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Was beeinflusst die Inflationserwartungen der Haushalte?

Die Inflationserwartungen der Haushalte liegen tendenziell über den offiziellen Inflationsraten und über denen von Prognoseinstituten und Unternehmen. Die Gründe sind beispielsweise eine verzerrte Wahrnehmung einzelner Preise oder der vergangenen Inflation.
Wer häufig klassische Medien wie Zeitungen konsumiert, schätzt die Inflation tendenziell genauer ein. (Bild: Keystone)

In einer Volkswirtschaft ist das aktuelle Preisniveau wichtig, aber auch die Erwartungen darüber, wie sich die Preise in Zukunft entwickeln. Denn diese beeinflussen sowohl die Investitions- und Sparentscheidungen als auch das Kaufverhalten der privaten Haushalte. Auch bei Lohngesprächen fliessen die individuellen Inflationserwartungen beider Parteien in die Verhandlung mit ein. Diese Wahrnehmungen und Erwartungen bezüglich der aktuellen und zukünftigen Preisentwicklung prägen das Wirtschaftsgeschehen also massgeblich. Je besser man versteht, welche Erwartungen die privaten Haushalte hegen und wie sie diese Erwartungen bilden, umso effektiver lässt sich beispielsweise die Geldpolitik gestalten.

Vor diesem Hintergrund hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) im Rahmen der jüngsten Weiterentwicklung seine Erhebung zur Konsumentenstimmung, die sich an Privathaushalte richtet, um zwei experimentelle Fragen zur künftigen Inflationsentwicklung erweitert. Die Resultate werden monatlich als Zeitreihe publiziert. Eine Studie der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich liefert begleitend zur Erstveröffentlichung der Daten erste Befunde über diese neu erhobenen Haushaltserwartungen und ordnet diese mit bereits existierenden Resultaten aus der Literatur ein.[1]

Haushalte haben häufig überhöhte Inflationserwartungen

Wissenschaftlich schon seit Längerem bekannt ist, dass die Inflationserwartungen der Haushalte stark von den Erwartungen der Unternehmen und Prognoseinstitute sowie der realisierten Inflationsrate abweichen können. Diese Unterschiede sind für verschiedene Länder und Zeiträume gut dokumentiert.[2] Konkret haben Privathaushalte tendenziell überhöhte Inflationserwartungen. Dies zeigt sich nun auch in den neu erhobenen Daten der Seco-Konsumentenstimmung: Die Erwartungen der Haushalte liegen im Durchschnitt sowohl über den amtlich publizierten Inflationsraten als auch über den Inflationserwartungen anderer Wirtschaftssubjekte wie Unternehmen und Prognoseinstitute (siehe Abbildung).

Inflationserwartungen der Schweizer Haushalte liegen über jenen der Prognoseinstitute und Unternehmen

Kurzfristige Inflationserwartungen
Langfristige Inflationserwartungen

 

Lesebeispiel: Im Juni 2023 betrug die Inflationsrate 1,7 Prozent. Fragte man die Konsumenten im Juni 2023 nach den (kurzfristigen) Inflationserwartungen, betrugen diese im Median 5,1 Prozent. Prognoseinstitute und Unternehmen erwarteten im Juni/Juli 2023 für die kurze Frist hingegen eine Inflationsrate von nur 1,5 bzw. 2 Prozent. Der Median der langfristigen Inflationserwartungen der privaten Haushalte in fünf Jahren lag im Juni 2023 bei rund 3,1 Prozent. Prognoseinstitute und Unternehmen erwarteten hingegen langfristig eine Inflation von 1,2 bzw. 2 Prozent.
Anmerkungen: Für die Berechnung der Inflationserwartungen wurde der interpolierte Median verwendet. Für die kurzfristigen Inflationserwartungen werden die privaten Haushalte in der Erhebung des Seco und die Unternehmen in den KOF-Konjunkturumfragen nach der Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten gefragt, während bei den Prognoseinstituten in der Erhebung des KOF Consensus Forecast nach dem kommenden Jahr gefragt wird. Die langfristigen Inflationserwartungen beziehen sich bei allen Befragungsteilnehmenden auf einen Zeithorizont von fünf Jahren. Bei den Inflationserwartungen bezieht sich das Datum auf den Zeitpunkt, zu dem die Befragung zur Inflationserwartung durchgeführt wurde. Im Gegensatz dazu bezieht sich das Datum für die Inflationsrate auf den Zeitpunkt, zu dem die amtliche Inflationsrate gemessen wurde.
Quelle: Seco / BFS / KOF / SNB / Die Volkswirtschaft

