{"id":100054,"date":"2021-03-02T13:09:05","date_gmt":"2021-03-02T13:09:05","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2021\/03\/ingenieure-et-mere-de-famille-est-ce-compatible\/"},"modified":"2023-08-23T22:50:56","modified_gmt":"2023-08-23T20:50:56","slug":"ingenieurin-mit-familie-geht-das","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2021\/03\/ingenieurin-mit-familie-geht-das\/","title":{"rendered":"Ingenieurin mit Familie: Geht das?"},"content":{"rendered":"<p>Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen machen die Erfahrung, dass es schwierig wird, wenn sie Kinder bekommen und im Beruf verbleiben wollen. Die Herausforderungen sind vielf\u00e4ltig: Die Kinder kommen oft zu einem Zeitpunkt, wo man im Berufsleben eigentlich vollen Einsatz zeigen m\u00fcsste, wenn man aufsteigen oder sich spezialisieren m\u00f6chte. Der meist ebenfalls gut ausgebildete Partner ist beruflich genauso stark eingespannt; zudem sind Teilzeitstellen in technischen Berufen nicht \u00fcberall m\u00f6glich. Gerade in Berufsfeldern wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (Mint) sind die Arbeitgeber wenig auf berufst\u00e4tige Eltern vorbereitet. Im Alltag mit den Kindern erleben die Mint-Frauen, dass nach wie vor die Auffassung herrscht, dass sich haupts\u00e4chlich die M\u00fctter um die Kinder k\u00fcmmern sollen. Im schlimmsten Fall gelingt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht \u2013 und die hoch qualifizierten Frauen gehen der Arbeitswelt verloren.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nZwar gibt es zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie bereits eine F\u00fclle von Ratgebern. Nur scheint keiner richtig auf die Situation von Frauen in technischen Berufen zu passen. Dies liegt daran, dass die Herausforderungen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie berufs- und branchenspezifisch sind und nicht jede L\u00f6sung f\u00fcr jedes Berufsfeld auch passend ist.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Vier Workshops<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nDie Schweizerische Vereinigung der Ingenieurinnen (Svin) lancierte daher ein Projekt, um herauszufinden, wo die spezifischen Herausforderungen f\u00fcr Ingenieurinnen und Mint-Frauen liegen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Gleichzeitig sollten Handlungsspielr\u00e4ume aufgezeigt werden, die es zu nutzen gilt, damit eine Vereinbarkeit im Ingenieurberuf gelingen kann.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nNach einem Aufruf der Svin unter ihren Mitgliedern fanden sich 16 Mint-Frauen, die sich zwischen September 2019 und M\u00e4rz 2020 zu vier Workshops trafen. In der Arbeitsgruppe waren von der Informatikerin \u00fcber die Bauingenieurin bis zur Lebensmittelingenieurin unterschiedliche Branchen vertreten.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nBeim ersten Treffen wurde zusammengetragen, welche Faktoren aus Berufs- und Privatleben die Frauen als hinderlich oder f\u00f6rderlich f\u00fcr die Vereinbarkeit erlebten. Es zeigte sich, dass sich diese Faktoren vier unterschiedlichen Dimensionen zuordnen lassen (siehe <em>Abbildung<\/em>).&#013;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Die vier Dimensionen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie<\/strong><\/h3>\n<p>&#013;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/01\/Bildschirmfoto-2021-03-01-um-10.55.25.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-102153\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/01\/Bildschirmfoto-2021-03-01-um-10.55.25.png\" alt=\"\" width=\"1622\" height=\"898\" \/><\/a>&#013;<\/p>\n<h2><strong>Gesellschaftlicher Rahmen<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nDie erste Dimension umfasst die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dazu geh\u00f6ren strukturelle Aspekte wie das Angebot und die Verf\u00fcgbarkeit von familienexternen Betreuungsangeboten, Kinderg\u00e4rten und Schulen. Bei Kinderkrippen oder Tagesschulen spielen \u00d6ffnungszeiten, Ferien und Kosten eine wichtige Rolle. Relevant sind auch staatliche Strukturen wie Mutterschafts- und Vaterschaftsurlaub, das Steuer- und Sozialversicherungssystem sowie finanzielle Aspekte wie Steuerabz\u00fcge und Kinderzulagen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nH\u00e4ufig genannte Aussagen im ersten Workshop waren: \u00abAls wir in der Krippe waren, ging es noch. Richtig schwierig wurde es, als die Kinder zur Schule kamen\u00bb oder \u00abDas Steuersystem in der Schweiz f\u00f6rdert eher das traditionelle Ern\u00e4hrermodell statt ein egalit\u00e4res Familienmodell\u00bb.