{"id":101342,"date":"2020-09-04T12:25:44","date_gmt":"2020-09-04T12:25:44","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/09\/wie-die-arbeitslosenversicherung-die-wirtschaft-stabilisiert\/"},"modified":"2023-08-23T22:52:49","modified_gmt":"2023-08-23T20:52:49","slug":"wie-die-arbeitslosenversicherung-die-wirtschaft-stabilisiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/09\/wie-die-arbeitslosenversicherung-die-wirtschaft-stabilisiert\/","title":{"rendered":"Wie die Arbeitslosenversicherung die Wirtschaft stabilisiert"},"content":{"rendered":"<p>In einer Rezession verlangsamt sich das Wachstum, die Nachfrage bricht ein, Unternehmen entlassen Mitarbeiter und die Finanzm\u00e4rkte stocken. Konjunkturpakete sollen diese negativen Auswirkungen mildern.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> W\u00e4hrend der grossen Wirtschaftskrise 2008 setzten Regierungen weltweit auf zus\u00e4tzliche \u00f6ffentliche Investitionen, Steuersenkungen oder Erleichterungen beim Kreditzugang von Unternehmen und Haushalten \u2013 nicht selten mit Kosten von \u00fcber zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts.<\/p>\n<p>Dennoch traf die Krise einige Regionen st\u00e4rker als andere. Unterschiedlich grosse Konjunkturpakete sind daf\u00fcr eher wenig relevant. Viel bedeutender ist die grundlegende Widerstandsf\u00e4higkeit einer Volkswirtschaft. Diese h\u00e4ngt stark von der Wirksamkeit automatischer Stabilisatoren ab. Anders als Konjunkturpakete m\u00fcssen sie nicht erst im Krisenfall aktiviert werden. Sie k\u00f6nnen automatisch und ohne Verz\u00f6gerungen die wirtschaftlichen Schwankungen deutlich verringern. Ein besonders wichtiger automatischer Stabilisator ist die Arbeitslosenversicherung.<\/p>\n<h2>Hohes Arbeitslosengeld hat Vor- und Nachteile<\/h2>\n<p>Mit steigender Arbeitslosigkeit erleiden mehr Haushalte Einkommensverluste. Auch die Jobsuche dauert l\u00e4nger. Deshalb konsumieren sie weniger. Auch jene, die ihren Arbeitsplatz nicht verlieren, leiden unter gr\u00f6sserer Unsicherheit und sparen mehr. In beiden F\u00e4llen hilft die Arbeitslosenversicherung, die Nachfrage zu st\u00fctzen: Zum einen erh\u00f6ht sie das verf\u00fcgbare Einkommen der Arbeitslosen. Zum anderen verringert sich das Risiko derer, die Angst um ihren Job haben. Es gibt jedoch auch kontraproduktive Effekte. So kann eine grossz\u00fcgigere Arbeitslosenunterst\u00fctzung langfristig auch zu h\u00f6herer Arbeitslosigkeit f\u00fchren, wenn sie bei den Arbeitslosen die Intensit\u00e4t der Jobsuche und die Bereitschaft, eine neue Stelle anzunehmen, mindert.<\/p>\n<p>Solche gegenl\u00e4ufigen Auswirkungen erschweren die \u00dcberlegungen zur g\u00fcnstigen Ausgestaltung der Arbeitslosenversicherung. Trotz einiger einflussreicher Studien mangelt es nach wie vor an praktischen Orientierungshilfen f\u00fcr politische Entscheidungstr\u00e4ger. Die \u00d6konomen Marco di Maggio und Amir Kermani von den Universit\u00e4ten Harvard und Berkeley wollen empirisch die Frage kl\u00e4ren, welche Mechanismen der Arbeitslosenversicherung die Stabilit\u00e4t einer Volkswirtschaft verbessern k\u00f6nnen. Sie untersuchen vor allem den Einfluss auf die Schwankungen der Besch\u00e4ftigung und des Konsums. Die Arbeitslosenversicherung beeinflusst zudem die F\u00e4higkeit von Haushalten, ihre finanziellen Verpflichtungen zu erf\u00fcllen. Daher untersuchen sie auch den Effekt der Arbeitslosenversicherung auf die Verf\u00fcgbarkeit von Krediten, mit denen die Haushalte ihren Konsum aufrechterhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Evidenz aus den USA<\/h2>\n<p>Die Forscher nutzen dazu eine Besonderheit der Arbeitslosenversicherung in den USA aus. Die Bundesstaaten k\u00f6nnen weitgehend selbst bestimmen, wie grossz\u00fcgig sie die Arbeitslosenunterst\u00fctzung gestalten. Diese Unterschiede erlauben es di Maggio und Kermani, die Auswirkungen wirtschaftlicher Einbr\u00fcche auf lokaler Ebene zu vergleichen. Sie analysieren die Besch\u00e4ftigungs- und Wirtschaftsentwicklung in Bezirken (Counties), die sich haupts\u00e4chlich in ihren Leistungen der Arbeitslosenversicherung unterscheiden, sonst aber sehr \u00e4hnlich sind.