Eigener Konsum prägt die Preiswahrnehmung

Es gibt in der Forschung verschiedene Hypothesen, warum die Inflationserwartungen der privaten Haushalte verzerrt sind. Oft wird die Verzerrung damit begründet, dass Konsumentinnen und Konsumenten aufgrund ihrer Konsumgewohnheiten und täglichen Aktivitäten bestimmte Preise häufiger wahrnehmen als andere, so zum Beispiel Lebensmittel- oder Benzinpreise.[3] Dies hat zur Folge, dass die Haushalte ihre Inflationserwartungen eher aufgrund dieser Güter- und Dienstleistungspreise bilden und weniger anhand des Anteils dieser Güter an den Gesamtausgaben des Warenkorbs, auf dem der Landesindex der Konsumentenpreise basiert.

Ein weiterer Erklärungsansatz betont kognitive Aspekte wie Erfahrungen oder Erinnerungen. Aus der Literatur geht der robuste Befund hervor, dass Haushalte ihre Erinnerungen an bereits erlebte Inflationsraten zu stark gewichten.[4] Dementsprechend weisen Personen, die eine hohe Inflation erlebt haben, systematisch höhere Inflationserwartungen auf als Generationen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben.

Hinzu kommt, dass vergangene Preise in der Erinnerung der Konsumenten oft tiefer sind, als sie es tatsächlich waren. Das führt dazu, dass die Haushalte die gegenwärtige Inflation tendenziell überschätzen. Ausserdem achten Menschen stärker auf Preissteigerungen als auf Preissenkungen. Selbst in einem Umfeld niedriger oder gar negativer Inflation erwarten Haushalte häufig keine anhaltende Deflation, sondern eher steigende Preise. Diese kognitive Vernachlässigung von Preissenkungen trägt damit zur Verzerrung der Inflationserwartung bei.

Öffentliche Informationen werden unterschiedlich bewertet

Schliesslich spielen auch die Auswahl, die Gewichtung und die Verarbeitung öffentlicher Informationen eine entscheidende Rolle bei der Bildung der Inflationserwartungen der privaten Haushalte. Die Wahrnehmung der aktuellen Inflation ist ein besonders wichtiger Faktor bei der Erwartungsbildung. Aber auch die von den Haushalten genutzten Informationskanäle sind entscheidend. So messen einige den Nachrichten und Pressemitteilungen der Zentralbanken mehr Bedeutung bei als andere. Und wer häufiger traditionelle Medien wie Zeitungen oder Fernsehen konsumiert, schätzt die vergangene und die erwartete Inflation tendenziell genauer ein.[5]

Doch selbst gleichen Informationen schenken verschiedene Personen unterschiedliche Aufmerksamkeit – je nachdem, wie sehr sie der Quelle vertrauen und inwieweit die neuen Informationen in ihr Weltbild passen. Und nicht zuletzt hat jeder Mensch ein individuelles Verständnis der Informationen und interpretiert diese entsprechend anders.

Haushaltserwartungen helfen Trends zu erkennen

Dass die durch Umfragen erhobenen Inflationserwartungen der privaten Haushalte trotz Verzerrungen wertvolle Signale und Informationen liefern, setzt sich in der Wissenschaft immer mehr durch. So zeigt eine aktuelle Studie[6], dass unterschiedliche Konsum-, Spar-, Investitions- und Verschuldungsentscheidungen von Individuen auch durch deren subjektive Inflationserwartungen erklärt werden können.

Allerdings: Aus makroökonomischer Sicht aussagekräftig ist vor allem der Verlauf und weniger das Niveau der Inflationserwartungen. Die Frage an die Daten ist: Wie verändern sich die Inflationserwartungen über die Zeit? Reagieren sie auf Bewegungen der tatsächlichen Inflationsrate oder auf geldpolitische Ankündigungen und Änderungen? Die derzeit verfügbare Zeitreihe zeigt, dass zumindest über diesen relativ kurzen Zeitraum seit Januar 2023 die Tendenz der kurzfristigen Inflationserwartungen der privaten Haushalte der tatsächlichen Inflationsrate folgt.

