{"id":100564,"date":"2020-11-19T13:29:54","date_gmt":"2020-11-19T13:29:54","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/11\/les-banques-et-les-crises-financieres\/"},"modified":"2024-11-28T10:16:56","modified_gmt":"2024-11-28T09:16:56","slug":"banken-und-finanzkrisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/11\/banken-und-finanzkrisen\/","title":{"rendered":"Banken und Finanzkrisen"},"content":{"rendered":"<p>Ohne Banken k\u00f6nnte eine arbeitsteilige, wachsende Wirtschaft nicht funktionieren \u2013 es g\u00e4be schlicht viel zu wenig Investitionen. Denn Banken l\u00f6sen ein zentrales wirtschaftliches Problem: Sie vermitteln zwischen Sparern (Haushalten) und Investoren (Unternehmen), die \u00fcber unterschiedliche Zeithorizonte verf\u00fcgen. Haushalte m\u00f6chten m\u00f6glichst jederzeit \u00fcber ihr Erspartes verf\u00fcgen k\u00f6nnen. Unternehmen hingegen ben\u00f6tigen die Gelder, um l\u00e4ngerfristig zu investieren. Will man diese beiden Markseiten zusammenf\u00fchren, muss jemand bereit sein, diese unterschiedlichen Fristen auszugleichen. Das zu tun, ist die fundamentale volkswirtschaftliche Rolle von Banken. Sie betreiben die sogenannte Fristentransformation, indem sie auf Basis der kurzfristig angelegten Gelder der Sparer Kredite f\u00fcr langfristige Investitionen vergeben. Das ist m\u00f6glich, weil an einem typischen Tag nur ein kleiner Teil der Sparer das Geld gleichzeitig abheben m\u00f6chte. Die Bank kann deshalb das Risiko eingehen, einen guten Teil der Gelder in langfristigen Krediten gebunden zu haben. Gerade diese volkswirtschaftlich wichtige Fristentransformation ist es aber, was Banken in schlechten Zeiten in eine ungem\u00fctliche Situation bringen und sogar eine Finanzkrise heraufbeschw\u00f6ren kann.<\/p>\n<h2><strong>Was Banken machen<\/strong><\/h2>\n<p>Banken und die Quelle von Finanzkrisen lassen sich mit dem einfachen Modell einer stilisierten Bankbilanz analysieren (siehe <em>Abbildung<\/em>). Die Bilanz zeigt in zwei Spalten auf der linken Seite, was einem Unternehmen geh\u00f6rt (\u00abVerwendung\u00bb), und auf der rechten Seite, wie die Posten der linken Seite finanziert sind (\u00abHerkunft\u00bb). Mit diesem Schema lassen sich das klassische Bankgesch\u00e4ft (Kreditvergabe) ebenso wie das sogenannte Handelsgesch\u00e4ft (Trading) erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich hat eine Bank zwei Finanzierungsquellen: Schulden oder Eigenkapital. Den L\u00f6wenanteil machen dabei die Schulden aus, die aus den Bankkonti der Sparer bestehen (Einlagen) und aus sonstigen \u2013 meist kurzfristigen \u2013 Schulden. Diese Mittel verwendet die Bank f\u00fcr die Finanzierung von Wertanlagen: Ein kleiner Anteil wird als Bargeld gehalten, und der Rest setzt sich aus Kreditforderungen und Wertpapieren wie etwa Aktien und Obligationen zusammen.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Bankbilanz<\/strong><\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/10\/Brunetti_Abbildung.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-99330 size-full\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/10\/Brunetti_Abbildung.png\" alt=\"\" width=\"1404\" height=\"888\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das oben beschriebene klassische Bankgesch\u00e4ft besteht darin, dass die Bank auf Basis von Einlagen Kredite vergibt. F\u00fcr das Handelsgesch\u00e4ft greift die Bank neben den Einlagen auch auf andere meist kurzfristige Schulden zur\u00fcck und verwendet diese, um Wertpapiere zu kaufen. Die Bank verdient bei beiden Gesch\u00e4ften an der sogenannten Zinsdifferenz, da sie f\u00fcr ihre Schulden tiefere Zinsen bezahlt, als sie an Kreditzinsen oder Ertr\u00e4gen aus der Wertpapierhaltung erwirtschaftet.<\/p>\n<h2><strong>Risiken von Banken<\/strong><\/h2>\n<p>Mit ihrem Gesch\u00e4ftsmodell setzen sich Banken einem spezifischen, weitreichenden Risiko aus \u2013 der Gefahr n\u00e4mlich, in rasendem Tempo illiquide zu werden. Das liegt daran, dass die meisten Schulden sehr kurzfristig sind, also jederzeit eingefordert werden k\u00f6nnen, Banken aber nur einen kleinen Teil der Mittel in bar halten. In der Bilanz einer typischen Bank sind die Schulden wesentlich gr\u00f6sser als der Bestand an Bargeld. Wollen viele Schuldner gleichzeitig ihr Geld zur\u00fcck, so kann die Bank rasch zahlungsunf\u00e4hig werden. Solche sogenannten Bankenst\u00fcrme stehen am Ursprung jeder Finanzkrise.<\/p>\n<p>Neben dem Bargeld ist in einer Bankbilanz noch ein zweiter Posten auff\u00e4llig klein, n\u00e4mlich das Eigenkapital. Und das begr\u00fcndet das zweite, in einer Finanzkrise relevante Risiko: das Solvenzrisiko. Erleidet die Bank Verluste auf ihren Kreditpositionen oder Wertpapieren, so m\u00fcssen diese durch das Eigenkapital getragen werden. Angesichts der d\u00fcnnen Eigenkapitaldecke k\u00f6nnen relativ kleine Verluste ausreichen, um das gesamte Eigenkapital auszuradieren. Die Bank hat dann mehr Schulden als Wertanlagen und ist damit insolvent.