{"id":101305,"date":"2020-09-14T14:59:17","date_gmt":"2020-09-14T14:59:17","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/09\/brunetti-10-2020fr\/"},"modified":"2024-11-28T10:18:08","modified_gmt":"2024-11-28T09:18:08","slug":"brunetti-serie-10-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/09\/brunetti-serie-10-2020\/","title":{"rendered":"Die unsichtbare Hand"},"content":{"rendered":"<p>H\u00e4tte man die Aufgabe, auf der gr\u00fcnen Wiese ein Wirtschaftssystem zu entwickeln, das zu einem m\u00f6glichst hohen Lebensstandard f\u00fchrt, w\u00fcrde einem wohl kaum die Marktwirtschaft einfallen: ein System, bei dem Unternehmen und Haushalte vor allem ihre eigenen Interessen verfolgen und in dem der Austausch \u00fcber anonyme M\u00e4rkte erfolgt. Ein System \u00fcberdies, in dem niemand daf\u00fcr verantwortlich ist, dass die Abermillionen von tagt\u00e4glich getroffenen wirtschaftlich relevanten Entscheiden aufeinander abgestimmt sind. Der schottische \u00d6konom Adam Smith gilt nicht zuletzt deshalb als Gr\u00fcndervater der Volkswirtschaftslehre, weil er als Erster \u00fcberzeugend erkl\u00e4ren konnte, warum dieses scheinbar chaostr\u00e4chtige System am besten geeignet ist, mit der unglaublichen Komplexit\u00e4t einer arbeitsteiligen Wirtschaft effizient umzugehen. Sein zentraler Beitrag l\u00e4sst sich mit dem ber\u00fchmten Bild der unsichtbaren Hand zusammenfassen.<\/p>\n<h2><strong>Dezentrale Preissignale<\/strong><\/h2>\n<p>Warum funktioniert die sichtbare Hand einer verantwortlichen zentralen Planungsbeh\u00f6rde nicht? Ganz einfach: Sie w\u00fcrde an der schieren Komplexit\u00e4t der Aufgabe scheitern. Man stelle sich einmal vor, wie viele aufeinander abgestimmte Entscheide f\u00fcr Anbieter und Nachfrager an einem einzigen Tag notwendig w\u00e4ren, wenn man nur schon die wirtschaftliche Aktivit\u00e4t in einer Kleinstadt zentral organisieren m\u00fcsste. Kein Wunder, f\u00fchrten in der Vergangenheit alle Versuche mit zentralgeleiteten Wirtschaften zu Ineffizienz und wirtschaftlichem Chaos. Wesentlich zielf\u00fchrender ist stattdessen \u2013 so die fundamentale Einsicht von Adam Smith \u2013 ein dezentrales System, bei dem die individuellen Entscheide durch die unsichtbare Hand der Preissignale gelenkt werden. Und zwar von Preisen, die durch das Zusammentreffen von Tausenden von Anbietern und Nachfragern auf Tausenden untereinander verbundenen M\u00e4rkten spontan und ungeplant gebildet werden.<\/p>\n<p>Die so entstandenen Preise zeigen die Knappheiten der G\u00fcter an und lenken die Entscheide effizient. Steigt ein Preis an, so ist das ein Signal, das Nachfragern einen Anreiz setzt, mit bestehendem Budget weniger von diesem Gut zu kaufen. Und umgekehrt signalisiert der Preisanstieg den Produzenten, dass es sich bei gegebenen Kosten lohnt, mehr von dem Gut anzubieten. Beide Reaktionen f\u00fchren zu einem \u00abeffizienten\u00bb Umgang mit den Ressourcen, der sich nach der Knappheit eines Gutes ausrichtet. Dies geschieht jedoch nicht, weil die Anbieter und Nachfrager bewusst versuchen, zu einem effizienten Wirtschaftssystem beizutragen, sondern einfach aus ihrem individuellen, \u00abegoistischen\u00bb Kalk\u00fcl. Die leichte Verwunderung \u00fcber diese fundamentale, aber nicht unbedingt intuitive Einsicht kommt im wohl ber\u00fchmtesten Zitat von Adam Smith zum Ausdruck: \u00abNicht vom Wohlwollen des Metzgers, B\u00e4ckers und Brauers erwarten wir das, was wir zum Leben brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.\u00bb Indem das Individuum seine eigenen Interessen verfolge, bringe es die Gesellschaft wirksamer voran, als es sie in Wahrheit voranbringen m\u00f6chte.<\/p>\n<h2><strong>Allokation der Ressourcen<\/strong><\/h2>\n<p>Preise bestimmen in einer Marktwirtschaft letztlich die sogenannte Allokation der Ressourcen, also wof\u00fcr die knappen Mittel verwendet werden. Entscheidend ist dabei nicht, wie hoch der absolute Preis f\u00fcr ein bestimmtes Gut ist, sondern wie hoch der Preis im Vergleich zu den Preisen anderer G\u00fcter ist. Deshalb ist oft von den sogenannten relativen Preisen die Rede.