{"id":100922,"date":"2020-10-21T10:59:30","date_gmt":"2020-10-21T10:59:30","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/10\/la-solidarite-mise-a-lepreuve\/"},"modified":"2024-02-05T16:15:38","modified_gmt":"2024-02-05T15:15:38","slug":"solidaritaet-auf-dem-pruefstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/10\/solidaritaet-auf-dem-pruefstand\/","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4t auf dem Pr\u00fcfstand"},"content":{"rendered":"<p>Solidarit\u00e4t hat viele Gesichter: der barmherzige Samariter, der sich zum ausgeraubten und verletzten Opfer niederbeugt und ihm Hilfe leistet; der heilige Martin, der seinen Mantel mit dem Bettler teilt, der vor ihm kniet; oder der st\u00e4ndige Fluss privater und freiwilliger Spenden, der heute die Verschonten mit den Versehrten, die Privilegierten mit den Benachteiligten, die Gesunden mit den Kranken verbindet. Viele Menschen setzen sich Tag f\u00fcr Tag ehrenamtlich und unentgeltlich f\u00fcr andere ein. Solidarit\u00e4t entsteht aus N\u00e4he und Mitgef\u00fchl und zeichnet sich dadurch aus, bedingungslos zu sein. Sie st\u00e4rkt den Zusammenhalt von Familien, Gemeinschaften und ganzen Gesellschaften und macht diese widerstandsf\u00e4hig gegen Ungemach.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t ist aber auch ein staatsbildendes Prinzip: Unus pro omnibus, omnes pro uno \u2013 einer f\u00fcr alle, alle f\u00fcr einen. So steht es hoch oben in der Bundeshauskuppel, im Kranz der Kantonswappen, gewunden um das weisse Kreuz auf rotem Grund. Die Kantone schliessen sich im Bundesstaat zusammen. So st\u00e4rken sie sich gegenseitig und schaffen zusammen die Grundlage f\u00fcr Freiheit, Unabh\u00e4ngigkeit und Wohlstand in ihrer Konf\u00f6deration.<\/p>\n<p>F\u00fcr die enorme Kraft dieser Ausrichtung auf das Gemeinwohl steht auch das mythische Beispiel Arnolds von Winkelried. Der \u00dcberlieferung nach opferte er sich auf dem Schlachtfeld von Sempach f\u00fcr alle anderen. Im Gegenzug vertraute er seine hinterlassene Familie ihrer F\u00fcrsorge an. Wesentlich f\u00fcr die St\u00e4rkung des Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchls im jungen Bundesstaat waren auch die vielen Zeichen gesamtschweizerischer Solidarit\u00e4t mit den Opfern von Natur- und anderen Katastrophen. So wurden nach dem Brand von Glarus und den alpinen Hochwassern Mitte des 19. Jahrhunderts gem\u00e4ss heutigem Wert jeweils \u00fcber 300 Millionen Franken gesammelt; das ist mehr als doppelt so viel wie f\u00fcr die Opfer der Tsunami-Katastrophe von 2004.<\/p>\n<h2><strong>Solidarit\u00e4t im Versicherungswesen<\/strong><\/h2>\n<p>Mit der Gr\u00fcndung des modernen Bundesstaates waren auch die territorialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen f\u00fcr den Aufbau des privaten Versicherungswesens gegeben, so wie wir es heute kennen. Der entscheidende Antrieb entstand durch die Industrialisierung im ganzen Land und der dadurch geschaffenen neuen wirtschaftlichen M\u00f6glichkeiten. Im Schadensfall wollte man nun nicht mehr auf sich allein gestellt und von der unberechenbaren Hilfe und der Grossz\u00fcgigkeit anderer abh\u00e4ngig sein. Gegen Bezahlung einer Pr\u00e4mie konnte man sich neu planbar und in einem zuverl\u00e4ssig organisierten Rahmen gegen die Risiken des Lebens absichern. Damals wie jetzt spielte die Solidarit\u00e4t dabei eine zentrale Rolle. Denn die potenzielle Gef\u00e4hrdung des Einzelnen in der Risikogemeinschaft ist zwar unterschiedlich, die Pr\u00e4mien sind aber f\u00fcr alle Beteiligten gleich. Diese Disparit\u00e4t nehmen die Mitglieder im Versichertenkollektiv in Kauf, weil sie die Logik und die Kraft des Solidarit\u00e4tsprinzips verstehen und bef\u00fcrworten. Dieses verlangt Opfer f\u00fcr andere, verspricht aber auch Abhilfe im eigenen Schadensfall.<\/p>\n<h2><strong>Solidarit\u00e4t und soziale Sicherheit<\/strong><\/h2>\n<p>Parallel zum Aufbau der privaten Versicherungswirtschaft blieb auch der Staat nicht unt\u00e4tig. Mit Blick auf den sozialen Zusammenhalt des Landes machte er sich daran, das Solidarit\u00e4tsprinzip Schritt f\u00fcr Schritt zu institutionalisieren und mit dem Segen von Volk und St\u00e4nden zu einem obligatorischen staatlichen Netz der sozialen Sicherheit zu verkn\u00fcpfen. Dabei ging und geht es im Gegensatz zum Versicherungsprinzip der privaten und freiwilligen Solidarit\u00e4t um mehr als den Risikoausgleich innerhalb eines Kollektivs. Vielmehr umfasst diese vom Staat begr\u00fcndete Volksversicherung immer auch die sozialpolitisch gew\u00fcnschte Umverteilung von Reich zu Arm. Prominentestes Beispiel daf\u00fcr ist die AHV.