{"id":100781,"date":"2020-10-21T11:00:43","date_gmt":"2020-10-21T11:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/10\/comment-fonctionne-une-assurance\/"},"modified":"2023-08-23T22:51:39","modified_gmt":"2023-08-23T20:51:39","slug":"wie-funktioniert-eine-versicherung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/10\/wie-funktioniert-eine-versicherung\/","title":{"rendered":"Wie funktioniert eine Versicherung?"},"content":{"rendered":"<p>Wann lohnt sich eine Versicherung? Rationale Entscheider schliessen dann eine Versicherung ab, wenn der Nutzen ihrer Ver&shy;m\u00f6&shy;gensposition mit der Versicherung h\u00f6her ist als ohne. Dabei sch\u00e4tzen sie vor allem, dass eine Versicherung das Risiko ihrer Verm\u00f6gensposition reduziert. Dies wird erm\u00f6glicht, indem der Versicherer via Kollektivbildung die Risiken vieler Versiche&shy;rungs&shy;nehmer zu&shy;sam&shy;men&shy;f\u00fchrt. Eine wichtige Voraussetzung ist dabei, dass die zugrunde &shy;lie&shy;genden Risiken nicht vollst\u00e4ndig sto&shy;cha&shy;stisch abh\u00e4ngig sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nStochastische Unabh\u00e4ngigkeit bedeutet: Der Eintritt eines Schadens hat keine Auswirkung auf die Eintrittswahrscheinlichkeit eines anderen Schadens im Kollektiv des Versicherers. Liegt eine solche Unabh\u00e4ngigkeit vor, steigt zwar das absolute Risiko des Kollektivs<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> bei sukzessi&shy;vem Hinzuf\u00fcgen von Risiken, das relative Risiko nimmt hingegen ab. Die Resilienz auf indivi&shy;dueller Ebene wird dadurch gest\u00e4rkt: Der Versicherungsnehmer erh\u00e4lt im Schadenfall eine Entsch\u00e4digungsleistung, die vor allem durch die Pr\u00e4mien aller anderen Versicherungsteilneh&shy;mer finanziert wird, und erleidet so keine anhaltende Beeintr\u00e4chtigung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nViele Kollektive wie etwa Motorfahrzeug-, Feuer- oder Lebensversicherungen sind durch eine (weitgehende) stochastische Un&shy;ab&shy;h\u00e4ngig&shy;keit der darin befindlichen Risiken gekennzeich&shy;net. Das bedeutet, dass die Risi&shy;ken rein unsystematischer Natur sind und sich vollst\u00e4ndig diver&shy;si&shy;fi&shy;zieren lassen. Eine wichtige Ausnahme bilden Kollektive im Bereich der Naturkatastro&shy;phen, aber auch Pandemieereignisse.&#13;<\/p>\n<h2>Nutzen ist f\u00fcr Kunden zentral<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAus Kundenperspektive ist die Teilnahme an einem Ver&shy;si&shy;che&shy;&shy;rungskollektiv dann sinnvoll, wenn der Pr\u00e4mienzuschlag nicht h\u00f6her ist als der Nutzengewinn.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Der Pr\u00e4mienzuschlag ergibt sich aus der Differenz zwischen der Marktpr\u00e4mie und dem erwarteten Schaden und wird durch Trans&shy;&shy;aktions&shy;kosten, durch die Ent&shy;sch\u00e4digungen des Versicherers f\u00fcr die Risiko\u00fcbernahme, aber auch durch die Wett&shy;bewerbs&shy;intensit\u00e4t der Versicherungsindustrie bestimmt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie die aktuelle Corona&shy;-Krise deutlich macht, sind der Versicherung von Pandemierisiken un&shy;ter diesen Bedingungen enge Grenzen gesetzt. Denn die lokalen und globalen Diversifikati&shy;onsm\u00f6glichkeiten dieser Risiken sind eingeschr\u00e4nkt. Dies hat nicht nur zur Folge, dass die Diversifikation im Kollektiv gering ist, sondern f\u00fchrt \u00fcber hohe Entsch\u00e4digun&shy;gen f\u00fcr die Risikotragung auch zu Pr\u00e4mien, die kaum Nachfrage erzeugen.