{"id":100607,"date":"2020-11-17T11:59:47","date_gmt":"2020-11-17T11:59:47","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/11\/la-manipulation-est-constitutive-de-notre-existence\/"},"modified":"2023-08-23T22:51:37","modified_gmt":"2023-08-23T20:51:37","slug":"manipulation-ist-das-grundprinzip-unseres-daseins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/11\/manipulation-ist-das-grundprinzip-unseres-daseins\/","title":{"rendered":"\u00abManipulation ist das Grundprinzip unseres Daseins\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Herr J\u00e4ncke, als Neuropsychologe kennen Sie die Abl\u00e4ufe in unserem Gehirn. Fallen Sie trotzdem auf \u00abMarketingtricks\u00bb wie Rabatte, Ger\u00fcche und Musik in Gesch\u00e4ften herein?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nKlar. Ich bin auch nur ein ganz normaler Mensch. Insofern wirken bei mir \u00e4hnliche Mechanismen. Ich bin nicht immun.&#13;<\/p>\n<h3>Wie sehen diese Mechanismen aus, die in unserem Gehirn wirken?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWir m\u00fcssen uns in der Vielfalt und Komplexit\u00e4t der Welt auf das Wesentliche konzentrieren. Pro Sekunde prasseln 11 Millionen Bit (Anm. d. Red: Das entspricht 11 Megabyte) an Informationen auf unser Hirn ein. Davon nehmen wir nur gerade rund einen Millionstel wahr! Zus\u00e4tzlich ist das Gehirn auch ein Interpretationsorgan. Aus den Informationen, die es aufnimmt, muss es die Vergangenheit, die Zukunft, aber vor allem auch die Gegenwart interpretieren.&#13;<\/p>\n<h3>Vieles l\u00e4uft beim Einkaufen aber unbewusst in unserem Gehirn ab.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNicht nur vieles, sondern rund 90 bis 95 Prozent unserer Hirnaktivit\u00e4t ist unbewusst. Das bedeutet: Unser Hirn arbeitet \u00fcberwiegend unbewusst. Und damit arbeitet nat\u00fcrlich die Werbung.&#13;<\/p>\n<h3>Anders w\u00e4ren wir gar nicht \u00fcberlebensf\u00e4hig?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nSo ist es. Sie m\u00fcssen sich zur\u00fcckversetzen: Die Menschheit hat 75\u2019000 Jahre ganz einsam gelebt, in kleinen Gruppen von 20 bis 50 Menschen. Jede Gruppe hatte ihre eigene Kultur \u2013 mit eigener Religion und Br\u00e4uchen. Und um zu \u00fcberleben in dieser Gruppe, musste der Mensch die konventionellen Regeln, die sich diese Gruppe ausgedacht hatte, lernen. Diese F\u00e4higkeit, sich in Kulturen hineinzulernen, passiert auch heute in unseren Gesellschaften. Die kulturellen Regeln bilden die Grundlage f\u00fcr viele unserer Entscheidungen. Das Alkoholverbot im Islam wird dazu f\u00fchren, dass ein Muslim nie auf die Idee kommen w\u00fcrde, sich beim Gang durch den Supermarkt f\u00fcr den Kauf eines Weins zu entscheiden.&#13;<\/p>\n<h3>Und was bedeutet das f\u00fcr das Kaufverhalten?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWir leben in einer Welt mit \u00dcberfluss an Marken und Produkten. Unser Gehirn muss diesen \u00dcberfluss filtern. Das geschieht fast ausschliesslich unbewusst. Unsere Pr\u00e4ferenzen entfalten sich in unserer Kulturwelt im Wesentlichen unbewusst. Das heisst, unser Gehirn trifft Entscheidungen aufgrund unserer individuellen Erfahrung. Diese individuellen Erfahrungen sind in unserem Gehirn und den jeweiligen Ged\u00e4chtniszentren gespeichert und \u00abf\u00fcttern\u00bb den Entscheidungsapparat. Man muss sich das wie einen Rechner vorstellen, der seine Berechnungen anhand bestimmter zur Verf\u00fcgung stehender Informationen durchf\u00fchrt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Sie stehen kaum vor dem Regal mit den zehn Marken und w\u00e4gen alle Pros und Kontras ab. Das macht kein Mensch<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<\/p>\n<h3>Den rationalen K\u00e4ufer gibt es also nicht?