{"id":101837,"date":"2020-06-18T07:09:38","date_gmt":"2020-06-18T07:09:38","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/06\/interview-zuend-07-2020fr\/"},"modified":"2023-10-18T17:42:33","modified_gmt":"2023-10-18T15:42:33","slug":"nur-ein-reiches-land-kann-sich-so-ein-system-leisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/06\/nur-ein-reiches-land-kann-sich-so-ein-system-leisten\/","title":{"rendered":"\u00abNur ein reiches Land kann sich so ein System leisten\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Herr Z\u00fcnd, Sie leiten eines der gr\u00f6ssten Spit\u00e4ler der Schweiz. Wie nehmen Sie die Corona-Krise wahr?<\/h3>\n<p>Die Corona-Krise zeigt uns, dass wir virale Infektionen nicht im Griff haben. Wir wussten, irgendwann tritt ein neues Virus auf. Wir wussten aber nicht, wann. Schon am 27. Januar haben wir eine Covid-19-Taskforce einberufen und standen mit Wuhan und Norditalien in Kontakt. Allerdings untersch\u00e4tzten wir damals das Ausmass. Wir gingen zu dieser Zeit von einer gr\u00f6sseren grippe\u00e4hnlichen Epidemie aus.<\/p>\n<h3><strong>Im M\u00e4rz und April durften Spit\u00e4ler nur noch dringende Operationen durchf\u00fchren. Wie kam diese Weisung des Bundesrates bei Ihnen an?<\/strong><\/h3>\n<p>Der Bundesrat hat das geschickt formuliert. Notwendige Behandlungen konnten wir weiterhin durchf\u00fchren. Gleichzeitig konnten wir unsere Ressourcen b\u00fcndeln: Knappes Schutzmaterial reservierten wir f\u00fcr die Betreuung der Covid-19-Patienten, und Personal disponierten wir von anderen Abteilungen um. Es n\u00fctzt wenig, viele Beatmungsapparate zur Verf\u00fcgung zu haben, wenn kein geschultes Personal zur Verf\u00fcgung steht. Im Februar begannen wir daher mit dem Training zus\u00e4tzlicher Fachpersonen.<\/p>\n<h3><strong>Hat das funktioniert?<\/strong><\/h3>\n<p>Ja, das hat sogar sehr gut funktioniert, und die Mitarbeitenden haben sich maximal engagiert. Als Beispiel: Anfang M\u00e4rz haben wir eine zweite Notfallstation aufgebaut und dazu eine zweite und eine dritte Intensivstation vorbereitet. Mitarbeitende aus verschiedensten Disziplinen arbeiteten in neuen Teams zusammen. Das Personal war hoch motiviert \u2013 ich hatte nie Diskussionen \u00fcber die Zumutbarkeit.<\/p>\n<blockquote><p>Von Genf bis St. Gallen muss dasselbe Qualit\u00e4tsverst\u00e4ndnis herrschen<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Kam es Ende April, als der Shutdown vor\u00fcber war, zu einem Stau bei den verschobenen Operationen?<\/strong><\/h3>\n<p>Nein. Wobei ich pr\u00e4zisieren m\u00f6chte: Von aussen betrachtet, denkt man meist nur an die Operationen. Aber in einem Spital machen diese Eingriffe nur einen Teil der Arbeit aus. Genauso wichtig sind Spezialsprechstunden zum Beispiel bei Tumorpatienten. Zudem haben wir im Gegensatz zu anderen Spit\u00e4lern weniger verschiebbare Behandlungen. Lungen-, Herz- und Lebertransplantationen sowie Operationen von Unfallopfern f\u00fchrten wir auch w\u00e4hrend des Shutdowns durch.<\/p>\n<h3><strong>Sprechen wir \u00fcber die Kosten. Die Schweiz hat hinter den USA die h\u00f6chsten Gesundheitsausgaben pro Kopf. Was ist politisch zu tun?