{"id":102260,"date":"2020-04-21T11:33:10","date_gmt":"2020-04-21T11:33:10","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/04\/kaufmann-05-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:53:55","modified_gmt":"2023-08-23T20:53:55","slug":"mut-zu-hoeherer-inflation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/04\/mut-zu-hoeherer-inflation\/","title":{"rendered":"Mut zu h\u00f6herer Inflation"},"content":{"rendered":"<p>Tiefe Zinsen sind eine Herausforderung f\u00fcr die Wirtschaft: Ein Sparheft wirft kaum noch Ertrag ab, Pensionskassen suchen nach neuen Anlagem\u00f6glichkeiten, Regulatoren warnen vor risikoreichen Anlagestrategien und Finanzmarktblasen, Banken beklagen sich \u00fcber Negativzinsen, und Zentralbanken greifen vermehrt zu neuen, unkonventionellen Massnahmen wie Anleihen- und Devisenk\u00e4ufen. Viele Industriestaaten scheinen von einer \u00abJapanisierung\u00bb der Wirtschaft \u2013 tiefe Zinsen, tiefe Inflation, aufgebl\u00e4hte Zentralbankbilanzen, m\u00e4ssiges Produktivit\u00e4tswachstum \u2013 betroffen zu sein. Doch warum sind die Zinsen so tief?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZuerst m\u00fcssen wir zwischen Real- und Nominalzinsen unterscheiden. Reale Zinsen sind um die Inflationsentwicklung, genauer die Inflationserwartungen bereinigt. Sie werden von mehreren Faktoren beeinflusst. Eine wichtige Ursache f\u00fcr den weltweit zu beobachtenden Zinsr\u00fcckgang ist die Pr\u00e4ferenz f\u00fcr sichere Anlagen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Einerseits kann eine erh\u00f6hte Sparneigung \u2013 zum Beispiel aufgrund der demografischen Entwicklung oder durch die Wirtschaftspolitik in aufstrebenden asiatischen L\u00e4ndern \u2013 zu einem R\u00fcckgang des weltweiten Realzinsniveaus f\u00fchren.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Da diese Ersparnisse angelegt werden m\u00fcssen, steigt die Nachfrage nach sicheren Anlagen, wie zum Beispiel Staatsanleihen von Industriestaaten. In der Folge sinken die Realzinsen dieser Anlagen, sofern das Angebot sich nicht ver\u00e4ndert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAndererseits haben die seit der Finanzkrise gestiegene Unsicherheit, regulatorische Anforderungen im Bankensektor und auch die Wertpapier-Kaufprogramme der Zentralbanken die Nachfrage nach sicheren Anlagen verst\u00e4rkt. Zum Beispiel erholt sich die Eurozone von der Schuldenkrise nur schleppend, und Banken m\u00fcssen neue risikoreiche Kredite mit mehr Eigenkapital unterlegen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSchliesslich tr\u00e4gt auch ein seit l\u00e4ngerer Zeit r\u00fcckl\u00e4ufiges Produktivit\u00e4tswachstum zum Zinsr\u00fcckgang bei. Langfristige Realzinsen widerspiegeln nicht zuletzt die erwartete Rendite von neuen Investitionen. Diese Rendite h\u00e4ngt massgeblich davon ab, wie stark diese Investitionen die Produktivit\u00e4t erh\u00f6hen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAll diese Faktoren treten jedoch in den meisten Industriestaaten auf. Sie k\u00f6nnen daher nicht der alleinige Grund sein, warum die Zinsen in der Schweiz tiefer sind als im Ausland.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Durchschnittliche Inflation vor und nach der Finanzkrise<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='kaufmann_de_1_05_2020'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#kaufmann_de_1_05_2020').highcharts({\n      chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    \n    xAxis: {\n        categories: [\n'Japan','Schweiz','Schweden','Deutschland','D\u00e4nemark','G-7','Eurozone','\u00d6sterreich','Kanada','Grossbritannien','Belgien','Norwegen','Neuseeland','USA','S\u00fcdkorea','Polen','Chile','Mexiko','Island'],\n        crosshair: true\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: ''\n        }, labels: {\n            format: '{value}%'\n        },\n    },\n  \n    plotOptions: {\n        column: {\n            pointPadding: 0.2,\n            borderWidth: 0\n        }\n    },\n   tooltip: {\n        valueDecimals: 1,\n        valueSuffix: '%'\n    },\n    series: [{\n        name: '2000-2007',\n        data: [-0.322349367, 0.9494047, 1.473556688, 1.6209465, 2.04129075, 2.087039375, 2.225, 