{"id":101939,"date":"2020-05-25T15:12:33","date_gmt":"2020-05-25T15:12:33","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/05\/condrau-06-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:53:47","modified_gmt":"2023-08-23T20:53:47","slug":"pandemien-praegen-schweizer-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/05\/pandemien-praegen-schweizer-geschichte\/","title":{"rendered":"Pandemien pr\u00e4gen Schweizer Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Pandemien und Epidemien erlauben die Untersuchung, wie vergangene Gesellschaften einem solchen \u00abStresstest\u00bb begegnet sind. Daraus lassen sich interessante Fragen zum historischen Umgang mit Infektionskrankheiten ableiten. Drei Beispiele \u2013 Pest, Chlorea und die Spanische Grippe \u2013 sollen die Rolle von Pandemien in der Schweizer Geschichte beleuchten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Pest erreichte im 14. Jahrhundert zuerst das Tessin und das Rhonetal. Kurz darauf brach sie in den Jahren 1348 und 1349 in den meisten St\u00e4dten und Landschaften der heutigen Schweiz aus. Die Stadt Bern war beispielsweise vor\u00fcbergehend mit bis zu 60 Todesf\u00e4llen pro Tag betroffen. Bis ins 17. Jahrhundert geh\u00f6rten Pestwellen in der Schweiz zum Alltag. Die Seuche verursachte erhebliche Sterblichkeitsspitzen, aber die Zahlen sind schwer zu \u00fcberpr\u00fcfen. Die Sterblichkeit in Europa wird zur Zeit des Schwarzen Todes auf zwischen 25 und 50 Prozent der Bev\u00f6lkerung gesch\u00e4tzt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Jahr 1565 fiel beispielsweise der Z\u00fcrcher Stadtarzt der Pest zum Opfer, die im Kanton \u00fcber 30\u2019000 Tote forderte. Der Basler Stadtarzt Felix Platter, ein Zeitgenosse und Berufskollege, \u00fcberlebte mehrere Pestausbr\u00fcche und gilt dank seines Berichtes \u00fcber die Epidemie von 1610 bis 1611 als Pionier der Epidemiologie. Von einem Gesundheitswesen im modernen Sinn kann man f\u00fcr die Pestzeit jedoch nicht sprechen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Geisslerz\u00fcge gegen Pest<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUnterst\u00fctzung im Kampf gegen die Infektionskrankheit erhoffte man sich damals vor allem von Gott: Ein verbreitetes, religi\u00f6s motiviertes Muster waren M\u00e4rsche gegen die Krankheit \u2013 sogenannte Geisslerz\u00fcge. Ebenfalls typisch f\u00fcr die Zeit waren Judenverfolgungen. In der Schweiz wurden zur Zeit des Schwarzen Todes 28 j\u00fcdische Gemeinden zerst\u00f6rt. Offenbar tolerierte der B\u00fcrgermeister Z\u00fcrichs, Rudolf Brun, das Z\u00fcrcher Pogrom vom Februar 1349, bei dem man Juden vorwarf, die Brunnen zu vergiften. Die Pest betraf aber nicht nur die St\u00e4dte. So starben bei der Pestwelle von 1565 beispielsweise deutlich mehr Menschen auf dem Land als in der Stadt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie wirtschaftlichen Folgen waren gravierend: Viele l\u00e4ndliche Geh\u00f6fte wurden als Folge der Pest aufgegeben, w\u00e4hrend die St\u00e4dte ihre Bev\u00f6lkerungsverluste wieder ausgleichen konnten. Die St\u00e4dte waren also einerseits Zentren der Pest, sie profitierten andererseits aber auch von den Zuwanderern vom Land.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Cholera zeigt Ungleichheit<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAb 1800 setzte in der Schweiz die Industrialisierung ein. Als Folge versch\u00e4rfte sich die soziale Ungleichheit. Das fr\u00fchneuzeitliche Verst\u00e4ndnis hatte noch zwischen w\u00fcrdigen (zum Beispiel Alten) und unw\u00fcrdigen (arbeitsf\u00e4higen, aber unwilligen) Armen unterschieden. Mit der Industrialisierung wurde diese Unterscheidung unhaltbar, weil abh\u00e4ngige Lohnarbeit f\u00fcr den Lebensunterhalt oft nicht ausreichte. Die ab 1830 auftretenden Choleraepidemien des 19. Jahrhunderts wurden damit zu einer Art Lupe, mit der die soziale Ungleichheit in den St\u00e4dten sichtbar wurde. Dies zeigte sich beispielsweise in der Z\u00fcrcher Choleraepidemie von 1855, als 114 Personen starben. Die \u00c4rzte der Zeit glaubten, die betroffenen Armen seien mehr oder weniger selbst schuld, wenn sie an der Cholera erkrankten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nErst w\u00e4hrend der Epidemie von 1867 mit 481 Opfern im Bezirk Z\u00fcrich r\u00fcckte man von diesem