{"id":100826,"date":"2020-10-21T11:00:43","date_gmt":"2020-10-21T11:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/10\/leglise-pierre-angulaire-de-lordre-economique-moderne\/"},"modified":"2023-08-23T22:51:47","modified_gmt":"2023-08-23T20:51:47","slug":"die-kirche-grundstein-der-modernen-wirtschaftsordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/10\/die-kirche-grundstein-der-modernen-wirtschaftsordnung\/","title":{"rendered":"Die Kirche \u2013 Grundstein der modernen Wirtschaftsordnung?"},"content":{"rendered":"<p>Der Titel dieses Beitrags mag manche Lesende stutzig machen: Was hat denn die Kirche, dazu noch die katholische, mit der modernen Wirtschaft zu tun? Nun, mehr als man auf den ersten Blick meint. Der irische Althistoriker Peter Brown machte in seinem 2012 erschienenen Buch \u00abDer Schatz des Himmels \u2013 Der Aufstieg des Christentums und der Untergang des r\u00f6mischen Weltreichs\u00bb auf die ambivalente Beziehung von Christentum und Wirtschaft aufmerksam. Einerseits kritisierten die Kirchenv\u00e4ter des 3. bis 5. Jahrhunderts den Reichtum als Lebensziel gem\u00e4ss dem Spruch Jesu, dass ein Kamel durch ein Nadel\u00f6hr leichter gehe, als ein Reicher in die Herrlichkeit des Himmels gelange. Sie \u00fcbten eine starke Sozialkritik aus, betrachteten die Armen als den Schatz der Kirche und f\u00f6rderten eine Kultur der Barmherzigkeit \u2013 das heisst die F\u00fcrsorge und die Umverteilung zugunsten der Armen. Dies zu tun, sei der beste Weg, um einen \u00abSchatz im Himmel\u00bb zu haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAndererseits fand zwischen den Jahren 350 und 600 ein bedeutsamer Wandel statt, als die Eliten der Sp\u00e4tantike in die Kirche hineinstr\u00f6mten und Bischofssitze und weitere wichtige \u00c4mter besetzten: Nun diente die Rede vom \u00abSchatz im Himmel\u00bb vielfach dazu, Sch\u00e4tze in der Kirche selbst zu sammeln. Diese Ambivalenz hat den weiteren Verlauf des Christentums gepr\u00e4gt: Der Reichtum der Kirche, die F\u00fcrsorge f\u00fcr die Armen und das Schicksal der Seele waren oft miteinander verbunden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAls Grunds\u00e4ule einer christlich gepr\u00e4gten Gesellschaft und Wirtschaft blieb die Kultur der Barmherzigkeit weiterhin pr\u00e4gend. Ihr verdanken wir die Entstehung der ersten Form des \u00abSozialstaates\u00bb in der europ\u00e4ischen Kultur: Getragen vom Gedanken, dass ihr Einsatz f\u00fcr die Notleidenden dem eigenen Heil f\u00f6rderlich sei, stifteten fromme, verm\u00f6gende Christen Spit\u00e4ler f\u00fcr Kranke und Herbergen f\u00fcr Arme und Pilger, die dann zumeist von daf\u00fcr entstandenen Ordensgemeinschaften oder Laienbruderschaften betreut wurden. Ein gutes Beispiel dieses \u00abStiftens f\u00fcr das Seelenheil\u00bb in der Schweiz ist das Testament der Bernburgerin Anna Seiler. Im Jahr 1354 stiftete sie einen Grossteil ihrer Besitzt\u00fcmer und Eink\u00fcnfte, damit ein Spital \u00abf\u00fcr 13 bettl\u00e4grige und bed\u00fcrftige Personen\u00bb errichtet werden k\u00f6nne, das \u00abstets und ewig\u00bb bestehen solle. Aus dieser Stiftung entstand im Laufe der Zeit das Berner Inselspital \u2013 heute eines der gr\u00f6ssten Spit\u00e4ler der Schweiz. Andere Stiftungen kamen freilich Kirche und Klerus selbst zugute und mehrten deren Reichtum, was eine der Ursachen f\u00fcr die Reformation in Teilen Europas war.