2.016403625, 2.309092125, 1.7625, 2.09261675, 1.8616032, 2.59256725, 2.7759695, 2.96554625, 3.43750045, 3.077384875, 5.213713625, 4.709765875]\n\n    }, {\n        name: '2008-2019',\n        data: [0.383277358, 0.166697031, 1.128335635, 1.344358855, 1.473124264, 1.526634127, 1.436363636, 1.889256645, 1.648951064, 2.227272727, 1.924078203, 2.261390645, 1.837673055, 1.762703164, 2.2051839, 1.928787945, 3.280863518, 4.218738, 4.815580727]\n\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: OECD; Berechnungen Kaufmann \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEmpirische Untersuchungen f\u00fcr die Schweiz zeigen, dass der Nominalzinsr\u00fcckgang seit den Siebzigerjahren ungef\u00e4hr je zu einem Drittel auf internationale Faktoren, den R\u00fcckgang der inl\u00e4ndischen Inflation sowie auf weitere inl\u00e4ndische Faktoren, zum Beispiel die sinkende Staatsverschuldung, zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Unterschiedliche Inflationsziele<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Folgenden beschr\u00e4nke ich mich auf die Rolle des Inflationsr\u00fcckgangs und dessen geldpolitische Auswirkungen. Ein wichtiger Grund f\u00fcr die geringere Teuerung ist, dass viele Zentralbanken seit den Neunzigerjahren zu einer Politik der Inflationsstabilisierung (\u00abInflation Targeting\u00bb) \u00fcbergegangen sind. Dadurch sind die Inflationsraten weltweit auf ein <a href=\"https:\/\/www.republik.ch\/2018\/10\/15\/was-kann-geldpolitik-ueberhaupt-ausrichten\">historisch tiefes Niveau<\/a> gesunken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTrotzdem unterscheidet sich die Teuerung zwischen den L\u00e4ndern, weil diese unterschiedliche Inflationsziele haben. Das gew\u00e4hlte Inflationsziel beeinflusst wiederum die H\u00f6he der Geldmarktzinsen, welche von den meisten Zentralbanken zur Implementierung der Geldpolitik verwendet werden. Es lohnt sich daher, die Inflationsraten und den Zusammenhang mit den Zinsen in verschiedenen L\u00e4ndern genauer zu untersuchen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBereits vor der Finanzkrise wies die Schweiz eine der tiefsten Inflationsraten auf (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Diese entsprach 2000 bis 2007 fast punktgenau der Preisstabilit\u00e4tsdefinition der SNB. In der Botschaft zum Nationalbankgesetz steht: \u00abAus heutiger Sicht herrscht in der Schweiz Preisstabilit\u00e4t, wenn die j\u00e4hrliche Teuerung 1 Prozent pro Jahr betr\u00e4gt.\u00bb<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Da eine pr\u00e4zise Steuerung der Inflation nicht m\u00f6glich sei, solle die SNB eine Inflationsrate zwischen 0 und 2 Prozent gew\u00e4hrleisten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDieses Ziel unterscheidet sich von demjenigen des Federal Reserve, der Bank of England und der Europ\u00e4ischen Zentralbank \u2013 die Inflationsziele um rund 2 Prozent verfolgen. Es gibt auch Staaten mit h\u00f6heren Zielen, wie zum Beispiel Neuseeland (1 bis 3%), Polen (2,5%) sowie Mexiko und Chile (je 3%). Diese L\u00e4nder weisen tats\u00e4chlich h\u00f6here Inflationsraten als die Schweiz auf.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Geldpolitik gefordert<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie tiefen Nominalzinsen schr\u00e4nken den Handlungsspielraum der Zentralbanken ein. Betrachtet man den Kurzfristzins im Jahr 2007, dann zeigt sich: Bereits vor Ausbruch der Finanzkrise war der Handlungsspielraum f\u00fcr L\u00e4nder mit tiefen Inflationsraten deutlich geringer als f\u00fcr L\u00e4nder mit h\u00f6heren Inflationsraten \u2013 wobei Japan und die Schweiz mit besonders tiefen Zinsen und Inflationsraten herausstechen (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Der Zinssenkungsspielraum w\u00e4re f\u00fcr die SNB um rund 2 Prozentpunkte h\u00f6her gewesen, h\u00e4tte die Schweiz statt eines Inflationsziels von 1 Prozent ein \u00e4hnliches Inflationsziel wie andere europ\u00e4ische L\u00e4nder verfolgt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDar\u00fcber hinaus f\u00fchrt der eingeschr\u00e4nkte Zinssenkungsspielraum dazu, dass die Zentralbankbilanzen durch unkonventionelle Massnahmen aufgebl\u00e4ht werden. So hat sich die