<\/strong><\/h3>\n<p>Wenn wir uns ansehen, wie umfangreiche Leistungen wir in der Schweiz anbieten und wie viele Beleg\u00e4rzte wir haben, dann zeigt sich: Nur ein reiches Land kann sich so ein System leisten. Es entspricht dem Bed\u00fcrfnis der Bev\u00f6lkerung, und an diesem d\u00fcrfen wir nicht vorbeiplanen. Das schweizerische Gesundheitssystem ist f\u00f6deralistisch organisiert. Das geh\u00f6rt zu unserer Kultur. Dennoch, der Bund k\u00f6nnte sich beim Thema Qualit\u00e4t positionieren. Von Genf bis St. Gallen sollte dasselbe Qualit\u00e4tsverst\u00e4ndnis im Gesundheitswesen herrschen.<\/p>\n<h3><strong>Was schlagen Sie vor?<\/strong><\/h3>\n<p>Der Bund k\u00f6nnte Qualit\u00e4tskriterien definieren und die Spit\u00e4ler entsprechend \u00fcberpr\u00fcfen. So sehen die Kantone, welche Qualit\u00e4t ein Spital aufweist. Wie die Kantone mit dieser Information dann umgehen, ist ihre Sache. Zum Beispiel k\u00f6nnte ein Kanton sagen: Bis in zwei Jahren muss Spital X ein Qualit\u00e4tsmerkmal Y erf\u00fcllen, sonst entziehen wir den Leistungsauftrag. Viele Kantone d\u00fcrften ein Interesse daran haben, sich bei den Qualit\u00e4tsvorgaben auf die Empfehlungen des Bundes zu st\u00fctzen.<\/p>\n<h3><strong>Soll der Bund diese Qualit\u00e4tskontrollen selber durchf\u00fchren?<\/strong><\/h3>\n<p>Ob Private im Auftrag des Bundes oder der Bund selbst die Qualit\u00e4tskontrollen durchf\u00fchrt, ist eigentlich sekund\u00e4r. Aus meiner pers\u00f6nlichen Sicht w\u00e4re die Forschungsanstalt Empa dazu besonders geeignet. Sie \u00fcberpr\u00fcft die Qualit\u00e4t ja bereits in der Industrie, ist vertraut mit nationalen und internationalen Qualit\u00e4tsstandards und weist eine hohe akademische Akzeptanz auf. In vielen anderen Bereichen sind wir in Bezug auf Qualit\u00e4t viel weiter als im Gesundheitswesen.<\/p>\n<h3><strong>Wichtig ist aber auch die Praxis: Wer regelm\u00e4ssig operiert, erbringt bessere Leistungen. Der Kanton Z\u00fcrich schreibt deshalb seit 2019 eine Mindestfallzahl an Operationen vor. Was halten Sie davon?<\/strong><\/h3>\n<p>\u00dcbung macht den Meister \u2013 das ist unbestritten. Trotzdem: Man kann auch etwas in einer schlechten Qualit\u00e4t h\u00e4ufig durchf\u00fchren. Statt \u00fcber Mindestfallzahlen m\u00fcssen wir deshalb \u00fcber die Qualit\u00e4t sprechen. Entscheidend ist beispielsweise eine tiefe Infektionsrate. An unserem Spital wollen wir die \u00abin-hospital infection rate\u00bb von heute 5,9 auf 5 Prozent senken. 2016 waren wir noch bei 8,8 Prozent. Ein unheimlicher Aufwand, der sich aber lohnt. Der Durchschnitt der Schweizer Unispit\u00e4ler liegt bei 7,9 Prozent und gilt international als eher hoch. Allerdings muss man sehen, dass die Raten im Ausland teils gar nicht oder nicht gleich gemessen werden.<\/p>\n<h3><strong>Gibt es in der Schweiz zu viele Spit\u00e4ler?<\/strong><\/h3>\n<p>Das f\u00f6derale System der Schweiz funktioniert bottom-up: von den Gemeinden \u00fcber die Kantone bis hin zum Bund. Es geht darum, die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu fragen: Welche Lebensqualit\u00e4t wollt ihr? Volksabstimmungen zeigen wiederholt, dass die B\u00fcrger ein Spital in ihrer N\u00e4he wollen. Es w\u00e4re falsch, die Kultur des F\u00f6deralismus auszuhebeln. Es klingt vielleicht banal, aber unser Leben ist durch Geburt und Tod bestimmt. Dazwischen wollen wir eine m\u00f6glichst hohe Lebensqualit\u00e4t. Es geht nicht darum, m\u00f6glichst alt zu werden, sondern bis ins hohe Alter eine hohe Lebensqualit\u00e4t zu geniessen. W\u00fcrde das Instrument der Qualit\u00e4tskriterien implementiert, g\u00e4be es vielleicht auch weniger Spit\u00e4ler.