{"id":100217,"date":"2020-12-23T13:50:46","date_gmt":"2020-12-23T13:50:46","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/12\/les-plateformes-une-aubaine-pour-les-pays-en-developpement\/"},"modified":"2026-01-06T13:33:29","modified_gmt":"2026-01-06T12:33:29","slug":"plattformen-als-chance-fuer-entwicklungslaender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/12\/plattformen-als-chance-fuer-entwicklungslaender\/","title":{"rendered":"Plattformen als Chance f\u00fcr Entwicklungsl\u00e4nder"},"content":{"rendered":"<p>Wir befinden uns im tadschikischen Pamir, einem isolierten, von schneebedeckten Bergen umgebenen Tal. Ein Bauer schaut konzentriert auf sein Mobiltelefon. Er \u00fcberweist gerade mit einer App Geld an seine Familie, die in der Hauptstadt Duschanbe wohnt. Selbst in dieser entlegenen Gegend des als einkommensschwach geltenden zentralasiatischen Landes lassen sich dank der digitalen Technologie bargeldlose Finanzgesch\u00e4fte durchf\u00fchren.<\/p>\n<p>Wie unser Bauer in Pamir haben sich in den vergangenen sechs Monaten in Tadschikistan fast zwei Millionen Nutzer auf der Plattform \u00abCashless Zone\u00bb registriert, wobei die Angst vor einer Covid-19-Infektion den Boom beg\u00fcnstigte. Die digitale Plattform bringt Finanzdienstleister und Nutzer zusammen. Sie ist ein gelungenes Beispiel daf\u00fcr, wie sich der Strukturwandel in einem Entwicklungsland begleiten l\u00e4sst, um \u00fcber eine Plattform zu einer inklusiven, nachhaltigen Entwicklung beizutragen.<\/p>\n<p>Physische Pr\u00e4senz ist in der digitalen Welt nicht mehr zwingend notwendig, um Gesch\u00e4fte zu machen. Das demonstrieren global t\u00e4tige Plattformunternehmen wie Amazon und Apple, die virtuelle Marktpl\u00e4tze anbieten, auf denen grosse Mengen an Waren und Dienstleistungen kosteng\u00fcnstig gehandelt werden. Innovative Start-ups k\u00f6nnen innert k\u00fcrzester Zeit zu Branchenriesen aufsteigen, sei es im Bereich E-Commerce, E-Learning oder E-Banking. Zur Erinnerung: Noch um die Jahrtausendwende war Amazon ein unbekanntes Tech-Start-up im US-Bundesstaat Washington.<\/p>\n<p>Plattformen tragen zu einer branchenweiten und branchen\u00fcbergreifenden Vernetzung bei, indem sie \u00d6kosysteme verschiedenster Akteure und Technologien verbinden. Ein Merkmal ist, dass sie riesige Mengen an verwertbaren Daten generieren. Dank k\u00fcnstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen l\u00e4sst sich daraus kundenspezifisches Wissen gewinnen. Dieses kann unter anderem genutzt werden, um Dienstleistungen zu verbessern und die Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit auszuweiten. Der E-Commerce-Boom, der durch die Corona-Pandemie ausgel\u00f6st wurde, hat die Verf\u00fcgbarkeit von Daten nochmals deutlich erh\u00f6ht.<\/p>\n<h2><strong>KMU profitieren<\/strong><\/h2>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr, wie Plattformen Daten nutzen, ist die chinesische E-Commerce-Plattform Alibaba: Hunderttausende Verk\u00e4ufer sind bei Alibaba registriert und handeln ihre Waren auf der Plattform. Alibaba hat Einblicke in die Ums\u00e4tze der Unternehmen und nutzt unter anderem diese Daten, um die Kreditw\u00fcrdigkeit der Unternehmen zu berechnen. Dieses Ratingsystem erm\u00f6glicht es der Alibaba-Tochter Ant-Financial, Kreditzusagen f\u00fcr Unternehmen zu machen, die bis dato als nicht kreditw\u00fcrdig galten. Insbesondere profitieren kleine und mittlere Unternehmen in Entwicklungsl\u00e4ndern, die von traditionellen Banken bisher kaum Kredite erhielten.<\/p>\n<p>In den Entwicklungsl\u00e4ndern finden sich aber nicht nur die grossen, sondern auch verschiedenste kleine, weniger stark integrierte Plattformen. So informiert in Ghana etwa die Onlineplattform Farmerline Bauern in verschiedenen lokalen Sprachen \u00fcber das Wetter und die Marktpreise. In elf afrikanischen L\u00e4ndern, unter anderem in Algerien, Nigeria und S\u00fcdafrika, vertreibt die E-Commerce-Plattform Jumia Elektronikg\u00fcter, Lebensmittel und Kleider und schafft so Arbeitspl\u00e4tze und Gesch\u00e4ftsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Unternehmer.