{"id":101822,"date":"2020-06-18T13:32:34","date_gmt":"2020-06-18T13:32:34","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/06\/schindler-07-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:53:21","modified_gmt":"2023-08-23T20:53:21","slug":"zuerich-im-wettbewerb-der-metropolen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/06\/zuerich-im-wettbewerb-der-metropolen\/","title":{"rendered":"Z\u00fcrich im Wettbewerb der Metropolen"},"content":{"rendered":"<p>Auf der Liste der 500 gr\u00f6ssten Metropolen der Welt sucht man Z\u00fcrich vergeblich. Die Stadt mit den schweizweit meisten Einwohnern ist nur knapp halb so gross wie etwa das mexikanische Aguascalientes, das auf dem bemitleidenswerten Platz 479 rangiert.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Z\u00fcrichs Partnerst\u00e4dte, das chinesische Kunming und San Francisco, sind ebenfalls ungleich gr\u00f6sser als die Limmatstadt \u2013 und doch begegnet ihnen Z\u00fcrich auf Augenh\u00f6he. Die Einwohnerzahl allein ist im internationalen St\u00e4dteranking nicht alles. Worauf also gr\u00fcndet Z\u00fcrichs Bedeutung?&#13;<\/p>\n<h2>Mehr als nur Business-Stadt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nHistorisch gesehen ist das wertvollste Asset Z\u00fcrichs wohl das \u00abBusiness\u00bb: Der Gotthard als Verkehrsknotenpunkt des alten Europas hat zur Bedeutung Z\u00fcrichs als Handelsplatz ebenso beigetragen wie in j\u00fcngerer Zeit die Neutralit\u00e4t der Schweiz in einem von Kriegen gesch\u00fcttelten Europa. Dass Z\u00fcrich in den Top Ten der Finanzmetropolen mitspielt, verdankt es allerdings nicht zuletzt historischen Gl\u00fccksf\u00e4llen im 19. und 20. Jahrhundert und seiner liberalen Gesellschaftsordnung, die zu einer beispiellosen Prosperit\u00e4t f\u00fchrten. Ebenso profitiert Z\u00fcrich von der sogenannten Swissness. Sie gilt als Ausdruck von Gr\u00fcndlichkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit und basiert auf der politischen Stabilit\u00e4t der Schweiz und der Wertehaltung der Schweizer. Hinzu kommen Standortfaktoren wie die Sch\u00f6nheit der Natur, die gute Verkehrserschliessung und eine kalkulierbare Steuerbelastung \u2013 eine Kombination, die oft den Ausschlag f\u00fcr die Neuansiedlung eines Unternehmens gibt. Die Hochschulen schliesslich verzeichnen regelm\u00e4ssig Spitzenpl\u00e4tze in weltweiten Rankings, und als Kulturstadt geniesst Z\u00fcrich Weltruf, etwa in den Sparten Design, Kunst, Theater oder Musik.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZugegeben: Manche dieser Vorteile wurden schon vor Generationen erworben. Das heutige Z\u00fcrich und die Schweiz d\u00fcrfen sich jedoch zugutehalten, dass sie diese nicht leichtfertig verspielt haben. Jedenfalls bis jetzt nicht: Noch garantieren die bilateralen Vertr\u00e4ge mit der EU n\u00e4mlich den ungehinderten Zugang zum europ\u00e4ischen Binnenmarkt und sorgen durch den freien Personenverkehr nicht nur f\u00fcr den Austausch von Waren und Dienstleistungen, sondern auch von Fachkr\u00e4ften und Studierenden. Damit Z\u00fcrich seinen Spitzenplatz im internationalen St\u00e4dtevergleich halten kann, bedarf es ununterbrochenen Einsatzes. Insbesondere im Bereich Innovation, in dem Z\u00fcrich gem\u00e4ss dem weltweiten Ranking der IMD Business School f\u00fchrend ist.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Hier m\u00f6chte die Stadt wenn m\u00f6glich sogar noch besser werden. Die Stadtentwicklung Z\u00fcrich unterst\u00fctzt die Politik, die Wirtschaft, die Bildungsinstitutionen und die Zivilgesellschaft im Bem\u00fchen, international an der Spitze zu bleiben.