{"id":101290,"date":"2020-09-15T07:36:19","date_gmt":"2020-09-15T07:36:19","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/09\/miller-10-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:52:31","modified_gmt":"2023-08-23T20:52:31","slug":"eine-verzerrte-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/09\/eine-verzerrte-welt\/","title":{"rendered":"Eine verzerrte Welt"},"content":{"rendered":"<p>Es ist erstaunlich, dass in einer globalen Pandemie, in der sich die wirtschaftlichen Bedingungen auf einem depressiven Niveau befinden, die globalen Aktien- und Kreditm\u00e4rkte boomen. Den Hauptgrund daf\u00fcr sehe ich darin, dass die f\u00fchrenden Zentralbanken weltweit Verm\u00f6genswerte in H\u00f6he von 6\u00a0Billionen Dollar kauften.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMit dieser \u00abquantitativen Lockerung\u00bb st\u00fctzten die Zentralbanken bereits in der Finanzkrise von 2008 erfolgreich den Kredit- und Wohnungsmarkt. Der Aufkauf von Staatsanleihen und die Tatsache, dass Anleger auf der Suche nach h\u00f6heren Renditen gezwungen waren, mehr Risiken einzugehen, trieben Aktienm\u00e4rkte und Immobilienpreise in die H\u00f6he.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSeit 2007 hat sich beispielsweise die Bilanz der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) mehr als versiebenfacht. Das Fed ist inzwischen bereit, Kreditrisiken zu \u00fcbernehmen, und kauft nicht nur Anleihen von Unternehmen mit Investment-Grade, sondern sogar Schrottpapiere von \u00abgefallenen Engeln\u00bb, also von Unternehmen, die eine Herabstufung auf Sub-Investment-Grade erfahren haben.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Abgekoppelte Anleihen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMit dieser Geldpolitik steht das Fed nicht allein da, auch andere Zentralbanken kaufen fleissig Wertpapiere. Das hat zur Folge, dass sich die Preise f\u00fcr Verm\u00f6genswerte von der zugrunde liegenden Leistung der jeweiligen Volkswirtschaften abkoppeln und sich nicht mehr als Gesundheitschecks f\u00fcr die Konjunktur eignen. Weder spiegeln die Renditen der Bundesanleihen in Deutschland die wirtschaftliche Realit\u00e4t des Landes wider, noch sind die \u00abCredit Spreads\u00bb von Hochzinsanleihen in den USA Ausdruck der f\u00fcr dieses Jahr zu erwartenden Ausfallrate. Die Tatsache, dass die globalen Aktienm\u00e4rkte w\u00e4hrend der aktuellen Krise um relativ bescheidene 35\u00a0Prozent gefallen sind, verglichen mit \u00fcber 50\u00a0Prozent w\u00e4hrend vergangener Rezessionen, belegt die Macht der Liquidit\u00e4t und die Verzerrungen, die sie bewirken kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Problem ist, dass sich die Volkswirtschaften nach der Finanzkrise nie vollst\u00e4ndig erholt haben. Die Zinss\u00e4tze wurden verfr\u00fcht wieder angehoben, obwohl die Inflation hartn\u00e4ckig unter dem Ziel blieb. Fiskalpolitische Massnahmen wurden vernachl\u00e4ssigt, obwohl die M\u00f6glichkeit bestand, zu negativen Zinss\u00e4tzen Kredite aufzunehmen und die Ertr\u00e4ge zur Neupositionierung f\u00fcr produktiveres und umweltfreundlicheres Wachstum zu verwenden. Die \u00fcberm\u00e4ssige Abh\u00e4ngigkeit von Zentralbanken, die mit begrenzten M\u00f6glichkeiten Anreize schaffen sollten, hat destabilisierend gewirkt. Die Zinss\u00e4tze wurden niedrig und Zinskurven flach gehalten, wodurch das Gesch\u00e4ftsmodell der Banken untergraben wurde.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDieser Ansatz hat ausserdem f\u00fcr die Renten- und Lebensversicherungsbranche ein Problem geschaffen, da langfristige Anlagen nur minimale Renditen bieten. Bestraft wurden diejenigen, die von festen Einkommen abh\u00e4ngig sind. Leider besteht nur wenig Aussicht auf Ver\u00e4nderung. W\u00e4hrend tiefgreifende geld- und fiskalpolitische Massnahmen das Wirtschaftswachstum wiederherstellen, entsteht auch eine schwere Schuldenlast. Diese verlangt langfristig nach niedrigeren Zinsen und f\u00fchrt dazu, dass der Aufkauf von Verm\u00f6genswerten weiterhin eines der wichtigsten geldpolitischen Instrumente bilden wird. Ob es uns gef\u00e4llt oder nicht \u2013 wir leben in einer verzerrten Welt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist erstaunlich, dass in einer globalen Pandemie, in der sich die wirtschaftlichen Bedingungen auf einem depressiven Niveau befinden, die globalen Aktien- und Kreditm\u00e4rkte boomen. 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