<\/p>\n<p>Solche Plattformen verf\u00fcgen \u00fcber ein hohes Wachstumspotenzial, weshalb sie bei Unternehmern und Investoren mittlerweile sehr popul\u00e4r sind. Dies birgt aber auch Risiken, da sich diese Plattformen oft in regulativen Grauzonen befinden. F\u00fcr die internationale Entwicklungszusammenarbeit stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage: Wie k\u00f6nnen Entwicklungsagenturen und internationale Finanzinstitute Entwicklungsl\u00e4nder bei der Einrichtung inklusiver und nachhaltiger Plattformen unterst\u00fctzen?<\/p>\n<h2><strong>Seco und IFC als Partner <\/strong><\/h2>\n<p>Seit 2009 f\u00f6rdern das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) und die Entwicklungsinstitution Internationale Finanzkorporation (IFC; siehe <em>Kasten<\/em>) in gemeinsamen Projekten die finanzielle Inklusion und schaffen durch Technologieeinsatz Arbeitspl\u00e4tze, wie das oben genannte Beispiel der \u00abCashless Zone\u00bb in Tadschikistan illustriert.<\/p>\n<p>Vor Ort ist die \u00abCashless Zone\u00bb auf die Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren wie der Regionalregierung, Finanzinstituten und Mobilfunkanbietern angewiesen. Diese lokale Verankerung ist unabdingbar, um ein gut funktionierendes \u00d6kosystem zu schaffen. Dank dem lokalen Know-how erreicht die Plattform auch abgelegene Gegenden. Zudem akzeptieren immer mehr Anbieter den elektronischen Zahlungsservice der Plattform, wobei virtuelle Lernprogramme die Benutzerfreundlichkeit erleichtern.<\/p>\n<h2><strong>Welche Regeln gelten? <\/strong><\/h2>\n<p>Wer als Unternehmer t\u00e4tig ist, weiss: Es braucht zuverl\u00e4ssige Rahmenbedingungen, um im Markt zu bestehen und zu wachsen. Mit Blick auf die digitalen Plattformen ist allerdings noch unklar, wie diese Rahmenbedingungen optimal ausgestaltet werden k\u00f6nnen. Die internationale Debatte f\u00fchrt vor Augen, dass Plattformen neue, bisher ungel\u00f6ste politische Herausforderungen in den Bereichen Datensicherheit, Wettbewerb und Steuern mit sich bringen. Da Plattformunternehmen grosse Datenmengen sammeln und kommerziell nutzen, sind der Konsumenten- und der Datenschutz sowie die Datensicherheit besonders wichtig.<\/p>\n<p>Zudem muss wettbewerbssch\u00e4digendes Verhalten auch in der Digitalwirtschaft durch Regeln unterbunden werden: Unternehmen, die Technologien in einem fr\u00fchen Stadium verwenden und dabei oft von Netzwerkeffekten profitieren, k\u00f6nnen Konkurrenten sonst leichter vom Markt verdr\u00e4ngen. Es ist allerdings schwierig, zu bestimmen, wo genau im grenz\u00fcberschreitenden Netzwerk von Nutzern und Produzenten Werte geschaffen und Gewinne erzielt werden, was deren Besteuerung erschwert.<\/p>\n<p>Auf internationaler Ebene l\u00e4sst ein verbindliches Regelwerk f\u00fcr Plattformen noch immer auf sich warten. Daher ist es unm\u00f6glich, aus dem Status quo optimale Regeln f\u00fcr einkommensschwache L\u00e4nder abzuleiten. In dieser Situation kann ein \u00abSandkasten\u00bb-Ansatz, bei dem Experimentieren explizit erw\u00fcnscht ist, bei der Entwicklung praktischer L\u00f6sungen helfen. Einen solchen Trial-and-Error-Ansatz haben auch das Seco und die IFC bei der \u00abCashless Zone\u00bb verfolgt. Sie unterst\u00fctzten Tadschikistan dabei, Vorschriften \u00fcber die Nutzung \u00abregulatorischer Sandk\u00e4sten\u00bb im Bereich der neuen digitalen Finanzdienstleistungen zu erlassen. Im regulatorischen Sandkasten k\u00f6nnen Privatunternehmen Innovationen vorantreiben, ohne die Folge von Rechtsverst\u00f6ssen bei der Erprobung neuer Produkte f\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Dieser Ansatz hat entscheidend dazu beigetragen, die \u00abCashless Zone\u00bb voranzutreiben.