&#13;<\/p>\n<h2>Z\u00fcrich pr\u00e4sentiert sich der Welt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDaf\u00fcr stehen der Stadt verschiedene Instrumente zur Verf\u00fcgung. Vor gut zehn Jahren wurde zusammen mit dem Kanton und der Marketingorganisation Z\u00fcrich Tourismus ein Konzept entwickelt, das die Stadt und die Region unter dem Label \u00abZurich Meets\u2026\u00bb regelm\u00e4ssig als Standort und Tourismusregion in strategisch wichtigen Destinationen bewirbt. Bisher fanden mehrw\u00f6chige Auftritte in New York (2014), London (2016), Hongkong (2017), San Francisco (2018) und Seoul 2019 statt. Der f\u00fcr dieses Jahr in Berlin geplante Event musste aufgrund der Corona-Krise auf 2021 verschoben werden. Neben touristischen und kulinarischen Werbeaktionen sowie kulturellen Veranstaltungen findet dabei jeweils ein hochkar\u00e4tiger Austausch zwischen den Hochschulen statt, w\u00e4hrend in Z\u00fcrich ans\u00e4ssige Firmen mit den Unternehmen vor Ort Kontakte kn\u00fcpfen. Politische Gespr\u00e4che auf h\u00f6chster Ebene sorgen ausserdem f\u00fcr freundschaftliche Beziehungen zwischen den jeweiligen St\u00e4dten. Doch Z\u00fcrich ist nicht nur im Ausland zu Gast, sondern bem\u00fcht sich auch um eine aktive Rolle als Gastgeberin f\u00fcr internationale Grossanl\u00e4sse: etwa bei der Leichtathletik-EM 2014 oder der Kunstbiennale Manifesta 2016.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm vom Wissen anderer St\u00e4dte zu profitieren, partizipiert Z\u00fcrich in Arbeitsgruppen von St\u00e4dtenetzwerken wie Eurocities, wo Best-Practice-Erfahrungen geteilt werden. Zudem nimmt die Stadt im Rahmen der EU-Programme von Interreg und Urbact an Projekten teil, die einen Beitrag zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung leisten. Aktive Kooperationen laufen in humanit\u00e4ren oder auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Netzwerken, wie etwa dem Mayors Migration Council der Open Society Foundation von George Soros und des Eidgen\u00f6ssischen Departements f\u00fcr ausw\u00e4rtige Angelegenheiten (EDA). So erarbeitet Z\u00fcrich etwa zusammen mit der libanesischen Stadt Tyros ein Verkehrskonzept und unterst\u00fctzt die Stadt Sarajevo bei der Erneuerung ihres Masterplans.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWeil \u00abZ\u00fcrich\u00bb nicht an den Stadtgrenzen endet, werden die Aktivit\u00e4ten auf zahlreichen Ebenen auch \u00fcberregional vernetzt. So etwa in der Standortmarketingorganisation <a href=\"https:\/\/www.greaterzuricharea.com\/de\">Greater Zurich Area<\/a> (GZA), die auf ihrer Website damit wirbt, dass Technologief\u00fchrer wie Google, Microsoft, IBM, Disney, ABB, Biogen, Johnson &amp; Johnson oder Roche hier bedeutende Standorte f\u00fcr Forschung und Entwicklung betreiben. Das Einzugsgebiet der GZA umfasst neun Kantone, darunter auch das Tessin, wodurch die GZA auch an die Metropolitanregion Lombardei angrenzt. 20 Prozent der Bruttoansiedlungen und 22 Prozent der Stellen, die dank der GZA zustande kommen, lassen sich in der Stadt Z\u00fcrich nieder. Dieses Engagement lohnt sich also: Zwischen 2009 und 2018 haben diese neu angesiedelten Unternehmen mit ihren insgesamt 1893 Mitarbeitenden f\u00fcr die Stadt Steuerertr\u00e4ge von insgesamt rund 60 Millionen Franken generiert.&#13;<\/p>\n<h2>Mehr Mitsprache im Inland<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Metropolitanraum Z\u00fcrich, der vom Bodensee bis in den Aargau reicht, ist vor dem Arc l\u00e9manique und der Metropolitanregion Basel die \u00f6konomisch st\u00e4rkste Region der Schweiz. 11 Prozent des gesamtschweizerischen BIP werden hier erwirtschaftet, und jeder zehnte Schweizer Arbeitsplatz befindet sich hier. Diese wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit kontrastiert mit einer eher bescheidenen politischen Mitsprache auf nationaler Ebene. Und dies, obwohl die Stadt eine konstruktive Rolle als Impulsgeberin in Bezug auf Innovation, wirtschaftliche \u00d6kosysteme oder partizipative Planung spielt. Davon profitieren Organisationen wie der Verein Metropolitanraum Z\u00fcrich, der Planungsdachverband Region Z\u00fcrich und Umgebung (RZU) oder der Schweizerische St\u00e4dteverband (SSV).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZ\u00fcrich arbeitet in verschiedenen Gremien des SSV und in der Tripartiten Konferenz mit. So k\u00f6nnen die kommunalen Anliegen fr\u00fchzeitig in die politische Entscheidungsfindung auf Bundesebene einfliessen. Die Stadt vertritt so systematisch ihre Interessen bei wichtigen regionalen Themen wie dem Flughafen Z\u00fcrich oder dem Innovationspark D\u00fcbendorf und auf kantonaler Ebene im Verbund mit anderen St\u00e4dten sowie mit Agglomerationsgemeinden.