{"id":101398,"date":"2020-07-24T07:58:42","date_gmt":"2020-07-24T07:58:42","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/07\/kronthaler-8-9-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:52:49","modified_gmt":"2023-08-23T20:52:49","slug":"kronthaler-8-9-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/07\/kronthaler-8-9-2020\/","title":{"rendered":"Ein Kulturanlass f\u00f6rdert die lokale Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Kulturelle Grossveranstaltungen bringt man nicht unbedingt mit l\u00e4ndlichen Gegenden in Verbindung. Doch es gibt sie auch dort. Zum Beispiel im St. Galler Dorf Bad Ragaz in der Region Sarganserland. In der Gemeinde mit rund 6000 Einwohnern findet n\u00e4mlich seit dem Jahr 2000 alle drei Jahre der Event <a href=\"https:\/\/badragartz.ch\/triennale-2021\/\">Bad RagARTz<\/a>, die Schweizerische Triennale der Skulptur, statt. 2021 wird sie bereits zum achten Mal durchgef\u00fchrt. Von Mai bis Ende Oktober werden 72 internationale K\u00fcnstler insgesamt 450 Werke pr\u00e4sentieren. Die Besucher k\u00f6nnen die Ausstellung kostenlos besuchen, und rund 400\u2019000 bis 500\u2019000 Personen werden diese Gelegenheit auch nutzen. Doch welche Faktoren haben diesen Erfolg erm\u00f6glicht?&#13;<\/p>\n<h2>Ein g\u00fcnstiges Umfeld<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Zentrum steht wie so oft der unternehmerische Geist Einzelner. Entstanden ist die Bad RagARTz im Jahr 2000. Die Familie Hohmeister wollte f\u00fcr das neue Jahrtausend etwas Bleibendes schaffen, \u00abetwas, was nicht wie ein Feuerwerk verpufft\u00bb, wie sie sagt. Dazu kam ein gewisser revolution\u00e4rer Geist, welcher Kultur als wichtiges bildnerisches, soziales Element betrachtet: Kunst als Gegenpol zur gesellschaftlichen Oberfl\u00e4chlichkeit und zur \u00f6konomisierten Welt; Kunst als begegnendes Element, welches st\u00e4dtebauliche, kulturelle und politische Zusammenh\u00e4nge diskutieren und gestalten kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine Idee und der unternehmerische Geist reichen aber in der Regel nicht aus, es braucht auch den \u00abBodensatz\u00bb. Ohne das n\u00f6tige Umfeld und die notwendigen Kenntnisse kann ein Projekt nicht verwirklicht werden. Das Umfeld muss \u00fcber die notwendigen Ressourcen verf\u00fcgen und darf die Idee nicht im Keim ersticken. Bad Ragaz ist ein solches Umfeld: Der Ort hat eine lange Tradition als Kurort, besitzt die entsprechenden Parkanlagen, welche genutzt werden k\u00f6nnen, und verf\u00fcgt \u00fcber eine gewisse Welt- und Kulturoffenheit. Beispielsweise beherbergt das Grand Resort Bad Ragaz als f\u00fchrende touristische Institution in der Gemeinde G\u00e4ste aus der ganzen Welt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Initiantenfamilie Hohmeister hatte keine Kenntnisse dar\u00fcber, wie eine Kunstausstellung zu organisieren und zu finanzieren ist. Doch aufgrund der jahrelangen T\u00e4tigkeit im medizinischen Zentrum von Bad Ragaz, welches auch die G\u00e4ste des Grand Resort betreut, waren die Familienmitglieder sehr gut vernetzt und verf\u00fcgten \u00fcber Kontakte zu K\u00fcnstlern und zu Personen, welche als T\u00fcr\u00f6ffner dienten. Diese Kontakte wurden genutzt, um in nur wenigen Monaten die erste Skulpturenausstellung zu organisieren.&#13;<\/p>\n<h2>Grenzen ausgelotet und professionalisiert<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSeither ist vieles passiert. Im Jahr 2000 waren 42 K\u00fcnstler mit insgesamt 120 Werken beteiligt. Bis zum Jahr 2015 steigerte sich die Zahl der Ausstellenden und Kunstwerke. Damals waren es rund 90 K\u00fcnstler, die 450 Kunstwerke beisteuerten. Laut den Veranstaltern wurde damit die vorhandene Kapazit\u00e4t ausgesch\u00f6pft. Wie sich zeigte, waren 450 Kunstwerke eine sinnvolle Zahl f\u00fcr die Gr\u00f6sse von Bad Ragaz, und sie wurde seither beibehalten. Die Anzahl K\u00fcnstler wurde allerdings 2018 reduziert und liegt heute bei rund 70.