{"id":100232,"date":"2020-12-23T13:50:46","date_gmt":"2020-12-23T13:50:46","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/12\/lintelligence-artificielle-se-joue-t-elle-du-droit-de-la-concurrence\/"},"modified":"2026-01-08T17:37:50","modified_gmt":"2026-01-08T16:37:50","slug":"kuenstliche-intelligenz-ueberlistet-wettbewerbsrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/12\/kuenstliche-intelligenz-ueberlistet-wettbewerbsrecht\/","title":{"rendered":"K\u00fcnstliche Intelligenz \u00fcberlistet Wettbewerbsrecht"},"content":{"rendered":"<p>Im Internet optimieren immer mehr Verk\u00e4ufer die Preise anhand von autonomen Preisalgorithmen. Bereits 2015 hatte mehr als ein Drittel der Verk\u00e4ufer auf der Plattform Amazon ihre Preissetzung automatisiert.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Autonome Preisalgorithmen sind nicht zu verwechseln mit Revenue-Management-Systemen, wie sie beispielsweise Fluggesellschaften seit Langem einsetzen. W\u00e4hrend die Programmierer dort die Kontrolle \u00fcber die Preisstrategie behalten, basieren autonome Preisalgorithmen auf k\u00fcnstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen.<\/p>\n<p>Den Algorithmen wird ein Ziel auferlegt \u2013 beispielsweise den Gewinn zu maximieren. Es wird ihnen aber nicht gesagt, mit welcher Preissetzung sie dieses Ziel erreichen sollen. Dank seiner F\u00e4higkeit, enorme Datenmengen zu sammeln, kann ein Algorithmus neue Zusammenh\u00e4nge erkennen, die sich einem Menschen komplett entziehen. Dadurch ist er in der Lage, eine bessere Preisstrategie zu w\u00e4hlen als beispielsweise ein Programmierer. Die Kehrseite der Medaille ist: Der Algorithmus w\u00e4hlt m\u00f6glicherweise eine Strategie, die ein Mensch ausgeschlagen h\u00e4tte, weil sie kartellrechtlich problematisch ist.<\/p>\n<h2><strong>Nur Theorie?<\/strong><\/h2>\n<p>Aus wettbewerbs\u00f6konomischer Sicht besteht daher Grund zur Sorge: Lernen Algorithmen wom\u00f6glich Preiskriege zu vermeiden und sich stillschweigend auf hohe, kollusive Preise zu verst\u00e4ndigen? Gem\u00e4ss bestehendem Kartellrecht w\u00e4re dies sogar erlaubt. So werden Wettbewerbsabreden derzeit nur bestraft, wenn ein Vorsatz einer Abrede besteht. Dieser ist bei einer \u00abstillschweigenden Kollusion\u00bb, wie sie Algorithmen machen k\u00f6nnen, nicht gegeben.<\/p>\n<p>In Bezug auf diese Gefahr stellte die EU-Kommissarin f\u00fcr Wettbewerb, Margrethe Vestager, deshalb klar: \u00abUnternehmen k\u00f6nnen sich der Verantwortung f\u00fcr geheime Absprachen nicht entziehen, indem sie sich hinter einem Computerprogramm verstecken.\u00bb<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Nun k\u00f6nnte man einwenden, dass es bis dato keinen tats\u00e4chlichen Kartellfall von algorithmischer Kollusion gegeben hat. Beziehungsweise, dass in den wenigen F\u00e4llen, in denen Algorithmen eine Rolle spielten, es sich entweder um explizite Abreden handelte, die somit keine neue Herausforderung darstellen, oder um fehlgeleitete simple Algorithmen, die aus Sicht der Verk\u00e4ufer sich eindeutig suboptimal verhalten und zu v\u00f6llig \u00fcberzogenen Preisen gef\u00fchrt haben. Stillschweigende Kollusion durch Algorithmen wurde bis anhin noch nicht beobachtet.<\/p>\n<p>Allerdings k\u00f6nnte sich dies rasch \u00e4ndern. In einer konstruierten Umgebung zeigten italienische Forscher, dass selbst einfache Preisalgorithmen systematisch lernen, konstant hohe Preise zu w\u00e4hlen.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Dabei griffen sie zu klassischen \u00abReward-Punishment\u00bb-Strategien: Wenn ein Konkurrent von den gemeinsamen hohen Preisen abweicht, wird ein Preiskrieg gegen ihn lanciert \u2013 und zwar in Proportion zur H\u00f6he und zur Dauer der Abweichung. Im Experiment hatten die Algorithmen keinerlei M\u00f6glichkeit, miteinander zu kommunizieren, und verf\u00fcgten \u00fcber kein Wissen \u00fcber die Umgebung, in der sie sich befanden.<\/p>\n<p>Diese Studie ist nicht die einzige, welche algorithmische Kollusion \u00abim Labor\u00bb best\u00e4tigt. Auch verwandte Arbeiten kommen zum Schluss, dass es einfachen Algorithmen systematisch gelingt, sich auf hohe, supra-kompetitive Preise zu koordinieren, obwohl die Algorithmen nicht miteinander kommunizieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2><strong>Gesetzesl\u00fccke stopfen<\/strong><\/h2>\n<p>Derzeit sind die Implikationen f\u00fcr Wettbewerbsbeh\u00f6rden und das Kartellrecht noch schwer absehbar. Es deutet aber einiges darauf hin, dass stillschweigende Kollusion durch Algorithmen eine reelle Herausforderung darstellt. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Geschwindigkeit, mit der Algorithmen agieren: M\u00f6gliche kurzfristige Gewinne, welche ein Konkurrent durch eine Preissenkung erzielen k\u00f6nnte, minimieren die Algorithmen sofort, indem sie den Konkurrenten bestrafen. Dadurch stabilisiert sich das koordinierte Verhalten, und es k\u00f6nnte Kollusion auf M\u00e4rkten auftreten, auf denen Absprachen bisher schwierig waren.<\/p>\n<p>Aus rechtlicher Sicht ist die gr\u00f6sste Herausforderung, dass Kollusion ohne explizite Abreden heute nicht verboten ist. Es lohnt sich daher, schon heute zu \u00fcberlegen, wie man diese Rechtsl\u00fccke stopfen k\u00f6nnte. Vorschl\u00e4ge dazu gibt es bereits. Manche \u00d6konomen argumentieren etwa, dass Kollusion neu als Nutzung von \u00abReward-Punishment\u00bb-Strategien durch Konkurrenten definiert werden k\u00f6nnte.