<\/p>\n<p>Die unterschiedlich ausgepr\u00e4gten Solidarit\u00e4ten haben dabei nicht nur nebeneinander Platz; ihre Verkoppelung hat vielmehr symbiotische Wirkung, was der Erfolg des auf drei Pfeilern gr\u00fcndenden schweizerischen Vorsorgesystems beweist. Heute verteilt dieses Drei-S\u00e4ulen-System die Lasten und Risiken auf eine obligatorische staatliche (AHV), eine obligatorische berufliche (BVG) und eine freiwillige private S\u00e4ule (Selbstvorsorge). Staatlich und privat, obligatorisch und freiwillig, solidarisch und selbstverantwortlich \u2013 so ist die Vorsorge zum Wohle des Ganzen im Gleichgewicht und erh\u00f6ht damit die Resilienz unseres Landes. Vielfalt und Ausgewogenheit untereinander und die eigene Leistungsf\u00e4higkeit jeder der drei S\u00e4ulen st\u00e4rken nicht nur das System, sondern sind \u2013 analog zur Biodiversit\u00e4t in der Natur \u2013 Voraussetzung f\u00fcr dessen Nachhaltigkeit.<\/p>\n<h2><strong>Digitalisierung setzt die Solidarit\u00e4t unter Druck<\/strong><\/h2>\n<p>Trotz ihrer Erfolgsgeschichte ist die Solidarit\u00e4t kein Selbstl\u00e4ufer. Weder im Staat noch im Versicherungswesen. Gerade die Digitalisierung setzt ihr zu.<\/p>\n<p>Digitalisierung bedeutet mehr Effizienz, mehr M\u00f6glichkeiten, mehr Wissen. Sie schafft \u00f6konomischen und lebenspraktischen Mehrwert f\u00fcr das Individuum wie auch die Gemeinschaft und ist aus Wirtschaft und Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Anderseits vergr\u00f6ssern die zunehmende Vernetzung und die stetig wachsende Datenmenge die Abh\u00e4ngigkeiten, erweitern das Spektrum der Risiken und beg\u00fcnstigen die Kontrolle \u00fcber sich und andere. Der Technologiewandel schr\u00e4nkt die Privatsph\u00e4re und die Entscheidungshoheit des einzelnen Menschen immer weiter ein, im selben Mass wie er dessen Wissen und Handlungsm\u00f6glichkeiten vervielfacht.<\/p>\n<p>Die Digitalisierung durchdringt auch das Versicherungswesen und ver\u00e4ndert es unabl\u00e4ssig und in hoher Kadenz. Die Vermessung des eigenen Verhaltens hilft bei der Pr\u00e4vention und bei der Risikominimierung. Sicher fahren und gesund leben sind Schlagworte dazu. Damit nimmt aber auch der Druck auf die Versicherten zu, versicherungstechnisch korrekt, aber fremdbestimmt zu leben.<\/p>\n<p>Mit der Datenflut l\u00fcftet sich auch der Schleier des Nichtwissens, der bisher \u00fcber dem Versichertenkollektiv lag. Die Gewissheit \u00fcber den Umfang des eigenen Risikos verleitet zum Vergleich mit dem Median des Kollektivs. Die Bereitschaft f\u00fcr andere zu zahlen nimmt ab. Das neue Wissen \u00fcber die Versicherten kann auch die Versicherer dazu anleiten, das Versichertenkollektiv zu segmentieren und so f\u00fcr die guten Risiken beziehungsweise spezifische Personengruppen attraktiver zu machen. Damit wird zwar die Selbstverantwortung gest\u00e4rkt, aber zulasten von Solidarit\u00e4t und Zusammenhalt. Wenn gute Risiken belohnt werden, m\u00fcssen die schlechten bestraft werden, sonst geht die Rechnung \u00fcber das Gesamte nicht auf.<\/p>\n<p>Doch Solidarit\u00e4t misst sich nicht in Franken, Schritten und Kalorien. Sie ist ein ideelles Gut. Nur der Mensch, nicht die digitale Welt, kann ihr den Wert geben, den er ihr geben will. Nur er kann sich aus Verst\u00e4ndnis und \u00dcberzeugung zu ihr bekennen. Wieweit die Menschen bereit sind, die Solidarit\u00e4t im Versicherungswesen der Digitalisierung zu opfern, muss die Zukunft weisen. Vieldeutig sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage der Forschungsstelle Sotomo. Gem\u00e4ss dieser steht einer zunehmenden Akzeptanz f\u00fcr verhaltensabh\u00e4ngige Pr\u00e4mien ein unver\u00e4ndert starkes Bekenntnis zur Solidarit\u00e4t in der Schadensgemeinschaft gegen\u00fcber. \u00abSowohl als auch\u00bb scheint die Losung der Befragten zu lauten. Die grosse Herausforderung wird sein, diese Devise mit den Sachzw\u00e4ngen des Technologiewandels in Einklang zu bringen.<\/p>\n<h2><strong>Institutionalisierung strapaziert die Maxime<\/strong><\/h2>\n<p>Das Solidarit\u00e4tsprinzip steht aber auch von anderer Seite unter Druck. N\u00e4he, Verbundenheit und Freiwilligkeit sind wesentlich f\u00fcr die Solidarit\u00e4t und veredeln sie. Schon Paulus wusste: \u00abGeben ist seliger denn Nehmen.