{"id":100856,"date":"2020-10-21T11:00:43","date_gmt":"2020-10-21T11:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/10\/les-reseaux-sociaux-ont-encore-peu-dinfluence-sur-la-politique-suisse\/"},"modified":"2023-08-23T22:52:13","modified_gmt":"2023-08-23T20:52:13","slug":"social-media-noch-kaum-einfluss-auf-schweizer-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/10\/social-media-noch-kaum-einfluss-auf-schweizer-politik\/","title":{"rendered":"Social Media: Noch kaum Einfluss auf Schweizer Politik"},"content":{"rendered":"<p>Haben die sozialen Medien die letzten US-Wahlen ausschlaggebend beeinflusst? Klare Aussagen sind schwierig, denn die grossen Social-Media-Plattformen \u2013 allen voran Facebook \u2013 sind intransparent und f\u00fcr unabh\u00e4ngige Forschende kaum zug\u00e4nglich. Aufgrund dieser Intransparenz ist auch die Frage des Einflusses der sozialen Medien auf die Schweizer Politik nicht ganz einfach zu beantworten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm f\u00fcr die Schweiz empirische Daten zu erhalten, haben wir an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich das \u00ab<a href=\"https:\/\/digdemlab.io\">Digital Democracy Lab<\/a>\u00bb aufgebaut. In dieser Forschungsinfrastruktur befinden sich riesige Datenmengen zum Nutzerverhalten in den sozialen Medien.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Digitaler Wahlkampf?<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Vorfeld der eidgen\u00f6ssischen Wahlen 2019 erwarteten viele den ersten digitalen Wahlkampf der Schweiz. Unsere Analyse zeigt jedoch, dass zwar Online-Kampagnen gef\u00fchrt wurden, ihre Reichweite und ihre Einflussm\u00f6glichkeiten allerdings beschr\u00e4nkt blieben.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> So waren zwar mehr als drei Viertel der Kandidierenden auf Facebook, Twitter und Instagram pr\u00e4sent \u2013 die wenigsten konnten damit aber grosse Reaktionen ausl\u00f6sen. Viele Kandidierende waren w\u00e4hrend des Wahlkampfs sogar komplett inaktiv in ihren Profilen. Auf Twitter kommunizierten nur knapp 30 Prozent der Kandidierenden mit einem Account einmal pro Woche aktiv.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuf Facebook verf\u00fcgten die meisten der \u00fcber 4500 Kandidierenden \u00fcber ein pers\u00f6nliches Profil \u2013 aber nur etwa 200 hatten eine sogenannte \u00f6ffentliche Seite, die mehr als 5000 Follower und den Kauf von Werbung erm\u00f6glicht. Kurz: Der Online-Auftritt der meisten Kandidierenden war wenig professionell. Online dominierte insbesondere die Debatte \u00fcber den Wahlkampf selbst, w\u00e4hrend inhaltliche Diskussionen weiterhin prim\u00e4r in den Zeitungen gef\u00fchrt wurden. Social Media hat die traditionellen Kan\u00e4le somit noch nicht ersetzt.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Lauer Abstimmungskampf<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie sieht es bei Volksabstimmungen aus? Im Kontext der beiden Abstimmungsvorlagen \u00abMehr bezahlbare Wohnungen\u00bb und \u00abDiskriminierung und Aufruf zu Hass aufgrund der sexuellen Orientierung\u00bb haben wir \u00fcber eine Million Tweets von politisch interessierten Personen und Organisationen \u2013 inklusive Parteien, Politikerinnen und Politiker sowie deren Follower \u2013 ausgewertet.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs erstaunt, wie wenig sich insbesondere Politiker und Parteien auf Twitter zu den Abstimmungsvorlagen und auch sonst zu anderen politischen Themen ge\u00e4ussert haben:&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Schnitt beinhalteten nur 5 Prozent der Tweets von Politikern und Parteien Hashtags oder Begriffe, die politisch identifiziert werden k\u00f6nnen. Bei den Accounts der breiteren Twitter-Nutzerschaft waren es noch weniger: zwischen 2 und 3 Prozent.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Anteil an politischen Tweets allgemein und zu den zwei Abstimmungsvorlagen spezifisch ist also recht klein. Politik scheint in der Kommunikation auf den sozialen Medien somit wenig relevant zu sein. Das kann technische Gr\u00fcnde haben, da es schwierig ist, Kurznachrichten eindeutig einem bestimmten Thema zuzuordnen. Andererseits ist es durchaus m\u00f6glich, dass sich die Kommunikation nicht nur um politische Inhalte dreht, sondern Politikerinnen und Politiker die Plattformen auch nutzen, um sich selbst als zug\u00e4ngliche und interessante Pers\u00f6nlichkeiten darzustellen. Ein anderer m\u00f6glicher Grund f\u00fcr den geringen Anteil politischer Tweets vor der untersuchten Abstimmung k\u00f6nnte in der Thematik liegen: Allenfalls wollten sich viele politisch interessierte Twitter-Nutzer gar nicht zu den Abstimmungsthemen Wohnungspolitik und LGBT \u00e4ussern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn den letzten Monaten hat die Corona-Pandemie die \u00f6ffentliche Debatte stark gepr\u00e4gt. Trotzdem \u00e4usserten sich nur wenige Politiker dazu auf Twitter (siehe <em>Abbildung<\/em>). Nur jeder f\u00fcnfte hat sich w\u00e4hrend des Lockdowns im M\u00e4rz dazu ge\u00e4ussert. Wichtiger scheint das Thema f\u00fcr Twitter-Nutzende zu sein, die mindestens f\u00fcnf Schweizer Zeitungen auf Twitter folgen: Rund ein Drittel \u00e4usserte sich Ende M\u00e4rz zu Covid-19. Wesentlich pr\u00e4senter war das Thema in den Artikeln von traditionellen Medienportalen: Covid-19 erreichte dort einen Anteil von 70 Prozent.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Corona auf Twitter: Politiker und Follower von Schweizer Zeitungen (Dezember 2019 bis August 2020)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/09\/Gilardi_DE.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-99373\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/09\/Gilardi_DE.png\" alt=\"\" width=\"2410\" height=\"922\" \/><\/a><span class=\"text__legend\">Anmerkung: Dargestellt ist der Anteil an Tweets, die sich auf die Corona-Pandemie beziehen. Zum Zeitpunkt der ersten Lockerungsrunde thematisierten beispielsweise rund 20 Prozent aller Tweets der Follower von Schweizer Zeitungen Covid-19. Untersucht wurden insgesamt 8,1 Millionen Tweets von 323\u2019499 Usern.