{"id":101763,"date":"2020-06-19T15:30:59","date_gmt":"2020-06-19T15:30:59","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/06\/la-competitivite-synonyme-poetique-de-la-productivite\/"},"modified":"2023-08-23T22:53:21","modified_gmt":"2023-08-23T20:53:21","slug":"wettbewerbsfaehigkeit-poetisches-synonym-fuer-produktivitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/06\/wettbewerbsfaehigkeit-poetisches-synonym-fuer-produktivitaet\/","title":{"rendered":"Wettbewerbsf\u00e4higkeit: Poetisches Synonym f\u00fcr Produktivit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend sich der Begriff der Wettbewerbsf\u00e4higkeit seit einigen Jahren insbesondere im politischen und im wirtschaftsjournalistischen Gesch\u00e4ft ungebrochener Beliebtheit erfreut, hat er in der akademischen Welt nach wie vor eine eher untergeordnete Bedeutung. Dies mag daran liegen, dass es sich um ein nicht perfekt definiertes Konzept handelt. Je nach Perspektive wird von Wettbewerbsf\u00e4higkeit einer Volkswirtschaft, einer Branche, einer Region, eines Kantons oder eines Unternehmens gesprochen. Sehr allgemein gehalten, k\u00f6nnte man darunter etwa die Summierung zahlreicher Einflussfaktoren verstehen, welche zum Erfolg von Unternehmen und damit verbunden zu steigendem Wohlstand der Bev\u00f6lkerung beitragen.&#13;<\/p>\n<h2>Kein Nullsummenspiel bei Volkswirtschaften<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDabei gibt es jedoch sehr bedeutende Unterschiede: Ein Unternehmen ist typischerweise wettbewerbsf\u00e4hig, wenn es sich im Wettbewerb mit anderen Unternehmen behaupten und seine Produkte oder Dienstleistungen ohne Verlust verkaufen kann. Wird ein Unternehmen wettbewerbsf\u00e4higer, gewinnt es Marktanteile zulasten der Konkurrenz hinzu. Kann sich ein Unternehmen nicht behaupten, ist es vom Konkurs bedroht. Wird hingegen eine Volkswirtschaft (z.B. ein Land oder eine Region) wettbewerbsf\u00e4higer, so ist diese in der Lage, den Mix an Produkten und Dienstleistungen effizienter herzustellen und damit den Wohlstand zu steigern. Anders als bei einem Unternehmen geschieht dies in der Regel aber nicht zum Nachteil, sondern zum Vorteil der \u00abKonkurrenz\u00bb. Denn auch andere L\u00e4nder und Regionen profitieren vom steigenden Wohlstand, indem sie die Dienstleistungen und Produkte g\u00fcnstiger importieren und von der gestiegenen Nachfrage der wachsenden Volkswirtschaft mit zus\u00e4tzlichen Exporten profitieren k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDamit ist auch bereits vorweggenommen, dass der Begriff der Wettbewerbsf\u00e4higkeit nicht frei von Widerspr\u00fcchen ist. Denn: Was gut f\u00fcr die Wettbewerbsf\u00e4higkeit eines einzelnen Unternehmens sein kann, muss nicht zwingend gut f\u00fcr die Wettbewerbsf\u00e4higkeit einer Volkswirtschaft sein. Zwar wirken viele Faktoren wie ein attraktives Steuerumfeld, gut ausgebildete Fachkr\u00e4fte und geringe administrative Belastung in dieselbe Richtung, aber es gibt auch Ausnahmen: Ein Beispiel sind die kartellrechtlichen Regeln. Sie zielen darauf ab, den Handlungsspielraum von marktbeherrschenden Unternehmen zu begrenzen. Damit f\u00f6rdern sie aber den Wettbewerb und kommen so dem Wohl der gesamten Volkswirtschaft zugute \u2013 indem sie die Wettbewerbsf\u00e4higkeit insgesamt st\u00e4rken.&#13;<\/p>\n<h2>Vorsicht Industriepolitik<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Konzept der Wettbewerbsf\u00e4higkeit von Volkswirtschaften ist deshalb f\u00fcr die wirtschaftspolitische Analyse n\u00fctzlich, jedoch mit Fallstricken belastet. So kann es beispielsweise Regierungen und Beh\u00f6rden dazu veranlassen, mit ihrer Politik zu sehr auf diese Ranglisten und Indikatoren zu fokussieren oder die Volkswirtschaft wie ein Unternehmen zu f\u00fchren, um bei der W\u00e4hlerschaft gut dazustehen. Letzteres m\u00fcndet darin, dass die Wirtschaftspolitik nicht mehr den Wettbewerb st\u00e4rkt, sondern sich vor der wettbewerbsf\u00e4higeren ausl\u00e4ndischen Konkurrenz zu sch\u00fctzen oder die eigene Industrie zu f\u00f6rdern versucht. Diesbez\u00fcglich