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nZur Dimension der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen z\u00e4hlen auch kulturelle Vorstellungen: Welche Rolle ist mit Mutter- oder Vatersein verbunden? Aussagen, die hier auf Zustimmung stiessen, waren: \u00abUnsere Generation ist es sich gewohnt, alles zu haben. Wenn wir Eltern werden, merken wir, dass das nicht geht\u00bb und \u00abWenn ich 80 Prozent arbeite, heisst es: Rabenmutter. Wenn mein Mann 80 Prozent arbeitet, heisst es: Toll, so ein engagierter Vater!\u00bb.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Individuelle Faktoren<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nDie zweite Dimension betrifft die individuellen Ressourcen und Restriktionen. Das sind sozusagen die Rahmenbedingungen, die jede Frau individuell mitbringt. Hier finden sich \u00abharte\u00bb Faktoren wie Ausbildung, Anzahl Kinder, Wohnort oder die geografische Entfernung zu den Verwandten. So wird sich eine alleinerziehende Mutter, die in einem l\u00e4ndlichen Umfeld wohnt, daf\u00fcr ihre Eltern in der N\u00e4he hat, anders organisieren als eine Mutter, die aus dem Ausland zugezogen ist und mit Partner und Kindern im urbanen Umfeld einer Grossstadt lebt.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nEine Rolle spielen aber auch \u00abweiche\u00bb Faktoren wie die pers\u00f6nliche Einstellung. So kann sich eine Frau eher als \u00abBerufsfrau, die auch Kinder hat\u00bb, sehen oder als \u00abMutter, die nebenher noch arbeitet\u00bb. Somit beeinflusst der Stellenwert der Mutterschaft die L\u00f6sungen, die eine Frau \u00fcberhaupt in Betracht zieht.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nIn der dritten Dimension \u2013 partnerschaftliche Ressourcen und Restriktionen \u2013 spielt der Partner die entscheidende Rolle: Sein Beruf und sein Arbeitspensum haben einen Einfluss darauf, wie viele Aufgaben er in der Familie \u00fcbernehmen kann. Dazu kommen seine Rollenvorstellungen. Versteht er sich als moderner Vater, gleichberechtigter Haushaltsverantwortlicher und ebenb\u00fcrtiger Partner? Oder sieht er sich eher als traditioneller Vater, der seiner Frau die Hauptverantwortung f\u00fcr Haushalt, gesellschaftliche Verpflichtungen und Kindererziehung \u00fcberl\u00e4sst? Die Aussage, die dazu von den Frauen mit Abstand am h\u00e4ufigsten genannt wurde, war: \u00abIch bin im Haushalt und der Familie die \u2039Managerin\u203a, mein Mann ist nur der \u2039Sachbearbeiter\u203a.\u00bb&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nDie vierte Dimension schliesslich umfasst das Berufsumfeld respektive den Arbeitgeber. So macht es einen Unterschied, ob eine Frau in einem Beruf arbeitet, der eine gewisse Flexibilit\u00e4t aufweist, weil Jahresarbeitszeit oder gelegentliches Homeoffice m\u00f6glich sind. Im Vergleich dazu haben Frauen in anderen Berufen \u2013 wie etwa eine Primarlehrerin oder eine \u00c4rztin mit ihren fixen Arbeitspl\u00e4nen \u2013 weniger Spielraum. Durch diese Rahmenbedingungen ergeben sich unterschiedliche Bed\u00fcrfnisse in Bezug auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Weiter spielt es eine Rolle, ob die Frau in einem konservativen, eher m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Arbeitsumfeld arbeitet oder in einer Branche, wo weibliche F\u00fchrungskr\u00e4fte und Teilzeitarbeit f\u00fcr Eltern an der Tagesordnung sind.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Projektarbeit als Chance<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nIm Rahmen der weiteren Workshops konnten wir spezifische Merkmale f\u00fcr das Berufsumfeld der Mint-Berufe heraussch\u00e4len. Sich \u00fcber die berufsspezifischen erschwerenden, aber auch erleichternden Faktoren klar zu werden, hilft, gemeinsam mit den Unternehmen L\u00f6sungen f\u00fcr die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu finden.