<\/p>\n<h2><strong>Eine stilisierte Finanzkrise<\/strong><\/h2>\n<p>Auf Basis der Bankbilanz und der beiden genannten Risiken k\u00f6nnen wir analysieren, wie eine typische Finanzkrise abl\u00e4uft. Als Beispiel nehmen wir die Grosse Finanzkrise des Jahres 2008.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Im Vorfeld dieser Krise verschuldeten sich viele Banken \u2013 vor allem bei anderen Banken. Diese Schulden waren so kurzfristig, dass sie jeden Tag erneuert werden mussten. In der Bilanz stiegen also auf der rechten Seite die Schulden an. Diese Mittel verwendeten die Banken, um hoch rentable, aber undurchsichtige Wertpapiere zu kaufen, die mit dem amerikanischen Immobilienmarkt verbunden waren. Entsprechend stieg auf der linken Seite der Bilanz der Posten Wertpapiere an. Als bekannt wurde, dass diese US-Papiere weniger werthaltig waren als gedacht, begannen deren Preise stark zu fallen. Die Banken mussten deshalb Wertberichtigungen vornehmen, das heisst, der Posten \u00abWertpapiere\u00bb in der Bilanz reduzierte sich. Diese Verluste reduzierten rasch das ohnehin schon knappe Eigenkapital der Banken. Weil damit ihre Solvenz immer fraglicher wurde, wurde es f\u00fcr die Banken immer schwerer, die kurzfristigen Schulden bei anderen Banken zu erneuern, da diese bef\u00fcrchteten, bei einem allf\u00e4lligen Konkurs des Schuldners mit wertlosen Schuldscheinen dazustehen. Und damit entstand pl\u00f6tzlich ein gewaltiges Liquidit\u00e4tsproblem. Warum?<\/p>\n<p>Im gleichen Ausmass, wie sich die Schulden in der Bilanz reduzierten, ging der Bestand an Bargeld zur\u00fcck. Der Mechanismus verh\u00e4lt sich analog zu einem traditionellen Bankensturm, wenn die Einleger ihre Konti aufl\u00f6sen und damit die Liquidit\u00e4t der Bank rapide abnimmt. In ihrem verzweifelten Versuch, rasch zu Bargeld zu kommen, begannen zahlreiche Banken gleichzeitig, ihre Wertpapiere zu verkaufen. Und damit gab es auf den Aktien- und Obligationenm\u00e4rkten zahlreiche Verk\u00e4ufer und kaum mehr K\u00e4ufer. Die logische Folge war ein Einbruch der Wertpapierpreise. Mit diesem Preiszerfall aber waren die Banken gezwungen, erneute Wertberichtigungen in ihren Bilanzen vorzunehmen, womit das Eigenkapital ein weiteres Mal schrumpfte. Und damit war die \u00abTodesspirale\u00bb perfekt; die erneuten Solvenzprobleme erschwerten die Finanzierung \u00fcber Schulden noch einmal zus\u00e4tzlich, womit die Banken, um zu Bargeld zu kommen, noch mehr Wertpapiere auf die M\u00e4rkte warfen, und so weiter. Ist eine solche selbstverst\u00e4rkende Spirale mal im Gange, dann kann der allgemeine Vertrauensverlust rasch \u2013 buchst\u00e4blich innert Stunden \u2013 das gesamte Finanzsystem zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die Abw\u00e4rtsspirale wurde zun\u00e4chst durch die Zentralbanken gestoppt, indem sie Liquidit\u00e4t zur Verf\u00fcgung stellten. Das reduzierte den Zwang f\u00fcr die Banken, ihre Wertpapiere zu jedem Preis zu verkaufen. Da sich zahlreiche Banken mit ihren Investitionen in problematische Wertpapiere aber massiv verspekuliert hatten, wurden in der Finanzkrise danach sogar noch direkte Solvenzhilfen n\u00f6tig, also das Einschiessen von Eigenkapital durch die Zentralbanken und die Regierungen. Erst mit diesen massiven Subventionen konnte das System nachhaltig stabilisiert werden.<\/p>\n<p>Die Finanzkrise zeigte, dass die Ausstattung vieler, vor allem grosser Banken mit Bargeld und vor allem mit Eigenkapital zu tief war. Wegen der seither deutlich versch\u00e4rften regulatorischen Vorschriften verf\u00fcgen die Banken heute \u00fcber mehr Eigenkapital und Liquidit\u00e4t. Da diese beiden \u00abkleinen\u00bb Posten in der Bilanz gest\u00e4rkt wurden, sind die Banken heute deutlich widerstandsf\u00e4higer. In der laufenden Corona-Krise hat sich das als \u00e4usserst wertvoll erwiesen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">F\u00fcr eine schrittweise Besprechung der Mechanismen siehe auch das Youtube-Tutorial \u00ab<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vp0kg6SUxQA\">Banks and Financial Crises<\/a>\u00bb des Autors.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ohne Banken k\u00f6nnte eine arbeitsteilige, wachsende Wirtschaft nicht funktionieren \u2013 es g\u00e4be schlicht viel zu wenig Investitionen. Denn Banken l\u00f6sen ein zentrales wirtschaftliches Problem: Sie vermitteln zwischen Sparern (Haushalten) und Investoren (Unternehmen), die \u00fcber unterschiedliche Zeithorizonte verf\u00fcgen. Haushalte m\u00f6chten m\u00f6glichst jederzeit \u00fcber ihr Erspartes verf\u00fcgen k\u00f6nnen. 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