<\/p>\n<blockquote><p>Eine Zwei- oder Dreiklassenmedizin scheint mir nicht erstrebenswert<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Sollte der Bund allenfalls entscheiden, welche Spit\u00e4ler hoch spezialisierte Medizin anbieten?<\/strong><\/h3>\n<p>Nein. Im F\u00f6deralismus ist das schlicht nicht realisierbar.<\/p>\n<h3><strong>\u00d6konomen sagen, die \u00dcberregulierung im Gesundheitswesen wirke kostentreibend. Wie nehmen Sie Regulierungen wahr?<\/strong><\/h3>\n<p>Es ist plakativ, von \u00dcberregulierung zu sprechen. Die Regulierung b\u00fcrgt f\u00fcr Qualit\u00e4t. Wenn Sie diese abbauen, m\u00fcssen Sie Qualit\u00e4tseinbussen in Kauf nehmen. Mir stellt sich vielmehr die Frage: Wie geht eine Kultur mit sozial schw\u00e4cher gestellten und kranken Menschen um? Derzeit haben in der Schweiz alle Zugang zum Gesundheitswesen \u2013 diese Errungenschaft d\u00fcrfen wir nicht gef\u00e4hrden. Sie sichert uns unsere Stabilit\u00e4t. Eine Zwei- oder Dreiklassenmedizin scheint mir nicht erstrebenswert.<\/p>\n<h3><strong>Sie argumentieren gesellschaftlich \u2013 nicht \u00f6konomisch. <\/strong><\/h3>\n<p>Auch \u00f6konomisch gesehen geht es bei der Regulierungsdiskussion letztlich immer um die Frage: Zu welcher Qualit\u00e4t soll eine Leistung erbracht werden?<\/p>\n<h3><strong>Heute teilen sich die Kantone und die Krankenversicherer die Kosten im station\u00e4ren Spitalbereich. Ambulante Leistungen zahlt der Patient respektive der Krankenversicherer allein. Der Bundesrat schl\u00e4gt eine einheitlichere Finanzierung vor. Was halten Sie davon?<\/strong><\/h3>\n<p>Sinnvoller w\u00e4re es, f\u00fcr eine Leistung X einen Betrag Y zu bekommen. Wie ein Spital die Leistung erbringt, soll es selbst bestimmen. Es werden noch viele Behandlungen station\u00e4r durchgef\u00fchrt, die man problemlos auch ambulant durchf\u00fchren k\u00f6nnte. Aber nicht der Gesetzgeber, nicht die Krankenversicherung sollte entscheiden, ob ambulant oder station\u00e4r behandelt werden soll. Andere europ\u00e4ische L\u00e4nder sind diesbez\u00fcglich weiter als wir. Bei uns erh\u00e4lt ein Arzt jedoch mehr Geld f\u00fcr einen station\u00e4ren als f\u00fcr einen ambulanten Eingriff \u2013 das ist der falsche Anreiz.<\/p>\n<h3><strong>Besteht bei Ihrem Vorschlag nicht das Problem der Mengenausweitung \u2013 Spit\u00e4ler m\u00fcssen hohe Fixkosten decken? <\/strong><\/h3>\n<p>Das stimmt. Deshalb spielt die Indikationsqualit\u00e4t eine wichtige Rolle. Ob ein Eingriff durchgef\u00fchrt wird, darf nicht eine Einzelperson entscheiden. Am Universit\u00e4tsspital haben wir ein Indikationsboard eingerichtet, das sich bei jedem Eingriff an internationalen Empfehlungen orientiert. Wird dort entschieden, dass bestrahlt werden soll, dann wird nicht operiert. Mit einem Indikationsboard kann man Mengenausweitung verhindern. Hohe Kosten im Gesundheitswesen entstehen \u00fcbrigens nicht durch medizinische Apparaturen und Medikamente, sondern prim\u00e4r durch Personalkosten.<\/p>\n<h3><strong>Wie arbeiten Sie mit anderen Spit\u00e4lern zusammen?