{"id":101318,"date":"2020-09-14T08:17:39","date_gmt":"2020-09-14T08:17:39","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/09\/straumann-10-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:52:28","modified_gmt":"2023-08-23T20:52:28","slug":"ein-kind-seiner-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/09\/ein-kind-seiner-zeit\/","title":{"rendered":"Ein Kind seiner Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Es war alles andere als ein Zufall, dass die Schweizer Regierung im Jahr 1920, unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, das Eidgen\u00f6ssische Arbeitsamt geschaffen hat, das bis heute in der Direktion f\u00fcr Arbeit im Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) weiterlebt. Zum einen entsprach der Aufbau einer solchen Beh\u00f6rde der internationalen Tendenz zur Standardisierung und Verrechtlichung der Arbeitsbeziehungen, die bereits in der Vorkriegszeit begonnen hatte und durch die Gr\u00fcndung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Genf nur ein Jahr zuvor einen weiteren Schub erlebte. Zum andern war die Schweiz mit einer Reihe von hausgemachten Problemen konfrontiert. Handlungsbedarf hatte es bereits vor dem Ersten Weltkrieg gegeben, aber seit 1914 befand man sich in einem permanenten Ausnahmezustand.&#13;<\/p>\n<h2>Sinkende Reall\u00f6hne im Ersten Weltkrieg<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Hauptproblem w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs war der dramatische Reallohnverlust durch die hohe Inflation in der Schweiz. W\u00e4hrend der vierj\u00e4hrigen Kriegszeit verdoppelten sich die Konsumentenpreise (siehe <em>Abbildung<\/em>), w\u00e4hrend die Nominall\u00f6hne der M\u00e4nner nur um 62 Prozent und diejenigen der Frauen nur um 57 Prozent anstiegen. Besonders drastisch war der Reallohnverlust mit rund minus 15 Prozent im Jahr 1917, als die Versorgungslage wegen des Kriegseintritts der USA und wegen Missernten in der Schweiz bereits prek\u00e4r war. Danach stabilisierten sich die Reall\u00f6hne, aber sie erreichten erst 1920 wieder das Vorkriegsniveau. Es ist durchaus m\u00f6glich, dass die offiziellen Lohndaten diesen Reallohnverlust \u00fcbertreiben, weil sie die Gratifikationen und Teuerungszulagen, die ab 1917 immer h\u00e4ufiger ausbezahlt wurden, nicht vollumf\u00e4nglich abbilden. Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass der Kaufkraftverlust f\u00fcr die Arbeiterschaft und ihre Familien \u00e4usserst schmerzlich war.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Preisindex, Nominall\u00f6hne und Reall\u00f6hne in der Schweiz (1914\u20131921)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='10-2020_straumann_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#10-2020_straumann_de').highcharts({\n  chart: {\n        type: 'line'\n    },\n\n title: {\n        text: ' '\n    },\n\n \n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Index (Basisjahr 1914 = 100)'\n        }\n       \n     \n    },\n\n    xAxis: {\n      \n           plotBands: [{ \n                color: '#f1f1f1',\n                  label: {\n                    text: 'Erster Weltkrieg'\n                },\n                from: 1914.5,\n                to: 1918.8\n            }],\n        \n        \n        \n    },\n\n   \n    plotOptions: {\n        series: {\n            label: {\n                connectorAllowed: false\n            },\n            pointStart: 1914\n        }\n    },\n\n    series: [{\n        name: 'Nominall\u00f6hne',\n        data: \n[100, \n100, \n108, \n128, \n162, \n199, \n230, \n232]\n    }, {\n        name: 'Preisindex',\n        data: \n[100, \n111, \n127, \n159, \n211, \n232, \n234, \n209]\n    }, {\n        name: 'Reall\u00f6hne',\n        data: \n[100,\n90,\n95,\n81,\n77,\n86,\n98,\n111]\n    }],\n\n  \n\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: <a href=\"https:\/\/hsso.ch\/\">Historische Statistik der Schweiz<\/a> \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin Grund f\u00fcr die hohe Inflation war die kriegsbedingte Verknappung vieler G\u00fcter. Aber viel wichtiger war die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die ab 1916 immer st\u00e4rker zur direkten Staatsfinanzierung \u00fcberging. Hintergrund dieses Paradigmenwechsels, der in allen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zu beobachten war, war die finanzielle \u00dcberforderung des Bundes, der die Milit\u00e4rausgaben nicht mehr ausschliesslich mit Staatsobligationen und Sondersteuern decken konnte und deshalb die SNB zwang, dem Staat unter die Arme zu greifen. Als Folge der direkten Staatsfinanzierung durch die Nationalbank verdoppelte sich der Notenumlauf von 1916 bis 1918. Erst 1920 ging die Inflationsphase zu Ende.