{"id":100519,"date":"2020-11-19T13:29:54","date_gmt":"2020-11-19T13:29:54","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/11\/utiliser-le-commerce-de-detail-comme-indicateur-conjoncturel\/"},"modified":"2023-08-23T22:51:38","modified_gmt":"2023-08-23T20:51:38","slug":"detailhandel-als-konjunkturindikator","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/11\/detailhandel-als-konjunkturindikator\/","title":{"rendered":"Detailhandel als Konjunkturindikator"},"content":{"rendered":"<p>Am 17. M\u00e4rz 2020 mussten in der Schweiz viele Dienstleistungsbetriebe und die meisten L\u00e4den schliessen. Der Konsum vieler G\u00fcter wurde damit per bundesr\u00e4tlicher Anordnung verunm\u00f6glicht beziehungsweise deutlich erschwert. Gleichzeitig f\u00fchrten steigende Arbeitslosen- und Kurzarbeitszahlen trotz staatlicher Unterst\u00fctzungsmassnahmen zu Einkommenseinbussen bei den Haushalten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nF\u00fcr Prognostiker stellten sich damals unter anderem folgende Fragen: Wie schnell erholt sich der Konsum vom Lockdown-bedingten Absturz, sobald die Gesch\u00e4fte wieder ge\u00f6ffnet haben? Auf welches Niveau kehren die Konsumausgaben zur\u00fcck? Werden die ausgefallenen K\u00e4ufe nachgeholt, oder bleiben die Konsumausgaben aufgrund der Einkommensausf\u00e4lle begrenzt?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nN\u00fctzliche Informationen liefern die Detailhandelsums\u00e4tze<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>, die monatlich vom Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) publiziert werden. Zum einen handelt es sich um sogenannte harte Daten, also um tats\u00e4chlich erwirtschaftete Ums\u00e4tze, die \u2013 im Gegensatz zu \u00abweichen\u00bb Daten wie Stimmungsumfragen \u2013 einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem tats\u00e4chlichen Konsum und der Wertsch\u00f6pfung haben. Zum anderen werden sie monatlich und \u2013 zumindest im Vergleich zu anderen harten Daten \u2013 relativ zeitnah publiziert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Detailhandelsums\u00e4tze liefern damit wertvolle Informationen nicht nur zur Entwicklung der Branche selber, sondern auch zur Konjunkturlage insgesamt. Diese m\u00fcssen aber in den jeweiligen Kontext eingebettet werden. Im aktuellen Umfeld muss insbesondere ber\u00fccksichtigt werden, dass die Corona-Krise auch das Konsumverhalten der Bev\u00f6lkerung beeinflusst. Historische Zusammenh\u00e4nge gelten daher nur bedingt.&#13;<\/p>\n<h2>Konsum als Ganzes betrachten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit einer Bruttowertsch\u00f6pfung von knapp 25 Milliarden Franken macht der Detailhandel 3,5\u00a0Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) der Schweiz aus.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Wertsch\u00f6pfungsm\u00e4ssig ist er damit beispielsweise deutlich kleiner als der Industriesektor oder der Grosshandel. Auf der Verwendungsseite des BIP geh\u00f6rt der Detailhandel zum Konsum der privaten Haushalte, der 354\u00a0Milliarden\u00a0Franken und damit etwa die H\u00e4lfte des Schweizer BIP ausmacht. Ungef\u00e4hr ein Viertel der privaten Konsumausgaben entf\u00e4llt auf den Detailhandel \u2013 den Vertrieb von Waren (ohne Kraftfahrzeuge) zuhanden von Konsumentinnen und Konsumenten (siehe <em>Abbildung 1<\/em>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer L\u00f6wenanteil der Konsumausgaben \u2013 45 Prozent \u2013 entf\u00e4llt auf Dienstleistungen wie Gesundheitsdienste, Finanzdienste sowie Kultur- und Freizeitdienste. Ein weiteres Viertel wird f\u00fcr Wohnen und Energie, das heisst Mieten, Wohnnebenkosten und Strom, ausgegeben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDabei handelt es sich um eine approximative Absch\u00e4tzung: Im Einzelfall kann ein Detailh\u00e4ndler auch Dienstleistungen vertreiben, und ein Dienstleistungsunternehmen kann umgekehrt auch Waren verkaufen, es z\u00e4hlt dann aber trotzdem nicht zu den Detailh\u00e4ndlern im engeren Sinne. Im Konsum sind zudem Produkte enthalten, die im Ausland gekauft werden. Trotz dieser Unsch\u00e4rfe macht die Absch\u00e4tzung klar: Konsumausgaben sind nicht gleich Detailhandel. In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung fallen Dienstleistungen st\u00e4rker ins Gewicht, und Wohnen und Energie sind ebenso bedeutend wie der Detailhandel.