\u00bb Die staatliche, institutionalisierte Solidarit\u00e4t ist weder freiwillig, noch ist dort die pers\u00f6nliche N\u00e4he, ja die Betroffenheit die Triebfeder f\u00fcr das gemeinschaftliche Handeln. Daf\u00fcr ist sie jedoch berechenbar, konstant und sicher. Und: Sie wird weitherum als zentrales Instrument f\u00fcr den sozialen Ausgleich und den Zusammenhalt von Land und Gesellschaft anerkannt und gesch\u00e4tzt. Dieser Logik folgt auch ihr stetiger Ausbau. Im realen Leben, zu dem auch die Politik geh\u00f6rt, machen Geben und Nehmen, anders als in der Bibel, oft beide gleich selig.<\/p>\n<p>Es besteht bei diesem Ausbau die Gefahr, die Institutionalisierung der Solidarit\u00e4t, unter deren Mantel die Umverteilung mitl\u00e4uft, immer weiter zu treiben, sie damit jedoch ihres inneren Gehalts zu berauben. Die Einf\u00fchrung immer neuer obligatorischer Solidarit\u00e4ten, wie etwa jener zwischen V\u00e4tern und Nicht-V\u00e4tern oder der durch das Parlament aus sachfremdem Anlass durchgeboxten \u00dcberbr\u00fcckungsrente f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitslose, sind deshalb nicht nur in finanzieller Sicht kritisch zu beurteilen. F\u00fcr die Politik stellt sich je l\u00e4nger, je mehr die schwierige Frage, wie die fortschreitende Institutionalisierung der Solidarit\u00e4t gestoppt werden kann, um deren Kerngehalt vor der beh\u00f6rdlichen Aush\u00f6hlung zu sch\u00fctzen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solidarit\u00e4t hat viele Gesichter: der barmherzige Samariter, der sich zum ausgeraubten und verletzten Opfer niederbeugt und ihm Hilfe leistet; der heilige Martin, der seinen Mantel mit dem Bettler teilt, der vor ihm kniet; oder der st\u00e4ndige Fluss privater und freiwilliger Spenden, der heute die Verschonten mit den Versehrten, die Privilegierten mit den Benachteiligten, die Gesunden [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":5106,"featured_media":169524,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[67,69],"post_opinion":[71],"post_serie":[],"post_content_category":[154],"post_content_subject":[230],"acf":{"seco_author":5106,"seco_co_author":"","author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Direktor des Schweizerischen Versicherungsverbandes (SVV), Z\u00fcrich","seco_author_post_occupation_fr":"Directeur de l\u2019Association suisse d\u2019assurances (ASA), Zurich","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"Solidarit\u00e4t auf dem Pr\u00fcfstand","post_lead":"Solidarit\u00e4t st\u00e4rkt Gesellschaft und Staat. Sie ist auch die Grundlage des Versicherungswesens und dessen Mechanik zur Risikominimierung in einer Gemeinschaft. Doch Digitalisierung und beh\u00f6rdliche Strapazierung schaden dieser Maxime.","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":100925,"main_focus":[155953,156772],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"98673","post_abstract":"","magazine_issue":"20201101","seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[3988],"korrektor":"","planned_publication_date":"2020-10-21 08:59:30","original_files":null,"external_release_for_author":"20201008","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5f69f3588f738"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100922"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5106"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=100922"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100922\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":195268,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100922\/revisions\/195268"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3988"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5106"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156772"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/155953"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/169524"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=100922"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=100922"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=100922"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=100922"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=100922"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=100922"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}