{"id":101344,"date":"2020-08-28T14:06:30","date_gmt":"2020-08-28T14:06:30","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/08\/ansteckungsgefahr-bei-den-staatsschulden\/"},"modified":"2023-08-23T22:52:49","modified_gmt":"2023-08-23T20:52:49","slug":"ansteckungsgefahr-bei-den-staatsschulden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/08\/ansteckungsgefahr-bei-den-staatsschulden\/","title":{"rendered":"Ansteckungsgefahr bei den Staatsschulden!"},"content":{"rendered":"<p>Eine Staatsschuldenkrise geht fast immer einher mit einer sich verschlechternden Wirtschaftslage.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Eine Ursache daf\u00fcr liegt darin, dass Banken weniger Kredite an Unternehmen vergeben. Denn oft steigen in einer Staatsschuldenkrise nicht nur die Finanzierungskosten des Staates an, sondern auch jene der Banken. Wenn die Banken deshalb die Kreditvergabe einschr\u00e4nken oder die Zinsen erh\u00f6hen, kann es zu einer Kreditklemme kommen. Und diese wiederum schm\u00e4lert die Nachfrage und verst\u00e4rkt die Krise.<\/p>\n<p>Die \u00d6konomen Marcello Bofondi, Luisa Carpinelli und Enrico Sette von der italienischen Zentralbank \u00abBanca d\u2019Italia<em>\u00bb<\/em> gehen der Frage nach, wie die Staatsschuldenkrise von 2011 die Kreditvergabe von Banken in Italien beeinflusste. Dabei betrachten sie sowohl die Kreditzinsen als auch das Wachstum des Kreditvolumens und vergleichen die Kreditvergabe italienischer Banken mit jener von Tochtergesellschaften und Niederlassungen ausl\u00e4ndischer Banken in Italien. Ihre These ist, dass die Finanzierungskosten von Banken mit Hauptsitz in Italien aufgrund der Staatsschuldenkrise zunehmen, weil sie in grossem Umfang riskante heimische Staatsanleihen halten und die Investoren deshalb ein h\u00f6heres Risiko wittern. Banken aus L\u00e4ndern, in denen es keine Staatsschuldenkrise gab, sollten hingegen keinen Anstieg der Finanzierungskosten sp\u00fcren.<\/p>\n<h2>Ausf\u00fchrlicher Datensatz<\/h2>\n<p>Die Forschergruppe nutzte f\u00fcr das Krisenjahr 2011 Daten aus dem italienischen Kreditregister, welches alle Bankkredite an italienische Unternehmen erfasst. Dabei unterscheiden sie zwischen einem Vorkrisenzeitraum (Januar\u2013Juni) und einem Krisenzeitraum (Juli\u2013Dezember). Ihr Datensatz umfasst gut 664&#8217;000 Bankkundenbeziehungen, von denen rund ein Viertel auf ausl\u00e4ndische Banken entf\u00e4llt. Die Studie ber\u00fccksichtigt insgesamt 567 Banken, davon 49 ausl\u00e4ndische. Zahlenm\u00e4ssig am st\u00e4rksten vertreten sind dabei Banken aus Frankreich, Deutschland, den USA sowie \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst messen die Forscher die Ver\u00e4nderung der Finanzierungskosten des italienischen Staates gegen\u00fcber einem risikolosen Zinssatz, wobei deutsche Staatsanleihen als Referenz gelten. Die Zinsaufschl\u00e4ge italienischer Staatsanleihen stiegen von Juli bis Dezember 2011 sehr stark von rund zwei auf zirka f\u00fcnf Prozent an. In den erw\u00e4hnten vier Staaten, aus welchen die meisten ausl\u00e4ndischen Banken kommen, nahmen hingegen die Zinsaufschl\u00e4ge w\u00e4hrend der Krise nicht oder nur geringf\u00fcgig zu.<\/p>\n<p>Die Kreditnehmer sind in den Branchen Dienstleistungen (ca. 50 Prozent), Industrie und Energieerzeugung (ca. 30 Prozent), der Bauwirtschaft (ca. 12 Prozent) sowie der Landwirtschaft (ca. 8 Prozent) t\u00e4tig. In ihrer Analyse erfassen die drei Wissenschaftler nur jene Firmen, die sowohl von einer italienischen als auch von einer ausl\u00e4ndischen Bank Kredite aufgenommen hatten. Weiterhin ber\u00fccksichtigen sie Unterschiede (z. B. Gr\u00f6sse, Profitabilit\u00e4t) zwischen den Banken und zwischen den Unternehmen. Zudem stellen die Autoren auf Besonderheiten in der Beziehung zwischen Bank und Kunden ab, wie etwa die Dauer der Kundenbeziehung oder der Anteil der Kredite einer bestimmten Bank am gesamten Kreditvolumen eines Unternehmens. Dadurch k\u00f6nnen die Forscher systematische Unterschiede ausschliessen, die den Effekt der Staatsschuldenkrise verzerren k\u00f6nnten.<\/p>\n<h2>Starker R\u00fcckgang bei Kreditvergabe<\/h2>\n<p>Die Forscher analysieren das Kreditwachstum italienischer und ausl\u00e4ndischer Banken. Die Abbildung zeigt, dass sich das Kreditwachstum bis zum Ausbruch der Krise im Juni 2011 \u00e4hnlich entwickelte und kaum zur\u00fcckging. Danach nahm das Kreditwachstum italienischer Banken allerdings stark ab, w\u00e4hrend die ausl\u00e4ndischen Banken die Kreditvergabe nur verz\u00f6gert und wesentlich schw\u00e4cher reduzierten.