<\/strong><\/h3>\n<p>Rein von unserer Mentalit\u00e4t her sind wir international ausgerichtet: Lombardei, King\u2019s College in London, Charit\u00e9 in Berlin. Mit der Universit\u00e4t Harvard haben wir erst unl\u00e4ngst im Fachmagazin \u00abThe Lancet\u00bb publiziert. Aber auch mit den anderen Schweizer Universit\u00e4tsspit\u00e4lern tauschen wir uns regelm\u00e4ssig und intensiv aus.<\/p>\n<h3><strong>In welchen medizinischen Bereichen stehen Sie im Wettbewerb?<\/strong><\/h3>\n<p>In der spezialisierten und der hoch spezialisierten Medizin stehen wir national im Wettbewerb. Dieser Bereich macht 80 Prozent unserer Leistungen aus. Aber auch international herrscht hier Wettbewerb \u2013 etwa, wenn es darum geht, ausl\u00e4ndische Spezialisten f\u00fcr Z\u00fcrich zu verpflichten.<\/p>\n<blockquote><p>Unser Leben ist durch Geburt und Tod bestimmt \u2013 dazwischen wollen wir eine m\u00f6glichst hohe Lebensqualit\u00e4t<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Wie finden Sie die besten K\u00f6pfe?<\/strong><\/h3>\n<p>Fr\u00fcher haben wir offene Stellen traditionell ausgeschrieben. Heute st\u00fctzen wir uns vermehrt auf Headhunting. Es ist wichtig, dass wir die jeweiligen Kandidaten und Kandidatinnen an ihrer Heiminstitution aufsuchen und befragen, um ein umfassenderes Bild zu erhalten.<\/p>\n<h3><strong>Als Spitaldirektor sind Sie Chef von vielen eigenwilligen Pers\u00f6nlichkeiten. Wie gelingt es Ihnen, diese Leute zu f\u00fchren?<\/strong><\/h3>\n<p>Das Universit\u00e4tsspital ist eine klassische Expertenorganisation. Eine solche k\u00f6nnen Sie nicht top-down f\u00fchren. Das w\u00e4re eine Illusion. Meine Aufgabe ist es, den Experten innerhalb der Regularien und Weisungen des Unternehmens so viel Freiheit wie m\u00f6glich zu geben, damit sie sich entfalten k\u00f6nnen. Und sie optimal untereinander zu vernetzen.<\/p>\n<h3><strong>Sind manche nicht in erster Linie um den pers\u00f6nlichen Ruhm bem\u00fcht?<\/strong><\/h3>\n<p>Ja, aber dies kommt immer seltener vor. Wir f\u00f6rdern den Wettbewerb untereinander. Trotzdem: Heute ist die Medizin \u2013 im Gegensatz zu fr\u00fcher \u2013 eine Teamleistung, die es zu f\u00f6rdern und zu unterst\u00fctzen gilt.<\/p>\n<h3><strong>In Z\u00fcrich entsteht bis 2028 das neue Hauptgeb\u00e4ude des Universit\u00e4tsspitals. Worauf freuen Sie sich? <\/strong><\/h3>\n<p>Ich freue mich auf den Neubau. Beispielsweise werden wir nur noch Einzelzimmer haben. Das wird uns helfen, die Infektionsrate niedrig zu halten. Die Geb\u00e4ude sollen eine maximale Flexibilit\u00e4t erm\u00f6glichen, denn die einzige Konstante in der Medizin ist der rasante Wandel. Die ambulanten Kliniken platzieren wir an den Knotenpunkten des \u00f6ffentlichen Verkehrs \u2013 diesen Herbst verlagern wir die H\u00e4lfte der ambulanten Sprechstunden an den verkehrstechnisch optimal erschlossenen Flughafen: Wir m\u00fcssen zur Bev\u00f6lkerung gehen \u2013 und nicht umgekehrt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Z\u00fcnd, Sie leiten eines der gr\u00f6ssten Spit\u00e4ler der Schweiz. Wie nehmen Sie die Corona-Krise wahr? Die Corona-Krise zeigt uns, dass wir virale Infektionen nicht im Griff haben. Wir wussten, irgendwann tritt ein neues Virus auf. Wir wussten aber nicht, wann. Schon am 27. 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