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Anteile verschiedener Bereiche an den Konsumausgaben der Haushalte (Mittelwert 2016\u20132019)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"12_2020_Kammermann-Kemeny_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#12_2020_Kammermann-Kemeny_DE').highcharts({ \n \nchart: {\n        plotBackgroundColor: null,\n        plotBorderWidth: null,\n        plotShadow: false,\n        type: 'pie'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '{series.name}: <b>{point.percentage:.1f}%<\/b>'\n    },\n    accessibility: {\n        point: {\n            valueSuffix: '%'\n        }\n    },\n    plotOptions: {\n        pie: { size: 250, \n            allowPointSelect: true,\n            cursor: 'pointer',\n            dataLabels: {\n                enabled: true,\n format: '<b>{point.name}<\/b>: {point.percentage:.1f}%'\n            },\n            showInLegend: true\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: 'Anteil',\n        colorByPoint: true,\n        data: [{\n       \n            name: 'Waren (\u00abDetailhandel\u00bb)',\n            y: 24.9\n        }, {\n            name: 'Dienste',\n            y: 44.6\n        }, {\n            name: 'Wohnen, Energie',\n            y: 25.1\n        }, {\n            name: '\u00dcbrige',\n            y: 5.4\n      \n        }]\n    }]\n});\n});\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BFS, Seco \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der allt\u00e4glichen Wahrnehmung der Bev\u00f6lkerung ist der Detailhandel weitaus st\u00e4rker pr\u00e4sent \u2013 jeder Haushalt steht regelm\u00e4ssig in Kontakt mit dieser Wirtschaftsbranche. Auch die konjunkturelle Bedeutung des Detailhandels geht \u00fcber dessen relativ geringen direkten Anteil an der Wertsch\u00f6pfung und am Konsum hinaus. So h\u00e4ngen beispielsweise auch Zulieferbetriebe, insbesondere der Grosshandel, aber auch die Herstellerbetriebe der Landwirtschaft und der Industrie von den Ums\u00e4tzen der Detailh\u00e4ndler ab. Zudem sind etwa 6 Prozent aller Besch\u00e4ftigten im Detailhandel t\u00e4tig. Deshalb sind die Detailhandelsums\u00e4tze ein wertvoller Indikator f\u00fcr den Konjunkturverlauf.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Verschiebungen in der Krise<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm M\u00e4rz 2020 brachen die Detailhandelsums\u00e4tze<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> gegen\u00fcber dem Vorjahresmonat um 5 Prozent ein; im April waren es sogar 18\u00a0Prozent (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Bereits im Mai erholte sich der Detailhandel aber wieder deutlich. Obwohl viele L\u00e4den erst am 11. Mai wieder \u00f6ffnen durften, war der Umsatz des gesamten Monats fast 10 Prozent h\u00f6her als im Vorjahr. Seither liegen die Ums\u00e4tze durchgehend \u00fcber dem Vorjahresniveau, wenn auch in einem geringeren Ausmass. Vergleicht man die kumulierten Ums\u00e4tze von Januar bis September mit dem Vorjahr, resultiert f\u00fcr den Detailhandel insgesamt eine schwarze Null. Die Ausf\u00e4lle von M\u00e4rz und April konnten somit insgesamt wettgemacht werden. Dies gilt aber nicht f\u00fcr alle Bereiche: W\u00e4hrend die Nahrungsmittelverk\u00e4ufe deutlich im Plus sind, liegen die Ums\u00e4tze von Bekleidung und Schuhen zwar wieder ungef\u00e4hr auf Vorjahresniveau, die Ausf\u00e4lle vom Fr\u00fchjahr wurden bisher aber nicht kompensiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie insgesamt relativ positive Entwicklung im Detailhandel h\u00e4ngt auch mit \u00c4nderungen im Konsumverhalten zusammen. Zum einen wurde das Verhalten stark durch Homeoffice und die Schliessung der Landesgrenzen beeinflusst. Zum anderen waren w\u00e4hrend des Lockdowns gewisse konsumorientierte Bereiche der Wirtschaft zeitweise geschlossen oder stark eingeschr\u00e4nkt, sodass die Haushalte auf Alternativen ausweichen mussten. Beispielsweise wurden deutlich mehr Mahlzeiten zu Hause eingenommen als \u00fcblich, weil die Restaurants (mit Ausnahme von Take-aways) geschlossen waren, der Unterricht in den Schulen und damit die Mittagsverpflegung der Sch\u00fcler ausfiel und weil Homeoffice empfohlen