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Was sagen Einkommen und Vermögen über die Ungleichheit aus?

Das Vermögen in der Schweiz verteilt sich ungleicher als das Einkommen. Müssen wir deswegen die Verteilungsgerechtigkeit neu beurteilen? Ein Blick auf die Kapitalmärkte liefert Antworten.
Dank Wertsteigerungen an den Kapitalmärkten hat das Vermögen der Reichsten zugenommen. Stand an der Schmuckmesse in Genf. (Bild: Keystone)

In den letzten 15 Jahren ist das reichste Prozent der Schweizer Bevölkerung um 12 Prozent reicher geworden.[1] Im Gegensatz dazu verdient das oberste Prozent seit knapp 100 Jahren mit rund 10 Prozent konstant gleich viel.[2] Diese Entwicklung scheint auf den ersten Blick widersprüchlich, da sich das Vermögen aus dem angesparten Teil des Einkommens bildet. Daher drängt sich die Frage auf: Wie konnten Reiche reicher werden, ohne verhältnismässig mehr als der Rest der Bevölkerung zu verdienen? Und noch wichtiger: Wie lässt sich dadurch die gesamtgesellschaftliche Verteilungssituation beurteilen?

Kein Indiz für Erbschaftseffekt

Ein möglicher Treiber für die Unterschiede zwischen Einkommens- und Vermögensentwicklung könnten Erbschaften sein. Deren Effekt auf die Vermögensverteilung einer Gesellschaft ist a priori unklar. So können bereits Vermögende reicher werden, was die Vermögensungleichheit erhöht, oder aber Nichtvermögende dank Erbschaften an Vermögen gelangen, wodurch sie sinkt.

Schätzungen aus Dänemark und Schweden[3] deuten darauf hin, dass Erbschaften die relative Vermögensungleichheit zumindest kurzfristig mindern. Andererseits zeigt eine Studie aus Schweden[4], dass ärmere Personen ihr Erbe rascher ausgeben als reichere, was die relative Verteilungssituation langfristig verschärft. Da der Zusammenhang theoretisch unklar ist, bleibt der Blick auf die Daten unerlässlich.

Seit Ende der 1990er-Jahre zeigt sich in der Schweiz ein deutlicher Anstieg des Erbschafts- und Schenkungsvolumens in Prozent des Volkseinkommens. Die zeitgleiche Entwicklung der Demografie legt nahe, dass dieser kein Treiber der Vermögenskonzentration ist, weil sich das gestiegene Volumen auf mehr Köpfe verteilt. Der konstante Anteil der Erbschaften am Gesamtvermögen ist ein weiteres Indiz dafür, dass sich der Anstieg der Vermögensungleichheit in der Schweiz nicht mit der Erbschaftsentwicklung erklären lässt.[5]

Magnet für ausländisches Kapital

Die Vermögensungleichheit könnte theoretisch auch durch einen Nettozufluss von Kapital aus dem Ausland ansteigen. Die Schweiz gilt nicht zuletzt dank ihrer politischen, wirtschaftlichen sowie finanz- und geldpolitischen Stabilität als attraktiver Standort für ausländische Vermögen. So erstaunt es nicht, dass die hiesige Milliardärsdichte rund viermal höher ausfällt als in den USA oder dass rund die Hälfte der vermögendsten Personen in der Schweiz im Ausland geboren wurde.

Aufgrund der verschiedenen (wirtschafts)politischen Entwicklungen erwies sich die Schweiz gerade auch im vergangenen Jahrzehnt als sicherer Hafen für ausländisches Kapital. Wie aus der Studie von Brülhart et al. (2022) für den Kanton Luzern hervorgeht, ist rund ein Sechstel des Anstiegs der Vermögenskonzentration auf diesen Vermögenszufluss zurückzuführen.

Glühende Kapitalmärkte

Damit verbleibt ein Grossteil des Anstiegs der Vermögensungleichheit, der sich weder durch eine steigende Einkommensungleichheit noch durch die Erbschaftsentwicklung oder den Nettovermögenszuzug erklären lässt. Im Niedrigzinsumfeld hat die Nachfrage nach Finanzanlagen und Realwerten wie beispielsweise Immobilien oder anderen Anlagen zugenommen, weil Geldanlagen auf dem Sparkonto aufgrund der tiefen, oft auch real negativen Zinsen nicht mehr attraktiv waren.

Als Folge davon haben Kapitalanlagen und Immobilien an Wert gewonnen. Sowohl der Blick auf die Immobilienpreise als auch auf den Swiss Market Index (SMI) zeigt einen klaren Aufwärtstrend. Wie aus der Abbildung hervorgeht, entwickelte sich die Vermögenskonzentration in den letzten 20 Jahren parallel zum SMI.  Nicht zuletzt deshalb ist das Verhältnis des Gesamtvermögens zum gesamten Volkseinkommen in der Schweiz gestiegen.[6]

Aufwärtstrend sowohl bei Swiss Market Index wie auch bei der Vermögenskonzentration

INTERAKTIVE GRAFIK
Anmerkung: Bei der Vermögenskonzentration handelt es sich um den prozentualen Anteil am Gesamtvermögen einer Gesellschaft, welcher das reichste Prozent besitzt
Quelle: SIX / World Inequality Report / Die Volkswirtschaft

Reiche auf dem Papier reicher

Der starke Anstieg der Vermögenswerte in den letzten Jahren ist somit auf das überproportionale Wachstum der Kapitalgewinne, insbesondere Wertsteigerungen auf dem Immobilienmarkt, zurückzuführen. Interessanterweise ging dieser Anstieg nicht mit höheren Einkommen aus den Vermögen einher. Die Reichen sind also primär auf dem Papier reicher geworden. Im Fachjargon spricht man von einer Vermögensinflation: Immobilien und Finanzanlagen haben im Niedrigzinsumfeld an Wert gewonnen. Gleichzeitig sind die Realzinsen in der Schweiz und in anderen westlichen Ländern seit 1980 negativ, nicht zuletzt wegen der höheren Sparneigung einer im Durchschnitt älteren Bevölkerung.[7]