Bild ab. Nun begann man die Epidemien als \u00abWarntafeln\u00bb zu deuten, die auf soziale Problemlagen hinwiesen. Die Epidemie wurde in Z\u00fcrich zum politischen Ereignis, das der damaligen \u00abDemokratischen Bewegung\u00bb Z\u00fcrichs Auftrieb gab. Ein Projekt des Stadtingenieurs Arnold B\u00fcrkli zur hygienischen Sanierung der Stadt war schon vor der Epidemie beschlussfertig gewesen \u2013 nun konnte es rasch umgesetzt werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Choleraepidemie wirkte also als Katalysator f\u00fcr diese st\u00e4dtebauliche Mammutaufgabe. Im Sinne der damals vorherrschenden wissenschaftlichen Umwelthygiene l\u00f6sten die St\u00e4dte ihre Probleme, ohne den Handel und die Produktion einzuschr\u00e4nken. So wurde w\u00e4hrend der Epidemien in den Z\u00fcrcher Fabriken weitergearbeitet. Der Regierungsrat und auch die Stadt setzten alles daran, um Wirtschaft und Handel nicht zu beeintr\u00e4chtigen. Mittelfristig beeinflusste die Choleraerfahrung auch die Schweizer Gesundheitspolitik. Der Bundesrat pr\u00e4sentierte 1879 seine Botschaft \u00abEinrichtung und Massnahmen zur Verh\u00fctung und Bek\u00e4mpfung gemeingef\u00e4hrlicher Epidemien\u00bb, was letztlich zur ersten Fassung des Epidemiengesetzes und zur Gr\u00fcndung des heutigen Bundesamtes f\u00fcr Gesundheit (BAG) f\u00fchrte. Interessant aus heutiger Sicht ist, dass die erste Vorlage des Epidemiengesetzes vom Volk im Jahr 1882 wuchtig verworfen wurde, denn der im Gesetz vorgesehene Zwang zur Pockenimpfung war in der Bev\u00f6lkerung \u00e4usserst umstritten. Vier Jahre sp\u00e4ter wurde das revidierte Gesetz ohne Impfzwang dann angenommen, ein Referendum kam nicht zustande.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Machtlose Medizin<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGegen Ende des Ersten Weltkrieges brach die Spanische Grippe in der Schweiz aus. Der Bundesrat entschloss sich im Oktober 1918, die Grippe kurzfristig als gemeingef\u00e4hrliche Krankheit einzustufen und damit die Anzeigepflicht einzuf\u00fchren. Trotzdem l\u00e4sst sich nur sch\u00e4tzen, dass ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der damaligen Wohnbev\u00f6lkerung an der Grippe erkrankte. Ab Juli 1918 lag die monatliche Zahl von Grippetoten in der Schweiz bei \u00fcber 1000, im Oktober und November 1918 sogar bei \u00fcber 5000 Toten. Gesamthaft starben in der Schweiz 24\u2019500 Personen daran.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNeben einer m\u00e4nnlichen \u00dcbersterblichkeit war vor allem die starke Betroffenheit von jungen Erwachsenen zwischen 20 und 40 auff\u00e4llig. Die deutschsprachige Bakteriologie erlebte mit der Spanischen Grippe eine Krise, denn der oft genannte Pfeiffer-Bazillus erwies sich nicht als die erhoffte wissenschaftliche Erkl\u00e4rung der Grippe. Die typischen Sekund\u00e4rinfekte der Grippe wie etwa Lungenentz\u00fcndungen konnten therapeutisch kaum aufgefangen werden, die Medizin war weitgehend machtlos. Damit sorgte die Pandemie f\u00fcr einen fast kompletten Zusammenbruch des Gesundheitswesens. In der Schweiz konzentrierten sich die Anstrengungen auf die Pflege der Kranken. Dabei zeichneten sich verschiedene Frauenorganisationen durch die Einrichtung von Pflegezimmern und die Unterst\u00fctzung von Notspit\u00e4lern aus. Die Bedeutung dieses Einsatzes geriet allerdings rasch in Vergessenheit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEbenfalls stand die Pandemie in der Schweiz unter dem Einfluss der politischen Krise der Nachkriegsmonate, die im Landesstreik von November 1918 m\u00fcndete. Die Vertreter des B\u00fcrgertums, etwa Bundespr\u00e4sident Felix Calonder, warfen der Arbeiterschaft vor, die Pandemie zu verantworten. Das Oltener Komitee um den sozialdemokratischen Nationalrat Robert Grimm wies hingegen darauf hin, dass erst durch das Truppenaufgebot zur Bek\u00e4mpfung der Arbeiterschaft die Seuche angetrieben worden sei. Eine bundespolitische Strategie zur Bew\u00e4ltigung einer Pandemie existierte nicht, sodass von Stadt zu Stadt und von Kanton zu Kanton unterschiedliche lokale Massnahmen getroffen wurden. Der Bundesrat diskutierte in der Folge \u00abeine Art Landesverteidigung gegen Seuchen\u00bb, aber bis zu einem vern\u00fcnftigen Pandemieplan sollten noch einmal fast neunzig Jahre