wurde. Dementsprechend legten die Verk\u00e4ufe von Nahrungsmitteln, Getr\u00e4nken und Tabak, die \u00fcber 40\u00a0Prozent der Detailhandelsums\u00e4tze ausmachen, kr\u00e4ftig zu, w\u00e4hrend die Ausgaben f\u00fcr Mahlzeiten in Restaurants einbrachen. Die geschlossenen Grenzen wiederum f\u00fchrten zu einem abrupten Stopp des Einkaufstourismus und generell zu weniger Eink\u00e4ufen im Ausland, wovon Schweizer Superm\u00e4rkte profitierten. Der boomende Onlinehandel trug auch dazu bei, den R\u00fcckgang der Detailhandelsums\u00e4tze w\u00e4hrend des Lockdowns zu begrenzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuch in anderen Konsumbereichen f\u00fchrte die Pandemie zu Verschiebungen: Homeoffice und der Ausfall vieler Freizeitveranstaltungen st\u00e4rkten die Nachfrage nach Elektronikg\u00fctern, daf\u00fcr gingen die Ausgaben im \u00f6ffentlichen Verkehr stark zur\u00fcck. Anstelle von Auslandreisen wurden vermehrt Ferien im Inland und Tagesausfl\u00fcge gemacht, was wiederum auch gewissen Bereichen des inl\u00e4ndischen Detailhandels zugutekam.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Ver\u00e4nderung der realen Detailhandelsums\u00e4tze 2020 im Vorjahresvergleich<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"12_2020_Kammermann-Kemeny_DE_2\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\n    $('#12_2020_Kammermann-Kemeny_DE_2').highcharts({     \nchart: {\n        type: 'line'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    subtitle: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n        categories: ['Januar', 'Februar', 'M\u00e4rz', 'April', 'Mai', 'Juni', 'Juli', 'August', 'September', 'Oktober', 'November', 'Dezember']\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        labels: {\n                format: '{value}%'\n            },\n       \n    },\n     tooltip: {\n            valueSuffix: '%'\n        },\n    plotOptions: {\n        line: {\n    \n\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n            enableMouseTracking: true\n        },\n        series: {\nmarker: {\nenabled: false\n}\n}\n    },\n    series: [{\n        name: 'Total (ohne Treibstoffe)',\n        data: [0.2,1.4,-5.1,-17.7,9.5,5.1,5.4,5.1,1.7],\nlineWidth: 5\n    }, {\n        name: 'Nahrungsmittel, Getr\u00e4nke, Tabak',\n        data: [0.6,5.5,10.2,7.5,14.7,4.5,6.6,5.6,3.3]\n       \n           }, {\n        name: 'Bekleidung, Schuhe',\n        data: [-4.1,-7.9,-57.3,-82.0,-8.0,-2.9,4.1,2.8,-3.4]\n       \n        }, {\n        name: '\u00dcbrige Warengruppen (ohne Treibstoffe)',\n        data: [0.7,0.8,-7.5,-28.6,8.3,7.9,4.8,5.5,1.6]\n \n    }]\n});\n});\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BFS \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Vorsicht geboten<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBei der Interpretation der Detailhandelsums\u00e4tze f\u00fcr die Konjunkturprognose ist gerade in der aktuellen Krise Vorsicht geboten. Beispielsweise kann man nicht von den hohen Ums\u00e4tzen der Lebensmittelgesch\u00e4fte auf den gesamten Lebensmittelkonsum schliessen, sondern muss auch die Gastronomieums\u00e4tze mit einbeziehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAufgrund solcher Substitutionseffekte zwischen Konsumbereichen, die in ihrer Tragweite einmalig sind, k\u00f6nnen die in der Vergangenheit beobachteten Zusammenh\u00e4nge zwischen Detailhandel und Konsum beziehungsweise BIP nicht eins zu eins auf die aktuelle Lage \u00fcbertragen werden. Die positive Entwicklung des Detailhandels in den letzten Monaten ist zwar ein sehr erfreuliches Signal f\u00fcr die Konjunktur, bedeutet aber nicht, dass sich der Konsum insgesamt oder das BIP im gleichen Ausmass erholt haben. W\u00e4hrend die Detailhandelsums\u00e4tze seit Monaten \u00fcber den Vorjahresniveaus liegen, d\u00fcrften sowohl der private Konsum als auch das BIP noch weit davon entfernt sein.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Reale, kalenderbereinigte Ums\u00e4tze ohne Treibstoffe.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Mittelwert 2016 bis 2019.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Reale, kalenderbereinigte Ums\u00e4tze, ohne Treibstoffe.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 17. 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