&#13;<\/p>\n<h2><strong>\u00abF\u00f6rdern und fordern\u00bb<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVergleicht man die Interventionen des Z\u00fcrcher Reformators Heinrich Bullinger beim Rat zur Frage der Armutsbek\u00e4mpfung (1558 und 1572) mit der einige Jahrzehnte zuvor erschienenen Schrift des Spaniers Juan Luis Vives \u00ab\u00dcber die Unterst\u00fctzung der Armen\u00bb (1526) f\u00fcr die katholische Stadt Br\u00fcgge, so merkt man: Beide Zweige des Christentums wurzeln in der sogenannten Kultur der Barmherzigkeit. Neu ist im 16. Jahrhundert, dass die Kommunen und Staaten anfangen, die Armenf\u00fcrsorge als eine eigene Aufgabe zu betrachten, und die Kirche nicht mehr das Monopol daf\u00fcr hat. Von dort bis zum modernen Sozialstaat ist der Weg nicht mehr weit. \u00dcbrigens bestand das Konzept Vives\u2019 in \u00abF\u00f6rdern und fordern\u00bb, das heisst Unterst\u00fctzung der Bed\u00fcrftigen, aber auch Ermutigung zur Selbsthilfe, etwa durch den Einsatz bei kommunalen Arbeiten oder die Erm\u00f6glichung einer beruflichen Ausbildung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin anderer Aspekt von bleibender Aktualit\u00e4t ist der Beitrag von Theologen und Kirchen zum Verst\u00e4ndnis des Gemeinwohls als weitere S\u00e4ule und Konzept einer gerechten Wirtschaftsordnung. Es gen\u00fcgt hier, auf den \u00abspanischen\u00bb Theologen Francisco de Vitoria (1483\u20131546) zu verweisen. Ausgehend vom naturrechtlichen Universalismus, postulierte er, dass am Anfang der Welt alles allen geh\u00f6rte. Das Privateigentum sei gleichwohl legitim, weil die Menschen es mit der Zeit und durch allgemeinen Konsens aufgrund seiner N\u00fctzlichkeit so eingerichtet h\u00e4tten. Aber dieses, so Vitoria, behalte sozusagen eine \u00absoziale Hypothek\u00bb, sofern es dem Gemeinwohl des gesamten Gemeinwesens zu dienen hat.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Gemeinwohl hat Vorrang<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDass das Privateigentum durch menschliches Recht eingef\u00fchrt wurde, ist laut Vitoria der Grund daf\u00fcr, warum in Ausnahmef\u00e4llen das zugrunde liegende Gemeineigentum Vorrang hat. Ausnahmen sind etwa extreme Not oder ein Eingriff des Staates zugunsten des Gemeinwohls. Nach Vitoria w\u00e4re allerdings zu ber\u00fccksichtigen, dass das Individuum als freies Rechtssubjekt dem staatlich verordneten Gemeinwohl \u00abnicht restlos\u00bb ausgeliefert ist, denn das Gemeinwohl setzt sich aus dem Wohl der Einzelnen zusammen. Deswegen behalte das Privateigentum seine grunds\u00e4tzliche Berechtigung, sodass man in einem christlich gepr\u00e4gten Staat eine gute Balance zwischen Gemeinwohl, Privateigentum und einer Kultur der Barmherzigkeit finden m\u00fcsse. Dazu geh\u00f6rt auch ein Perspektivenwechsel. Der spanische Theologe Bartolom\u00e9 de Las Casas (ca. 1484\u20131566) forderte daher, man m\u00fcsse die Dinge aus der Sicht der \u00c4rmsten \u2013 \u00abwie wenn wir Indianer w\u00e4ren\u00bb \u2013 betrachten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAm deutlichsten hat die katholische Kirche die moderne Wirtschaftsordnung durch ihre Soziallehre beeinflusst. Diese gr\u00fcndet auf dem sozialen Rundschreiben \u00abRerum novarum\u00bb aus dem Jahr 1891. Seither ist sie stetig fortgeschrieben worden \u2013 zuletzt im Oktober 2020 mit \u00abFratelli tutti\u00bb von Papst Franziskus. Die katholische Soziallehre will \u00abRichtlinien f\u00fcr ein ethisch verantwortbares Handeln\u00bb erarbeiten, aber keine konkreten L\u00f6sungen f\u00fcr die anstehenden Probleme