{"id":101004,"date":"2020-10-16T11:00:19","date_gmt":"2020-10-16T11:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/10\/le-risque-de-pandemie-est-il-assurable\/"},"modified":"2023-08-23T22:52:12","modified_gmt":"2023-08-23T20:52:12","slug":"ist-das-risiko-einer-pandemie-versicherbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/10\/ist-das-risiko-einer-pandemie-versicherbar\/","title":{"rendered":"Ist das Risiko einer Pandemie versicherbar?"},"content":{"rendered":"<p>Hat die Versicherungsindustrie das Risiko der Corona-Pandemie verschlafen? Die Antwort lautet: Nein. Eine Pandemie ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil des Risikomanagements der Versicherungsindustrie. Denn auch die Aufsichtsbeh\u00f6rden fordern, dass Pandemierisiken mit gen\u00fcgend Eigenkapital unterlegt sind. Die Grundannahme ist, dass eine Pandemie zu massiver \u00dcbersterblichkeit f\u00fchrt und einen negativen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum hat und somit zu einem Einbruch an den Finanzm\u00e4rkten f\u00fchren w\u00fcrde. Beide Risiken, \u00dcbersterblichkeit und Verluste auf den Finanzanlagen, m\u00fcssen die Versicherungen deshalb mit gen\u00fcgend Eigenkapital unterlegen. Denn eine starke \u00dcbersterblichkeit w\u00fcrde zu hohen Auszahlungen von Todesfallpolicen f\u00fchren, und Verluste auf Finanzanlagen w\u00fcrden das Eigenkapital und somit die Solvenzquote reduzieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDennoch wurde die globale Versicherungsindustrie mit der Covid-19-Pandemie auf dem falschen Fuss erwischt, und die Versicherer beklagen heute Verluste, die in dieser Form und Intensit\u00e4t nicht vorhersehbar waren. Doch wie konnte es dazu kommen?&#13;<\/p>\n<h2>Risikotransfer mit Mortality-Bonds<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm die Vorlagen der Aufsicht zu erf\u00fcllen und die Pandemierisiken mit gen\u00fcgend Eigenkapital zu unterlegen, haben die Versicherer in den letzten Jahren die Risiken auch in Form von Anleihen an die Finanzm\u00e4rkte transferiert. Solche \u00abMortality-Bonds\u00bb eignen sich f\u00fcr Versicherungen, um das Risiko von \u00dcbersterblichkeit abzusichern. Die Anleger bekommen dabei w\u00e4hrend der Laufzeit dieser Bonds einen festen Zinscoupon ausbezahlt. Die Verzinsung bewegt sich je nach Risiko zwischen 4 und 8 Prozent, und die Laufzeit betr\u00e4gt in der Regel 3 bis 5 Jahre. Sollte hingegen w\u00e4hrend der Laufzeit die Sterblichkeit in einem bestimmten Land h\u00f6her sein als ein vorher definierter Schwellenwert, wird das Kapital an die Versicherung ausbezahlt und ist f\u00fcr die Anleger verloren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n2017 hatte die Weltbank in Zusammenarbeit mit der WHO zwei Anleihen von insgesamt 425 Millionen Dollar ausgegeben, welche zur Auszahlung kommen, falls ein Virus wie beispielsweise Ebola sich in mehreren L\u00e4ndern Afrikas, S\u00fcdamerikas und Asiens ausbreiten w\u00fcrde. Da die Ausbreitung von Ebola fr\u00fch eingegrenzt werden konnte, kam es damals jedoch nicht zur Auszahlung. Erst die Covid-19-Pandemie f\u00fchrte zu einem Verlust f\u00fcr die Investoren, und das Kapital wurde gr\u00f6sstenteils ausbezahlt.