<\/p>\n<p>Konzeptionell k\u00f6nnen wir die Lenkungsfunktion der Preise in vier Elemente unterteilen. Erstens vermitteln die Preise Informationen \u00fcber Knappheiten: Ein tiefer relativer Preis gibt das <em>Signal<\/em>, dass ein Gut reichlich vorhanden ist. Zweitens f\u00fchren diese Knappheitssignale der Preise zu einer effizienten <em>Allokation der Ressourcen<\/em>: Die Mittel werden dorthin gelenkt, wo die gr\u00f6sste Knappheit herrscht. Drittens haben die Preise eine <em>Koordinationsfunktion<\/em>: Der Preis f\u00fchrt dazu, dass der Tausch auf M\u00e4rkten in effizienter Weise stattfindet. Preise koordinieren die Einzelentscheide der voneinander getrennt agierenden Anbieter und Nachfrager. Viertens schliesslich zeigen die Knappheitssignale der Preise an, wo sich <em>Innovation<\/em> lohnt, und l\u00f6sen damit wohlstandsteigernden technischen Fortschritt aus.<\/p>\n<p>Wir wollen diese Effekte an einem bekannten Beispiel analysieren, n\u00e4mlich an der schockartigen Preiserh\u00f6hung von Erd\u00f6l in den 1970er-Jahren. Sie zeigt in einem globalen Kontext die genannten Funktionen von Preisen exemplarisch auf. Die Preiserh\u00f6hung setzte damals ein <em>Signal<\/em>: Sie informierte die Marktteilnehmer dar\u00fcber, dass Erd\u00f6l auf dem Weltmarkt knapper wurde. Dieses Signal schuf f\u00fcr die Nachfrager von Erd\u00f6l einen Anreiz, den Verbrauch zu verringern, da sie sich mit vorhandenem Budget weniger dieses Gutes leisten konnten. Das betraf Haushalte in ihren Konsumentscheiden ebenso wie Unternehmen, die Erd\u00f6l als Rohstoff verwendeten in ihren Produktionsentscheiden. Gleichzeitig setzte die Preiserh\u00f6hung f\u00fcr Anbieter Anreize, die Produktion auszuweiten. So f\u00fchrten die hohen Preise dazu, dass es rentabel wurde, neue, bisher zu teure Erd\u00f6lquellen, zum Beispiel in der Nordsee, zu erschliessen. Die neuen Knappheitsverh\u00e4ltnisse bewirkten also eine neue <em>Allokation der Ressourcen<\/em>, weil die alte Allokation unter den neuen Rahmenbedingungen nicht mehr effizient war. So kauften beispielsweise die Haushalte kleinere, verbrauchs\u00e4rmere Autos, oder die Unternehmen versuchten, in der Produktion weniger Erd\u00f6l zu verwenden. Durch die Preis\u00e4nderung wurden diese voneinander unabh\u00e4ngigen, individuellen Reaktionen von Erd\u00f6lproduzenten, Erzeugern von Alternativenergie und Energiekonsumenten wie durch eine \u00abunsichtbare Hand\u00bb effizient <em>koordiniert<\/em>, ohne dass eine zentrale Planungsstelle f\u00fcr diese Abstimmung sorgen musste. Schliesslich f\u00fchrte die Preiserh\u00f6hung des Erd\u00f6ls zu einem Schub an <em>Innovationen<\/em>. Alternative Energietr\u00e4ger wurden attraktiver, sodass die Forschung in diese Richtung verst\u00e4rkt wurde. Ebenfalls angeregt wurde die Suche nach weniger energieintensiven Produktionsmethoden.<\/p>\n<h2><strong>Und was ist mit dem Staat?<\/strong><\/h2>\n<p>Die \u00f6konomische Analyse macht klar, dass f\u00fcr die Verwendung der knappen Ressourcen der Staat keine Lenkungsrolle spielen muss. Ja, sie geht sogar noch weiter: Bei einem funktionierenden Markt f\u00fchrt jeder Eingriff des Staates in die Preisbildung zu einer Verschwendung knapper Ressourcen. Die Preissignale lenken effizienter als staatliche Vorgaben. Daraus wird oft vorschnell der Schluss gezogen, dass der Staat f\u00fcr die effiziente Allokation der Ressourcen keine Rolle spiele. Das ist in zweierlei Hinsicht nicht der Fall.<\/p>\n<p>Erstens funktionieren dezentrale M\u00e4rkte nur dann, wenn die Eigentumsrechte an den gehandelten G\u00fctern klar definiert und durchgesetzt werden; und damit das effizient funktioniert, braucht es eine zentrale Stelle mit Gewaltmonopol, einen funktionierenden Staat eben. Und zweitens gibt es sogenannte Marktversagen, also Situationen, in denen die Preissignale nicht die tats\u00e4chlichen Knappheiten anzeigen. In diesen \u2013 aber nur in diesen, klar definierten \u2013 F\u00e4llen kann ein gezieltes staatliches Eingreifen die Effizienz des Systems verbessern. Wir werden in einer sp\u00e4teren Folge unserer Serie die Umweltproblematik besprechen, die sich aus dem wohl wichtigsten Marktversagen ergibt. In den allermeisten F\u00e4llen aber gilt: Die unsichtbare Hand von Preissignalen, welche die relativen Knappheiten anzeigen, sorgt f\u00fcr einen wesentlich schonenderen Umgang mit knappen Ressourcen, als wenn dies durch eine staatliche Stelle gelenkt w\u00fcrde.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00e4tte man die Aufgabe, auf der gr\u00fcnen Wiese ein Wirtschaftssystem zu entwickeln, das zu einem m\u00f6glichst hohen Lebensstandard f\u00fchrt, w\u00fcrde einem wohl kaum die Marktwirtschaft einfallen: ein System, bei dem Unternehmen und Haushalte vor allem ihre eigenen Interessen verfolgen und in dem der Austausch \u00fcber anonyme M\u00e4rkte erfolgt. 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