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Damit w\u00e4re auch die stillschweigende Kollusion, wie sie Algorithmen betreiben, erfasst. Ein alternativer Vorschlag ist, dass Firmen ihre Preisalgorithmen vor dem Einsatz im Markt den Wettbewerbsh\u00fctern vorlegen m\u00fcssen. So k\u00f6nnte man versuchen, die Algorithmen auf kollusives Verhalten zu testen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Chen, Mislove und Wilson (2016).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Vestager (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Calvano et al. (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Harrington (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Internet optimieren immer mehr Verk\u00e4ufer die Preise anhand von autonomen Preisalgorithmen. Bereits 2015 hatte mehr als ein Drittel der Verk\u00e4ufer auf der Plattform Amazon ihre Preissetzung automatisiert. Autonome Preisalgorithmen sind nicht zu verwechseln mit Revenue-Management-Systemen, wie sie beispielsweise Fluggesellschaften seit Langem einsetzen. W\u00e4hrend die Programmierer dort die Kontrolle \u00fcber die Preisstrategie behalten, basieren autonome [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":5144,"featured_media":211257,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[69,66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[154],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":5144,"seco_co_author":"","author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Dr. oec., Senior Economist, Swiss Economics, Z\u00fcrich","seco_author_post_occupation_fr":"Economiste senior, Swiss Economics, Zurich","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"K\u00fcnstliche Intelligenz \u00fcberlistet Wettbewerbsrecht","post_lead":"Weist das Kartellrecht in Bezug auf k\u00fcnstliche Intelligenz eine L\u00fccke auf? Selbstlernende Algorithmen auf Plattformen k\u00f6nnten sich gegenseitig koordinieren und so den Preiswettbewerb umgehen.","post_hero_image_description":" ","post_hero_image_description_copyright_de":"KI-generiert \/ Die Volkswirtschaft","post_hero_image_description_copyright_fr":"Alamy","post_references_literature":"<ul>\r\n \t<li style=\"list-style-type: none;\">\r\n<ul>\r\n \t<li>Calvano, E.; Calzolari, G.; Denicol\u00f2, V. und Pastorello, S. (2020). Artificial Intelligence, Algorithmic Pricing, and Collusion<em>.\u00a0<\/em>American Economic Review, 110, 3267\u201397.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;\r\n<ul>\r\n \t<li style=\"list-style-type: none;\">\r\n<ul>\r\n \t<li>Chen, L.; Mislove, A. und Wilson, C. (2016). An Empirical Analysis of Algorithmic Pricing on Amazon Marketplace, in Proceedings of the 25th International Conference on World Wide Web, WWW'16, World Wide Web Conferences Steering Committee, 1339\u20131349.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;\r\n<ul>\r\n \t<li style=\"list-style-type: none;\">\r\n<ul>\r\n \t<li>Harrington, J. E. (2018). Developing Competition Law for Collusion by Autonomous Artificial Agents. Journal of Competition Law and Economics, 14(3), 331\u2013363.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;\r\n<ul>\r\n \t<li style=\"list-style-type: none;\">\r\n<ul>\r\n \t<li>Vestager, M. (2017). Algorithms and Competition. Bundeskartellamt, 18th Conference on Competition, Berlin, 16. M\u00e4rz 2017.<\/li>\r\n<\/ul>\r\n<\/li>\r\n<\/ul>\r\n&nbsp;","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"Logistikzentrum von Amazon im britischen Peterborough am Black Friday.\r\nAlamy","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":100235,"main_focus":[155918,156747],"serie_email":"","frontpage_slider_bild":211257,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"99833","post_abstract":"Der Einsatz von k\u00fcnstlicher Intelligenz zur Preisgestaltung k\u00f6nnte die Wettbewerbsh\u00fcter auf den Plan rufen. In Experimenten tendieren selbstlernende Preisalgorithmen zur \u00abstillschweigenden Kollusion\u00bb. Sprich: Die Algorithmen gelangen unabh\u00e4ngig voneinander zur Erkenntnis, dass der gr\u00f6sstm\u00f6gliche Gewinn im Markt erzielt wird, wenn man Preiskriege und Wettbewerb untereinander vermeidet. Das existierende Kartellrecht greift hier nicht, da kein expliziter Vorsatz \u00fcber das Zusammenwirken der Unternehmen vorliegt.","magazine_issue":"20210102","seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":"","korrektor":"","planned_publication_date":"2020-12-23 12:50:46","original_files":null,"external_release_for_author":"20201215","external_release_for_author_time":"16:30:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5fa93901c2995"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100232"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5144"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=100232"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100232\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":216825,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100232\/revisions\/216825"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156747"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/155918"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5144"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/211257"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=100232"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=100232"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=100232"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=100232"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=100232"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=100232"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}