anbieten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Konkretisierung erfolgt lokal unterschiedlich und obliegt den jeweiligen Wissenschaftlern (inklusive Theologen), Politikern, Sozialpartnern und Wirtschaftsf\u00fchrern. Diese m\u00fcssen sich aber an die Richtlinien der Soziallehre halten. So gilt es das Gemeinwohl der jeweiligen Gesellschaft, aber auch der Weltgesellschaft oder Menschheitsfamilie zu ber\u00fccksichtigen. Im Zentrum soll stets der Mensch stehen \u2013 und nicht das Kapital. Weitere Grunds\u00e4tze sind die Subsidiarit\u00e4t (partizipative Strukturen der Mitbestimmung in den Unternehmen, den Organisationen und den Staaten) sowie die Solidarit\u00e4t und die Nachhaltigkeit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAlle diese Prinzipien sind aus der heutigen Wirtschaftsordnung nicht mehr wegzudenken; und sie sind in ihrer Herkunft nicht exklusiv christlich. Vielmehr zeigt sich darin eine Konvergenz zwischen christlicher Sozial- oder Wirtschaftsethik mit dem modernen Rechts- und Sozialstaat, der auch von anderen Str\u00f6mungen wie Sozialismus und Liberalismus gepr\u00e4gt worden ist.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Taten statt Worte<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr das Zweite Vatikanische Konzil (1962\u20131965) besteht die politische Gemeinschaft um des Gemeinwohls willen, in dem sie \u00abihre letztg\u00fcltige Rechtfertigung und ihren Sinn\u00bb hat und aus dem sie \u00abihr urspr\u00fcngliches Eigenrecht\u00bb ableitet. Das Gemeinwohl darf dabei nicht auf den einzelnen Staat eingeschr\u00e4nkt werden, sondern muss \u00abdem Gemeinwohl der ganzen Menschheitsfamilie Rechnung tragen\u00bb. In dieser Denktradition enth\u00e4lt die kirchliche Soziallehre bekannte Wortsch\u00f6pfungen wie etwa \u00abGlobalisierung der Solidarit\u00e4t\u00bb. Klar ist: Der Weg zu einer gerechteren Wirtschaftsordnung ist auch heute noch weit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWelche globale Instanz sollte zum Beispiel entscheiden, wie man unter Beachtung des Weltgemeinwohls und der vorrangigen Sorge um die Notleidenden beziehungsweise Rechtlosen die Migrationsbewegungen lenken oder die Ressourcen verteilen kann, damit wirklich alle Menschen das Recht auf \u00abLife, Liberty and the Pursuit of Happiness\u00bb wahren k\u00f6nnen, von dem die amerikanische Verfassung spricht und das wir als globale Aufgabe verstehen sollten? Und nach welchen Kriterien sollen diese Entscheidungen getroffen werden? Wie soll man bei der G\u00fcterabw\u00e4gung mit Konfliktsituationen umgehen? Wie soll die heute in vielen Diskussionsforen vorhandene Neigung zum anthropologischen Optimismus mit der alten theologischen und philosophischen \u00abKonkupiszenzlehre\u00bb, wonach der Mensch auch ein fehlbares, zur Habgier neigendes Wesen ist, zusammengedacht werden? Die letzte Finanzkrise d\u00fcrfte die Fehlbarkeit des Menschen wieder einmal deutlich gezeigt haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAngesichts dieser Fragen ist von Kirchen und Theologen zu erwarten, dass sie nicht bei der Aufstellung von Handlungsprinzipien stehen bleiben, sondern in die weltliche Arena absteigen und zur Gestaltung einer gerechteren Wirtschaftsordnung mit konkreten Vorschl\u00e4gen beitragen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel dieses Beitrags mag manche Lesende stutzig machen: Was hat denn die Kirche, dazu noch die katholische, mit der modernen Wirtschaft zu tun? 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