Geldmenge in der Schweiz im Verh\u00e4ltnis zum BIP zwischen 2007 und 2018 verdoppelt (siehe <em>Abbildung 3<\/em>). W\u00fcrde statt der Geldmenge M1, die auch von Banken geschaffene Liquidit\u00e4t beinhaltet, die enger gefasste monet\u00e4re Basis verwendet, w\u00e4re der Anstieg noch deutlich st\u00e4rker. Da Anleihenk\u00e4ufe und Devisenmarktinterventionen zu einer Ausweitung der Geldmenge f\u00fchren, ist dies ein Mass daf\u00fcr, wie stark die verschiedenen Zentralbanken von unkonventionellen Massnahmen Gebrauch gemacht haben. Wie sich zeigt, haben vor der Finanzkrise L\u00e4nder mit tieferen Nominalzinsen \u2013 und dadurch kleinerem Zinssenkungsspielraum \u2013 mehr unkonventionelle Massnahmen get\u00e4tigt.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Zusammenhang zwischen Inflation und Kurzfristzins vor Krise<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='kaufmann_de_2_05_2020'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#kaufmann_de_2_05_2020').highcharts({\n     chart: {\n        type: 'bubble',\n        plotBorderWidth: 1,\n        zoomType: 'xy'\n    },\n\n    legend: {\n        enabled: false\n    },\n\n    title: {\n        text: ''\n    },\n\n \n\n\n\n    xAxis: {\n        gridLineWidth: 1,\n        title: {\n            text: 'Durchschnittliche Inflation 2000\u20132007'\n        },\n        labels: {\n            format: '{value} %'\n        },\n     \n    },\n\n    yAxis: {\n        startOnTick: false,\n        endOnTick: false,\n        title: {\n            text: 'Kurzfristzins 2007'\n        },\n        labels: {\n            format: '{value}%'\n        },\n     \n    },\n\n    tooltip: {\n        useHTML: true,\n        headerFormat: '<table>',       \n        pointFormat: '<tr><th colspan=\"2\"><h3>{point.country}<\/h3><\/th><\/tr>' +\n            '<tr><th>Inflation:<\/th><td>{point.x:.1f}%<\/td><\/tr>' +\n            '<tr><th>Kurzfristzins:<\/th><td>{point.y:.1f}%<\/td><\/tr>',\n        footerFormat: '<\/table>',\n        followPointer: true,\n\n\n    },\n\n    plotOptions: {\n        series: {\n            dataLabels: {\n                enabled: true,\n                format: '{point.name}'\n            }\n        }\n    },\t\n\n    series: [{\n        data: [\n             { x: \t0.9494047, y: \t2.572431, name: 'CH', country: 'Schweiz', color:'#c74d70'},\n  { x: \t4.709765875, y: \t14.29067, name: 'ISL', country: 'Island' },\n  { x: \t-0.322349367, y: \t0.7458333, name: 'JPN', country: 'Japan' },\n  { x: \t2.7759695, y: \t5.268333, name: 'USA', country: 'USA' },\n  { x: \t1.7625, y: \t6.002207, name: 'GBR', country: 'Gro\u00dfbritannien' },\n  { x: \t1.6209465, y: \t4.277608, name: 'DEU', country: 'Deutschland' },\n  { x: \t1.473556688, y: \t3.5525, name: 'SWE', country: 'Schweden' },\n  { x: \t2.04129075, y: \t4.442642, name: 'DNK', country: 'D\u00e4nemark' },\n  { x: \t2.225, y: \t4.277608, name: 'EA19', country: 'Eurozone' },\n  { x: \t5.213713625, y: \t7.784167, name: 'MEX', country: 'Mexiko\t' },\n  { x: \t2.59256725, y: \t8.333333, name: 'NZL', country: 'Neuseeland' },\n  { x: \t2.016403625, y: \t4.277608, name: 'AUT', country: '\u00d6sterreich' },\n  { x: \t2.09261675, y: \t4.277608, name: 'BEL', country: 'Belgien' },\n  { x: \t2.309092125, y: \t4.625115, name: 'CAN', country: 'Kanada' },\n  { x: \t2.96554625, y: \t5.160833, name: 'KOR', country: 'S\u00fcdkorea' },\n  { x: \t1.8616032, y: \t4.9575, name: 'NOR', country: 'Norwegen' },\n  { x: \t3.43750045, y: \t4.769583, name: 'POL', country: 'Polen' },\n  { x: \t3.077384875, y: \t5.179167, name: 'CHL', country: 'Chile\t' },\n        ]\n    }]\n\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Quelle: OECD; Berechnungen Kaufmann \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 3: Kurzfristzins und Geldmengenausweitung nach Krise<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='kaufmann_de_3_05_2020'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#kaufmann_de_3_05_2020').highcharts({\n       chart: {\n        type: 'bubble',\n        plotBorderWidth: 1,\n        zoomType: 'xy'\n    },\n\n    legend: {\n        enabled: false\n    },\n\n    title: {\n        text: ''\n    },\n\n \n\n\n\n    xAxis: {\n        gridLineWidth: 1,\n        title: {\n            text: 'Kurzfristzins 2007'\n        },\n        labels: {\n            format: '{value} %'\n        },\n     \n    },\n\n    yAxis: {\n        startOnTick: false,\n        endOnTick: false,\n        title: {\n            text: 'Kum. 