{"id":100796,"date":"2020-10-21T11:00:43","date_gmt":"2020-10-21T11:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/10\/simmiscer-dans-loeuvre-divine\/"},"modified":"2023-08-23T22:51:48","modified_gmt":"2023-08-23T20:51:48","slug":"in-gottes-handwerk-pfuschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/10\/in-gottes-handwerk-pfuschen\/","title":{"rendered":"In Gottes Handwerk pfuschen"},"content":{"rendered":"<p>Die Schutzmaske im Bus oder das Desinfizieren der H\u00e4nde vor dem Eintreten in den Supermarkt: Das sind nur zwei von vielen Beispielen, die zeigen, wie pr\u00e4sent Vorsorge momentan in unserem Alltag ist. Doch Vorsorge \u2013 das heisst Vorsichtsmassnahmen treffen, um das Risiko zuk\u00fcnftiger Schadensf\u00e4lle zu mindern \u2013 gibt es nicht erst seit der Corona-Pandemie. Vielmehr ist ihre Geschichte so alt wie die gesamte Menschheitsgeschichte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSchon immer hatten Menschen mit Gefahren zu k\u00e4mpfen und entwickelten daher Strategien, mit ihnen umzugehen. Vorsorgliche Massnahmen erschienen stets als vielversprechend, weil sie die Hoffnung n\u00e4hrten, Sch\u00e4den schon von vornherein zu verhindern. Man bereitete sich also in der Gegenwart auf zuk\u00fcnftige Gefahren vor, auf Kriege genauso wie auf Seuchen, Unf\u00e4lle und Katastrophen. In der j\u00fcngeren Geschichte kamen auch Versicherungen gegen Verarmung und Arbeitslosigkeit hinzu. So hoffte man, ihnen zuvorzukommen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSolche Vorkehrungen, die uns heute auf Anhieb einleuchten, stiessen jedoch nicht immer auf Gegenliebe. Im Mittelalter galten sie vielen als ketzerisch, weil sie in Gottes Handwerk pfuschten und die Vorsehung untergruben. Gleichwohl finden wir bereits in dieser Epoche viele F\u00e4lle, in denen Menschen sich eben nicht ihrem Schicksal hingaben oder allein auf Gebete setzten, sondern vielmehr aktiv die Zukunft zu beeinflussen suchten. Auffallend h\u00e4ufig ging es dabei um Naturgefahren, \u00dcberschwemmungen, Bergst\u00fcrze und Extremereignisse, die fest zum Alltagsleben geh\u00f6rten. Bis etwa in die Mitte des 18. Jahrhunderts blieben Eingriffe in die Natur, um Gefahren abzuwehren, jedoch Einzelf\u00e4lle.&#13;<\/p>\n<h2>Technikeuphorie bricht aus<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit der Industrialisierung und der Staatenbildung im 19. Jahrhundert wendete sich das Blatt. Naturkatastrophen galten als Bremsklotz f\u00fcr den wirtschaftlichen Aufschwung, ihre Bek\u00e4mpfung bedeutete Fortschritt. Zudem konnte ihre erfolgreiche Abwehr das Nationalgef\u00fcge und das Vertrauen in den Staat st\u00e4rken. So auch in der Schweiz: Grossbaustellen wie die damals so genannte \u00abKorrektion\u00bb der Linth hatten trotz ihres hohen Konfliktpotenzials vor allem eine einigende Wirkung und symbolisierten menschliche Gestaltungsmacht gegen\u00fcber einer vermeintlich wilden Natur. Sie waren gigantische Vorsorgeprojekte, die die Gefahr von \u00dcberschwemmungen abstellen sollten. Zugleich kapitalisierten sie Fl\u00fcsse in Form von Anleihegesch\u00e4ften, intensivierten den Schiffsverkehr und schufen Anbaufl\u00e4chen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZur selben Zeit entdeckten Kunst, Musik, Literatur und Schaustellerei die Naturkatastrophe als popul\u00e4res Sujet, von dem eine breite Faszination ausging. Renommierte K\u00fcnstler wie William Turner oder Philip James De Loutherbourg malten sie als abstossend und anziehend zugleich. Sie machten Extremereignisse wie \u00dcberschwemmungen und Erdbeben f\u00fcr breite Kreise erfahrbar und sorgten daf\u00fcr, dass solchen Ereignissen mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit zuteilwurde.