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZentral f\u00fcr die Weiterentwicklung der Bad RagARTz waren die fr\u00fche Professionalisierung und die damit verbundene \u00dcberf\u00fchrung der Veranstaltung in eine Stiftung. Diese hat den Zweck, die regionale Kultur zu f\u00f6rdern und alle drei Jahre die Bad RagARTz durchzuf\u00fchren. Die Stiftung wurde im Jahr 2004, nach der zweiten Durchf\u00fchrung der Kunstausstellung, gegr\u00fcndet und stellte diese auf ein breiteres Fundament: Ein Stiftungsrat wurde gew\u00e4hlt und damit die Organisation des Events auf mehrere Schultern verteilt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZudem wurde der Durchf\u00fchrungsturnus von drei Jahren festgeschrieben. Ber\u00fccksichtigt wurde dabei auch, dass eine j\u00e4hrliche Durchf\u00fchrung einen gewissen Gew\u00f6hnungseffekt mit sich bringt und die Veranstaltung damit \u00abgew\u00f6hnlich\u00bb wird. Ausserdem ben\u00f6tigen die Organisation und die Finanzierung einen Vorlauf, da diese sehr aufwendig sind. Damit die Veranstaltung nicht mehr nur am finanziellen Engagement der Gr\u00fcndungsfamilie hing, wurde auch die Finanzierungsfrage geregelt. Alles zusammen war notwendig, um die Veranstaltung l\u00e4ngerfristig durchzuf\u00fchren und zu professionalisieren.&#13;<\/p>\n<h2>Finanzieller R\u00fcckhalt aus der Region<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Kosten f\u00fcr die Durchf\u00fchrung einer Bad RagARTz belaufen sich auf gesch\u00e4tzte 2,2 bis 2,5 Millionen Franken (siehe <em>Abbildung<\/em>). Wohlgemerkt: Der Eintritt zur Triennale ist f\u00fcr die Besucher kostenlos. Wie also wird die Bad RagARTz finanziert?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie staatliche Unterst\u00fctzung macht dabei nur einen sehr kleinen Teil des gesamten Budgets aus. Der gr\u00f6sste Teil der Einnahmen kommt aus den Verk\u00e4ufen der Kunstwerke im Auftrag der K\u00fcnstler, der Unterst\u00fctzung durch kunst- und kulturaffine Organisationen sowie durch Beitr\u00e4ge von Sponsoren und G\u00f6nnern. Zudem zeigt sich, dass der gr\u00f6sste Teil des Budgets aus \u00fcberregionalen Quellen stammt und somit der Region zufliesst. Auch das regionale Gewerbe und die Gemeinde unterst\u00fctzen die Veranstaltung. Dies ist ein erstes Indiz daf\u00fcr, dass auch die Region von der Veranstaltung profitiert.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Kosten- und Finanzierungssch\u00e4tzung f\u00fcr die 8. Bad RagARTz 2021<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class='chart chart--normal' id='Kronthaler_20_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Kronthaler_20_de').highcharts({\n      chart: {\n     \n        type: 'pie'\n    },\n    title: {\n        text: 'a) Aufwand'\n    },\n    tooltip: {\n        pointFormat: '{series.name}: <b>{point.percentage:.1f}%<\/b> ({point.y} Franken) '\n    },\n    accessibility: {\n        point: {\n            valueSuffix: 'Franken'\n        }\n    },\n    plotOptions: {\n        pie: {\n            allowPointSelect: true,\n            cursor: 'pointer',\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n            showInLegend: true\n        }\n    },\n    series: [{\n        name: 'Aufwand',\n        colorByPoint: true,\n        data: [{\n            name: 'Produktions-, inkl. Materialkosten',\n            y: 200000,\n                }, {\n            name: 'Transporte, inkl. 