{"id":101593,"date":"2020-07-16T07:29:57","date_gmt":"2020-07-16T07:29:57","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/07\/gubelmann-8-9-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:52:47","modified_gmt":"2023-08-23T20:52:47","slug":"psyche-ist-im-spitzensport-matchentscheidend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/07\/psyche-ist-im-spitzensport-matchentscheidend\/","title":{"rendered":"Psyche ist im Spitzensport matchentscheidend"},"content":{"rendered":"<p>Was verbindet Tennisspieler Roger Federer, Skispringer Simon Ammann und Orientierungsl\u00e4uferin Simone Niggli-Luder? Sie alle k\u00f6nnen auf eine jahrzehntelange Karriere zur\u00fcckblicken und haben in ihren Sportarten mit ihren Leistungen Schweizer Sportgeschichte geschrieben. Ihnen ist gelungen, wonach viele im Spitzensport streben: Ihr sportliches Potenzial wurde entdeckt, das junge Talent gef\u00f6rdert. Ihr sportlicher Aufstieg in die Elitekategorie erfolgte in einem Sportsystem, das auch H\u00fcrden- und Stolpersteine kennt. Den drei Ausnahmesportlern ist es trotz schmerzlichen Niederlagen, Verletzungen und R\u00fcckschl\u00e4gen gelungen, ihr Wachstumspotenzial stetig zu entwickeln und ausserordentliche Sportkarrieren zu realisieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWelches sind die entscheidenden Rahmenbedingungen, damit es eine Athletin in ihrer Sportart an die Weltspitze schafft? Hilfreich ist ein dreistufiger Erkl\u00e4rungsansatz: vom Potenzial zur Potenzialentwicklung bis hin zur Potenzialentfaltung. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Eigenverantwortung und die Selbstmotivation. Meist beginnt eine Athletenkarriere schon fr\u00fch, wobei die Nachwuchs- und die Talentf\u00f6rderung eine wichtige Rolle spielen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Das Selbst entfaltet sich<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nOb in der Wirtschaft oder im Sport, allgemein betrachtet umschreibt Potenzial die F\u00e4higkeit zur Entwicklung. Im Sport und unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der Zukunft f\u00fchrt dies zur Frage: Auf welches Leistungsniveau kann eine Sportlerin aufgrund ihres Talents kommen? Aus Sicht des jungen Sportlers bedeutet dies zun\u00e4chst, seine Lernf\u00e4higkeit und Adaption im System Nachwuchsleistungssport zu entwickeln. Federer beschreibt die Zeit als Teenager, die er in der Westschweiz verbrachte, als pr\u00e4gende und f\u00fcr seine Entwicklung \u00e4usserst wertvolle Erfahrung: \u00abVorher war ich immer der Beste, nun war ich pl\u00f6tzlich der J\u00fcngste und Schlechteste.\u00bb<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Da er diese Herausforderung selber gesucht hatte, \u00fcberwand er nicht nur Gef\u00fchle des Alleinseins und Heimwehs, sondern k\u00e4mpfte sich sportlich durch.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDen entwicklungstheoretischen Hintergrund zu Federers Aussage bietet das Modell der Selbstbestimmungstheorie der beiden US-amerikanischen Psychologieprofessoren Edward Deci und Richard Ryan. Motiviertes Handeln und menschliche Entwicklung h\u00e4ngen demnach immer davon ab, inwieweit die drei psychologischen Grundbed\u00fcrfnisse nach Kompetenzerleben, sozialer Anerkennung und Autonomie (Selbstbestimmung) befriedigt werden k\u00f6nnen. F\u00fcr die Herausbildung l\u00e4ngerfristiger pers\u00f6nlichkeitsbildender Verhaltensweisen spielt die grunds\u00e4tzliche F\u00f6rderung der Eigeninitiative in Verbindung mit einer intrinsischen Motivationsgrundlage eine massgebliche Rolle. Vielseitiges und freudvolles Training l\u00e4sst das Talent eines zuk\u00fcnftigen Sportstars gedeihen und ihn an die Leistungsgrenze gehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNachwuchstalente erkennt man an ihren besonderen physischen und mentalen F\u00e4higkeiten. Sie schaffen meist in jungen Jahren den Durchbruch auf nationaler Ebene. Es sind vor allem die Eltern, die als prim\u00e4re Wegbegleiter am Anfang einer sportlichen Karriere eines jungen Sportlers stehen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Eine holistische Betrachtung<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Talentf\u00f6rderung durch professionell ausgebildete Trainerinnen und Trainer im Schweizer Spitzensport erh\u00e4lt in einer Studie des Sportwissenschafters Hippolyt Kempf aus dem Jahr 2014 gute Noten.