{"id":102026,"date":"2020-05-22T11:00:15","date_gmt":"2020-05-22T11:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/05\/voegele-06-2020fr\/"},"modified":"2025-06-16T12:40:04","modified_gmt":"2025-06-16T10:40:04","slug":"cholera-pest-und-innovation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/05\/cholera-pest-und-innovation\/","title":{"rendered":"Cholera, Pest und Innovation"},"content":{"rendered":"<p>Epidemien begleiten die Menschheit seit Jahrhunderten und \u00fcben einen nachhaltigen Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft aus. Im kollektiven Ged\u00e4chtnis besonders verankert ist die Pest, die seit der Antike als verheerende Seuche tradiert. Seit ihrem R\u00fcckzug aus Europa ab dem sp\u00e4ten 17. Jahrhundert traten Infektionen wie Ruhr, Syphilis, Typhus, Pocken und Malaria vermehrt auf.<\/p>\n<p>Im 19. Jahrhundert suchte dann die Cholera die europ\u00e4ischen L\u00e4nder heim. Im 20.\u00a0Jahrhundert verbreitete sich die Grippe in mehreren Wellen. Zus\u00e4tzlich tauchten neue Bedrohungen wie HIV, Ehec und Sars und aktuell das Coronavirus auf.<\/p>\n<h2><strong>Der Schwarze Tod<\/strong><\/h2>\n<p>Alle diese Infektionskrankheiten beeinflussten die Wirtschaftsentwicklung in Europa. Unter den Pestz\u00fcgen kommt insbesondere der als Schwarzer Tod bezeichneten Epidemie der Jahre 1348\u20131353 eine besondere Bedeutung zu, da sie mit vermutlich \u00fcber 20 Millionen Todesopfern ein Viertel bis ein Drittel der damaligen Bev\u00f6lkerung dahinraffte. Aus Asien kommend, gelangte sie \u00fcber die Hafenstadt Kaffa in das Handelsnetz der Genueser und verbreitete sich so \u00fcber ganz Europa.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen zeigten sich nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern waren auch in Religion, Kultur und Medizin sp\u00fcrbar. Kurzfristig kam es zu einem fast vollkommenen Zusammenbruch des \u00f6ffentlichen Lebens, wie die Novellensammlung \u00abIl Decamerone\u00bb des Schriftstellers Giovanni Boccaccio f\u00fcr Florenz bezeugt.<\/p>\n<p>In l\u00e4ngerfristiger Perspektive f\u00fchrten die massiven Bev\u00f6lkerungsverluste zur Aufgabe schlechter und unrentabel gewordener Ackerfl\u00e4chen, sodass ganze D\u00f6rfer verlassen und Landstriche zu W\u00fcstungen wurden. In den St\u00e4dten dagegen stiegen die L\u00f6hne sowie der allgemeine Lebensstandard. Gleichzeitig f\u00f6rderten die h\u00f6heren Arbeitskosten technische Innovationen wie den Buchdruck, um die kostenintensive Handarbeit zu mechanisieren. Auswirkungen auf Handel und Wirtschaft hatte auch die von den St\u00e4dten Oberitaliens zum Schutz vor der Pest eingef\u00fchrte Quarant\u00e4ne von Schiffen, die f\u00fcr die folgenden Jahrhunderte eine der klassischen Massnahmen zum Schutz vor Epidemien wurde \u2013 Kaufleute und Schiffsbesatzungen wurden f\u00fcr 30, sp\u00e4ter 40 Tage meist in Lazaretten isoliert. Manche Forscher sehen eine direkte kausale Verbindung zwischen dem Schwarzen Tod, dem Ende der mittelalterlichen Gesellschaft und dem Beginn der Renaissance.<\/p>\n<h2><strong>Choleraepidemie in Hamburg<\/strong><\/h2>\n<p>Die Cholera gilt als die klassische Seuche des 19. Jahrhunderts. Eine kurze Inkubationszeit und ein schneller Verlauf begrenzten die Krankheit lange auf Asien. Dies \u00e4nderte sich im Zeitalter des Welthandels, als sie sich von Indien aus entlang der Handelswege nach Westen hin ausbreitete und Europa seit den 1830er-Jahren in mehreren Z\u00fcgen heimsuchte. Allein schon die Furcht vor einer drohenden Epidemie versetzte die Bev\u00f6lkerung in Angst und Schrecken. Die Unklarheit \u00fcber die Ansteckungswege, die entsetzlichen Symptome und der Tod aus \u00abheiterem Himmel\u00bb versch\u00e4rften die Reaktionen zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p>Besonders gut dokumentiert ist die Choleraepidemie der 1890er-Jahre, von der Hamburg als einzige europ\u00e4ische Grossstadt betroffen war. Binnen weniger Wochen fielen rund 8000 Menschen der Krankheit zum Opfer. Da in Hamburg das Trinkwasser nicht gefiltert wurde, konnten sich die Krankheitserreger \u00fcber die zentrale Wasserversorgung im ganzen Stadtgebiet ausbreiten. So hatte die vom Kaufmannsgeist gepr\u00e4gte Stadt an der falschen Stelle gespart.