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Begriff der Rationalit\u00e4t hat mich schon immer gest\u00f6rt. Dabei handelt es sich um eine Idealvorstellung, die nie m\u00f6glich ist. Stellen Sie sich vor, Sie stehen in der Migros oder im Coop und wollen eine Zahnpasta kaufen. Sie stehen kaum vor dem Regal mit den zehn Marken und w\u00e4gen alle Pros und Kontras ab. Das macht kein Mensch. Das Gleiche beim Kauf eines Autos: Wie k\u00f6nnen Sie Umdrehungen, Stossd\u00e4mpferqualit\u00e4t und dergleichen rational bewerten? Das geht nicht. Erstens, weil Sie die Fakten nicht verstehen, und zweitens, weil Sie die Menge an Fakten nicht verarbeiten k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h3>Deshalb sind wir so anf\u00e4llig auf Entscheidungshilfen durch die Werbung.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nOb wir einen Opel oder einen BMW kaufen, hat nicht viel mit der Qualit\u00e4t zu tun, sondern mit der Marke. Wir kaufen den Opel, weil der \u00fcber ein anderes Image verf\u00fcgt als der BMW. Wieso kaufen sich beispielsweise einige Menschen einen Ferrari, ein Auto, das in vielerlei Hinsicht vollkommen irrational ist: Es ist laut, hat einen hohen Energieverbrauch und ist technisch anf\u00e4llig \u2013 und trotzdem geben Liebhaber daf\u00fcr 500\u2019000 Franken und mehr aus.&#13;<\/p>\n<h3>Beim sogenannten Cross-Selling werden beispielsweise die Melonen neben dem Rohschinken platziert, damit beide Produkte als Kombination gekauft werden. Was passiert dabei genau in unseren K\u00f6pfen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIhr Beispiel mit den Melonen und dem Schinken will eine beliebte Kombinationsspeise andeuten, die als Prosciutto e Melone gerne genossen wird. Allgemein haben wir in unserem Gehirn Pr\u00e4ferenzen f\u00fcr gewisse Kulturg\u00fcter, wie etwa Lebensmittelmarken oder beliebte Speisen, gespeichert. Nehmen wir diese Kulturg\u00fcter wahr, l\u00f6sen sie in unserem Gehirn automatisch Ged\u00e4chtnisprozesse und Emotionen aus. Wir haben dies anhand der Pr\u00e4ferenz f\u00fcr die Marke Coca-Cola untersucht. Sieht ein Coca-Cola-Fan diese Marke \u2013 zum Beispiel eine Cola-Dose \u2013, dann l\u00f6st dies ein Feuerwerk an neurophysiologischen Erregungen in seinem Gehirn aus. Das kann dann dazu f\u00fchren, dass die in der N\u00e4he platzierten Produkte eher gekauft werden, weil die Motivation, sich etwas einzuverleiben, besonders hoch ist. \u00c4hnlich ist es, wenn man mit Hunger einkaufen geht.&#13;<\/p>\n<h3>Was passiert da?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nMan nennt das Appetenzverhalten. Hunger treibt uns dazu, dass wir uns unbewusst in die N\u00e4he von Esswaren bewegen. Wer also mit Hunger in einen Supermarkt geht, der kauft mehr Nahrungsmittel ein, weil er aufmerksamer daf\u00fcr ist und so auch den Rohschinken eher wahrnimmt.&#13;<\/p>\n<h3>Kann man sich davor sch\u00fctzen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nHilfreich ist sicherlich, wenn man sich vorg\u00e4ngig eine Einkaufsliste macht und sich stur daran h\u00e4lt.