{"id":102215,"date":"2020-04-30T14:40:33","date_gmt":"2020-04-30T14:40:33","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/04\/indergand-kemeny-wegmueller-06-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:53:44","modified_gmt":"2023-08-23T20:53:44","slug":"konjunkturprognosen-in-zeiten-von-corona-ein-werkstattbericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/04\/konjunkturprognosen-in-zeiten-von-corona-ein-werkstattbericht\/","title":{"rendered":"Konjunkturprognosen in Zeiten von Corona \u2013 ein Werkstattbericht"},"content":{"rendered":"<p>Seit M\u00e4rz laufen beim Konjunktur-Team des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) die Dr\u00e4hte heiss: Politik und Wirtschaft verlangen Vorhersagen \u00fcber die Auswirkungen der Corona-Krise. F\u00fcr uns Analysten stellen die sich \u00fcberst\u00fcrzenden Ereignisse eine Herausforderung dar. Phasenweise war die Zeitspanne zwischen zwei Entscheiden des Bundesrates so gering, dass die Erstellung einer Konjunkturprognose kaum m\u00f6glich war (siehe <em>Corona-Tagebuch<\/em>). Hinzu kommt die altbekannte Schwierigkeit, dass die relevanten Wirtschaftsstatistiken nur verz\u00f6gert zur Verf\u00fcgung stehen. Gerade in st\u00fcrmischen Zeiten w\u00e4ren schnell verf\u00fcgbare statistische Daten aber besonders wichtig.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/04\/INDERGAND_GRAFIK_DE.pdf\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-95705\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/04\/INDERGAND_GRAFIK_DE.jpg\" alt=\"\" width=\"2000\" height=\"2742\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern mangelt es in der Schweiz an schnell verf\u00fcgbaren Wirtschaftsstatistiken. W\u00e4hrend in der EU beispielsweise Daten wie die Industrieproduktion und die Konsumentenstimmung monatlich erhoben werden, stehen diese in der Schweiz nur quartalsweise zur Verf\u00fcgung. Auch Vorabpublikationen (\u00abFlash\u00bb) vieler Statistiken sind in der Schweiz im Gegensatz zu den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern bisher nur beschr\u00e4nkt m\u00f6glich. In der aktuellen Situation, die sich rapide ver\u00e4ndert, reichen aber nicht einmal Monatsdaten aus \u2013 vielmehr sind Daten auf Wochen- oder Tagesbasis gefragt.<\/p>\n<p>Deswegen setzen wir vermehrt auf wenig gebr\u00e4uchliche Indikatoren wie zum Beispiel die Personen- und Frachtzahlen aus dem Luft-, Strassen- und Schiffsverkehr (siehe <em>Abbildungen<\/em>).\u00a0Diese zeitnah verf\u00fcgbaren Datenreihen zeigen unter anderem, dass die Passagierzahlen im Flugverkehr bereits Anfang M\u00e4rz markant zur\u00fcckgingen. Der inl\u00e4ndische Strassenverkehr wiederum reduzierte sich hingegen erst stark, nachdem der Bundesrat am 16. M\u00e4rz die ausserordentliche Lage erkl\u00e4rt hatte. Das sind klare Anzeichen, dass die \u00f6konomische Aktivit\u00e4t auch in Sektoren, die nicht direkt von Betriebsschliessungen betroffen sind, stark zur\u00fcckgegangen ist. Ausmass und Zeitpunkt variieren aber.<\/p>\n<p>Weitere relativ kurzfristig verf\u00fcgbare Datenquellen sind die Neuzulassungen von Fahrzeugen, die Kreditkartentransaktionen und Bargeldbez\u00fcge, die Anzahl versandter Pakete per Post. Nebst Daten zur Realwirtschaft ber\u00fccksichtigt die Konjunkturanalyse auch t\u00e4glich verf\u00fcgbare Finanzmarktvariablen wie beispielsweise Aktien- und Wechselkurse sowie Zinsdifferenzen.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Hochfrequenz-Daten f\u00fcr die Schweiz (Januar bis April, indexiert)<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/04\/INDERGAND-DE.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-95701\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/04\/INDERGAND-DE.png\" alt=\"\" width=\"3192\" height=\"1994\" \/><\/a><\/p>\n<p><span class=\"text__legend\">Anmerkung: Dargestellt ist die indexierte Entwicklung pro Kalenderwoche (Kalenderwoche 2 = 100). Beispielsweise nahm der Lastwagenverkehr auf Schweizer Strassen im M\u00e4rz 2020 ab, im April hat er sich auf tiefem Niveau stabilisiert.<\/span><\/p>\n<h2><strong>Angebots- und Nachfrageschock<\/strong><\/h2>\n<p>Art und Transmissionsmechanismus des Corona-Schocks sind einzigartig. Als Erstes wurde im Zuge der Virusverbreitung in China deutlich, dass die Schweiz \u00fcber den Aussenhandelskanal betroffen sein w\u00fcrde. Denn zum einen gef\u00e4hrdeten die Produktionsunterbr\u00fcche in der chinesischen Industrie die internationalen Lieferketten von Schweizer Unternehmen; zum andern sank in China die Nachfrage nach Schweizer Produkten wie zum Beispiel Uhren. Mit der internationalen Verbreitung des Virus wurden sukzessive auch in anderen L\u00e4ndern Einschr\u00e4nkungen des \u00f6ffentlichen Lebens und der \u00d6konomie verf\u00fcgt; die Wirtschaftslage bei wichtigen Handelspartnern verschlechterte sich deutlich. Vom Ausland erhiehlt die Schweizer Konjunktur also zunehmend negative Impulse.