<\/p>\n<p>Wie bei allen grossen Epidemien lassen sich auch in Hamburg typische Reaktionsmuster erkennen: Zun\u00e4chst wurde die Bedrohung bagatellisiert, indem man versicherte, es handele sich lediglich um ein verst\u00e4rktes Auftreten des einheimischen Brechdurchfalls. Als sich die Epidemie nicht mehr l\u00e4nger leugnen liess, erfolgte eine panikartige Fluchtreaktion. Die Zahl der verkauften Bahntickets stieg um ein Vielfaches, und wer die Stadt verlassen konnte, machte sich davon. Nach dem Abklingen der Seuche schliesslich begann die Suche nach den Schuldigen, insbesondere bei Fremden und Randgruppen. Im Falle Hamburgs waren dies damals j\u00fcdische Migranten.<\/p>\n<h2><strong>Sanit\u00e4re Reformen<\/strong><\/h2>\n<p>Die Cholera gilt als Motor f\u00fcr entscheidende sanit\u00e4re Reformen auf dem Gebiet der Wasserversorgung und der Kanalisation, die in vielen europ\u00e4ischen St\u00e4dten ab den 1870er-Jahren systematisch ergriffen wurden. Die Kommunen vollbrachten technische und finanzielle Pionierleistungen, und die Cholera lieferte das Argument: Max von Pettenkofer, der erste Lehrstuhlinhaber f\u00fcr Hygiene in M\u00fcnchen, entwickelte seine \u00abExperimentelle Hygiene\u00bb, die auf die Bedeutung \u00f6kologischer Interventionen abhob. Miasmen, durch F\u00e4ulnis und Zersetzung in feuchtem Grund entstehend, seien die Ursache f\u00fcr die Epidemien; man k\u00f6nne daher die Cholera durch die Trockenlegung des Bodens, also Sanierung, stoppen. Diese Sicht beziehungsweise Erkl\u00e4rung erlaubte den St\u00e4dten zudem prophylaktische Massnahmen, wodurch dieser Ansatz auch einen \u00f6konomischen Nutzen versprach. Eine sanit\u00e4re Infrastruktur galt nun als wesentlich f\u00fcr das Funktionieren einer modernen Stadt, w\u00e4hrend traditionelle Formen staatlicher Intervention wie die Quarant\u00e4ne im Kontext einer modernen, auf freiem Austausch von Waren und Dienstleistungen basierten Wirtschaft als kontraproduktiv erschienen. Ein Abbrechen des Handelsverkehrs war daher \u2013 so Pettenkofer \u2013 ein gr\u00f6sseres \u00dcbel als die Cholera selbst.<\/p>\n<p>Auf der Basis seiner \u00abHuman Capital\u00bb-\u00d6konomie wies Pettenkofer darauf hin, dass durch sanit\u00e4re Massnahmen gerettete Leben und ersparte Krankentage die n\u00f6tigen Investitionskosten in die Infrastruktur weit \u00fcberschritten. Auch wenn in der Folgezeit seine Theorie zunehmend durch die Bakteriologie Robert Kochs abgel\u00f6st wurde, die den Fokus auf den Erreger im Trinkwasser legte, sollten Kosten-Nutzen-Berechnungen k\u00fcnftig den Blick auf Epidemien pr\u00e4gen. F\u00fcr Hamburg ergab sich folgende Rechnung: Einem Gesamtverlust von 430 Millionen Mark standen die bescheiden anmutenden Kosten von 22,6 Millionen Mark f\u00fcr das im folgenden Jahr mit einer Filteranlage ausgestattete Wasserwerk gegen\u00fcber. Zus\u00e4tzlich wurden Stadtviertel saniert und weitere hygienische Massnahmen getroffen. Da die Stadt von weiteren Choleraepidemien verschont blieb, l\u00e4sst sich durchaus folgern, dass die grosse Choleraepidemie den Wandel Hamburgs zu einer modernen Handelsmetropole beschleunigte.<\/p>\n<h2><strong>Zeitalter der Grippe<\/strong><\/h2>\n<p>Das 20. beziehungsweise fr\u00fche 21. Jahrhundert ist gepr\u00e4gt durch grippeartige Epidemien, beginnend mit der Spanischen Grippe 1918\u20131920, die h\u00e4ufig in Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg diskutiert wird und mit einer gesch\u00e4tzten Zahl von 40 Millionen Todesf\u00e4llen die Anzahl der 17 Millionen Kriegstoten weit \u00fcbertraf. Abweichend von vielen anderen Epidemien suchte die Grippe ihre Opfer nicht unter Kindern und Senioren, sondern betraf vor allem junge M\u00e4nner im besten Alter \u2013 darunter viele Soldaten. Dies l\u00f6ste nach Kriegsende eine tiefgehende Sorge um die Entwicklung der Bev\u00f6lkerung und der Wirtschaftskraft aus.