<\/p>\n<p>Die Forscher verwenden Daten zu Besch\u00e4ftigung und Arbeitslosenversicherung im Zeitraum 1990 bis 2013. Sie messen die Grossz\u00fcgigkeit der Arbeitslosenversicherung anhand der Ersatzrate. Diese erfasst, welchen Anteil des fr\u00fcheren Gehalts Arbeitslose nach dem Jobverlust erhalten. Dabei gibt es zwischen den Bundesstaaten starke Unterschiede bei den Arbeitslosengeldern, die bis zu 400 Dollar pro Woche betragen. Die durchschnittliche Ersatzrate betrug 36,4 Prozent mit einer Standardabweichung von 3,9 Prozentpunkten.<\/p>\n<p>Wie kann man die Unterschiede in der lokalen Arbeitsnachfrage messen? Die Forscher verwenden daf\u00fcr das Konzept des \u00abBartik Schocks\u00bb. Sie betrachten zun\u00e4chst die Entwicklung des Arbeitsmarktes auf nationaler Ebene nach Branchen. Dann gewichten sie die branchenspezifische Arbeitsnachfrage mit dem Besch\u00e4ftigungsanteil der Branche im jeweiligen Bezirk im Jahr 1998. So erhalten sie am Ende ein Mass f\u00fcr die Unterschiede in der lokalen Arbeitsnachfrage. Wenn beispielsweise landesweit die Besch\u00e4ftigung in den Dienstleistungsbranchen und in der Industrie um zwei bzw. vier Prozent zur\u00fcckgeht und je die H\u00e4lfte der Arbeitnehmer in einem Bezirk in diesen beiden Branchen t\u00e4tig sind, dann ergibt dies einen Bartik Schock von minus drei Prozent in diesem Bezirk. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass die so ermittelte lokale Arbeitsnachfrage nicht durch bezirksspezifische Ver\u00e4nderungen im Arbeitsangebot verf\u00e4lscht wird. In den Daten variieren die Schocks auf die lokale Arbeitsnachfrage zwischen -6,9 und +3,3 Prozent.<\/p>\n<h2>Weniger Arbeitslose in Handel und Gastronomie<\/h2>\n<p>Die Arbeitslosenversicherung hilft, Besch\u00e4ftigung und Konsum in der Krise zu st\u00fctzen. Die Wissenschaftler sch\u00e4tzen, dass beispielsweise ein R\u00fcckgang der lokalen Arbeitsnachfrage (gemessen anhand des Bartik Schocks) das Besch\u00e4ftigungswachstum um 9 Prozent weniger stark verringert, wenn die Ersatzrate der Arbeitslosenversicherung in einem Bezirk um eine Standardabweichung, konkret um 11 Prozent, h\u00f6her ist. Dieser st\u00fctzende Besch\u00e4ftigungseffekt wirkt vor allem bei Dienstleistungen wie Handel und Gastronomie besonders stark, wo eine grossz\u00fcgige Arbeitslosenunterst\u00fctzung den lokalen Besch\u00e4ftigungsr\u00fcckgang sogar um 16 bis 20 Prozent reduziert. Wenn h\u00f6here Ersatzraten den R\u00fcckgang des verf\u00fcgbaren Einkommens abschw\u00e4chen, m\u00fcssen selbst Arbeitslose ihren Konsum nicht so stark verringern. Dies st\u00fctzt die Nachfrage in einem Abschwung und verringert so den Besch\u00e4ftigungseinbruch. Denn die Arbeitslosenunterst\u00fctzung kommt gerade jenen Haushalten mit einer hohen Konsumquote zu Gute, die jedes zus\u00e4tzliche Einkommen zum gr\u00f6ssten Teil ausgeben und nicht sparen.<\/p>\n<h2>Konsumr\u00fcckgang bei langlebigen G\u00fctern abgefedert<\/h2>\n<p>Die Studie zeigt weiter, dass eine grossz\u00fcgigere Arbeitslosenunterst\u00fctzung nach einem lokalen Schock auch den R\u00fcckgang des Konsums um durchschnittlich 7 Prozent abschw\u00e4cht. Dabei f\u00e4llt der Konsumr\u00fcckgang bei langlebigen G\u00fctern um bis zu 12 Prozent weniger stark aus, w\u00e4hrend die Nachfrage nach Verbrauchsg\u00fctern um 6 Prozent weniger stark f\u00e4llt. Allt\u00e4gliche Konsumausgaben wie etwa Lebensmittel schwanken also im Konjunkturverlauf nur schwach. Die Anschaffung langlebiger G\u00fcter wie etwa ein neues Auto kann man hingegen in einer Krise leicht auf einen sp\u00e4teren Zeitpunkt verschieben. Da die Konsumnachfrage solcher G\u00fcter wesentlich st\u00e4rker schwankt, kann eine grossz\u00fcgigere Arbeitslosenunterst\u00fctzung gerade bei langlebigen G\u00fctern st\u00e4rker stabilisieren.