<\/p>\n<p>Seit Ende Februar ist die Schweiz auch direkt vom Virus betroffen. Die in der Folge vom Bundesrat getroffenen gesundheitspolitischen Massnahmen schr\u00e4nkten die Wirtschaft sehr stark ein. So wurde die Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit zahlreicher Unternehmen per Dekret und fast unangek\u00fcndigt unterbrochen \u2013 wodurch es auch in der Schweiz zu einem massiven Angebotsschock kam, der zurzeit noch dominiert.<\/p>\n<p>Da noch immer unklar ist, wie lange die Krise andauert, verzichten Unternehmen auf Investitionsvorhaben oder schieben diese in die Zukunft. Die Haushalte erleiden Einkommenseinbussen und konsumieren weniger. Gleichzeitig ger\u00e4t der Franken unter Aufwertungsdruck, und die Weltwirtschaft ger\u00e4t in eine Rezession. Auch wenn die Produktion in der Schweiz wiederaufgenommen werden kann, d\u00fcrften die Nachfrageausf\u00e4lle in diesem und im kommenden Jahr daher so gross sein, dass die Kapazit\u00e4ten unterausgelastet bleiben. Der aktuell erlittene Wohlstandsverlust wird bis 2022 also nicht wettgemacht, und das Bruttoinlandprodukt wird den Stand von vor der Krise bis 2022 nicht wieder erreichen.<\/p>\n<h2><strong>Epidemiologen spielen erste Geige<\/strong><\/h2>\n<p>Konjunkturprognosen m\u00fcssen alle relevanten Wirkungsmechanismen einbeziehen. Im Zentrum stehen derzeit zwei Entwicklungen ausserhalb des \u00f6konomischen Spektrums: die Verbreitung des Virus an sich und die damit verbundenen gesundheitspolitischen Reaktionen im Inland wie im Ausland. Beide sind mit einer grossen Unsicherheit verbunden, da die Medizin erst nach und nach neue Erkenntnisse \u00fcber Ansteckungswege, Mortalit\u00e4tsziffern und Behandlungsm\u00f6glichkeiten von Sars-CoV-2 gewinnen kann.<\/p>\n<p>So ist beispielsweise erst wenig \u00fcber die Saisonalit\u00e4t der Erkrankung und \u00fcber die Dunkelziffer der potenziell bereits immunen Personen bekannt. Uneinig sind sich die Spezialisten auch, wie der weitere epidemiologische Verlauf sein k\u00f6nnte: Wann kommt die ber\u00fcchtigte \u00abzweite Welle\u00bb? Wie stark wird sie ausfallen? Und: Wird sie wieder Betriebsschliessungen mit sich bringen, oder wird etwa das Tragen von Gesichtsmasken reichen? Antworten auf diese Fragen oder wahrscheinliche Szenarien w\u00e4ren nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch f\u00fcr die Konjunkturprognose von enormer Bedeutung.<\/p>\n<p>Der Bundesrat entwickelt die gesundheitspolitische Strategie laufend weiter. Die vergangenen Wochen haben eindrucksvoll gezeigt, dass Anpassungen schnell und teilweise unangek\u00fcndigt erfolgen k\u00f6nnen \u2013 bei gleichzeitig massiven Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben. Eine Konjunkturprognose ohne Annahmen zur Entwicklung der Pandemie und deren Eind\u00e4mmungsmassnahmen ist aktuell daher nicht denkbar. Da Wirtschaftsprognostiker Entscheidungen bei der gesundheitspolitischen Strategie nicht vorwegnehmen k\u00f6nnen, muss sich eine Prognose gezwungenermassen an den gesicherten Fakten und damit an aktuell g\u00fcltigen Massnahmen orientieren. Dementsprechend \u00fcbertr\u00e4gt sich aber die Unsicherheit rund um das Virus auch auf die Wirtschaftsprognosen. Insbesondere h\u00e4ngen die aktuellen Prognoseergebnisse entscheidend davon ab, wie schnell die derzeitigen Eind\u00e4mmungsmassnahmen im Inland und im Ausland gelockert werden, ob weitere Krankheitswellen eintreten und wie die Gesundheitspolitik darauf reagiert.<\/p>\n<h2><strong>Was w\u00e4re, wenn?<\/strong><\/h2>\n<p>Diesen erschwerten Bedingungen begegnen wir mit Szenarien, die eine Antwort auf die Frage geben: \u00abWas w\u00e4re, wenn?\u00bb Beispielsweise: Was w\u00e4re, wenn die gesundheitspolitischen Massnahmen erneut versch\u00e4rft w\u00fcrden, sich die Weltwirtschaft nur schleppend erholen w\u00fcrde und es zu einer Konkurs- und Entlassungswelle k\u00e4me?<\/p>\n<p>Basierend auf solchen Szenarien f\u00fcr die Wirtschaftsentwicklung, k\u00f6nnen m\u00f6gliche Auswirkungen von verschiedenen Politikstrategien eingesch\u00e4tzt werden. Dies erlaubt es der Wirtschaftspolitik und dem Bundesrat, die denkbaren Entwicklungen zu antizipieren und sich entsprechend vorzubereiten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit M\u00e4rz laufen beim Konjunktur-Team des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) die Dr\u00e4hte heiss: Politik und Wirtschaft verlangen Vorhersagen \u00fcber die Auswirkungen der Corona-Krise. F\u00fcr uns Analysten stellen die sich \u00fcberst\u00fcrzenden Ereignisse eine Herausforderung dar. Phasenweise war die Zeitspanne zwischen zwei Entscheiden des Bundesrates so gering, dass die Erstellung einer Konjunkturprognose kaum m\u00f6glich war (siehe Corona-Tagebuch). 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