Suche

Abo

Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung: Das kann die Wirtschaft tun

Im vergangenen Jahr wurde die Halbzeit bei der Umsetzung der UNO-Agenda 2030 erreicht. Doch die Aussichten sind nicht gut. Alle Akteure müssen ihre Bestrebungen für eine nachhaltige Entwicklung verstärken, auch die Wirtschaft.
Unternehmen könnten in ihren Lieferketten faire Arbeitsbedingungen, Umweltschutz und soziale Verantwortung einfordern. Gummihandschuh-Fabrik in China. (Bild: Keystone)

2015 wurde die Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) von den 193 UNO-Mitgliedsstaaten verabschiedet. Diese will bis 2030 beispielsweise die Armut in all ihren Formen beenden, den Zugang zu nachhaltiger und moderner Energie für alle sichern oder nachhaltige Konsum- und Produktionsmuster sicherstellen (siehe Kasten).

Heute, im Jahr 2024, ist die Hälfte der Zeit bis dahin verstrichen. Doch die Zwischenbilanz der Staatengemeinschaft fällt durchzogen aus: Weltweit sind wir nicht auf Kurs, und in der Schweiz stimmt zwar die Richtung, nicht aber die Geschwindigkeit der Umsetzung. Ein Beispiel: 2021 betrug der Material-Fussabdruck in der Schweiz pro Person 15,8 Tonnen. Das ist eine Reduktion um 17,3 Prozent gegenüber dem Jahr 2000. Insgesamt konsumiert die Schweiz jedoch nach wie vor rund 2,5-mal mehr Umweltleistungen und -ressourcen, als global verfügbar sind.

Die Schweiz kann in der Umsetzung der Agenda 2030 in vielen Bereichen jedoch auch auf einer guten Grundlage aufbauen. So ist sie bei der Erreichung einiger SDGs, wie beispielsweise im Bildungsbereich, in der Gesundheitsversorgung und der Gewährleistung rechtsstaatlicher Institutionen, bereits weit fortgeschritten.

Wirtschaft am längsten Hebel

Ein Grund für das langsame Vorankommen ist auch die Wirtschaft. Dass ihr bei der Umsetzung der Agenda 2030 eine entscheidende Rolle zukommt, ist unbestritten. Deshalb hat auch der Bundesrat in seiner Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030 der Wirtschaft in allen drei Schwerpunktthemen der Strategie grosse Einfluss- und Entfaltungsmöglichkeiten zugesprochen. Der Bund erwartet von den in der Schweiz ansässigen oder tätigen Unternehmen, dass sie ihre Verantwortung gemäss den international anerkannten Nachhaltigkeitsstandards und -leitlinien bei ihren Tätigkeiten im In- und Ausland wahrnehmen.

Die 17 SDGs sind das Herzstück der Agenda 2030. Sie können nur Hand in Hand mit der Wirtschaft erreicht werden. Darüber herrscht weitgehend Konsens. Doch wie genau das erreicht werden soll, darin sind sich die Politik und auch die verschiedenen Wirtschaftsverbände uneinig. Während die einen mit Nachdruck staatliche und international harmonisierte Standards fordern, lehnen die anderen interventionistische Ansätze vehement ab. Fakt ist: Die globalen Herausforderungen sind gewaltig. Sie reichen von der Bekämpfung des Klimawandels über die Sicherung von Bildung und Gesundheit bis hin zu sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlichem Wohlstand für alle.

Nachhaltigkeit lohnt sich

Tatsache ist auch, dass die Anforderungen an eine nachhaltige Unternehmensführung stetig steigen. Nachhaltige Praktiken werden von allen relevanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteurinnen und Akteuren zunehmend eingefordert. Es erstaunt daher kaum, dass gemäss einer Studie des Beratungsunternehmens Deloitte 66 Prozent der befragten Unternehmen erwarten, dass die Bedeutung von Nachhaltigkeitsthemen in den nächsten drei Jahren zunehmen wird. Dies gilt nicht nur für multinationale Unternehmen, sondern insbesondere auch für die rund 610’000 KMU in der Schweiz mit ihren über 4,5 Millionen Beschäftigten. Nicht selten sind sie als Zulieferer von Grossunternehmen indirekt von Regulierungen im Ausland betroffen. Will man diese Firmen also zu mehr Nachhaltigkeit bewegen, ist es wichtig, nicht nur die Hindernisse zu analysieren, sondern vor allem auch die enormen Chancen zu betonen, die ein nachhaltiges Geschäftsmodell bietet.

Finanziell zahlt sich Nachhaltigkeit nämlich aus: beispielsweise durch geringere Energie- und Rohstoffkosten. Dadurch steigern Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit und erhöhen ihre Produktivität. Zudem können sie mit nachhaltigen Geschäftspraktiken auf veränderte Kundenbedürfnisse reagieren und neue Märkte erschliessen. Und nicht zuletzt erweisen sich nachhaltige Unternehmen auch als attraktive Arbeitgeber, etwa weil sie den veränderten Bedürfnissen der jungen Generationen nach modernen Unternehmensstrukturen gerecht werden: sei es im Bereich der Geschlechtergleichstellung, der Lohngleichheit oder der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Damit haben sie auch grössere Chancen, die dringend benötigten Fachkräfte zu gewinnen.

Das könnte die Wirtschaft tun

Unternehmen haben zahlreiche Möglichkeiten, um der Agenda 2030 zum Erfolg zu verhelfen. Dazu gehören beispielsweise nachhaltige Lieferketten: Indem Unternehmen faire Arbeitsbedingungen, Umweltschutz und soziale Verantwortung in ihren Lieferketten fördern und einfordern, unterstützen sie das Ziel «Nachhaltiger Konsum und nachhaltige Produktion».