<\/p>\n<h2><strong>Keine Patentl\u00f6sung<\/strong><\/h2>\n<p>Nun ist man geneigt zu denken: Ist erst einmal ein Rezept f\u00fcr eine erfolgreiche Plattform in einem einkommens&shy;schwachen Land gefunden, l\u00e4sst sich dieses leicht auf andere Staaten und Kontinente \u00fcbertragen. Leider ist es nicht so einfach, wie das Beispiel des afrikanischen Finanzanbieters M-Pesa zeigt. Die mobiltelefonbasierte M-Pesa-Plattform war in den l\u00e4ndlichen Gebieten Tansanias, der Demokratischen Republik Kongo und Lesothos \u00e4usserst erfolgreich. Versuche, das Modell zu kopieren, schlugen in Lateinamerika, Indien, S\u00fcdafrika und den meisten anderen Schwellenl\u00e4ndern allerdings fehl. Warum?<\/p>\n<p>Der Erfolg von M-Pesa beruhte in den drei afrikanischen L\u00e4ndern nicht zuletzt auf den Skaleneffekten des Netzwerks, einem Quasimonopol. Weiter profitierte die Plattform vom Vorteil des Erstanbieters sowie insbesondere von der wichtigen Anschubfinanzierung durch Gelder der britischen Entwicklungshilfe. Hinzu kamen der Mangel an praktikablen Alternativen, ein g\u00fcnstiges regulatorisches Umfeld sowie der starke Anstieg der Nachfrage nach Finanzdienstleistungen, besonders bei j\u00fcngeren Generationen.<\/p>\n<p>Diese Schl\u00fcsselfaktoren waren in den sp\u00e4teren Zielm\u00e4rkten nicht gegeben. Um eine erfolgreiche Plattform nachzubilden, m\u00fcssen somit einerseits die exogenen Faktoren identifiziert werden, die den Service \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht haben. Andererseits gilt es, die Bed\u00fcrfnisse der Kunden im m\u00f6glichen weiteren Zielmarkt zu ermitteln und zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<h2><strong>Zuverl\u00e4ssige Rahmenbedingungen<br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<p>Im 21.\u00a0Jahrhundert stellt die Technologie selten das eigentliche Problem dar. Technologische Neuerungen werden mit atemberaubender Geschwindigkeit entwickelt und vermarktet \u2013 und das wie oben beschrieben wirklich weltweit, was Entwicklungsl\u00e4ndern Chancen er\u00f6ffnet. Es sind h\u00e4ufig altbekannte, wirtschaftliche Hemmnisse, welche die New Economy ausbremsen: die Regulierung, die fehlende Infrastruktur \u2013 etwa kein Zugang zu Strom \u2013\u00a0 und der Mangel an konventioneller wie digitaler Bildung. Dass auch Partikularinteressen dem Wandel im Wege stehen k\u00f6nnen, sollte ebenfalls nicht untersch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p>Die Rolle der Entwicklungsagenturen und internationalen Finanzinstitutionen besteht daher nicht darin, selbst in die Technologien zu investieren. Vielmehr sollten sie die Regierungen der betreffenden Entwicklungsl\u00e4nder unterst\u00fctzen, Trial-and-Error-Ans\u00e4tze anzuwenden und den Strukturwandel zu begleiten. Daher unterst\u00fctzt das Seco auch weiterhin IFC-Projekte in Entwicklungsl\u00e4ndern, welche die Digitalisierung voranbringen, ein f\u00f6rderliches Umfeld schaffen und plattformbasierte digitale Finanzdienstleistungen erm\u00f6glichen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir befinden uns im tadschikischen Pamir, einem isolierten, von schneebedeckten Bergen umgebenen Tal. Ein Bauer schaut konzentriert auf sein Mobiltelefon. Er \u00fcberweist gerade mit einer App Geld an seine Familie, die in der Hauptstadt Duschanbe wohnt. 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Im Gesch\u00e4ftsjahr 2020 investierte die IFC 22 Milliarden Dollar in private Unternehmen und Finanzinstitute mit Sitz in Entwicklungsl\u00e4ndern. Sie setzt auf die Leistungsf\u00e4higkeit des Privatsektors, um der extremen Armut ein Ende zu setzen und den gesellschaftlichen Wohlstand zu f\u00f6rdern. Das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) z\u00e4hlt zu den gr\u00f6ssten Geldgebern der IFC-Beratungsdienste. 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