<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Agenda-Setting mit Twitter<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nObwohl die sozialen Medien derzeit in der Schweizer Politik noch eine relativ bescheidene Rolle spielen, sollte man deren Einfluss nicht untersch\u00e4tzen \u2013 vor allem was Twitter angeht. Zwar ist Twitter nicht so popul\u00e4r wie Facebook und Instagram. Da sich dort aber prim\u00e4r politische Eliten und Medienschaffende aufhalten, kann Twitter die traditionellen Medien f\u00fcr bestimmte Themen jedoch st\u00e4rker beeinflussen \u2013 und erreicht somit die breitere \u00d6ffentlichkeit. Beispielsweise zeigte eine Auswertung der Online- und Offline-Debatte zu den Themenbereichen Umwelt und Klima, Gleichstellung, EU sowie Migration und Asyl w\u00e4hrend des Wahlkampfs 2019, dass die sozialen Medien die Berichterstattung in den traditionellen Medien beeinflussen und umgekehrt.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTendenziell gleichen sich diese gegenseitigen Effekte wieder aus, mit einer Ausnahme: Beim Thema \u00abUmwelt und Klima\u00bb pr\u00e4gte die Debatte auf den sozialen Medien die traditionelle Berichterstattung st\u00e4rker als umgekehrt. In bestimmten Kontexten scheinen die politischen Akteure die sozialen Medien also erfolgreich zu nutzen, um ihre Anliegen zu platzieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAbschliessend l\u00e4sst sich sagen: Die Rolle der sozialen Medien in der Politik ist sehr subtil und schwierig zu erfassen. Die sozialen Medien sind Teil der Digitalisierung, welche auch andere Politikbereiche wie die politische Partizipation umfasst. Es lohnt sich also, die Diskussion breiter zu f\u00fchren als mit einem engen Fokus auf Facebook, Twitter und Co.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Gilardi et al. (2020b).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Gilardi et al. (2020a).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Gilardi et al. (2020d).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Gilardi et al. (2020c).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben die sozialen Medien die letzten US-Wahlen ausschlaggebend beeinflusst? Klare Aussagen sind schwierig, denn die grossen Social-Media-Plattformen \u2013 allen voran Facebook \u2013 sind intransparent und f\u00fcr unabh\u00e4ngige Forschende kaum zug\u00e4nglich. 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(2020d). <a href=\"https:\/\/www.fabriziogilardi.org\/resources\/papers\/Research_Infrastructures_Digital_Technology_and_Politics.pdf\">Building Research Infrastructures to Study Digital Technology and Politics: Lessons from Switzerland<\/a>, Digital Democracy Lab, Universit\u00e4t\u00a0 Z\u00fcrich.<\/li>&#13;\n \t<li>Gilardi, Fabrizio, Theresa Gessler, Ma\u00ebl Kubli und Stefan M\u00fcller (2020e). Social Media and Policy Responses to the COVID-19 Pandemic in Switzerland. Digital Democracy Lab, Universit\u00e4t Z\u00fcrich.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":100859,"main_focus":[155946,156767],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":100863,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"98211","post_abstract":"Der Einfluss der sozialen Medien auf die Schweizer Politik ist im Moment noch bescheiden, wie Auswertungen von Twitter und Facebook zeigen. So wurde der Wahlkampf im Vorfeld der National- und St\u00e4nderatswahlen 2019 mehrheitlich in den klassischen Medien gef\u00fchrt. Einzig die Klima- und Umweltdebatte lief auch auf Twitter gut. Auch der Abstimmungskampf im Hinblick auf die beiden Vorlagen \u00abMehr bezahlbare Wohnungen\u00bb und \u00abDiskriminierung und Aufruf zu Hass aufgrund der sexuellen Orientierung\u00bb, \u00fcber die im Februar 2020 abgestimmt wurde, fand auf Twitter kaum statt. Im M\u00e4rz schliesslich \u00e4usserten sich relativ wenige Politiker und Politikerinnen auf Twitter zur Corona-Krise. Aus dieser Erkenntnis den Schluss zu ziehen, dass die Digitalisierung in der Schweizer Politik keine Rolle spielt, w\u00e4re aber falsch. Die Bedeutung der sozialen Medien ist subtil: Sie besteht nicht prim\u00e4r darin, Meinungen direkt zu beeinflussen, sondern die \u00f6ffentliche Debatte zu pr\u00e4gen.","magazine_issue":"20201101","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[4127,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20201022","original_files":null,"external_release_for_author":"20201008","external_release_for_author_time":"01:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5f58a9c7a57f9"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100856"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5100"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=100856"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100856\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":125698,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100856\/revisions\/125698"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4127"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5102"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5101"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5100"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156767"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/155946"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100869"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=100856"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=100856"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=100856"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=100856"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=100856"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=100856"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}