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Bei diesen Weltbank-Anleihen wurde das Geld jedoch nicht an eine Versicherung bezahlt, sondern steht der WHO f\u00fcr die Eind\u00e4mmung der Pandemie zur Verf\u00fcgung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Struktur solcher Mortality-Bonds ist jedoch sehr komplex, sodass mitunter sogar professionelle Investoren M\u00fche haben, das Risiko zu modellieren. Die Versicherungswirtschaft und die Aufsichtsbeh\u00f6rden haben sich bei der Berechnung des Pandemierisikos in erster Linie auf die letzte Pandemie als Erfahrungswert abgest\u00fctzt: die Spanische Grippe der Jahre 1918 bis 1919, welche weltweit 50 bis 100 Millionen Menschenleben forderte. Doch die Covid-19-Pandemie verlief vollkommen anders als die Spanische Grippe oder Ebola: Das Coronavirus betrifft vorerst vor allem \u00e4ltere Menschen, welche in der Regel keine Todesfallversicherungen haben, sodass Versicherungen kaum h\u00f6here Zahlungen wegen \u00dcbersterblichkeit verzeichnen. Zwar brachen die Finanzm\u00e4rkte f\u00fcr eine kurze Zeit ein, durch die massive Intervention der Zentralbanken erholten aber auch sie sich rasch wieder. Unerwartet wurden die Versicherungen hingegen in einem anderen Gesch\u00e4ftssegment zur Kasse gebeten: bei den Betriebsausfall-Policen.&#13;<\/p>\n<h2>Lockdown nicht einkalkuliert<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUnternehmen versichern sich standardm\u00e4ssig gegen Betriebsausfall. Gedeckt ist dabei in erster Linie das Risiko, dass der Betrieb wegen Sachsch\u00e4den am Geb\u00e4ude, wie etwa Feuer- oder Wassersch\u00e4den, vor\u00fcbergehend eingestellt werden muss.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend der Corona-Krise hatten die zahlreichen Betriebseinstellungen und -unterbr\u00fcche jedoch andere Gr\u00fcnde. Einerseits mussten viele Unternehmen ihren Betrieb aufgrund eines staatlich verordneten Lockdowns f\u00fcr einige Wochen einstellen. Andererseits erlitten viele Firmen durch staatliche Einschr\u00e4nkungen massive Umsatzeinbr\u00fcche. So litt etwa die Tourismusbranche unter den Einreisebestimmungen, die Gastronomie unter den Distanzvorschriften und der \u00f6ffentliche Personenverkehr unter der Maskenpflicht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie staatlichen Einschr\u00e4nkungen verursachten nicht nur riesige volkswirtschaftliche Kosten, sondern auch Versicherungssch\u00e4den in der H\u00f6he von derzeit weltweit 30 bis 40 Milliarden Franken. Denn f\u00fcr den gr\u00f6ssten Teil dieser Schadenszahlungen haben Versicherungen nie eine entsprechende Risikopr\u00e4mie einkalkuliert. Einzig einige Veranstalter von Grossanl\u00e4ssen wie beispielsweise den Olympischen Spielen in Tokio hatten eine explizite Pandemiedeckung eingekauft. Grund daf\u00fcr, dass die Versicherungen trotzdem Schadenszahlungen leisten m\u00fcssen, sind vielmehr nicht klar formulierte Versicherungspolicen, welche Betriebsunterbr\u00fcche wegen einer Pandemie nicht explizit ausschliessen. Dadurch entstand eine rechtliche Grauzone, und Versicherungen k\u00f6nnen vor Gericht gegebenenfalls zur Zahlung verpflichtet werden. In England hat die Aufsichtsbeh\u00f6rde FCA bereits einen Grundsatzentscheid gef\u00e4llt: Versicherungen werden in bestimmten F\u00e4llen zur Zahlung verpflichtet. Einige Versicherungen wiederum zeigen sich kulant und zahlen auch, wenn die Police nicht eindeutig ist. In Zukunft werden Versicherungspolicen klar formuliert sein und eine Pandemie in den meisten F\u00e4llen ausschliessen.