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Entwicklungspotenzial ortet der ehemalige Nordisch-Kombinierer und Olympiasieger in der Verbesserung der finanziellen Unterst\u00fctzung, in einer professionelleren Unterst\u00fctzung der Athletinnen und Athleten sowie in der Modernisierung der Infrastrukturen. Um in die internationale Elite vorzustossen, sind laut Kempf rund 10\u2019000 Stunden Trainingsaufwand n\u00f6tig. Bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von rund 24\u2019000 Franken, einer dualen Karriereentwicklung und der Notwendigkeit eines Zweitberufs in rund zwei Dritteln aller F\u00e4lle erscheint dieser Weg geradezu steinig.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nFazit: Dem Schweizer Spitzensport mangelt es an Zeit und Geld. Auf dem langfristigen Weg an die Spitze und die Leistungsgrenze gilt es zudem viele Hindernisse und Stolpersteine zu bew\u00e4ltigen. Das \u00dcberwinden eines Formtiefs oder einer schweren Verletzung gelten aber gleichzeitig als lernwirksame, f\u00fcr die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung sogar notwendige Selbsterfahrungen. Der herausfordernde Umgang mit sportlichen Niederlagen tr\u00e4gt zur Entwicklung mentaler St\u00e4rke bei. Auch das geringe \u00f6ffentliche Interesse am Spitzensport in der Schweiz schmerzt zwei Drittel der Schweizer Sportlerinnen und Sportler, dadurch behindert f\u00fchlen sie sich aber nicht, wie eine Untersuchung aus den Neunzigerjahren zeigt.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEinen alternativen, ganzheitlicheren Zugang zu einer verbesserten Athletenbegleitung schlagen die Sportpsychologen Kristoffer Henriksen und Natalia Stambulova vor.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Gem\u00e4ss ihrem holistischen Ansatz soll beispielsweise die Umgebung einer jungen Athletin insgesamt auf den Sport ausgerichtet sein, basierend auf einer altersdurchmischten Gruppenstruktur, die insbesondere auch der Entwicklung psychosozialer Kompetenzen zutr\u00e4glich wirkt. Der Vergleich mit ihren sportlichen Vorbildern f\u00f6rdert die Motivation der zuk\u00fcnftigen Leistungstr\u00e4ger.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Die Siegermentalit\u00e4t<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSpitzensportler selbst schreiben ihrer Psyche die matchentscheidende Bedeutung zu. Mentale St\u00e4rke manifestiert sich dann, wenn es dem Wettk\u00e4mpfer gelingt, unabh\u00e4ngig von \u00e4usseren Bedingungen sein Optimum an Leistungsf\u00e4higkeit zu erreichen. Die Potenzialentfaltung gelingt nicht irgendwann, sondern genau dann, wenn es z\u00e4hlt \u2013 zum Beispiel im Wimbledon-Final gegen den st\u00e4rkstm\u00f6glichen Gegner.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWorauf Champions im entscheidenden Moment z\u00e4hlen k\u00f6nnen, verdeutlicht eine wegweisende Studie<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> aus dem Jahr 2001: Sie agieren zuversichtlich, selbstvertrauend und lassen sich durch Kleinigkeiten weniger ablenken. Im Kern dieser Siegermentalit\u00e4t (\u00abwinning mindset\u00bb) steht die Annahme einer variablen, lernf\u00e4higen und nicht prim\u00e4r den Genen zuzuschreibenden \u00abMentalit\u00e4t\u00bb, die aus einem positiven Selbstbild und Selbstbewusstsein gespeist wird.