&#13;<\/p>\n<h2>Corona-Risiko schwer kalkulierbar<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie hoch die Zahl der Menschen in der Bev\u00f6lkerung ist, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, und wie sich diese Zahl \u00fcber die Zeit entwickelt, ist anhand der verf\u00fcgbaren Daten nur sehr schwer ab&shy;sch\u00e4tz&shy;bar.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Die (kumulativ) aufgef\u00fchrten positiv getesteten F\u00e4lle und der darauf basierende Repro&shy;duktions&shy;faktor erlauben kaum R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Zahl der tats\u00e4chlich In&shy;fi&shy;zier&shy;ten und ihre Entwicklung. Der Grund ist, dass eine klassische Stichprobenverzerrung vorliegt, weil die Getesteten nicht zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlt wurden, sondern vornehmlich Personen sind, die bereits Symptome einer Corona-Erkrankung zeigen, zu einer Risikogruppe geh\u00f6ren oder im medizinischen Sek&shy;tor arbeiten. Zudem muss eine sinnvolle Interpretation der positiv geteste&shy;ten F\u00e4lle auch ber\u00fccksichtigen, wie viele Tests insgesamt gemacht wurden und wie hoch da&shy;bei die Fehlerquote ist.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuch ein sinnvoller Vergleich der positiv Getesteten und der eingetretenen Todesf\u00e4lle \u00fcber verschiedene L\u00e4nder hinweg ist nicht leicht zu bewerkstelligen. Denn die Erfassungskriterien f\u00fcr Coronavirus-Todesf\u00e4lle sind h\u00e4ufig l\u00e4nderspezifisch. Dies ist bedeutsam, weil der Tod einiger Personen, die positiv getestet wurden oder an Corona erkrankt sind, nicht kausal auf das Virus zur\u00fcckf\u00fchrbar ist. Zudem ist der Anteil der Risikogruppen an der Ge&shy;samtbev\u00f6lke&shy;rung unterschiedlich und h\u00e4ngt nicht zuletzt von der demografischen Struktur eines Landes ab. Auch wegen anderer Aspekte wie etwa der Bev\u00f6lke&shy;rungs&shy;dichte eines Landes ist es selbst im Nachhinein nur beschr\u00e4nkt m\u00f6glich, die Effizienz ei&shy;ner getroffenen Risiko&shy;manage&shy;ment&shy;mass&shy;nahme zum Schutze der Bev\u00f6lkerung zu evaluieren. F\u00fcr die Versicherung von Pandemierisiken bedeutet dies, dass die Informationen \u00fcber die zu&shy;grunde liegende Schadengesetzm\u00e4ssigkeit unvollst\u00e4ndig sind. Dies erschwert Versicherungs&shy;l\u00f6sungen f\u00fcr Pandemien.&#13;<\/p>\n<h2>Versicherbarkeit aus Marktperspektive<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVerschiedene Arbeiten haben Kriterien entwickelt, die f\u00fcr eine Versicherbarkeit erf\u00fcllt sein m\u00fcssen.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Dazu geh\u00f6ren insbesondere Anforde&shy;rungen an die Informationstransparenz, die Messbarkeit eines Risikos sowie deren stochastische Abh\u00e4ngig&shy;keitsstruktur. Doch die in der Literatur genannten Kriterien sind nicht ausreichend trennscharf. Deshalb pl\u00e4diere ich f\u00fcr eine Definition von Versicherbarkeit, die auf Markt\u00fcberlegungen basiert: Die Zahlungsbereitschaft der Versicherungsnehmer muss \u00fcber dem Grenzpreis des Anbieters liegen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00dcbertr\u00e4gt man diese Forderung auf Modelle der Versicherungs-Nachfrage- und -Ange&shy;bots&shy;the&shy;orie, lassen sich im Kontext des Coronavirus einige grunds\u00e4tzliche Feststellungen treffen. So ist etwa die Zahlungsbereitschaft risikoscheuer Versicherungsnehmer hoch, da der nicht diversifizier&shy;bare Teil des Schadenrisikos erheblich ist. Denn der