{"id":101458,"date":"2020-07-24T07:58:42","date_gmt":"2020-07-24T07:58:42","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/07\/fischer-wegmueller-zahner-8-9-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:52:47","modified_gmt":"2023-08-23T20:52:47","slug":"corona-krise-drueckt-den-wohlstand-bis-2050","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/07\/corona-krise-drueckt-den-wohlstand-bis-2050\/","title":{"rendered":"Corona-Krise dr\u00fcckt den Wohlstand bis 2050"},"content":{"rendered":"<p>Angenommen, Sie werden gebeten, den allgemeinen Zustand der Schweizer Volkswirtschaft im Jahr 2050 anhand der im Jahr 2020 verf\u00fcgbaren Daten abzusch\u00e4tzen. Vermutlich werden Sie antworten, das sei eine k\u00fchne Aufgabe, verbunden mit grossen Unsicherheiten. F\u00fcr viele wirtschaftspolitische Fragestellungen \u2013 beispielsweise zur fiskalischen Nachhaltigkeit, bei der Planung von Infrastrukturausbauten, zu Auswirkungen von Strukturreformen oder f\u00fcr die Formulierung von Klimazielen \u2013 ist eine langfristige Perspektive allerdings unerl\u00e4sslich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVorweg sei klargemacht: Die Unsch\u00e4rfe kurzfristiger Wirtschaftsprognosen, einschliesslich jener des Bundes, sollte nicht als Argument herangezogen werden, um \u00fcber Sinn und Unsinn von Langfristszenarien zu urteilen. Der Unterschied zwischen einer kurzfristigen Prognose und einem langfristigen Wirtschaftsszenario ist vergleichbar mit jenem zwischen einer Wettervorhersage f\u00fcr morgen und einem Klimaszenario. Beide sind mit betr\u00e4chtlicher Unsicherheit verbunden, aber trotzdem wichtig.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Seco setzt neue Methode ein<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie meisten der \u00fcblicherweise verwendeten Prognoseverfahren f\u00fcr die kurze Frist sind f\u00fcr die Formulierung von Szenarien bis in die ferne Zukunft irrelevant und unbrauchbar. Dennoch gibt es methodische Werkzeuge, die es erlauben, die m\u00f6gliche zuk\u00fcnftige Wohlstandsentwicklung zu skizzieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDabei liegt der Fokus im Folgenden insbesondere auf der Identifizierung und der Projektion langsam verlaufender Trends. Diese h\u00e4ngen von einer Reihe von Hypothesen ab und veranschaulichen einige der Kr\u00e4fte, welche die mittel- und langfristigen Aussichten der Schweizer Wirtschaft pr\u00e4gen k\u00f6nnten. Einige wichtige Faktoren, wie zum Beispiel die Klimaentwicklung, werden aber ausser Acht gelassen, um die Komplexit\u00e4t zu reduzieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) hat vergangenes Jahr eine neue Methode entwickelt, welche die Kurzfristprognose, die Mittelfristprognose und Szenarien in der langen Frist miteinander verkn\u00fcpft (siehe <em>Abbildung 1<\/em>).<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Im Fokus steht das k\u00fcnftige Wirtschaftswachstum in der Schweiz. Neben dem Referenzszenario zeigen alternative Szenarien die Entwicklung bei unterschiedlichen Annahmen zur Erwerbsbev\u00f6lkerung und der Arbeitsproduktivit\u00e4t.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAusgangspunkt bilden die viertelj\u00e4hrlich aktualisierten Kurzfristprognosen des Bundes. Die daran anschliessende Mittelfristprognose basiert auf einem Produktionsfunktionsansatz, wie er auch von der Europ\u00e4ischen Kommission zur Anwendung kommt. Dabei wird unterstellt, dass das reale,\u00a0Sportevent-bereinigte Bruttoinlandprodukt (BIP) innerhalb der auf die Kurzfristprognose folgenden sieben Jahre zu seinem Produktionspotenzial konvergiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Langfristszenarien schliessen wiederum unmittelbar an die Mittelfristprognose an. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich ab diesem Zeitpunkt das BIP entsprechend dem Potenzial der Wirtschaft entwickelt. Die Szenarien in der langen Frist orientieren sich an der historischen Entwicklung der Arbeitsproduktivit\u00e4t sowie den Szenarien des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS) zur Bev\u00f6lkerungsentwicklung. Der gesamte Zeithorizont reicht aktuell bis ins Jahr 2070. Die Referenzreihe ist das reale, j\u00e4hrliche BIP der Schweiz.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: BIP-Entwicklung der Schweiz (Referenzszenario, Juni 2020)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/07\/fischer-wegmueller-zahner-abb-1-de.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-97345\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/07\/fischer-wegmueller-zahner-abb-1-de.png\" alt=\"\" width=\"2148\" height=\"818\" \/><\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Corona: Langer Nachhall<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNebst dem Niveau der gesamtwirtschaftlichen Produktion kann aus den langfristigen Szenarien des Seco auch das Pro-Kopf-Einkommen berechnet werden. Dieses gilt gemeinhin als Mass f\u00fcr den Lebensstandard der Bev\u00f6lkerung. Angesichts der Tatsache, dass wir momentan wohl gerade eine der gr\u00f6ssten Wirtschaftskrisen der letzten 100 Jahre erleben, stellt sich die Frage: Wie wird die Corona-Pandemie unsere Wohlstandsentwicklung in den n\u00e4chsten Jahren beeinflussen?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Jahr 2019 wiesen Herr und Frau Schweizer durchschnittlich ein Einkommen von knapp 83\u2019000 Franken aus. In der Konjunkturprognose vom Dezember\u00a02019, also noch vor Ausbruch der Pandemie, wurde f\u00fcr das Jahr\u00a02020 noch ein leichter BIP-Zuwachs pro Kopf erwartet. Verglichen damit d\u00fcrfte im Jahr 2020 der Wohlstandsverlust pro Kopf im Referenzszenario der Juniprognose satte 6000\u00a0Franken betragen (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). F\u00e4llt die Erholung schneller und st\u00e4rker aus, dann d\u00fcrfte der Wohlstandsverlust bei etwa 5000 Franken liegen. Im Falle einer sch\u00e4rfer als erwartet ausfallenden Rezession \u2013 mit Firmenschliessungen, einer erh\u00f6hten Arbeitslosigkeit und einer nur schleppenden Erholung \u2013 k\u00f6nnten dieses Jahr sogar bis zu 6700 Franken an Pro-Kopf-Einkommen verloren gehen.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: BIP pro Kopf je nach Szenario (real, in Franken)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class='chart chart--normal' id='fischer_0809_20_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#fischer_0809_20_de').highcharts({\nchart: {\n    type: 'column'\n  },\n  title: {\n    text: ''\n  },\n  subtitle: {\n    text: ''\n  },\n  xAxis: {\n    categories: [\n      '2019',\n      '2020',\n      '2030',\n      '2050',\n\n    ],\n    crosshair: true\n  },\n  yAxis: {\n    min: 0,\n    title: {\n      text: ''\n    },\n    labels: {\n\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0format: '{value}'\n\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0},\n  },\n  tooltip: {\n    \n  },\n  plotOptions: {\n    column: {\n      pointPadding: 0.2,\n      borderWidth: 0\n    }\n  },\n  series: [{\n    name: 'Sch\u00e4tzung',\ncolor: '#23318a',\n    data: [82946, null, null, null],\n\n\n  }, {\n    name: 'Prognose Dezember 2019',\ncolor: '#00b3d4',\n    data: [null, 83306, 91217, 107161],\n\n\n  }, {\n    name: 'Referenzszenario',\ncolor: '#ffdd0c',\n    data: [null,77301,87807,103155],\n\n    \n\n  }, {\n    name: 'Negatives Krisenszenario',\ncolor: '#ee7452',\n    data: [null,\n76584,\n84340,\n99081],\n\n  }, {\n    name: 'Positives Krisenszenario',\ncolor: '#37a932',\n    data: [null,\n78329,\n88878,\n104412],\n\n\n  }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n<\/div>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Stand Juni 2020.