&#13;<\/p>\n<h3>Wie wichtig sind Gef\u00fchle beim Einkaufen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nSie sind essenziell. Denn aus psychologischer Sicht ist die Emotion ein Ph\u00e4nomen, das einen Mangelzustand anzeigt. Eine Differenz zwischen Soll- und Ist-Wert. Diese Differenz \u00e4ussert sich dann beispielsweise als Hunger, der uns antreibt. Wenn der Hunger befriedigt ist, tritt ein weiteres Gef\u00fchl auf, n\u00e4mlich die Belohnung. Dabei wird Dopamin im Lustzentrum ausgesch\u00fcttet. Und das ist ein irrer Moment, der nahezu wie ein Orgasmus wirkt. Dieses Gef\u00fchl kann sogar zur Sucht f\u00fchren. Das Dopamin ist der Grund, weshalb einige Leute Schuhe sammeln, die sie eigentlich gar nicht brauchen.&#13;<\/p>\n<h3>Das Bundesamt f\u00fcr Gesundheit ver\u00f6ffentlichte j\u00fcngst eine Studie, wonach fast 5 Prozent der Schweizer Bev\u00f6lkerung pathologisch \u2013 also krankhaft \u2013 kaufs\u00fcchtig sind. Wie entwickelt sich die Kaufsucht?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Prinzip passiert bei diesen krankhaften Menschen das Gleiche wie bei gesunden Personen, nur deutlich verst\u00e4rkt. In dem Moment, in dem sie das Produkt in den H\u00e4nden halten, wird das Lustzentrum aktiviert. Bei Kaufs\u00fcchtigen ist es nun so, dass sie immer mehr von diesem Dopaminausstoss haben wollen. Diesbez\u00fcglich unterscheiden sie sich auch nicht von Opiums\u00fcchtigen oder Spiels\u00fcchtigen, die im Endeffekt auch nur nach dem Aussch\u00fctten von Dopamin s\u00fcchtig sind. Das Problem ist: Irgendwann verselbstst\u00e4ndigt sich das, und das ist das Pathologische.&#13;<\/p>\n<h3>Was heisst \u00abverselbstst\u00e4ndigt sich\u00bb?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWir unterscheiden in diesem Zusammenhang das Wollen, das ist dopamingetrieben, vom M\u00f6gen, was endorphingetrieben ist. Bei S\u00fcchten verselbstst\u00e4ndigt sich das Verlangen nach den Dopaminsch\u00fcben. Das kann sogar so weit f\u00fchren, dass wir etwas wollen, was wir gar nicht m\u00f6gen.&#13;<\/p>\n<h3>Wie merkt man, ob man kaufs\u00fcchtig ist?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWenn man sich zu viel des Gleichen kauft, ohne es nutzen zu k\u00f6nnen. Sammler sind in gewisser Weise s\u00fcchtig nach dem Sammelobjekt. Krankheiten sind aber auch dadurch definiert, dass der Leidende in seinem Verhalten, Denken und F\u00fchlen eingeschr\u00e4nkt ist. Sammler fokussieren ihre Aufmerksamkeit und Ressourcen auf die Sammelobjekte und behalten in der Regel noch den Kontakt zum realen Leben.&#13;<\/p>\n<h3>Beim physischen Einkaufen ist diese Kaufsucht h\u00f6her als beim Onlineshoppen. Wieso?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas ist ein guter Punkt. Das Entscheidende ist der Moment, wenn man das Produkt physisch in den H\u00e4nden h\u00e4lt. Dann wird impulsartig Dopamin ausgesch\u00fcttet, und das erzeugt ein Gef\u00fchl der Belohnung und Verst\u00e4rkung. Beim Onlineshopping wird der gekaufte Gegenstand erst drei bis vier Tage sp\u00e4ter nach Hause geliefert. Trotzdem kann ich mir vorstellen, dass die Leute diese verz\u00f6gerte Belohnung mit der Zeit kompensieren k\u00f6nnen. Die Vorfreude ist bekanntlich auch mit Dopaminaussch\u00fcttungen verbunden, allerdings etwas schw\u00e4cher als beim direkten physikalischen Kontakt. Das kann sich aber durch Erfahrung und Lernen irgendwann so ver\u00e4ndern, dass kein grosser Unterschied zum direkten physikalischen Genuss vorliegt.&#13;<\/p>\n<h3>Die Studie zeigt, dass auch die Bildung das Kaufverhalten pr\u00e4gt. Erstaunt Sie das?