&#13;<\/p>\n<h2>Pessimistische Arbeitgeber<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWarum passten die privaten und \u00f6ffentlichen Arbeitgeber die Nominall\u00f6hne so z\u00f6gerlich an? Daf\u00fcr gab es mehrere Gr\u00fcnde. Erstens verf\u00fcgten die Leute \u00fcber keinerlei Inflationserfahrung. Seit dem Ende der Napoleonischen Kriege Anfang des 19. Jahrhunderts war das Preisniveau dank des auf Edelmetallen basierten W\u00e4hrungssystems stabil geblieben. Die Aufhebung des Goldstandards im August 1914 schuf eine v\u00f6llig neue Situation, die von den Zeitgenossen erst mit einer Verz\u00f6gerung in ihrer Tragweite erkannt wurde.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZweitens gab es keinen allgemein akzeptierten Konsumentenpreisindex. Einzelne Stadtbeh\u00f6rden begannen damals zwar mit der Sammlung von Preisen einzelner Lebensmittel, aber erst mit der Zeit wurde klar, dass der Inflationstrend bedrohliche Ausmasse annahm. Bezeichnenderweise waren es die Marktfrauen, die als Erste durch Demonstrationen im Jahr 1917 Alarm schlugen, weil sie die Preissteigerungen der Nahrungsmittel am genauesten beobachten konnten. Erst Mitte der Zwanzigerjahre einigte man sich auf die Konstruktion eines Lebenskostenindexes, wobei das Eidgen\u00f6ssische Arbeitsamt eine Schl\u00fcsselrolle einnahm.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer dritte Grund f\u00fcr die verz\u00f6gerten Lohnerh\u00f6hungen war der Pessimismus der privaten Arbeitgeber, die stets damit rechneten, dass w\u00e4hrend des Kriegs oder unmittelbar danach eine grosse Wirtschaftskrise ausbrechen w\u00fcrde. Sie z\u00f6gerten deshalb, die hohen Reserven, die sie dank einer \u00e4usserst g\u00fcnstigen Konjunktur in den ersten beiden Kriegsjahren aufgebaut hatten, f\u00fcr kr\u00e4ftige Lohnerh\u00f6hungen zu verwenden. Daraus ergab sich eine unhaltbare Situation: Die meisten Unternehmen befanden sich in einer guten finanziellen Position, muteten aber ihren Arbeiterinnen und Arbeitern jedes Jahr Reallohnverluste zu.&#13;<\/p>\n<h2>Zunehmende Arbeiterstreiks<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDieses Auseinanderklaffen zwischen den ausreichenden Reserven und der zur\u00fcckhaltenden Lohnpolitik war neben dem tats\u00e4chlich eingetretenen Reallohnverlust der wichtigste Grund, warum die Streikt\u00e4tigkeit 1917 sprunghaft anstieg und die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften in die H\u00f6he schnellten. 1916 hatten nur 34 Streiks stattgefunden, nun waren es bereits 136 Streiks in 603 Betrieben mit einer Beteiligung von 13\u2019309 Arbeiterinnen und Arbeitern. 1918 war das Jahr mit der h\u00f6chsten Streikt\u00e4tigkeit: Nicht weniger als 264 Streiks waren zu verzeichnen, wobei 1464 Betriebe davon betroffen waren und sich 24\u2019318 Arbeiterinnen und Arbeiter daran beteiligten. Da diese Streiks in der Regel erfolgreich verliefen und die gew\u00fcnschten Reallohnerh\u00f6hungen brachten, bildete sich die Streikt\u00e4tigkeit 1920 zur\u00fcck.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n1918 war auch das Jahr des landesweiten Generalstreiks, 1919 folgten zwei lokale Generalstreiks in Basel und Z\u00fcrich, wodurch politische Anliegen der organisierten Arbeiterschaft eine h\u00f6here Dringlichkeit gewannen. Vor allem die Einf\u00fchrung der 48-Stunden-Woche in den Jahren 1919 und 1920 d\u00fcrfte durch die Machtdemonstration der Gewerkschaften beschleunigt worden sein. Allerdings fiel es den schweizerischen Arbeitgebern besonders leicht, in dieser Zeit Konzessionen bei der Wochenarbeitszeit zu machen, da sich gegen Kriegsende \u00fcberall in Europa ein starker Trend zur 48-Stunden-Woche bemerkbar machte. Die Arbeitszeit in Europa lag davor im Durchschnitt bei etwa 60 Stunden. Die schweizerischen Exportindustriellen konnten angesichts dieses internationalen Wandels nicht mehr behaupten, eine Verk\u00fcrzung der Arbeitszeit w\u00fcrde schwere Wettbewerbsnachteile nach sich ziehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00dcberhaupt standen die beiden Jahre nach Kriegsschluss im Zeichen eines sozialpolitischen Aufbruchs. Anfang 1919 setzte der Bundesrat eine Expertenkommission ein, um die Frage einer staatlichen Altersversicherung zu pr\u00fcfen, und publizierte noch vor den Sommerferien eine Botschaft. Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva), die 1918 ihren Betrieb aufgenommen hatte, praktizierte von Beginn weg mit Erfolg die trilaterale Kooperation zwischen Arbeitgeberverb\u00e4nden, Arbeitnehmerorganisationen und den staatlichen Beh\u00f6rden. Die Schaffung des Eidgen\u00f6ssischen Arbeitsamts stellte demnach kein isoliertes Ereignis dar, sondern passte gut in die damalige Zeit. Die Kriegszeit und die Arbeitsk\u00e4mpfe setzten zwar auf der Linken wie auf der Rechten polarisierende Kr\u00e4fte frei, die sich hassten und bek\u00e4mpften, aber der Ausnahmezustand machte auch Kompromisse und Reformen m\u00f6glich, weil die gem\u00e4ssigten Gruppen und Parteien einsahen, dass Handlungsbedarf bestand, etwa durch die Einf\u00fchrung von Gesamtarbeitsvertr\u00e4gen (siehe <em>Kasten<\/em>).&#13;<\/p>\n<h2>Kurze \u00abGoldene Zwanziger\u00bb<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer sozial- und lohnpolitische Fr\u00fchling war jedoch von kurzer Dauer. Die Konjunktur kippte bereits 1920 und m\u00fcndete im folgenden Jahr in eine schwere Wirtschaftskrise, die mit hoher Arbeitslosigkeit, einem dramatischen Preissturz und einer starken Aufwertung des Schweizer Frankens verbunden war. Als Folge davon stiegen die Schweizer Lohnkosten im internationalen Vergleich deutlich an, sodass die Exportindustriellen darauf dr\u00e4ngten, die 48-Stunden-Woche wieder aufzuweichen.\u00a0In der Tat nahmen die Bewilligungen f\u00fcr verl\u00e4ngerte Arbeitszeiten deutlich zu. Auch die nominalen Stundenl\u00f6hne wurden in den Jahren 1922 und 1923 gesenkt. 1923 resultierte dadurch gar ein Reallohnverlust. Die organisierte Arbeiterschaft versuchte ihre Mitglieder dagegen zu mobilisieren, hatte jedoch angesichts der hohen Arbeitslosigkeit nur wenig Erfolg. Denn viele Arbeitsuchende waren froh, \u00fcberhaupt eine Anstellung zu finden, sodass die Gewerkschaften ihre Lohnforderungen nicht durchsetzen konnten. Erst 1924, als die Konjunktur wieder anzog, kam es zu Streiks in der Metall- und Maschinenindustrie.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAb 1924 bildete sich die Arbeitslosigkeit wieder zur\u00fcck, weil endlich die Stabilisierung der europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsverh\u00e4ltnisse gelungen war. Nun setzten die \u00abGoldenen Zwanzigerjahre\u00bb ein. Nach einer zehnj\u00e4hrigen Periode, in der Krieg und Krise dominiert hatten, brach eine neue Periode an.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war alles andere als ein Zufall, dass die Schweizer Regierung im Jahr 1920, unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, das Eidgen\u00f6ssische Arbeitsamt geschaffen hat, das bis heute in der Direktion f\u00fcr Arbeit im Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) weiterlebt. 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(1991). Abschied vom Klassenkampf. Die partielle Integration der schweizerischen Gewerkschaftsbewegung zwischen Landesstreik und Weltwirtschaftskrise (1918\u20131929), Basel: Helbing &amp; LIchtenhahn.<\/li>&#13;\n \t<li>Jaun, R.; Straumann, T. (2016). Durch fortschreitende Verelendung zum Generalstreik? Widerspr\u00fcche eines popul\u00e4ren Narrativs, in: Der Geschichtsfreund 169, S. 19\u201351.<\/li>&#13;\n \t<li>Abegg, W.; Baltensperger, E. (Hg.) (2007). Schweizerische Nationalbank 1907\u20132007, Z\u00fcrich: NZZ Libro.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge","kasten_box":"Ans\u00e4tze zur einvernehmlichen Regelung von Konflikten gab es in der Schweiz bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) z\u00e4hlte unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg 412 Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge mit rund 45\u2019000 Arbeitern, haupts\u00e4chlich in der Uhren- und Metallindustrie, dem Holzgewerbe, der Typografie und dem Schneidergewerbe. In den Jahren 1917 bis 1920, als das Eidgen\u00f6ssische Arbeitsamt gegr\u00fcndet wurde, kamen viele neue Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge hinzu. Es w\u00e4re jedoch falsch, von einem Durchbruch der Sozialpartnerschaft in jener Zeit zu sprechen, zumal die Schweizer Stimmberechtigten es an der Urne ablehnten, dem Eidgen\u00f6ssischen Arbeitsamt die Kompetenz zu geben, Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge f\u00fcr verbindlich zu erkl\u00e4ren und Normalarbeitsvertr\u00e4ge aufzustellen. Auch das sogenannte Friedensabkommen in der Metall- und Maschinenindustrie von 1937, das ohne Beteiligung des Eidgen\u00f6ssischen Arbeitsamts zustande kam, kann nicht als Geburtsstunde, sondern nur als Zwischenetappe in der Geschichte der Sozialpartnerschaft bezeichnet werden. 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Vor allem bei der Regulierung der zunehmend konflikttr\u00e4chtigen Arbeitsbeziehungen bestand grosser Handlungsbedarf. Denn die Reall\u00f6hne der Arbeitnehmenden sanken teilweise massiv, obwohl sich viele Unternehmen in einer guten finanziellen Position befanden. Das f\u00fchrte zunehmend zu Arbeiterstreiks. 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