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie technische Pr\u00e4vention in Form von Flussbegradigungen oder Lawinenverbauungen machte Schule. Und sie zeigte schnellen Erfolg. Viele kleinere, allt\u00e4gliche Sch\u00e4den wie vernichtete Ernten, vollgelaufene Keller oder zerst\u00f6rte D\u00e4cher gingen zur\u00fcck. Krankheiten wie Malaria und Cholera liessen sich eind\u00e4mmen. Doch die langfristige umfassende Beseitigung von Naturgefahren, die man sich anf\u00e4nglich versprochen hatte, blieb aus. Das lag nicht zuletzt auch daran, dass die geringeren Risiken wiederum neue Begehrlichkeiten weckten: Die Menschen siedelten enger an Fl\u00fcsse und konzentrierten immer h\u00f6here Verm\u00f6genswerte in Gefahrenregionen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch das Gef\u00fchl von Sicherheit, das die technische Pr\u00e4vention hervorgerufen hatte, war tr\u00fcgerisch. Oftmals reichte schon eine \u00dcberschwemmung gerade erst begradigter Fl\u00fcsse, um gr\u00f6sseren Schaden anzurichten als Dutzende Hochwasser zuvor. Dar\u00fcber hinaus konnte sich schnell Vorsorgefrust einstellen, wenn die Berechnungen und Vorhersagen der Pr\u00e4ventionsexperten nicht aufgingen. Das zeigten etwa die Vorf\u00e4lle am Kilchenstock \u00fcber dem Glarner Dorf Linthal, als der Ort 1924 gleich mehrfach evakuiert wurde und man grosse Schutzw\u00e4lle errichten liess, der Katastrophenfall \u2013 der erwartete Bergsturz \u2013 aber ausblieb.&#13;<\/p>\n<h2>Versicherungen wittern Gesch\u00e4ft<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAus dieser Vorsorgeproblematik liess sich Profit schlagen, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen neuen, jedoch schon damals gut bekannten Akteur auf den Plan rief: die Versicherung. Ihr Gesch\u00e4ftsmodell war es, im Schadensfall finanziell zu kompensieren. Im Gegensatz zur bis anhin bekannten technischen Vorsorge versuchte sie jedoch nicht, die Naturgefahr als solche zu verhindern. Vielmehr federte sie im Nachhinein den wirtschaftlichen Schaden ab.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nLange Zeit hatte sich die Branche eher zur\u00fcckgehalten, sich auf Feuer und Hagel beschr\u00e4nkt. Andere Naturgefahren wie \u00dcberschwemmungen oder Erdbeben schienen unkalkulierbar, ihre Sch\u00e4den viel zu gross. Erst als sich um 1900 R\u00fcckversicherer wie Swiss Re und Munich Re in Kooperation mit Erstversicherern und staatlichen Beh\u00f6rden vorwagten, nahm ein neuer Markt Konturen an.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDabei profitierte die Versicherungsbranche von den Anspr\u00fcchen, welche die technische Pr\u00e4vention geweckt hatte. Auch konnte sie sich das neue Wissen der Natur- und Ingenieurswissenschaften zunutze machen, um Pr\u00e4mien genauer zu berechnen. Denn daran waren in fr\u00fcheren Zeiten immer wieder Versicherungsinitiativen gescheitert. Es gab kaum brauchbare Statistiken und fundiertes Wissen, mit dessen Hilfe sich \u00dcberschwemmungs- oder Erdbebenwahrscheinlichkeiten extrapolieren liessen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch auch mit neuem Schwung lief das Gesch\u00e4ft zun\u00e4chst z\u00e4h, weil die Risikokumulation unvorteilhafter war als in den meisten anderen Bereichen: Wer nicht in Fluss- oder Erdbebenregionen wohnte, schloss auch keine entsprechende Police ab, weshalb die Versicherer Gefahr liefen, nur schlechte Risiken zu sammeln. So konnte schon ein einziges Schadensereignis, wie das Erdbeben 1906 in San Francisco, ausreichen, um ganze Unternehmen zu ruinieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn vielen Regionen, so auch in den meisten Kantonen der Schweiz, f\u00fchrten die Beh\u00f6rden daher obligatorische Elementarschadenversicherungen ein und sorgten damit f\u00fcr eine breitere Risikostreuung. Ein weiterer Ausweg war es, weiter in internationale M\u00e4rkte vorzudringen und dort nur einzelne Objekte, also H\u00e4userreihen, Br\u00fccken oder Fabriken, zu versichern, um eine globale Verteilung zu erzielen.&#13;<\/p>\n<h2>Die Vermessung des Ungewissen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDoch es w\u00fcrde zu kurz greifen, die Versicherungsbranche allein auf die finanzielle Kompensation im Schadensfall zu reduzieren. Ihr Einfluss auf den modernen Markt der Vorsorge war viel breiter. Grosskonzerne wie die Swiss Re erfanden sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts als Dienstleister neuen Formats. Sie entwickelten und vertrieben Expertise im Bereich der Naturrisiken. Dazu gr\u00fcndeten sie eigene Forschungsabteilungen und \u00fcbernahmen spezialisierte Unternehmen mit dem Ziel, das vormals Unkalkulierbare zu kalkulieren. Die Natur wurde nun endg\u00fcltig berechenbar.