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Kreditwachstum in- und ausl\u00e4ndischer Banken in Italien (Januar\u2013Dezember 2011)<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/08\/Web_only-VON-M\u00d6LLENDORFF-Next-Generation-Abbildung.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-97719\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/08\/Web_only-VON-M\u00d6LLENDORFF-Next-Generation-Abbildung.png\" alt=\"\" width=\"1045\" height=\"668\" \/><\/a><\/p>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">\u00a0Quelle: Bofondi u.a. (2018), Abb. 3<\/span><\/p>\n<p>Die Sch\u00e4tzungen der Forscher best\u00e4tigen diesen Zusammenhang: Das Kreditwachstum ausl\u00e4ndischer Banken war in der Krise rund drei Prozentpunkte h\u00f6her als jenes der inl\u00e4ndischen Banken. Ber\u00fccksichtigt man weitere Faktoren wie die Kundenbeziehungen zwischen Banken und Unternehmen, betrug der Unterschied im Kreditwachstum immer noch 1,7 Prozentpunkte. Beide Ergebnisse sind \u00f6konomisch bedeutsam, da die Kreditvergabe in Italien w\u00e4hrend der Krise um durchschnittlich 6,6 Prozent sank.<\/p>\n<p>Um ihre Ergebnisse zu \u00fcberpr\u00fcfen, verwenden die Forscher unter anderem einen Datensatz, der neben den ausl\u00e4ndischen nur die 50 gr\u00f6\u00dften italienischen Banken umfasst. Diese beiden Bankengruppen sind besonders gut vergleichbar und unterscheiden sich haupts\u00e4chlich in den Best\u00e4nden italienischer Staatsanleihen. Auch mit diesem Datensatz best\u00e4tigen sich die quantitativen Ergebnisse.<\/p>\n<h2>Organisationsform entscheidend<\/h2>\n<p>Ausl\u00e4ndische Banken sind in Italien entweder mit eigenst\u00e4ndigen Tochtergesellschaften oder mit Niederlassungen vertreten. Tochtergesellschaften sind den italienischen Banken bez\u00fcglich Gesch\u00e4ftsmodell und Netzwerk sehr \u00e4hnlich, w\u00e4hrend Niederlassungen nur in bestimmten Regionen und Marktsegmenten t\u00e4tig sind. Beeinflusst auch die Organisationsform ausl\u00e4ndischer Banken deren Kreditvergabe w\u00e4hrend der Krise? Die Ergebnisse zeigen, dass dieser Aspekt eine wichtige Rolle spielt: Die Kreditvergabe zwischen italienischen Banken und den Tochtergesellschaften ausl\u00e4ndischer Banken war sehr unterschiedlich. Letztere vergaben w\u00e4hrend der Krise signifikant mehr Kredite. Banken hingegen, die nur mit unselbst\u00e4ndigen Filialen (d. h. Niederlassungen) vertreten waren, verhielten sich \u00e4hnlich wie italienische Banken.<\/p>\n<p>Inwieweit konnten Unternehmen das geringere Kreditangebot italienischer Banken durch zus\u00e4tzliche Kredite von ausl\u00e4ndischen Banken kompensieren? Die Ergebnisse hierzu sind \u00e4u\u00dferst aussagekr\u00e4ftig: Unternehmen, die sich bei ausl\u00e4ndischen Banken finanzierten, wiesen ein h\u00f6heres Kreditwachstum auf. Ein Unternehmen, welches sich vor der Krise (um eine Standardabweichung) st\u00e4rker bei ausl\u00e4ndischen Banken finanzierte, konnte sein Kreditwachstum in der Krise um 0,8 Prozentpunkte steigern, im Vergleich zu Unternehmen, die st\u00e4rker von italienischen Banken abh\u00e4ngig waren. Dieser Effekt ist umso bedeutender, da die Kreditvergabe w\u00e4hrend der Krise um durchschnittlich 3,8 Prozent schrumpfte. Insgesamt allerdings konnten italienische Unternehmen die geringere Kreditvergabe italienischer Banken nur teilweise durch Kredite ausl\u00e4ndischer Banken kompensieren.<\/p>\n<h2>Ausl\u00e4ndische Banken fordern tiefere Zinsen<\/h2>\n<p>In einem letzten Schritt pr\u00fcften die Forscher, wie sich die Staatsschuldenkrise in Italien auf die Kreditzinsen auswirkten. Wenn der Wert der Staatsanleihen sinkt, m\u00fcssen die Banken hohe Verluste verdauen, nicht aber ihre ausl\u00e4ndischen Konkurrenten aus sicheren L\u00e4ndern. Die Ergebnisse zeigen, dass ausl\u00e4ndische Banken in der Krise um 0,21 Prozentpunkte tiefere Zinsen f\u00fcr kurzfristige \u00dcberziehungskredite forderten als inl\u00e4ndische Banken. Bei den \u00a0langfristigen Krediten waren die Zinsen von ausl\u00e4ndischen Banken in Italien um 0,15 Prozentpunkte tiefer.<\/p>\n<p>Die vorliegende Studie illustriert am Beispiel Italiens, wie eine Staatsschuldenkrise den Bankensektor anstecken kann, in der Folge die Kreditvergabe durch heimische Banken verringert, Kreditzinsen erh\u00f6ht und dadurch die Realwirtschaft trifft. Unternehmen k\u00f6nnen dies nur teilweise kompensieren, indem sie sich st\u00e4rker bei ausl\u00e4ndischen Banken verschulden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel basiert auf dem wissenschaftlichen Artikel von Bofondi, Carpinelli, Sette (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Staatsschuldenkrise geht fast immer einher mit einer sich verschlechternden Wirtschaftslage. 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