{"id":101677,"date":"2020-06-22T12:05:19","date_gmt":"2020-06-22T12:05:19","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/06\/brunetti-07-2020fr\/"},"modified":"2024-11-28T10:19:25","modified_gmt":"2024-11-28T09:19:25","slug":"wachstum-versus-konjunktur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/06\/wachstum-versus-konjunktur\/","title":{"rendered":"Wachstum versus Konjunktur"},"content":{"rendered":"<p>Die Corona-Pandemie hat im Fr\u00fchling 2020 neben dem gesundheitlichen auch einen massiven wirtschaftlichen Schock ausgel\u00f6st. Dem Internationalen W\u00e4hrungsfonds waren globale Schlagzeilen sicher, als er im April ank\u00fcndigte, dass der schlimmste wirtschaftliche Einbruch seit der Grossen Depression der 1930er-Jahre bevorstehe. Basis seiner Aussage war eine Revision der weltwirtschaftlichen Wachstumsprognosen f\u00fcr 2020 auf rekordverd\u00e4chtig tiefe \u20133 Prozent. Obwohl derartige Prognosen von \u00abWachstum\u00bb sprechen, meinen sie aber eigentlich im \u00f6konomischen Sinn die kurzfristige Konjunkturentwicklung. Diese Unterscheidung ist relevant, da in der Regel verschiedene Faktoren f\u00fcr die langfristige und kurzfristige Ver\u00e4nderung des Bruttoinlandprodukts (BIP) verantwortlich sind.<\/p>\n<p>Der Unterschied l\u00e4sst sich anhand einer vereinfachenden Grafik erl\u00e4utern (siehe <em>Abbildung<\/em>): Die rote Kurve zeigt die modellhafte Entwicklung des BIP. Wichtig ist hier die Tatsache, dass die Wachstumsraten des BIP im Zeitverlauf relativ stark schwanken. Perioden mit hohem Wachstum folgen auf solche mit langsamer oder gar negativer BIP-Entwicklung. Diese kurzfristigen Schwankungen des BIP-Wachstums werden als Konjunktur bezeichnet. Die Abbildung enth\u00e4lt neben der Kurve mit der tats\u00e4chlichen Wirtschaftsentwicklung auch eine Gerade mit einer positiven Steigung. Die Gerade stellt dar, mit welcher Rate sich das Produktionspotenzial und damit der erzielbare Wohlstand l\u00e4ngerfristig im Durchschnitt ver\u00e4ndert. Das Produktionspotenzial zeigt uns, wie gross das BIP der betrachteten Volkswirtschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt w\u00e4re, wenn die vorhandenen Produktionskapazit\u00e4ten (Arbeit und Kapital) normal ausgelastet w\u00e4ren. Die Steigung der Geraden bezeichnet man als langfristiges Wachstum oder Trendwachstum.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Trendwachstum und Konjunkturverlauf<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/05\/Brunetti.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-96132 size-large\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/05\/Brunetti-1170x785.png\" alt=\"\" width=\"1170\" height=\"785\" \/><\/a><\/p>\n<p>Mithilfe der Abbildung kann man die wichtigsten Konjunkturphasen interpretieren. Betrachten wir zuerst den Zeitpunkt t1, wo die Kurve die Gerade schneidet. Das tats\u00e4chliche BIP entspricht hier demjenigen BIP, das sich mit einem ausgelasteten Produktionspotenzial realisieren l\u00e4sst. Man spricht in diesem Fall von einer konjunkturell ausgeglichenen Wirtschaftslage.<\/p>\n<p>Nehmen wir als N\u00e4chstes den Zeitpunkt t2. Dort liegt das tats\u00e4chliche BIP am Punkt B und damit deutlich unter dem zu diesem Zeitpunkt erreichbaren BIP (der Geraden). Die Volkswirtschaft nutzt in dieser Situation nicht alle vorhandenen Ressourcen, es gibt Arbeitslosigkeit und ungenutztes Kapital (etwa leer stehende Fabriken). Zum Zeitpunkt t2 ist die Konjunkturlage schlecht, und die Wirtschaft befindet sich in einer Rezession. Betrachten wir schliesslich den Zeitpunkt t3. Hier liegt das tats\u00e4chliche BIP (Punkt C) oberhalb des Potenzials. Die Ressourcen sind \u00fcberm\u00e4ssig ausgelastet, die Arbeiter leisten \u00dcberstunden, und die Maschinen laufen auch nachts auf Hochtouren. Die Wirtschaft befindet sich zum Zeitpunkt t3 in einer Hochkonjunktur.<\/p>\n<p>Zusammengefasst zeigt die Abbildung also das langfristige Trendwachstum in Form der Steigung der Geraden und die Konjunkturschwankungen in Form der Kurve. Wo die Kurve zu einem bestimmten Zeitpunkt im Verh\u00e4ltnis zur Geraden liegt, bestimmt die konjunkturelle Lage.<\/p>\n<h2><strong>Was bestimmt Wachstum und Konjunktur?<\/strong><\/h2>\n<p>Um Wachstum und Konjunktur zu verstehen, unterscheidet man in der makro\u00f6konomischen Analyse zwischen Angebot und Nachfrage. Diese Unterscheidung ist zentral. Die gesamtwirtschaftliche Angebotsseite bestimmt, wie viele G\u00fcter in einer Volkswirtschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt produziert werden k\u00f6nnen. Das h\u00e4ngt im Wesentlichen von der Ausstattung mit Arbeit und Kapital und vom Stand der Technologie ab. Wachstum entsteht, wenn im Zeitablauf mehr Arbeit geleistet wird oder wenn die Arbeit produktiver wird, indem mehr Kapitalg\u00fcter zur Verf\u00fcgung stehen oder wir technischen Fortschritt haben. Die Gerade in der Abbildung illustriert dieses Wachstum des Produktionspotenzials \u00fcber die Zeit.