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNein, ganz im Gegenteil. Wie gesagt: Das Gehirn arbeitet \u00fcberwiegend unbewusst. Die Berechnungen, die das Gehirn macht, basieren aber auf dem, was im Gehirn drin ist \u2013 wenn auch unbewusst. Und wenn da viel drin ist, kommt das Gehirn zu anderen Ergebnissen, als wenn da nichts drin ist. Was wir also gelernt haben, beeinflusst auch unser unbewusstes Verhalten. Das ist eine gute Nachricht: Wenn man also viel gelernt hat, kann man auch eine ganze Menge an unbewusstem Verhalten beeinflussen.&#13;<\/p>\n<h3>Wie genau?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nMenschen mit einer dezidierten Bildung haben sich ihre Bildung meist durch selbstdiszipliniertes Verhalten angeeignet. Diese Selbstdisziplin hilft ihnen dann auch, sich nicht allzu schnell den Verlockungen der Werbung hinzugeben.&#13;<\/p>\n<h3>Wie stark beeinflusst uns die Musik im Einkaufslokal?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWenn man sie richtig ausw\u00e4hlt, kann Musik uns in eine bestimmte Stimmung versetzen und Gef\u00fchle wecken.&#13;<\/p>\n<h3>Und was ist die richtige Musik?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nBeispielsweise weckt Weihnachtsmusik sch\u00f6ne Kindheitserinnerungen an das Weihnachtsfest. Das erzeugt dann Bed\u00fcrfnisse nach bestimmten Ger\u00fcchen, Esswaren und so weiter.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Wir werden alle komplett manipuliert. Aber ist das ethisch verwerflich?<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<\/p>\n<h3>Wo beginnt f\u00fcr Sie die Manipulation bei solchen Marketingtricks?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWir werden alle komplett manipuliert. Aber ist das ethisch verwerflich? Ich w\u00fcrde sagen Nein. Es ist ja nicht so, dass uns die Detailh\u00e4ndler zu etwas Schlechtem beeinflussen wollen. Manipulation ist das Grundprinzip unseres Daseins. Wir haben immer schon andere Menschen manipuliert. Wir versuchen in einem sozialen Kontext andere von unseren Ideen und Motiven zu \u00fcberzeugen. Wir m\u00fcssen vielmehr lernen, uns den Manipulationsgel\u00fcsten unseres Gegen\u00fcbers elegant zu erwehren, indem wir sie erkennen und gegebenenfalls aktiv dagegen vorgehen.&#13;<\/p>\n<h3>Als Neurowissenschaftler demontieren Sie das Menschenbild der \u00d6konomen, den Homo oeconomicus. Welche Diskussionen haben Sie mit \u00d6konomen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Homo oeconomicus funktioniert sicher nicht so, wie sich das die meisten \u00d6konomen vorstellen. Das wissen wir in der Psychologie, den Neurowissenschaften und der Verhaltensbiologie schon seit Langem.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Der Mensch beginnt erst \u00fcber Probleme nachzudenken, wenn sie ihn selbst erreichen<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3><\/h3>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3><\/h3>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3>Wie irrational der Mensch ist, das haben ja auch die Hamsterk\u00e4ufe von Toilettenpapier zu Beginn der Corona-Pandemie deutlich gemacht. Was passiert in dieser aussergew\u00f6hnlichen Zeit mit uns?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nPsychologisch interessant ist: Zun\u00e4chst war das Virus ganz weit weg \u2013 in China \u2013, und wir haben es nicht so ernst genommen. Der Mensch beginnt erst \u00fcber Probleme nachzudenken, wenn sie ihn selbst erreichen. Wir k\u00f6nnen uns ganz schlecht in existenzielle Probleme anderer Menschen hineinversetzen. Wir werden immer dann besonders hellh\u00f6rig, wenn es uns selbst betrifft oder die Probleme in unserem Lebensraum deutlich werden.