sei nur an die Diskussionen in Deutschland und Frankreich zur gescheiterten Fusion der Industriegiganten Siemens und Alstom erinnert. Seither laufen in den beiden Nachbarstaaten Bestrebungen, das europ\u00e4ische Wettbewerbsrecht zugunsten von europ\u00e4ischen \u00abChampions\u00bb zu schw\u00e4chen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer amerikanische \u00d6konom und Nobelpreistr\u00e4ger Paul Krugman hat eine zu starke Ausrichtung der Wirtschaftspolitik an der Wettbewerbsf\u00e4higkeit in einem ber\u00fchmten Aufsatz einmal als \u00abgef\u00e4hrliche Besessenheit\u00bb bezeichnet und argumentiert, dass ein zu starker Fokus auf solche Konzepte Regierungen zu vermeintlich wohlstandsf\u00f6rdernden Industriepolitiken verleiten k\u00f6nne, welche zwar den Platz im Ranking der Wettbewerbsf\u00e4higkeit verbesserten, am Ende jedoch sch\u00e4dlich f\u00fcr die Wohlstandsentwicklung seien.&#13;<\/p>\n<h2>Statistische Kosmetik<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDass dies nicht nur ein theoretisches Argument ist, kann mit einem weiteren Beispiel aus einem anderen Nachbarland untermauert werden. So wurde \u00d6sterreich im Jahre 2014 zum europ\u00e4ischen Musterknaben in Sachen Langzeitarbeitslosigkeit erkoren. Dies war aber nicht einer gut austarierten Arbeitsmarktpolitik zu verdanken, sondern vielmehr den optimierten Statistiken. So liessen sich diese Statistiken verbessern, indem die Betroffenen in Weiterbildungen geschickt wurden, kurz bevor sie statistisch den Langzeitarbeitslosen zugeordnet worden w\u00e4ren. Nach l\u00e4ngeren Schulungen wurde die Arbeitslosigkeitsdauer dann wieder neu angez\u00e4hlt. Damit ist es der \u00f6sterreichischen Arbeitsmarktpolitik gelungen, aus rund 60\u2019000 noch rund 7000 Langzeitarbeitslose zu machen. Beobachter sch\u00e4tzen den volkswirtschaftlichen Nutzen der Weiterbildungen im besten Fall als bedingt ein. Klar war hingegen, dass diese statistische Optimierung mit zus\u00e4tzlichen Kosten f\u00fcr den Staatshaushalt verbunden war. Zudem stellte sich heraus, dass rund drei Viertel der Kurse freih\u00e4ndig vergeben wurden und ein Grossteil der eintr\u00e4glichen Weiterbildungskurse dem mit Abstand m\u00e4chtigsten Kursveranstalter zugeteilt wurde. Notabene genau demjenigen Unternehmen, welches auch von den politisch an der Regierungsarbeit beteiligten Gruppierungen gef\u00fchrt wurde.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSo viel zu den Risiken solcher Statistiken. Doch gibt es auch unverf\u00e4nglichere Indikatoren f\u00fcr die Wettbewerbsf\u00e4higkeit einer Volkswirtschaft, welche die Wirtschaftspolitik beiziehen kann? Die gute Nachricht ist: Ja, die gibt es! So hat bereits Paul Krugman im zitierten Artikel mit einem ironischen Unterton angemerkt, dass unter bestimmten Bedingungen der Begriff Wettbewerbsf\u00e4higkeit bloss ein poetisches Synonym f\u00fcr den Begriff Produktivit\u00e4t sei.&#13;<\/p>\n<h2>Besserer Indikator: Produktivit\u00e4t<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Gedanke Krugmans folgt der Logik, dass eine Volkswirtschaft preislich wettbewerbsf\u00e4hig ist, wenn sie m\u00f6glichst viele G\u00fcter und Dienstleistungen mit m\u00f6glichst wenig Vorleistungen (bspw. Arbeit, Maschinen, Rohstoffe) produzieren kann. Die Produkte k\u00f6nnen dann n\u00e4mlich zu konkurrenzf\u00e4higen Preisen auf den Weltm\u00e4rkten verkauft werden. Die massgebende Messgr\u00f6sse dazu sind die sogenannten Lohnst\u00fcckkosten, welche die eingesetzten Arbeitskosten im Verh\u00e4ltnis zu einer produzierten Einheit bezeichnen. Sie zeigen das Dilemma von fortgeschrittenen Volkswirtschaften deutlich auf: Die preisliche Wettbewerbsf\u00e4higkeit kann \u2013 vereinfacht gesagt \u2013 nur auf zwei Arten verbessert werden. Entweder durch sinkende L\u00f6hne bei gegebener Produktion \u2013 was aber aus Kaufkraftsicht nicht w\u00fcnschenswert ist. Oder durch eine gesteigerte Produktion bei gleichbleibenden Arbeitskosten. Mit anderen Worten: wenn die Produktivit\u00e4t steigt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDeshalb stellt sich die Frage, ob anstelle des \u00abpoetischen Synonyms\u00bb der Wettbewerbsf\u00e4higkeit nicht lieber ein grobes Mass f\u00fcr die Produktivit\u00e4t, beispielsweise das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf, verwendet werden sollte. Zwar kann man einwenden, dass das BIP im Gegensatz zum Indikator Wettbewerbsf\u00e4higkeit nicht zukunftsgerichtet sei, aber dennoch handelt es sich um einen sehr breit abgest\u00fctzten Indikator. Und noch mehr: Das BIP ist international vergleichbar und kaum anf\u00e4llig f\u00fcr statistische Manipulation.