<\/p>\n<p>Die Abbildung veranschaulicht diese Ergebnisse. Die horizontale Achse zeigt die lokalen Schocks, wobei der Wert 0 einem normalen Wirtschaftsgang entspricht. Vertikal sind die Wachstumsraten der Besch\u00e4ftigung \u2013 getrennt f\u00fcr nicht handelbare (vorwiegend lokale Dienstleistungen) und handelbare Sektoren \u2013 und der Autoverk\u00e4ufe abgetragen. Die rot schattierten Linien zeigen die Ver\u00e4nderungen in den Top 25 Prozent der Bezirke mit der h\u00f6chsten Arbeitslosenversicherung (ALV), die blauen nicht schattierten Linien zeigen die Entwicklung in den 25 Prozent der Bezirke mit der tiefsten Versicherung. Es wird deutlich, dass eine grossz\u00fcgige Arbeitslosenversicherung vor allem die negativen Schocks abfedert, w\u00e4hrend die Unterschiede zwischen den Bezirken in den Boomphasen gering bleiben. Zudem entfaltet sie die st\u00e4rksten stabilisierenden Effekte vor allem in den lokalen, nicht handelbaren G\u00fctern und bei langlebigen Verbrauchsg\u00fctern wie Autos, w\u00e4hrend die Unterschiede in den handelbaren G\u00fctern nur schwach signifikant sind.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Lokale Auswirkungen von Schocks nach Grossz\u00fcgigkeit der Arbeitslosenversicherung<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/08\/Web_only-MAASSEN-Next-Generation-Abbildung.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-97735\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/08\/Web_only-MAASSEN-Next-Generation-Abbildung.png\" alt=\"\" width=\"1381\" height=\"866\" \/><\/a><\/p>\n<p><span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die horizontale Achse zeigt die lokalen Schocks, wobei der Wert 0 einem normalen Wirtschaftsgang entspricht. Vertikal sind die Wachstumsraten der Besch\u00e4ftigung \u2013 getrennt f\u00fcr nicht handelbare und handelbare Sektoren \u2013 und der Autoverk\u00e4ufe abgetragen.<\/span><\/p>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Di Maggio und Kermani (2017)<\/span><\/p>\n<h2>H\u00f6heres Arbeitslosengeld mindert Kreditausf\u00e4lle<\/h2>\n<p>Und welche Rolle spielt der Finanzsektor? Die Forscher stellen fest, dass sich Haushalte in einem wirtschaftlichen Abschwung oft st\u00e4rker verschulden, beispielsweise durch h\u00f6here Kreditkartenschulden. So k\u00f6nnen sie ihren Konsum \u00fcber die Zeit gl\u00e4tten und kurzfristig den Lebensstandard aufrechterhalten. Es zeigt sich aber, dass die Arbeitslosenunterst\u00fctzung das Verschuldungsverhalten nicht signifikant beeinflusst. Dies deutet darauf hin, dass Haushalte zwar gerne mehr Kredite aufnehmen w\u00fcrden, diese aber w\u00e4hrend einer Rezession kaum verf\u00fcgbar sind. Damit f\u00e4llt der R\u00fcckgang des Konsums und der Nachfrage st\u00e4rker aus, was den Abschwung tendenziell verst\u00e4rkt. Auch wenn eine Mehrverschuldung nicht m\u00f6glich ist, kann eine grossz\u00fcgige Arbeitslosenversicherung zumindest den R\u00fcckgang der Kreditvergabe abfedern. Denn Haushalte erleiden trotz Arbeitslosigkeit einen geringeren Einkommensverlust und k\u00f6nnen so ihren finanziellen Verpflichtungen besser nachkommen. Es fallen weniger Kredite aus und das Risiko der Kreditgeber sinkt. Sie sind daher eher bereit, die Kreditvergabe aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<p>Die empirische Evidenz macht also deutlich, dass h\u00f6here Ersatzraten der Arbeitslosenversicherung in einer Rezession eine stabilisierende Wirkung entfalten. Zwei Mechanismen sind dabei zentral: Erstens st\u00fctzen h\u00f6here Ersatzraten das verf\u00fcgbare Einkommen und damit Konsum und die Nachfrage. Zweitens k\u00f6nnen die betroffenen Haushalte eher ihren finanziellen Verpflichtungen nachkommen. Dies senkt das Kreditrisiko und verhindert eine Kreditklemme. Auf beiden Wegen schw\u00e4cht eine kr\u00e4ftigere Nachfrage den konjunkturbedingten Besch\u00e4ftigungsr\u00fcckgang ab.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Di Maggio und Kermani (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Rezession verlangsamt sich das Wachstum, die Nachfrage bricht ein, Unternehmen entlassen Mitarbeiter und die Finanzm\u00e4rkte stocken. Konjunkturpakete sollen diese negativen Auswirkungen mildern. 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Darin fassen herausragende Studierende der Universit\u00e4t St. Gallen aktuelle und bedeutende Forschungsresultate von international renommierten Wirtschaftswissenschaftlern kompakt zusammen. Betreut und herausgegeben wird die Reihe von Christian Keuschnigg, Professor f\u00fcr National\u00f6konomie und \u00f6ffentliche Finanzen. 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