Franken erhöhte. Das entspricht einer Sparquote von 23,4 Prozent. Mit zunehmender Einkommensklasse nimmt entsprechend die Sparquote zu. Die einkommensstarken Haushalte konnten somit überproportional viel sparen.

Gesamtwirtschaftlich betrachtet, verzerrt die Einkommensungleichheit das Abbild der Sparquote: Steigen die Einkommen der einkommensstarken Haushalte im Verhältnis stärker an als diejenigen der einkommensschwachen, so führt dies auf volkswirtschaftlicher Ebene zu einer höheren Sparquote.

Vermögensquotient steigt an

Der Vermögensquotient, das heisst das Verhältnis zwischen dem Reinvermögen[6] und dem verfügbaren Haushaltseinkommen, hat in den letzten Jahren zugenommen: Während im Jahr 2000 der Vermögensquotient 8,39 betrug, lag er 2022 bereits bei 12,07. Das heisst, die Schweizerinnen und Schweizer besitzen mehr Vermögen, und sie sparen auch mehr. Das Vermögen ist weiter aufgebaut worden.

Dieser Vermögensaufbau basiert jedoch nur begrenzt auf der Sparquote. Die beiden Ökonomen Enea Baselgia und Isabel Martinez zeigen auf, dass grössere Kapitalgewinne, besonders beim Immobilienvermögen, zum Vermögensaufbau führten.[7]

Die Schere öffnet sich weiter

Die gesamtwirtschaftliche Aussage zur Vermögensentwicklung trifft wiederum nur auf einen Teil der Schweizer Bevölkerung zu: Das Vermögen ist ungleich verteilt – und dies in stärkerem Masse als das Einkommen.[8] Laut der Datenbank World Inequality Database besassen 1995 die reichsten 10 Prozent der Schweiz 57 Prozent des Vermögens. Im Jahr 2021 belief sich dieser Wert auf 63 Prozent. Die «ärmere» Hälfte der Schweizer Bevölkerung besass dagegen nur 5 Prozent (1995) beziehungsweise 4 Prozent (2021) des Gesamtvermögens. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter, und das Vermögen konzentriert sich in immer weniger Händen (unter anderem aufgrund des Immobilienbesitzes).

Der Schweiz geht es gesamtwirtschaftlich gesehen gut: Sowohl Einkommen und Sparquoten als auch Vermögen haben die letzten Jahre zugenommen. Sie bleibt im europäischen Vergleich die Spitzenreiterin.[9] Auf Haushaltsebene jedoch sind deutliche finanzielle Unterschiede erkennbar, wie beispielsweise unterschiedliche Sparquoten nach Einkommen oder Alter.[10] So zeigen die aggregierten Sparquoten nur einen Durchschnitt der Spartätigkeiten der Haushalte, was zu einem verzerrten Eindruck führen kann.

Wir danken Isabel Martinez, Melanie Häner sowie Elena Marton für wertvolle Anregungen und für den kritischen Austausch.

  1. Fricke, 2005. []
  2. Bundesamt für Statistik, 2023a; die Abnahme ist vor allem auf das starke Wachstum der anderen Komponenten des verfügbaren Einkommens zurückzuführen. Weitere Faktoren beeinflussen das Zwangssparen aber ebenfalls. []
  3. u. a. Klär und Slacalek, 2006. []
  4. Isaak, Jäger, Schmidt, Föllmi & Seiler, 2021. []
  5. Bundesamt für Statistik, 2023b []
  6. Schweizerische Nationalbank, 2023. []
  7. Baselgia und Martinez, 2022. []
  8. Föllmi und Martinez, 2017. []
  9. OECD, 2023. []
  10. Bundesamt für Statistik, 2023b; Lehner, Hohgardt und Umbricht (2023). []

Literaturverzeichnis
  • Baselgia, E. und Martinez, I. (2022). Wealth-Income Ratios in Free Market Capitalism: Switzerland, 1900–2020. CESifo Working Paper No. 9976.
  • Bundesamt für Statistik (2023a). Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Datenbank.
  • Bundesamt für Statistik (2023b). Haushaltsbudgeterhebung der Schweizer Bevölkerung. Datenbank.
  • Föllmi, R. und Martínez, I. (2017). Die Verteilung von Einkommen und Vermögen in der Schweiz. Public Paper Nr. 6. Zürich: UBS International Center of Economics in Society.
  • Fricke, D. (2005). Sparen. In: Schubert, K. (eds) Handwörterbuch des ökonomischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
  • Isaak, N., Jäger, Ph., Schmidt, T., Föllmi, R. und Seiler, P. (2021). Babyboomer bringen Realzins zum Sinken. Die Volkswirtschaft, 22. Juli 2021.
  • Klär, E. und Slacalek, J. (2006). Entwicklung der Sparquote in Deutschland: Hindernis für die Erholung der Konsumnachfrage. DIW Wochenbericht, 73, issue 40, p. 537–543.
  • Lehner, S., Hohgardt, H. und Umbricht, B. (2023). Mehr Einkommen, weniger finanzielle Sorgen? Erkenntnisse zum finanziellen Wohlbefinden in der Schweiz. Winterthur: ZHAW School of Management and Law.
  • OECD (2023). Household Savings.
  • Schweizerische Nationalbank (2023). Vermögensbilanz der Schweizer Haushalte. Datenbank.
  • World Inequality Database (2023).

Bibliographie
  • Baselgia, E. und Martinez, I. (2022). Wealth-Income Ratios in Free Market Capitalism: Switzerland, 1900–2020. CESifo Working Paper No. 9976.
  • Bundesamt für Statistik (2023a). Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Datenbank.
  • Bundesamt für Statistik (2023b). Haushaltsbudgeterhebung der Schweizer Bevölkerung. Datenbank.
  • Föllmi, R. und Martínez, I. (2017). Die Verteilung von Einkommen und Vermögen in der Schweiz. Public Paper Nr. 6. Zürich: UBS International Center of Economics in Society.
  • Fricke, D. (2005). Sparen. In: Schubert, K. (eds) Handwörterbuch des ökonomischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
  • Isaak, N., Jäger, Ph., Schmidt, T., Föllmi, R. und Seiler, P. (2021). Babyboomer bringen Realzins zum Sinken. Die Volkswirtschaft, 22. Juli 2021.
  • Klär, E. und Slacalek, J. (2006). Entwicklung der Sparquote in Deutschland: Hindernis für die Erholung der Konsumnachfrage. DIW Wochenbericht, 73, issue 40, p. 537–543.
  • Lehner, S., Hohgardt, H. und Umbricht, B. (2023). Mehr Einkommen, weniger finanzielle Sorgen? Erkenntnisse zum finanziellen Wohlbefinden in der Schweiz. Winterthur: ZHAW School of Management and Law.
  • OECD (2023). Household Savings.
  • Schweizerische Nationalbank (2023). Vermögensbilanz der Schweizer Haushalte. Datenbank.
  • World Inequality Database (2023).

Zitiervorschlag: Selina Lehner, Roland Hofmann (2023). Die Schweiz ist eine Sparnation. Die Volkswirtschaft, 27. November.