&#13;<\/p>\n<h2>Lockdown-Risiko kaum versicherbar<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDoch sind Betriebsausf\u00e4lle infolge einer Pandemie \u00fcberhaupt versicherbar? Das Gesch\u00e4ftsmodell von Versicherungen ist im Prinzip relativ einfach: Sie erhalten von ihren Kunden eine Pr\u00e4mie f\u00fcr ein klar definiertes Risiko. In vielen F\u00e4llen w\u00fcrde der Schaden die finanziellen M\u00f6glichkeiten des Einzelnen \u00fcbersteigen, die Versicherungspr\u00e4mie hingegen ist f\u00fcr den Einzelnen tragbar. Darin liegt der volkswirtschaftliche Nutzen der Versicherungsindustrie: Finanziell nicht tragbare Risiken k\u00f6nnen durch die Diversifikation der Risiken abgesichert werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBei einer Pandemie wie Covid-19 sind allerdings wesentliche Bedingungen, damit ein Risiko versicherbar ist (siehe <em>Kasten<\/em>), nicht erf\u00fcllt: Sie trifft grosse Teile der Wirtschaft, tritt weltweit gleichzeitig auf, und ihr Risiko l\u00e4sst sich kaum diversifizieren. Zudem l\u00e4sst sich die Wahrscheinlichkeit eines Entscheids, dass bestimmte Unternehmen ihren Betrieb ganz oder teilweise einstellen m\u00fcssen, nicht kalkulieren. M\u00fcssten Versicherungen f\u00fcr Betriebsunterbr\u00fcche wegen staatlich verordneter Einschr\u00e4nkungen oder Schliessung aufkommen, w\u00fcrden die Kosten, die der Staat durch Kurzarbeitsentsch\u00e4digungen, Arbeitslosenversicherungen, Notkredite etc. hat, auf die Versicherungsindustrie \u00fcbertragen. Damit w\u00fcrde ein Dritter, n\u00e4mlich der Staat, indirekt einen Gewinn machen, w\u00e4hrend die Versicherung bezahlt. Zudem \u00fcbersteigt ein solches Risiko die Finanzkraft der gesamten Industrie.&#13;<\/p>\n<h2>L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr die Zukunft<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nTrotzdem: Die Nachfrage nach einer Deckung des Risikos f\u00fcr Betriebsunterbruch im Falle einer Pandemie wird zweifellos stark ansteigen. Denn f\u00fcr Unternehmen w\u00e4re es sehr hilfreich, wenn dieses Risiko kalkulierbar und finanziell begrenzt w\u00e4re. Die Versicherungsindustrie kann dazu beitragen und soll dabei durchaus eine wichtige Rolle spielen. Da die Bedingungen f\u00fcr eine Versicherbarkeit jedoch kaum erf\u00fcllt sind, sind die Kosten von Betriebsausf\u00e4llen im Falle einer Pandemie nur teilweise versicherbar. Der Staat tr\u00e4gt in jedem Fall direkt oder indirekt den gr\u00f6ssten Teil des Risikos, denn f\u00fcr die Arbeitslosenversicherung wird er weiterhin direkt aufkommen m\u00fcssen, und auch Steuerausf\u00e4lle werden auf ihn zur\u00fcckfallen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Versicherungsindustrie kann jedoch ihre Verantwortung wahrnehmen und zu einer marktgerechten L\u00f6sung, welche alle Akteure einbezieht und das Risiko f\u00fcr Unternehmen kalkulierbar macht, beitragen. Beispiele von Deckungen f\u00fcr Extremereignisse gibt es bereits. Eines davon ist etwa der Schweizerische Nuklearpool aus dem Jahr 1957. Er ist eine Vereinigung von Versicherungsgesellschaften zur Deckung von Nuklearrisiken, welche die Versicherungslimiten \u00fcbersteigen w\u00fcrden. Ein anderes Beispiel ist der Schweizerische Pool f\u00fcr Erdbebendeckung. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von kantonalen Geb\u00e4udeversicherungen mit dem Ziel, bereits durch Pr\u00e4vention Sch\u00e4den zu verhindern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch eine Pandemie ist ein anderes Risiko als ein Erdbeben oder ein Nuklearereignis. Die Pandemie verl\u00e4uft global, was bedeutet, dass keine regionale Diversifikation m\u00f6glich ist. Trotzdem ist eine L\u00f6sung nicht ausgeschlossen. Ein m\u00f6glicher L\u00f6sungsansatz k\u00f6nnte wie folgt aussehen:&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li>Ein Betriebsausfall wegen einer Pandemie wird in der Versicherungsdeckung standardm\u00e4ssig angeboten. Dabei tragen die Kunden einen Teil des Risikos mit einem Selbstbehalt selber. Dies stellt sicher, dass Betriebe nicht l\u00e4nger schliessen als unbedingt notwendig.