Bei Investitionen in Forschung und Entwicklung könnten Unternehmen auch nachhaltige Technologien und Innovationen vorantreiben. Und gleich mehreren Zielen der Agenda zum Erfolg verhelfen würden sie schliesslich, wenn sie ihre soziale Verantwortung in ihre Geschäftsstrategie integrierten und so einen Beitrag zur Armutsbekämpfung sowie zur Förderung von Bildung und zum Umweltschutz leisteten.

Kreislaufwirtschaft als Zukunftsmodell?

Konzepte der Kreislaufwirtschaft sind besonders vielversprechend. Durch die Umstellung auf kreislauforientierte Geschäftspraktiken können Unternehmen beispielsweise Ressourcen effizienter nutzen und Abfälle reduzieren. Dies kann zu erheblichen Kosteneinsparungen führen, da weniger Rohstoffe benötigt werden und die Entsorgungskosten sinken.

Allerdings ist dies auch mit grossen und komplexen Herausforderungen verbunden. Denn die Kreislaufwirtschaft erfordert innovative Ansätze für die Wiederverwendung, die Reparatur und das Recycling von Produkten und Materialien. Unternehmen, die sich in diesem Bereich engagieren, haben jedoch die Chance, neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln und sich als Vorreiter für nachhaltige Innovationen zu positionieren.

Zudem können sie von einem positiven Image profitieren und Kunden bei ihrem Nachhaltigkeitsbedürfnis abholen. Die Umstellung auf eine Kreislaufwirtschaft kann Unternehmen auch dabei helfen, regulatorische Anforderungen einzuhalten und Umweltrisiken zu minimieren. Denn durch die Konzentration auf nachhaltige und ressourceneffiziente Prozesse können Unternehmen potenzielle Haftungsrisiken und Reputationsschäden reduzieren.

Toolbox unterstützt Unternehmen

Viele Unternehmen wollen ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Wirtschaft leisten. Insbesondere KMU fehlt es aber oft an den nötigen Kompetenzen sowie an finanziellen und personellen Ressourcen. Gefragt sind branchenspezifische Ziele und konkrete Massnahmen sowie geeignete Instrumente und sinnvolle Vorgehensweisen. Dessen ist sich das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) bewusst.

Das ARE ist die federführende Bundesstelle für die Koordination der nationalen Nachhaltigkeitspolitik. In enger Zusammenarbeit mit zahlreichen Bundesstellen, Branchenverbänden und Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft hat das Amt deshalb die «Toolbox Agenda 2030 für Unternehmen» lanciert.

Die Toolbox bietet Unternehmen Unterstützung und Orientierung auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit und stellt allgemeine und branchenspezifische Nachhaltigkeitsziele sowie geeignete Massnahmen vor. Zudem enthält sie Praxisbeispiele, einen Überblick über wichtige Instrumente, Standards sowie Förder- und Finanzierungsprogramme. Sie ist bisher auf grosses Interesse gestossen und soll nun weiterentwickelt werden. Noch in diesem Jahr sollen deshalb Unterstützungsdienstleistungen für weitere drei Branchen hinzukommen: IT, Gesundheitswesen sowie Verkehr und Lagerei.

Gemeinsam für eine nachhaltige Zukunft

Die Agenda 2030 erfordert eine umfassende Zusammenarbeit aller Akteure, auch der Wirtschaft. Unternehmen haben die Möglichkeit und die Verantwortung, sich aktiv an der Umsetzung der ambitionierten Ziele zu beteiligen. Mit innovativen Lösungen, effizienter Ressourcennutzung und verantwortungsvollem Wirtschaften tragen Unternehmen nicht nur zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele bei, sondern sichern auch langfristig ihren wirtschaftlichen Erfolg.

Die Schweiz kann auf diesem Weg eine Vorreiterrolle einnehmen. Dazu gilt es: Kräfte bündeln und gemeinsam Lösungen für ein nachhaltiges und zukunftsfähiges Wirtschaften finden. Ganz im Sinne von Ziel 17 der UNO-Nachhaltigkeitsziele: «Umsetzungskapazitäten stärken und die Globale Partnerschaft für nachhaltige Entwicklung mit neuem Leben füllen».

Zitiervorschlag: Fabrice Burri, Daniel Dubas (2024). Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung: Das kann die Wirtschaft tun. Die Volkswirtschaft, 20. Juni.

Die Agenda 2030

Im September 2015 haben die Staats- und Regierungsoberhäupter die UNO-Resolution «Transformation unserer Welt: Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung» einstimmig verabschiedet. Sie bildet bis 2030 den globalen Referenzrahmen für nachhaltige Entwicklung. Die Schweiz setzt sich für die Umsetzung der Agenda 2030 sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene ein.

Die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung identifiziert die wichtigsten globalen Herausforderungen und setzt die Leitlinien sowie die Prioritäten der nachhaltigen Entwicklung bis 2030.

Das Kernstück der Agenda sind die 17 globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) mit ihren 169 Unterzielen. Sie sollen bis 2030 global und von allen UNO-Mitgliedsstaaten erreicht werden. Letztere können die Zielvorgaben ihren nationalen Gegebenheiten anpassen. Die SDGs tragen der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Dimension der nachhaltigen Entwicklung in ausgewogener Weise Rechnung.