&#13;<\/p>\n<h3>Und als das Virus bei uns war, setzte Angst ein?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIn unserer Generation haben wir eine solche Pandemie noch nie erlebt. Niemand, auch kein Virologe wusste, was passieren wird. Das menschliche Gehirn wurde mit etwas konfrontiert, das es nicht erkl\u00e4ren kann. Das \u00e4ussert sich in Angst, Chaos und Panik. Unser Gehirn ist ein Interpretationsorgan. Wenn es etwas nicht erkl\u00e4ren kann, mag es das nicht. Es will Konstanz haben. In der ersten Pandemie-Phase herrschten Unwissenheit, Angst und Panik. Die zweite Phase war durch Panikreduktion charakterisiert, die durch diverse Massnahmen eingeleitet wurde. Die dritte Phase ist f\u00fcr mich die Spannendste. Wir beginnen uns, an die Gefahr zu gew\u00f6hnen. Wir lernen: Da gibt es viele, die werden nicht so krank, es sterben doch nicht so viele \u2013 und dann nimmt die Panik ab. Wir werden dann gelassener, wenn nicht gar mutiger.&#13;<\/p>\n<h3>Kann das Gew\u00f6hnen der Grund sein f\u00fcr die zweite Welle?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa, das kann man so sehen. Wir beginnen zu lamentieren und nehmen die Gefahr nicht in gleichem Ausmass wahr wie in der ersten Welle.&#13;<\/p>\n<h3>Welche Auswirkungen haben das Homeoffice und die vielen Onlinemeetings auf uns?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nAus der Perspektive der Verhaltensbiologie ist unser Gehirn f\u00fcr reale Kommunikation konzipiert. Wir brauchen soziale Kontakte. Wir sehen uns zwar \u00fcber Videokonferenz, aber das sind nur Avatare, die wir auf den Bildschirmen sehen. Es ist zwar besser als nichts, aber das reicht auf Dauer nicht. Der Vorteil ist, dass wir gewisse Dinge \u00fcberdenken. Ich habe mir so viele Flugreisen erspart. Ich weiss, dass dies die Swiss nicht gerne h\u00f6rt. Aber ich habe vier Promotionen im Ausland digital get\u00e4tigt und mir dadurch dreit\u00e4gige Aufenthalte erspart. Das ist schon eine enorme Zeitersparnis und vor allem auch enorm umweltschonend.&#13;<\/p>\n<h3>Wann ist der reale Kontakt unabdingbar?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWir brauchen den realen Kontakt vor allem dann, wenn die zwischenmenschlichen Verhandlungen wichtig werden. Zum Beispiel bei einem Vertragsabschluss. Da muss man seine Verhandlungspartner kennen lernen und eine gewisse Zeit miteinander verbringen und sich in die Augen sehen. Ich merke das auch bei mir selber. Morgen fr\u00fch habe ich wieder eine Vorlesung \u00fcber Zoom vor 800 Studenten. Das ist schon ganz cool. Aber die Wirkung auf die Studenten ist eine ganz andere, wenn ich vor ihnen stehe. Ich sehe die Mimik, die Reaktionen, rede mit ihnen. Und ich bin sicher, dass diese Dynamik das Lernen f\u00f6rdert. Das fehlt jetzt.&#13;<\/p>\n<h3>Was passiert mit uns, wenn wir die realen Kontakte l\u00e4nger meiden m\u00fcssen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch vermute, dass wir leicht depressiv werden. Unter Menschen zu sein, ist ein Grundtrieb, den wir befriedigen m\u00fcssen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr J\u00e4ncke, als Neuropsychologe kennen Sie die Abl\u00e4ufe in unserem Gehirn. Fallen Sie trotzdem auf \u00abMarketingtricks\u00bb wie Rabatte, Ger\u00fcche und Musik in Gesch\u00e4ften herein? &#13; Klar. Ich bin auch nur ein ganz normaler Mensch. Insofern wirken bei mir \u00e4hnliche Mechanismen. 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