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Versicherungen \u00fcbernehmen weiterhin Risiken, welche kalkulierbar und geografisch eingrenzbar sind, beispielsweise Versicherungen von Grossanl\u00e4ssen, Reiseversicherungen etc.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>\u00dcberschreitet der Schaden jedoch eine zuvor definierte Summe, springt der Staat ein und garantiert Entsch\u00e4digungen f\u00fcr Betriebsausf\u00e4lle, die dar\u00fcberliegen; \u00e4hnlich wie bei den Corona-Krediten der Banken, mit denen den Unternehmen Liquidit\u00e4t zinsfrei zur Verf\u00fcgung gestellt wird.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Die Versicherungen \u00fcbernehmen die gesamte Schadensabwicklung und Administration.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Klar definierte Pandemierisiken wie \u00dcbersterblichkeit k\u00f6nnen weiterhin an den Finanzmarkt transferiert werden. Ist die Verzinsung attraktiv, gibt es auch eine Nachfrage von Investoren.<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<br \/>\nIn einigen L\u00e4ndern wie den USA, Deutschland und der Schweiz werden solche Modelle bereits diskutiert. Insbesondere grosse R\u00fcckversicherer wie die M\u00fcnchener R\u00fcck oder Erstversicherer wie Chubb in den USA haben bereits die Initiative ergriffen und pl\u00e4dieren f\u00fcr die Einf\u00fchrung von staatlich garantierten Risikopools. Es ist im Interesse der gesamten Volkswirtschaft, wenn das Risiko einer Pandemie f\u00fcr die Unternehmen kalkulierbar ist und tragbar wird.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Eine Tranche von 150 Mio. Dollar und einem Coupon von Libor +11.5% wurde im letzten Mai vollst\u00e4ndig ausbezahlt. Eine zweite Tranche von 275 Mio. Dollar und einem Coupon von Libor +6,9% wurde teilweise\u00a0 ausbezahlt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hat die Versicherungsindustrie das Risiko der Corona-Pandemie verschlafen? Die Antwort lautet: Nein. Eine Pandemie ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil des Risikomanagements der Versicherungsindustrie. Denn auch die Aufsichtsbeh\u00f6rden fordern, dass Pandemierisiken mit gen\u00fcgend Eigenkapital unterlegt sind. 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Letzteres bedeutet beispielsweise: Ein Flugzeugabsturz in den USA l\u00f6st keinen Untergang eines Schiffes im Indischen Ozean aus; und ein Erdbeben in Kalifornien l\u00f6st keinen Hagelsturm in der Schweiz aus.<\/li>&#13;\n \t<li>Die Wahrscheinlichkeit und das Ausmass der Risiken sind mit Modellen und\/oder aufgrund von Erfahrungswerten kalkulierbar.<\/li>&#13;\n \t<li>Der Kunde muss tats\u00e4chlich einen Schaden erlitten haben und in der Regel mit einem Selbstbehalt einen Teil davon selber tragen. So hat auch der Versicherte ein Interesse daran, dass kein Schadensfall eintritt, und trifft entsprechende Vorkehrungen.<\/li>&#13;\n \t<li>Der Kunde oder eine Drittpartei machen keinen Gewinn, w\u00e4hrend die Versicherung bezahlt.<\/li>&#13;\n \t<li>Die Schadenssumme ist limitiert, um die Existenz einer Versicherung nicht zu gef\u00e4hrden.<\/li>&#13;\n<\/ul>"}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":101007,"main_focus":[155953,156772],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":101011,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"98633","post_abstract":"Die globale Versicherungsindustrie war auf die Covid-19-Pandemie und ihre Folgen nicht vorbereitet. 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