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quellen: BFS, Seco \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Corona-Krise hat auch Auswirkungen \u00fcber die kurze Frist hinaus: Mittelfristig d\u00fcrfte sich insbesondere die Investitionst\u00e4tigkeit verhalten entwickeln. Wir nehmen an, dass die heute nicht get\u00e4tigten Investitionen nicht vollumf\u00e4nglich zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt nachgeholt werden. Dies ist erstens auf die schlechtere finanzielle Situation vieler Unternehmen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Zweitens d\u00fcrfte es eine Weile dauern, bis die Nachfrage gerade im nahen Ausland wieder merklich anzieht. Viele Unternehmen k\u00f6nnten in der Folge auf Ersatz- oder Erweiterungsinvestitionen verzichten. Somit d\u00fcrfte das Produktionspotenzial der Schweizer Wirtschaft im Jahr 2030 tiefer zu liegen kommen, als es ohne die Corona-Pandemie der Fall gewesen w\u00e4re.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEntsprechend diesen Annahmen d\u00fcrfte das reale BIP pro Kopf im Jahr 2030 etwa\u00a088\u2019000\u00a0 Franken betragen. Gegen\u00fcber der Vorkrisen-Prognose entspricht dies einem mittelfristigen Wohlstandsverlust von 3400 Franken pro Kopf. Tritt hingegen das Negativszenario ein, dann belaufen sich die Wohlfahrtsverluste mittelfristig sogar auf \u00fcber 6900 Franken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nLangfristig \u2013 also \u00fcber das Jahr 2030 hinaus \u2013 unterstellen wir jedoch, dass sich die Wirtschaft wieder gem\u00e4ss dem Potenzialwachstum entwickelt. Die heutige Krise beeinflusst also das langfristige Wachstum der Arbeitsproduktivit\u00e4t und der Bev\u00f6lkerung, und damit das Wirtschaftswachstum in der langen Frist, nicht.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Wichtige Stabilisierung<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm die Wohlstandsverluste mittelfristig einzud\u00e4mmen, gilt es eine nachhaltige Sch\u00e4digung der Produktionskapazit\u00e4ten zu vermeiden. Hierbei spielen die Covid-19-\u00dcberbr\u00fcckungskredite sowie die Ausweitung und Vereinfachung der Kurzarbeitsentsch\u00e4digung eine zentrale Rolle. Diese Massnahmen helfen, die wirtschaftlichen Folgen der Ausbreitung des Coronavirus abzufedern und die wirtschaftlichen Strukturen vor gr\u00f6sseren Sch\u00e4den zu bewahren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDar\u00fcber hinaus kommt der langfristigen Produktivit\u00e4tsentwicklung in der Schweiz mehr denn je eine grosse Bedeutung zu. Die zielf\u00fchrendsten Ans\u00e4tze, um deren Dynamik zu st\u00e4rken, liegen in einem Abbau von Markteintrittsh\u00fcrden zur St\u00e4rkung des Wettbewerbs, im Abbau von administrativen Belastungen sowie in einer weiteren aussenwirtschaftlichen \u00d6ffnung.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Seco (2020). <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/wirtschaftslage---wirtschaftspolitik\/wirtschaftspolitik\/Wachstumpolitik\/szenarien_bip-entwicklung_schweiz.html\">Szenarien zur BIP-Entwicklung der Schweiz<\/a>, 16. Juni.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angenommen, Sie werden gebeten, den allgemeinen Zustand der Schweizer Volkswirtschaft im Jahr 2050 anhand der im Jahr 2020 verf\u00fcgbaren Daten abzusch\u00e4tzen. Vermutlich werden Sie antworten, das sei eine k\u00fchne Aufgabe, verbunden mit grossen Unsicherheiten. 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Wie hoch f\u00e4llt der Wohlstandsverlust der heutigen Krise aus? Die langfristigen Szenarien des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) zur Entwicklung des Bruttoinlandprodukts geben hier Antworten. Bereits jetzt scheint klar: Die Corona-Krise wirkt sich zumindest mittelfristig auf unsere Einkommen aus. Bis im Jahr 2030 betr\u00e4gt der Wohlstandsverlust pro Kopf\u00a03400 Franken. 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