Wie sich der Nettovermögenszuwachs entwickelt, wird neben den Entwicklungen auf den Kapital- und Immobilienmärkten auch von politischen Geschehnissen und Entscheiden im Ausland beeinflusst, die schwer zu prognostizieren sind. Aufgrund der Zinswende eine direkte Abnahme der Vermögensungleichheit zu erwarten, wäre verkürzt. Damit zeigt sich: Die Faktoren, welche die Vermögenskonzentration beeinflussen, sind vielschichtig und mit Unsicherheit behaftet. Deswegen lässt sich die Ungleichheit in der Leistungsfähigkeit[8] in einer Gesellschaft durch eine reine Betrachtung der Verteilung der Vermögensbestände schlecht ermitteln. So hat sich auch in der Steuerlehre das Einkommen als Indikator zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit eines Individuums durchgesetzt.[9]

Aktuell gibt es keine Anzeichen, dass wir beim Fokus auf die Einkommensungleichheit die gesellschaftliche Ungleichheit unterschätzen würden. Deshalb bleibt das Einkommen ein geeigneter Indikator, um die Leistungsfähigkeit von Menschen und die Verteilungsgerechtigkeit einer Gesellschaft zu beurteilen. Ist dessen Verteilung stabil, gibt es bei einer steigenden Vermögensungleichheit wenig politischen Handlungsbedarf. Die Vermögenskonzentration sollte daher primär als Ergänzung beigezogen werden, um gesamtwirtschaftliche Phänomene, wie etwa den Zusammenhang zwischen der Geldpolitik und der Vermögensinflation, besser einordnen zu können.

  1. Siehe World Inequality Database (2023). []
  2. Siehe Swiss Inequality Database (2023). Für eine zusätzliche Betrachtung der Umverteilungswirkung durch Steuern und die AHV siehe Frey C., Häner M. und C.A. Schaltegger (2021). []
  3. Siehe Boserup et al. (2016) und Elinder et al. (2016). []
  4. Siehe Nekoei und Seim (2023). []
  5. Siehe Brühlhart et al. (2018). []
  6. Siehe Baselgia und Martínez (2022). []
  7. Siehe Föllmi et al. (2021). []
  8. Die Leistungsfähigkeit bezieht sich auf die Fähigkeit einer Person, Steuern zu zahlen. Im Allgemeinen geht das Prinzip der Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit davon aus, dass Personen mit grösseren finanziellen Ressourcen einen grösseren Anteil ihres Einkommens an Steuern zahlen sollten als diejenigen mit geringerem Einkommen (Homburg, 2015). []
  9. Siehe Homburg (2015) und Blankart (2012). []

Literaturverzeichnis
  • Baselgia E. und I.Z. Martinez (2023). Wealth-Income Rations in Free Market Captialism: Switzerland, 1900–2020. The Review of Economics and Statistics 1–52.
  • Blankart, C. B. (2012). Öffentliche Finanzen in der Demokratie: eine Einführung in die Finanzwissenschaft. Vahlen.
  • Boserup, S. H., Kopczuk, W., und C. T. Kreiner (2016). The Role of Bequests in Shaping Wealth Inequality: Evidence from Danish Wealth Records. American Economic Review, 106(5), 656–61.
  • Brülhart et al. (2018). Inheritance Flows in Switzerland, 1911–2011. Swiss Journal of Economics and Statistics 154, 8.
  • Brülhart et al. (2022). Behavioral Responses to Wealth Taxes: Evidence from Switzerland. American Economic Journal: Economic Policy Vol. 14, No. 4, November. Pp. 111–150.
  • Elinder, M., Erixson, O., und D. Waldenström (2018). Inheritance and Wealth Inequality: Evidence from Population Registers. Journal of Public Economics, 165, 17–30.
  • Föllmi et al. (2021). Ursachen und Wirkungen der Tiefzinsphase – Eine empirische Analyse mit Mikro- und Makrodaten. Grundlagen für die Wirtschaftspolitik Nr. 26.
  • Frey, C., Häner, M. und C.A. Schaltegger (2021). Umverteilung durch die AHV. Was die einkommensbezogene Umverteilung der AHV für die Spitzeneinkommen in der Schweiz bedeutet. in: Guex, S.,
  • Hürlimann, G. & Leimgruber, M. (Hrsg.). Steuern und Ungleichheit. Schweizerisches Jahrbuch für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Band 36, S. 173–189.
  • Homburg, S. (2015). Allgemeine Steuerlehre. Vahlen, 7. überarbeitete Auflage.
  • Nekoei, A. und D. Seim (2023). Theory and Evidence from Sweden. The Review of Economic Studies 90(1), 463–498.
  • Swiss Inequality Data base (2023). Wie ungleich ist die Schweiz.
  • World Inequality Data base (2023). Switzerland.

Bibliographie
  • Baselgia E. und I.Z. Martinez (2023). Wealth-Income Rations in Free Market Captialism: Switzerland, 1900–2020. The Review of Economics and Statistics 1–52.
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  • Swiss Inequality Data base (2023). Wie ungleich ist die Schweiz.
  • World Inequality Data base (2023). Switzerland.

Zitiervorschlag: Christoph A. Schaltegger, Melanie Häner, Nina Kalbermatter (2024). Was sagen Einkommen und Vermögen über die Ungleichheit aus. Die Volkswirtschaft, 01. Februar.