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUnabh\u00e4ngig vom verwendeten Indikator ist hingegen klar, dass hohe L\u00f6hne auf breiter Ebene nur dann bezahlt werden k\u00f6nnen, wenn es gelingt, die Produktivit\u00e4t der Volkswirtschaft nachhaltig zu steigern. Die Wirtschaftspolitik sollte deshalb den Fokus darauf richten, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass substanzielle Produktivit\u00e4tszuw\u00e4chse erzielt werden k\u00f6nnen. F\u00fcr die Schweiz als mittelgrosse offene Volkswirtschaft stehen dabei zwei Kan\u00e4le im Vordergrund: einerseits ein m\u00f6glichst diskriminierungsfreier Zugang auf und f\u00fcr Auslandm\u00e4rkte. Und andererseits ein st\u00e4rkerer Wettbewerb im Binnenmarkt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend sich der Begriff der Wettbewerbsf\u00e4higkeit seit einigen Jahren insbesondere im politischen und im wirtschaftsjournalistischen Gesch\u00e4ft ungebrochener Beliebtheit erfreut, hat er in der akademischen Welt nach wie vor eine eher untergeordnete Bedeutung. Dies mag daran liegen, dass es sich um ein nicht perfekt definiertes Konzept handelt. 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In: Foreign Affairs, Vol. 73, No. 2.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":101766,"main_focus":[155988,156797],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":101770,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"95612","post_abstract":"Rankings zur Wettbewerbsf\u00e4higkeit sind beliebt. Das Problem dabei: In der \u00d6konomie existiert kein perfekt definiertes Konzept daf\u00fcr. Das f\u00fchrt dazu, dass diese Messungen nicht immer aussagekr\u00e4ftig sind und sich die Statistiken, auf denen diese Rankings basieren, optimieren lassen. Ausserdem k\u00f6nnten sich Regierungen zu stark an solchen Rankings orientieren, was unter Umst\u00e4nden negative Konsequenzen f\u00fcr eine Volkswirtschaft hat. Weniger manipulationsanf\u00e4llig, aber gleichwohl zuverl\u00e4ssig ist hingegen das Bruttoinlandprodukt pro Kopf als Messgr\u00f6sse f\u00fcr die Potenz einer Volkswirtschaft.","magazine_issue":"20200701","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[3988,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20200623","original_files":null,"external_release_for_author":"20200529","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5eba63e18b5c1"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101763"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3072"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=101763"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101763\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":125767,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101763\/revisions\/125767"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3988"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3072"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156797"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/155988"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/101772"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=101763"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=101763"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=101763"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=101763"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=101763"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=101763"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}