<\/p>\n<p>In vergleichbarer Weise wurde dieser \u00f6konomische Aspekt Jahrzehnte sp\u00e4ter auch bez\u00fcglich HIV und Aids auf dem afrikanischen Kontinent diskutiert. Denn mit den erkrankten M\u00e4nnern brach das \u00f6konomische Standbein der Familien weg. Ebenso spielt bei der Bek\u00e4mpfung von Epidemien der finanzielle Aspekt eine zentrale Rolle; so wurde in den 1990er-Jahren immer wieder betont, dass, selbst wenn das Heilmittel f\u00fcr Aids ein Glas sauberes Wasser w\u00e4re, es sich die meisten Infizierten \u2013 man dachte an Afrika \u2013 nicht leisten k\u00f6nnten.<\/p>\n<h2><strong>Panische Reaktion<\/strong><\/h2>\n<p>Die Geschichte von Epidemien hat jedoch auch mit \u00c4ngsten zu tun. In diesem Sinne l\u00e4sst sich von einer \u00abemotionalen Epidemiologie\u00bb sprechen, die einen eigenen, von der faktischen Infektionssituation unabh\u00e4ngigen Verlauf hat \u2013 der jedoch gleichfalls auf Wirtschaft und Gesellschaft wirkt. Paradigmatisch kann dies am Beispiel der sogenannten Schweinegrippe verdeutlicht werden: Als sich im Fr\u00fchling 2009 das ausl\u00f6sende H1N1-Virus rasch verbreitete, verwiesen Medien und Politik in panikartiger Stimmung auf die Spanische Grippe und riefen nach einem Impfstoff. Die Angst nahm zu, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Juni die \u00dcbertragungen als Pandemie einstufte. Bis Oktober waren weltweit mehr als 440\u2019000 laborbest\u00e4tigte Infektionen gemeldet, von denen 5700 t\u00f6dlich verliefen, was allerdings weit unter den Todesf\u00e4llen der saisonalen Grippe lag.<\/p>\n<p>Die Pharmaindustrie schliesslich erkannte in der Entwicklung eines Impfstoffs ein Milliardengesch\u00e4ft. Als im Herbst dann eine Impfung zur Verf\u00fcgung stand, blieb die Nachfrage gering: Der Impfstoff sei nicht getestet und schlecht vertr\u00e4glich. Mittlerweile war es zudem offensichtlich, dass H1N1 als relativ harmlos einzustufen ist. So blieben bis Mai 2010 in Deutschland etwa 28,3 Millionen Impfdosen im Wert von 236 Millionen Euro unverbraucht. Auch in der Schweiz war die Impfbereitschaft gering; von den 13 Millionen Impfdosen wurden \u00fcber 7 Millionen verkauft, verschenkt oder wegen begrenzter Haltbarkeit vernichtet.<\/p>\n<h2><strong>Unbesiegte Infektionskrankheiten<\/strong><\/h2>\n<p>Derzeit geht angesichts der Corona-Krise etwas vergessen: In Westeuropa hat sich die Lebenserwartung im Verlauf der letzten 150 Jahre nahezu verdoppelt, und der Tod hat sich in die h\u00f6heren Altersgruppen \u00abzur\u00fcckgezogen\u00bb. Entsprechend dominieren Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs das Panorama der Todesursachen.<\/p>\n<p>In globaler Perspektive ergibt sich dagegen ein anderes Bild: Neue und wiederkehrende, l\u00e4ngst besiegt geglaubte Infektionskrankheiten wie Malaria, Tuberkulose etc. bedrohen die Gesundheit der Bev\u00f6lkerung. Weltwirtschaft, internationale Migration und Massentourismus machen diese zu weltumspannenden Risiken, die von internationalen Institutionen beobachtet werden. So f\u00fchrt die Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft auch zu einer Globalisierung der Infektionskrankheiten. Sprich: Nach der Epidemie ist vor der Epidemie.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Epidemien begleiten die Menschheit seit Jahrhunderten und \u00fcben einen nachhaltigen Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft aus. Im kollektiven Ged\u00e4chtnis besonders verankert ist die Pest, die seit der Antike als verheerende Seuche tradiert. Seit ihrem R\u00fcckzug aus Europa ab dem sp\u00e4ten 17. Jahrhundert traten Infektionen wie Ruhr, Syphilis, Typhus, Pocken und Malaria vermehrt auf. Im 19. 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