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Die Fachhochschule Graub\u00fcnden hat die Wertsch\u00f6pfung, welche von der Veranstaltung ausgeht, mit einem sogenannten regionalwirtschaftlichen Multiplikatormodell gesch\u00e4tzt. Dabei unterscheiden wir zwischen direkter, indirekter und induzierter Wertsch\u00f6pfung. Die direkte Wertsch\u00f6pfung bezeichnet den Teil, den die Organisatoren und Unternehmen durch den Konsum der Besucher direkt erwirtschaften. Die indirekte Wertsch\u00f6pfung ergibt sich aus dem Bezug von ben\u00f6tigten Vorleistungen, zum Beispiel werden die Kunstgegenst\u00e4nde nach Bad Ragaz transportiert und dort aufgestellt, oder Restaurants beziehen Waren in der Region. Die induzierte Wertsch\u00f6pfung schliesslich ist der Teil, der aus den zus\u00e4tzlichen Einkommen der Besch\u00e4ftigten resultiert, etwa wenn diese Produkte des t\u00e4glichen Bedarfs einkaufen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUnsere Analyse zeigt, dass bei der letzten Durchf\u00fchrung der Triennale im Jahr 2018 in Bad Ragaz und der Region Sarganserland eine zus\u00e4tzliche Wertsch\u00f6pfung von rund 8,2 Millionen Franken entstand. Bei der Berechnung sind wir von einem Multiplikator ausgegangen, wie er f\u00fcr Schweizer Bergkantone typisch ist. Zudem wurde nur der Wertsch\u00f6pfungsteil ber\u00fccksichtigt, der aufgrund der in die Region zufliessenden Finanzmittel entstand. Gelder, die auch ohne die Bad RagARTz in der Region vorhanden sind und entsprechend auch so zu Wertsch\u00f6pfung in der Region f\u00fchren, wurden bei der Berechnung nicht ber\u00fccksichtigt. Der weitaus gr\u00f6sste Teil der zus\u00e4tzlich generierten Wertsch\u00f6pfung, rund 7 Millionen Franken, kann dabei auf die Besucherausgaben zur\u00fcckgef\u00fchrt werden, wobei davon wiederum 4,1 Millionen Franken direkte Wertsch\u00f6pfung durch die Ausgaben der Besucher sind. Ein Beispiel daf\u00fcr sind die rund 5000 zus\u00e4tzlichen \u00dcbernachtungen in Bad Ragaz. Hochrechnungen zeigen zudem, dass die circa 400\u2019000 bis 500\u2019000 Besuchenden im Rahmen ihres Ausfluges Geld f\u00fcr Essen und Trinken sowie im \u00f6rtlichen Detailhandel ausgeben. Damit profitieren insbesondere Hotellerie, Gastronomie und lokale Gesch\u00e4fte stark vom Kulturanlass. \u00dcber die indirekte und induzierte Wertsch\u00f6pfung profitieren aber auch viele nachgelagerte Wirtschaftsbereiche.&#13;<\/p>\n<h2>Wertsch\u00f6pfung ist nicht alles<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der \u00f6konomischen Literatur werden bei solchen Leuchtturmprojekten neben der generierten Wertsch\u00f6pfung auch weitere wichtige regionalwirtschaftliche Effekte diskutiert. Mit Blick auf die Bad RagARTz sind dies etwa touristische, soziokulturelle, politische und bildende Effekte. Diese Wirkungen zu messen, ist methodisch schwierig und nur aufwendig umzusetzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVor und w\u00e4hrend der Bad RagARTz wird unter anderem aufgrund der Internationalit\u00e4t der K\u00fcnstler weltweit \u00fcber die Kunstausstellung berichtet. 2018 gab es weltweit mehr als 1000 Berichte in den Printmedien sowie auf Radio- und Fernsehkan\u00e4len. So informierten etwa das Schweizer Fernsehen und der deutsch-franz\u00f6sische Kultursender Arte \u00fcber die Veranstaltung. Neben der regionalen und der nationalen Presse, wie z. B. dem \u00abSarganserl\u00e4nder\u00bb und der NZZ, gab es auch Berichte auf \u00abSpiegel online\u00bb und im \u00abNew York Times\u00bb-Reisemagazin. Obwohl der Grossteil der Berichterstattung regional und national ist, wird neben dem schweizerischen also auch ein internationales Publikum erreicht und f\u00fcr die Tourismusregion Bad Ragaz Werbung gemacht. So ist insgesamt davon auszugehen, dass die Tourismusdestination Bad Ragaz durch die Bad RagARTz ihre Bekanntheit steigert und als touristisches Ziel attraktiver wird.