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nErschwerend wirkt das relativ hohe Arbeitspensum der Mint-Frauen von 60 bis 80 Prozent. Gleichzeitig arbeiteten ihre Partner ebenfalls mit einem hohen Pensum \u2013 nicht selten 100 Prozent. In vielen F\u00e4llen kam bei mindestens einem der Partner noch ein langer Arbeitsweg hinzu. Solche Familien sind daher auf formelle Angebote wie Kinderkrippen, schulische Tagesstrukturen und auch Personal wie Putzhilfen angewiesen.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nAls erleichternder Faktor erwies sich die h\u00e4ufig praktizierte Projektarbeit. Da diese oft nicht an einen bestimmten Standort oder eine bestimmte Zeit gebunden ist, bietet sie ideale M\u00f6glichkeiten f\u00fcr neue Arbeitsformen. So kann ein Teil der Arbeit auch von zu Hause oder auf einer l\u00e4ngeren Zugfahrt erledigt werden. Die regelm\u00e4ssige Arbeitszeit, die Planbarkeit und die vergleichsweise hohe Autonomie bei der Arbeit waren weitere Aspekte, die eine Vereinbarkeit erleichtern.&#013;<\/p>\n<h2><strong>Kitas allein gen\u00fcgen nicht<\/strong><\/h2>\n<p>&#013;<br \/>\nUnsere Analyse zeigt, wie wichtig es ist, die Vereinbarkeitsfrage berufsspezifisch anzugehen. So gibt es f\u00fcr Mint-Frauen kein eigentliches \u00abHaupthindernis\u00bb, sondern die erschwerenden Faktoren stammen aus allen vier Dimensionen. Es reicht also nicht aus, die Vereinbarkeitsfrage auf die Verf\u00fcgbarkeit von Krippenpl\u00e4tzen zu reduzieren, wie dies oft gut gemeint von Politik und Wirtschaft gemacht wird.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nWeiter zeigte sich, dass f\u00fcr eine gelingende Vereinbarkeit eine egalit\u00e4re Partnerschaft zentral ist. Mint-Frauen arbeiten meist in hohen Pensen in anspruchsvollen Berufen. Daneben noch Familie zu haben, kann nur gelingen, wenn der Partner gleichberechtigt mitzieht und sein Erwerbspensum entsprechend anpasst.&#013;<br \/>\n&#013;<br \/>\nAber auch die Arbeitgeber sind in der Pflicht. Den m\u00e4nnlichen Ingenieur, der sich zu 120 Prozent dem Betrieb verschreiben kann, da ihm seine Ehefrau zu Hause den R\u00fccken frei h\u00e4lt, gibt es immer weniger. Die Firmen m\u00fcssen daher Strukturen schaffen und den Goodwill aufbringen, damit es den Eltern erm\u00f6glicht wird, die Belastungen einer Elternschaft gerecht untereinander aufzuteilen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">SVIN (2020): <a href=\"https:\/\/svin.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/SVIN_AG_Vereinbarkeit_Schlussbericht.pdf\">Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus Sicht von Ingenieurinnen und Mint-Frauen.<\/a> Schlussbericht, November.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen machen die Erfahrung, dass es schwierig wird, wenn sie Kinder bekommen und im Beruf verbleiben wollen. 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Damit eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelingt, braucht es einen Effort nicht nur von den Frauen, sondern auch ihrer Partner, der Arbeitgeber sowie der Gesellschaft.","magazine_issue":"20210301","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[4127,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20210303","original_files":null,"external_release_for_author":"20210221","external_release_for_author_time":"12:30:00","link_for_external_authors":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100054"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5168"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=100054"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100054\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":167936,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100054\/revisions\/167936"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4127"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3834"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5168"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100067"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=100054"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=100054"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=100054"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=100054"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=100054"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=100054"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}