Schaden f\u00fcr die Versicherungsnehmer im Falle einer Pandemie bedeutet typischerweise, dass auch das eigene Verm\u00f6gen an Wert verliert und die pers\u00f6nlichen Einkommensm\u00f6glichkeiten reduziert werden. Trotzdem reicht die Zahlungsbereitschaft h\u00e4ufig nicht aus, die notwendigen Pr\u00e4mienzuschl\u00e4ge des Versicherers zu decken. Diese Pr\u00e4mienzuschl\u00e4ge sind deshalb so hoch, weil die M\u00f6glichkeiten zur Diversi&shy;fikation innerhalb dieses Risikotyps im Kollektiv gering sind und eine negative Korrelation zwi&shy;schen Sch\u00e4den und Kapitalmarktentwicklung vorliegt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUnter dem Strich bedeutet das: F\u00fcr Kundengruppen, die nicht bereit oder in der Lage sind, solch hohe Pr\u00e4mien zu bezahlen, kann die Resilienz im Pandemiefall nicht durch private Versiche&shy;rungsl\u00f6sungen hergestellt werden. Dies schliesst aber nicht aus, dass eine Kombina&shy;tion aus Finanzierungsinstrumenten und Versicherung \u2013 beispielsweise mittels Public-Private-Part&shy;nership-Konzepten \u2013 der richtige Weg ist, den finanziellen Folgen einer Pandemie zu begeg&shy;nen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieses l\u00e4sst sich beispielsweise anhand der Schadenvarianz messen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Vgl. hierzu Gatzert und Schmeiser (2012) und die dort zitierten Prim\u00e4rquellen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Vgl. hierzu ausf\u00fchrlich: Schmeiser, Hato (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">So wurden in der Schweiz z. B. in der 10. Kalenderwoche 2020 4801 Personen getestet, in der 20. Kalen\u00adder\u00adwoche 33\u2019191, in der 30. Kalenderwoche 35\u2019171 und in der 35. Kalenderwoche 73\u2019509. Vgl. hierzu: Bundesamt f\u00fcr Gesundheit (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Vgl. z. B. Berliner (1982); Berliner (1985); Karten (1997).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann lohnt sich eine Versicherung? Rationale Entscheider schliessen dann eine Versicherung ab, wenn der Nutzen ihrer Ver&shy;m\u00f6&shy;gensposition mit der Versicherung h\u00f6her ist als ohne. Dabei sch\u00e4tzen sie vor allem, dass eine Versicherung das Risiko ihrer Verm\u00f6gensposition reduziert. 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How to Expand the Limits to Insurability, Geneva Papers on Risk and Insurance, Vol. 22, Nr. 85: 515\u2013522.<\/li>&#13;\n \t<li>Schmeiser, Hato (2020). <a href=\"https:\/\/www.svv.ch\/de\/newsroom\/unsichere-datenlage-hemmt-erfolgreiches-risikomanagement\">Covid-19: Unsichere Datenlage hemmt erfolgreiches Risiko\u00admanagement<\/a>, Gast\u00adbeitrag Schweizerischer Versicherungsverband SVV, April 2020.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":100784,"main_focus":[155953,156772],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":100788,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"98148","post_abstract":"Damit sich eine Versicherung f\u00fcr Kunden lohnt, muss ein erheblicher Teil des Risikos diversifizierbar sein. Eine wichtige Voraussetzung daf\u00fcr ist, dass die zugrunde \u00adlie\u00adgenden Risiken nicht vollst\u00e4ndig sto\u00adcha\u00adstisch abh\u00e4ngig sind. Genau dies ist bei Pandemien aber nicht der Fall, weshalb die Risiken kaum diversifizierbar sind. Erschwerend kommt hinzu, dass bei Pandemien die Da\u00adtenlage zur Sch\u00e4tzung von Schadenereignissen eingeschr\u00e4nkt ist. 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