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAufgrund der Berichterstattung ist auch davon auszugehen, dass das soziokulturelle und politische Image von Bad Ragaz profitiert. Denn es gewinnt sowohl national als auch international an Bekanntheit. Aber auch die Bev\u00f6lkerung kommt nicht zu kurz: W\u00e4hrend der sechsmonatigen Durchf\u00fchrung der Bad RagARTz steht ihr n\u00e4mlich ein erweitertes Freizeit- und Erlebnisangebot zur Verf\u00fcgung. Dadurch wird Bad Ragaz als Wohn- und Freizeitort attraktiver.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDar\u00fcber hinaus kann von bildenden Effekten bei der regionalen Bev\u00f6lkerung ausgegangen werden. Denn zum einen ist der Kulturanlass so konzipiert, dass die Kunstwerke zum Denken und Diskutieren \u00fcber gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge anregen. Zum anderen wird in zahlreichen F\u00fchrungen und (Kinder-)Workshops \u00fcber Kunstwerke und deren Aussagen berichtet, und es werden eigene Kunstwerke erstellt.&#13;<\/p>\n<h2>Ein erfolgreiches Leuchtturmprojekt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Beispiel Bad RagARTz zeigt, dass Leuchtturmprojekte bedeutende regionalwirtschaftliche Effekte sowie Tourismus, Wertsch\u00f6pfung und weitere Angebotseffekte initiieren k\u00f6nnen. Das ist nicht selbstverst\u00e4ndlich. Es gibt auch Leuchtturmprojekte, die, anstatt Ressourcen zu erzeugen, vorhandene Ressourcen, etwa in Form von staatlichen Subventionen, binden. Nicht aber die Bad RagARTz: Mit dem vorhandenen Know-how sowie einem passenden Umfeld gelang es, ein Projekt anzustossen, das durch eine fr\u00fche Professionalisierung und eine breite Abst\u00fctzung dauerhaft erfolgreich werden konnte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHerausfordernd ist bei Kulturveranstaltungen immer die Finanzierung. Die Bad RagARTz verzichtet auf Einnahmen aus Besuchereintritten und ist daher auf die Unterst\u00fctzung von Stiftungen und G\u00f6nnern angewiesen. Damit zeigt sich ein gesellschaftliches Dilemma: Kunst und Kultur k\u00f6nnen oft nicht selbsttragend sein und leben zumindest teilweise von unterst\u00fctzenden Beitr\u00e4gen. Doch diese zahlen sich \u00fcber wichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Effekte teilweise wieder aus, wie unsere Analyse zeigt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kulturelle Grossveranstaltungen bringt man nicht unbedingt mit l\u00e4ndlichen Gegenden in Verbindung. Doch es gibt sie auch dort. Zum Beispiel im St. Galler Dorf Bad Ragaz in der Region Sarganserland. In der Gemeinde mit rund 6000 Einwohnern findet n\u00e4mlich seit dem Jahr 2000 alle drei Jahre der Event Bad RagARTz, die Schweizerische Triennale der Skulptur, statt. 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Solche Projekte sollen eine grosse Strahlkraft entfalten, den Tourismus f\u00f6rdern und Wertsch\u00f6pfung generieren. In Bad Ragaz ist das mit der Bad RagARTz, der Schweizerischen Triennale der Skulptur, gelungen. Eine Analyse der Fachhochschule Graub\u00fcnden sch\u00e4tzt, dass dieser Event 2018 rund 8,2 Millionen Franken zus\u00e4tzliche Wertsch\u00f6pfung in der Region erm\u00f6glichte. Direkt profitierten dabei vor allem das Gastgewerbe und die lokalen Gesch\u00e4fte. Dank Vorleistungen und zus\u00e4tzlichem Einkommen in der Region wurde auch die Nachfrage in weiteren Branchen stimuliert. 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