<\/p>\n<p>Der wohl bedeutendste \u00d6konom des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes, stellte fest, dass diese Analyse des Angebots und damit des Produktionspotenzials zwar das langfristige Wachstum erkl\u00e4ren k\u00f6nne, nicht aber die in der Abbildung ersichtlichen Schwankungen des tats\u00e4chlichen BIP um diesen Trend herum. Um diese zu verstehen, gelte es die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu ber\u00fccksichtigen. Damit geht es um die Frage, ob und allenfalls in welchem Ausmass die produzierten G\u00fcter tats\u00e4chlich gekauft werden, sei es von Haushalten (Konsumnachfrage) oder von Unternehmen (Investitionsnachfrage). Und diese Nachfrage h\u00e4ngt insbesondere von den Zukunftserwartungen der Haushalte und Unternehmen ab, die stark schwanken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine Rezession entsteht in der Regel durch Nachfrager\u00fcckg\u00e4nge; die Investitions- und Konsumnachfrage stockt, und das f\u00fchrt zu einem \u00dcberangebot, sodass ein Teil der Produktion unbeabsichtigt in die Lager geht. Darauf reagieren die Unternehmen in der n\u00e4chsten Periode mit Produktionsr\u00fcckg\u00e4ngen (um die Lager abzubauen und wegen der schlechteren Aussichten). Dies verursacht einen R\u00fcckgang des BIP, verbunden mit steigender Arbeitslosigkeit, da nicht mehr alle Arbeitskr\u00e4fte ben\u00f6tigt werden.<\/p>\n<p>Aus dieser wichtigen Unterscheidung zwischen Angebot und Nachfrage folgt, dass Wachstums- und Konjunkturpolitik nicht das Gleiche ist. Das langfristige Wachstum (die Gerade in der Abbildung) kann man durch Wirtschaftspolitiken beeinflussen, die die Besch\u00e4ftigung und die Arbeitsproduktivit\u00e4t erh\u00f6hen. Will man hingegen die Schwankungen des BIP d\u00e4mpfen, gilt es die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, also Konsum und Investitionen zu beeinflussen.<\/p>\n<h2><strong>Aussergew\u00f6hnlicher Corona-Schock<\/strong><\/h2>\n<p>Im Kontext dieser Analyse stellt der Corona-Schock ein aussergew\u00f6hnliches makro\u00f6konomisches Ereignis dar, da der Wirtschaftseinbruch gleichzeitig durch einen \u2013 h\u00f6chst speziellen \u2013 R\u00fcckgang des Angebots und \u2013 f\u00fcr Rezessionen \u00fcblich \u2013 der Nachfrage verursacht wird: Auf der Angebotsseite reduziert der Lockdown das Produktionspotenzial, und auf der Nachfrageseite wird weniger konsumiert und investiert.<\/p>\n<p>Mithilfe der Grafik l\u00e4sst sich dieses Ereignis interpretieren: Wir befinden uns im fr\u00fchen Sommer 2020 an einem Punkt wie B (also in einer klassischen Rezession), aber gleichzeitig hat sich \u2013 und das ist das Aussergew\u00f6hnliche \u2013 die Trendgerade vor\u00fcbergehend nach unten gedreht, weil die Produktionskapazit\u00e4t und damit das Angebot wegen des Lockdowns r\u00fcckl\u00e4ufig war. Entsprechend anspruchsvoll ist es, die richtige wirtschaftspolitische Mischung zur effektiven Bek\u00e4mpfung des Einbruchs zu finden.<\/p>\n<p>Um die beiden wichtigsten in der Schweiz eingesetzten wirtschaftspolitischen Instrumente einzuordnen: Mit den Liquidit\u00e4tshilfen an Unternehmen wird einerseits versucht, den Angebotsschock abzufedern, damit nach Abflauen der Krise die bestehenden und hoffentlich nach wie vor intakten Produktionskapazit\u00e4ten wieder hochgefahren werden k\u00f6nnen. Mit den stark ausgebauten Kurzarbeitszusch\u00fcssen wird andererseits auf der Angebotsseite das gleiche Ziel verfolgt, gleichzeitig aber auch die Nachfrage, insbesondere der Konsum, gest\u00fctzt. Erste Anzeichen sprechen f\u00fcr einen Erfolg dieses Massnahmenpakets, aber noch ist es zu fr\u00fch, um abschliessend zu beurteilen, ob damit eine lang anhaltende Rezession vermieden werden kann.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Corona-Pandemie hat im Fr\u00fchling 2020 neben dem gesundheitlichen auch einen massiven wirtschaftlichen Schock ausgel\u00f6st. Dem Internationalen W\u00e4hrungsfonds waren globale Schlagzeilen sicher, als er im April ank\u00fcndigte, dass der schlimmste wirtschaftliche Einbruch seit der Grossen Depression der 1930er-Jahre bevorstehe. Basis seiner Aussage war eine Revision der weltwirtschaftlichen Wachstumsprognosen f\u00fcr 2020 auf rekordverd\u00e4chtig tiefe \u20133 Prozent. 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