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHinzu kamen Ende des 20. Jahrhunderts Klima-, Katastrophen- und Risikoforscher, die nicht nur die Natur, sondern auch das menschliche Verhalten vor, w\u00e4hrend und nach der Katastrophe untersuchten. Denn der Mensch sei der Schl\u00fcssel, um moderne Gesellschaften resilient zu machen. Zusammen mit der Umweltbewegung verwiesen sie auf die Verantwortung des Menschen f\u00fcr seinen Planeten. Sie betonten, dass es vor allem die mangelnde Anpassungsbereitschaft des Homo oeconomicus sowie die Ausbeutung nat\u00fcrlicher Ressourcen und die vielen fatalen Eingriffe in den Kreislauf der Natur seien, welche die Gefahren versch\u00e4rften. Denn Statistiken zeigten eines ganz deutlich: Die Schadenssummen nahmen in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts stetig zu. Das lag nicht nur daran, dass mehr versichert wurde. Die volkswirtschaftlichen Sch\u00e4den insgesamt stiegen an, weil sich die Umweltbedingungen durch den Klimawandel ver\u00e4nderten und die Infrastruktur moderner Gesellschaften durch Industrialisierung, Urbanisierung und Bev\u00f6lkerungszuwachs immer anf\u00e4lliger f\u00fcr Katastrophen wurde.&#13;<\/p>\n<h2>Ungewollte Nebeneffekte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nJe vielf\u00e4ltiger dieser Markt der Katastrophenvorsorge mit all seinen Experten, Beh\u00f6rden und Unternehmen wurde, desto mehr verlernte jeder Einzelne sch\u00fctzende Verhaltensweisen im Umgang mit den Gefahren der Natur \u2013 wie \u00fcberhaupt mit \u00e4usseren Bedrohungen. Das zeigt nicht zuletzt auch die Corona-Pandemie. Die individuelle Verantwortung f\u00fcr Vorsorge ist in modernen Staaten fast vollst\u00e4ndig delegiert. Vor allem in Europa setzen Regierungen eher auf Verbote und Strafen, staatliche Notreserven und Katastrophenschutzdienste. Zugleich erscheinen die meisten Naturkatastrophen genauso wie Seuchen als Ausnahmeereignisse, was sie jedoch nicht sind. Das macht wiederum ein Blick in die Geschichte deutlich. Vielmehr sind sie ein st\u00e4ndiger Begleiter der Menschheit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Errungenschaften der Moderne, die technische Pr\u00e4vention genauso wie die versicherungswirtschaftliche Vorsorge, wurden der Menschheit selbst zum Verh\u00e4ngnis. Denn zum einen kann erfolgreiche Vorbeugung dazu f\u00fchren, dass die Gefahr, gegen die sie gerichtet war, aus der Erfahrungswelt verschwindet \u2013 vor allem dann, wenn man gar nicht mehr selber f\u00fcr die Vorsorge verantwortlich ist. So kann sich schnell Kritik formieren, die bestimmte Massnahmen f\u00fcr \u00fcberzogen h\u00e4lt, obwohl gerade diese daf\u00fcr sorgen, dass die Gefahr gebannt bleibt. Impfungen zum Beispiel sorgen daf\u00fcr, dass nicht nur die Krankheiten verschwinden, gegen die sie gerichtet sind, sondern auch das Bewusstsein f\u00fcr die Gefahr, die von ihnen ausgeht. So kann sich schnell Impfm\u00fcdigkeit einstellen. Mit anderen Worten: Je erfolgreicher ein Impfprogramm ist, desto gr\u00f6sser wird die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen es f\u00fcr unn\u00f6tig halten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAndererseits kann Vorsorge selbst Sch\u00e4den hervorrufen, die vielleicht sogar das Ausmass der Gefahr \u00fcbersteigen, die sie eigentlich bek\u00e4mpfen wollte. Die im 19. Jahrhundert begradigten Fl\u00fcsse etwa entwickelten eine viel h\u00f6here Fliessgeschwindigkeit, was wiederum zu einer gr\u00f6sseren Hochwassergefahr an Unterl\u00e4ufen f\u00fchrte. \u00c4hnliches l\u00e4sst sich im Seuchenfall beobachten: Lockdowns gef\u00e4hrden soziale Beziehungen, die Arbeitswelt und die Wirtschaft. Wer vorsorgt, muss also immer auch abw\u00e4gen und neue Risiken eingehen, die zu Rezessionen und politischen oder sozialen Krisen f\u00fchren k\u00f6nnen. Diese Gefahren zu berechnen, ist vielleicht die dr\u00e4ngendste und zugleich schwierigste Herausforderung der Zukunft.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schutzmaske im Bus oder das Desinfizieren der H\u00e4nde vor dem Eintreten in den Supermarkt: Das sind nur zwei von vielen Beispielen, die zeigen, wie pr\u00e4sent Vorsorge momentan in unserem Alltag ist. Doch Vorsorge \u2013 das heisst Vorsichtsmassnahmen treffen, um das Risiko zuk\u00fcnftiger Schadensf\u00e4lle zu mindern \u2013 gibt es nicht erst seit der Corona-Pandemie. 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