&#13;<\/p>\n<h2>Metropolen immer bedeutender<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nHeute leben fast 60 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung in St\u00e4dten. Gem\u00e4ss Prognosen der OECD werden es im Jahr 2100 sogar 85 Prozent sein. Waren New York und Tokio im Jahr 1950 noch die einzigen Ballungsr\u00e4ume mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, wird es 2030 weltweit voraussichtlich 41 solche Megast\u00e4dte geben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n2015 erinnerte auch Michael M\u00f8ller, Generaldirektor der UNO in Genf, die Vertreter der Schweizer St\u00e4dte daran, dass die Metropolen auf globaler Ebene immer wichtiger w\u00fcrden, und bezeichnete sie als elementare Partner in der internationalen Zusammenarbeit. Und Martin Tschirren \u2013 damaliger stellvertretender Direktor beim St\u00e4dteverband und heutiger Direktor des Bundesamtes f\u00fcr Wohnungswesen \u2013 stellte 2018 in einem Meinungsbeitrag in der NZZ fest, die Teilnahme an Netzwerken sei typisch f\u00fcr aussenpolitische Aktivit\u00e4ten von St\u00e4dten.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Diese eher informelle, pragmatisch ausgerichtete \u00abParadiplomacy\u00bb zeichne sich durch eine enge Zusammenarbeit mit NGOs und der Privatwirtschaft aus. Ein Beispiel daf\u00fcr sind die substanziellen Mittel f\u00fcr die internationale Entwicklungszusammenarbeit, welche die Stadt Z\u00fcrich per Volkswillen erhalten hat. Diese werden auch in Stadt-zu-Stadt-Kooperationen fliessen, wie sie bereits mit der libanesischen Stadt Tyros oder Sarajevo bestehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDass St\u00e4dte sogar Einfluss auf Superm\u00e4chte wie China haben k\u00f6nnen, l\u00e4sst sich an der St\u00e4dtepartnerschaft zwischen Kunming und Z\u00fcrich ablesen. Die 1982 weit unter dem Radar der nationalen Diplomatie als kulturelles Projekt lancierte Partnerschaft entwickelte sich nach und nach zu einer fachtechnischen Zusammenarbeit, die auch bei den Verhandlungen f\u00fcr das 2014 abgeschlossene Freihandelsabkommen zwischen der Schweiz und der Volksrepublik China gew\u00fcrdigt wurde.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs ist nur eine Frage der Zeit, bis st\u00e4dtische Agglomerationen wirtschaftlich st\u00e4rker sein werden als einige OECD-L\u00e4nder. Ihre nationalen Regierungen sollten deshalb ein Interesse daran haben, diese Umw\u00e4lzungen mit angepassten Strukturen zu begleiten. Funktionen, die am besten auf Ebene des st\u00e4dtischen Ballungsraums wahrgenommen werden, sollen auch dort angesiedelt werden. Denn die grossen Herausforderungen manifestieren sich nirgendwo so klar wie in den urbanen R\u00e4umen \u2013 entsprechend m\u00fcssen die St\u00e4dte umsetzbare L\u00f6sungen finden f\u00fcr Migration und Integration, sie m\u00fcssen nachhaltige Mobilit\u00e4tskonzepte finden und Wohnraum schaffen f\u00fcr alle Bev\u00f6lkerungsschichten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTrotzdem: Z\u00fcrich wird auch im Jahr 2100 nicht zu den grossen Megacitys dieser Welt geh\u00f6ren. Aber wenn die Limmatstadt weiterhin so erfolgreich ist, stehen die Chancen gut, dass sie ihnen auch dann noch auf Augenh\u00f6he begegnen wird.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Seite \u00ab<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_Millionenst\u00e4dte\">Liste der Millionenst\u00e4dte<\/a>\u00bb. In: Wikipedia, Die freie Enzyklop\u00e4die. Bearbeitungsstand: 6.5.2020.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe IMD (2019). <a href=\"https:\/\/www.imd.org\/wcc\/world-competitiveness-center-rankings\/world-competitiveness-ranking-2019\/\">World Competitiveness Ranking 2019<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Martin Tschirren (2018).\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/die-staedte-der-welt-sollten-ihr-potenzial-zu-einer-pragmatischen-aussenpolitik-nutzen-ld.1428271\">Die St\u00e4dte der Welt sollten ihr Potenzial zu einer pragmatischen Aussenpolitik nutzen,<\/a> NZZ vom 29.10.2018.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Liste der 500 gr\u00f6ssten Metropolen der Welt sucht man Z\u00fcrich vergeblich. 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