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Daraus folgen die Notwendigkeit eines zielf\u00fchrenden Trainings der eigenen mentalen St\u00e4rke, ein lernf\u00f6rderlicher Umgang mit Niederlagen und R\u00fcckschl\u00e4gen sowie ein achtsamer Umgang mit Emotionen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAlpine Extremsportler sehen in der Sinnhaftigkeit ihrer Extremleistung die Verbindung von sportlicher H\u00f6chstleistung mit einem ausserordentlichen emotionalen Erlebnis. Daf\u00fcr sind sie bereit, ihre Komfortzone \u2013 auch im Training \u2013 immer wieder gezielt, bewusst und unter vollem Einsatz ihres Leistungsverm\u00f6gens zu verlassen, um die ultimativ notwendigen mentalen F\u00e4higkeiten an ihrem Leistungslimit zu perfektionieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAngesprochen auf seine \u00fcberragende Siegermentalit\u00e4t und seine F\u00e4higkeit, Grenzen noch weiter zu verschieben, sagte Federer in einem Interview 2017, er habe sich zu seinen besten Zeiten stets gefragt, wie er sich weiter verbessern k\u00f6nne.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> M\u00f6glicherweise \u00e4ussert sich hier jene perfektionistische Grundhaltung, die grosse Athleten zu Stars wachsen l\u00e4sst. Vielleicht zeigen sich hier aber auch Federers famili\u00e4re Wurzeln und seine Bindung zu S\u00fcdafrika \u2013 mit Nelson Mandela, der einst sagte: \u00abIch verliere nie, entweder ich gewinne, oder ich lerne.\u00bb<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Stauffer (2019), Kapitel 16.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Kempf et. al. (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Schmid (1999).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Henriksen und Stambulova (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Gubelmann und Schmid (2001).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Vgl. Dweck (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Interview gegen\u00fcber \u00ab<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2KGefb6gvkY\">Goalcast\u00bb<\/a>,\u00a0 2. August 2017.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was verbindet Tennisspieler Roger Federer, Skispringer Simon Ammann und Orientierungsl\u00e4uferin Simone Niggli-Luder? Sie alle k\u00f6nnen auf eine jahrzehntelange Karriere zur\u00fcckblicken und haben in ihren Sportarten mit ihren Leistungen Schweizer Sportgeschichte geschrieben. Ihnen ist gelungen, wonach viele im Spitzensport streben: Ihr sportliches Potenzial wurde entdeckt, das junge Talent gef\u00f6rdert. 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Creating optimal environments for talent development. In: J. Baker, S. Cobley, J. Schorer und N. Wattie (Eds.), Routledge handbook of talent identification and development in sport (S. 271-284). London: Routledge.<\/li>&#13;\n \t<li>Kempf, H., Weber, A.C., Renaud, A. und Stopper, M. (2014). Der Leistungssport in der Schweiz. Momentaufnahme. SPLISS-CH-2011. EHSM\/BASPO.<\/li>&#13;\n \t<li>Schmid, J. (1999). Psychosoziale Aspekte erfolgreicher Laufbahnen im Leistungssport. Unver\u00f6ffentliches Manuskript, ETH Z\u00fcrich, Institut f\u00fcr Bewegungs- und Sportwissenschaften Z\u00fcrich.<\/li>&#13;\n \t<li>Stauffer, Ren\u00e9 (2019). Roger Federer. Die Biografie, M\u00fcnchen.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":101596,"main_focus":[155974,156787],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":101600,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"96746","post_abstract":"Talent ist die Voraussetzung f\u00fcr eine erfolgreiche Sportlerkarriere. Entscheidend sind jedoch die intrinsische Motivation und die mentale St\u00e4rke im Wettkampf. Psychologisch gesprochen, gilt es die Grundbed\u00fcrfnisse nach Kompetenzerleben, sozialer Anerkennung und Autonomie zu befriedigen. Die Schweizer Nachwuchsf\u00f6rderung erm\u00f6glicht es den jungen Sportlerinnen und Sportlern, ihr Potenzial m\u00f6glichst gut zu entfalten. 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