Langfristerwartungen stabiler

Auch die langfristigen Inflationserwartungen spielen für geldpolitische Analysen eine wichtige Rolle. Denn sie geben Aufschluss darüber, ob die Inflationserwartungen über längere Zeit verankert – will heissen: stabil – sind. Für die Schweiz sind beispielsweise die Inflationserwartungen der professionellen Prognostiker für die kommenden fünf Jahre gut verankert: Sie schwankten in den vergangenen Jahren nur wenig. Dies deutet darauf hin, dass die Prognostiker die hohen Inflationsraten von 2022 und 2023 nur als temporär einschätzten und der preisstabilisierenden Strategie der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vertrauen. Mit anderen Worten: Sie glauben daran, dass die Inflationsrate in der langen Frist wieder im definierten Zielband von weniger als 2 Prozent pro Jahr zu liegen kommt.

Die langfristigen Inflationserwartungen der Haushalte sind volatiler als jene der Prognoseinstitute und der Unternehmen. Doch sie schwanken weniger als die Erwartungen für die kurze Frist. Man kann deshalb davon ausgehen, dass auch bei den Haushalten eine gewisse Verankerung der Erwartungen besteht. Da die Zeitreihe der Haushaltsdaten erst im Januar 2023 beginnt und deshalb noch relativ kurz ist, werden sich der Verlauf und dessen Aussagekraft sowie die Verankerung erst mit weiteren Beobachtungen in den kommenden Jahren noch präziser einschätzen lassen.

  1. Siehe Abberger et al. (2024). []
  2. Siehe etwa Arioli et al. (2016) für verschiedene europäische Länder. []
  3. Siehe etwa D’Acunto et al. (2021). []
  4. Siehe zum Beispiel Malmendier und Nagel (2016). []
  5. Siehe Weber et al. (2022). []
  6. Siehe D’Acunto und Weber (2024). []

Literaturverzeichnis
  • Abberger, K., Mühlebach, N., Seiler, P. und Siegrist, S. (2024). Studie zur Erhebung der Inflationserwartungen in der Umfrage der Schweizer Konsumentenstimmung. KOF Studien, Nr. 176.
  • Arioli, R., Bates, C., Dieden H., Duca, I., Friz, R., Gayer, C., Kenny, G., Meyler, A. und Pavlova, I. (2016). EU Consumers’ Quantitative Inflation Perceptions and Expectations: An Evaluation (Working Paper No. 038). European Commission.
  • D’Acunto, F., Malmendier, U., Ospina, J. und Weber, M. (2021). Exposure to Grocery Prices and Inflation Expectations. Journal of Political Economy, 129(5), 1615–1639.
  • D’Acunto, F. und Weber, M. (2024). Why Survey-based Subjective Expectations Are Meaningful and Important (Working Paper No. W32199). National Bureau of Economic Research.
  • Malmendier, U. und Nagel, S. (2016). Learning from Inflation Experiences. The Quarterly Journal of Economics, 131(1), 53–87.
  • Weber, M., D’Acunto, F., Gorodnichenko, Y. und Coibion, O. (2022). The Subjective Inflation Expectations of Households and Firms: Measurement, Determinants, and Implications. Journal of Economic Perspectives, 36(3), 157–184.

Bibliographie
  • Abberger, K., Mühlebach, N., Seiler, P. und Siegrist, S. (2024). Studie zur Erhebung der Inflationserwartungen in der Umfrage der Schweizer Konsumentenstimmung. KOF Studien, Nr. 176.
  • Arioli, R., Bates, C., Dieden H., Duca, I., Friz, R., Gayer, C., Kenny, G., Meyler, A. und Pavlova, I. (2016). EU Consumers’ Quantitative Inflation Perceptions and Expectations: An Evaluation (Working Paper No. 038). European Commission.
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  • Malmendier, U. und Nagel, S. (2016). Learning from Inflation Experiences. The Quarterly Journal of Economics, 131(1), 53–87.
  • Weber, M., D’Acunto, F., Gorodnichenko, Y. und Coibion, O. (2022). The Subjective Inflation Expectations of Households and Firms: Measurement, Determinants, and Implications. Journal of Economic Perspectives, 36(3), 157–184.

Zitiervorschlag: Klaus Abberger, Nina Mühlebach, Pascal Seiler, Stefanie Siegrist (2024). Was beeinflusst die Inflationserwartungen der Haushalte. Die Volkswirtschaft, 23. Mai.