vergehen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Kaum Lehren m\u00f6glich<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZusammenfassend l\u00e4sst sich sagen: Bei den Infektionskrankheiten Pest, Cholera und Spanische Grippe spielte die medizinische Behandlung von Kranken eine untergeordnete Rolle. Die Pest spielte sich als lokales Drama ab und unterst\u00fctzte einen raschen wirtschaftlichen Strukturwandel in einer von der Religion dominierten Schweiz. Die Cholera war ein Hinweis auf Probleme der sozialen Ungleichheit, deren wirtschaftliche Folgen abgesehen vom Projekt der Stadtsanierung \u00fcberschaubar waren. Die Spanische Grippe schliesslich f\u00fchrte zu einem kompletten Zusammenbruch des Gesundheitswesens.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie politische Bew\u00e4ltigung der Grippe kam praktisch ohne Experten aus, denn Landesstreik und Armeemobilisierung dominierten die Diskussion. Es erwies sich in der Schweiz als schwierig, politische Lehren aus Pandemien zu ziehen. Vor diesem Hintergrund wird es spannend zu beobachten sein, wie Covid-19 die gesundheitspolitischen Diskussionen der n\u00e4chsten Jahre beeinflussen wird.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pandemien und Epidemien erlauben die Untersuchung, wie vergangene Gesellschaften einem solchen \u00abStresstest\u00bb begegnet sind. Daraus lassen sich interessante Fragen zum historischen Umgang mit Infektionskrankheiten ableiten. Drei Beispiele \u2013 Pest, Chlorea und die Spanische Grippe \u2013 sollen die Rolle von Pandemien in der Schweizer Geschichte beleuchten.&#13; &#13; Die Pest erreichte im 14. 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Homo Hygienicus: Gesundheit und Medizin in der Neuzeit, Frankfurt a. M., Campus.<\/li>&#13;\n \t<li>Ruckstuhl, Brigitte; Ryter, Elisabeth (2017). Von der Seuchenpolizei zu Public Health. \u00d6ffentliche Gesundheit in der Schweiz seit 1750, Z\u00fcrich: Chronos.<\/li>&#13;\n \t<li>Sonderegger, Christian (1991). Die Grippeepidemie 1918\/19 in der Schweiz, Lizentiatsarbeit, Bern.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":101942,"main_focus":[155995,156802],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":101946,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"95005","post_abstract":"Infektionskrankheiten wie Pest, Cholera und Spanische Grippe haben im Laufe der Geschichte in der Schweiz wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Spuren hinterlassen. So f\u00fchrte die Pest einerseits zu einer Landflucht und l\u00f6ste andererseits landesweite Judenpogrome aus. Die Choleraepidemien des 19. Jahrhunderts wirkten sich auf die Diskussion der sozialen Ungleichheit aus und f\u00fchrten zur Verbesserung der hygienischen Infrastruktur der St\u00e4dte. Die Spanische Grippe schliesslich brachte das Gesundheitswesen zum Kollabieren. Die Krankenpflege \u00fcbernahmen insbesondere Frauenorganisationen in Freiwilligenarbeit.","magazine_issue":"20200601","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[4127,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20200525","original_files":null,"external_release_for_author":"20200503","external_release_for_author_time":"20:30:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5e9d4a5323701"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101939"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5039"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=101939"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101939\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":125781,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/101939\/revisions\/125781"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4127"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5039"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156802"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/155995"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/101952"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=101939"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=101939"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=101939"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=101939"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=101939"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=101939"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}