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Erstens stellen Zentralbanken sowohl elektronisches Geld (Sichtguthaben im Bankensektor) als auch physisches Geld (M\u00fcnzen und Noten) zur Verf\u00fcgung. Physisches Geld wirft jedoch keinen Ertrag, also keinen Zins, ab. Aufgrund von Kosten f\u00fcr Lagerung, Versicherung und Abnutzung d\u00fcrfte der Ertrag leicht negativ sein. Nun kann der Zins auf elektronischem Geld, das heisst der Geldmarktzins, nicht unter den Ertrag auf physischem Geld fallen. Sonst w\u00fcrden die Bankkunden beginnen, elektronisches Geld in physisches Geld umzuwandeln.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZweitens stellt die Nullzinsgrenze eine psychologische H\u00fcrde dar. Da die Wirkung von Negativzinsen auf den Bankensektor und die Wirtschaft weitgehend unbekannt ist, gehen die Zentralbanken sehr z\u00f6gerlich vor. Die Zentralbanken reagieren weniger stark und weniger oft auf Ver\u00e4nderungen der Wirtschaft, als dies im positiven Zinsumfeld der Fall war.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDrittens stellt die Nullzinsgrenze eine politische Restriktion dar. Negativzinsen werden in Politik und Bev\u00f6lkerung als etwas Unnat\u00fcrliches oder gar Sch\u00e4dliches angesehen. Daher \u00fcberlegen sich die Zentralbankiers zweimal, ob sie die Zinsen deutlich in den negativen Bereich dr\u00fccken sollen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTechnisch w\u00e4ren wohl deutlich negativere Geldmarktzinsen m\u00f6glich. Trotzdem stellt die Nullzinsgrenze \u2013aufgrund von \u00f6konomischen, psychologischen und politischen Grenzen \u2013 eine Restriktion f\u00fcr die Nationalbank dar. Dies kann man an den Ver\u00e4nderungen des Zinsziels ablesen, mit dem die SNB \u00c4nderungen ihrer Zinspolitik kommuniziert. Zwischen 2000 und 2007, als die Zinsen noch deutlich positiv waren, passte die SNB ihre Zinspolitik im Schnitt 2,4 Mal pro Jahr an. Seit 2008 fiel dieser Schnitt auf 0,6 Anpassungen pro Jahr. In den vergangenen zehn Jahren hat die SNB die Zinspolitik sogar nur 4 Mal modifiziert. Offensichtlich reagiert die SNB im Negativzinsumfeld viel z\u00f6gerlicher auf wirtschaftliche Ver\u00e4nderungen, als sie dies noch vor der Krise getan hat.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie verhaltene Zinspolitik beeinflusst auch den Wechselkurs und die Bilanz der SNB. Vor der Krise nutzte die SNB das Zinsinstrument nicht nur, um die Inflation zu stabilisieren, sondern auch, um auf \u00fcberm\u00e4ssige Aufwertungssch\u00fcbe zu reagieren.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Wertete sich der Franken zu stark auf, senkte die SNB den Leitzins, um Frankenanlagen etwas weniger attraktiv zu machen. Dadurch wertete sich der Franken weniger auf als ohne Zinsanpassung. Gerade in unsicheren Phasen wertet sich der Franken, der als \u00absafe haven\u00bb gilt, auf. Sp\u00e4testens seit der Aufhebung des Euro-Mindestkursziels im Jahr 2015 wird das Zinsinstrument kaum mehr verwendet, um auf Aufwertungssch\u00fcbe zu reagieren. Stattdessen fallen diese Aufwertungssch\u00fcbe entweder heftiger als vor der Krise aus, oder die SNB weitet ihre Bilanz mit Devisenk\u00e4ufen aus.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Gibt es Alternativen?<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAngesichts des eingeschr\u00e4nkten Zinssenkungsspielraums sprechen sich einige \u00d6konomen f\u00fcr h\u00f6here Inflationsziele aus.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Dabei m\u00fcssen jedoch die Kosten einer h\u00f6heren Inflation gegen den Nutzen eines vergr\u00f6sserten Zinssenkungsspielraums abgewogen werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nF\u00fcr die SNB ist ein permanent h\u00f6heres Inflationsziel sowieso nicht ohne Weiteres umsetzbar, da in der Botschaft zum Nationalbankgesetz klar spezifiziert ist, dass Preisstabilit\u00e4t mit einer Inflation von 1 Prozent gleichgesetzt wird. Ohne Auftrag des Gesetzgebers ist daher unklar, ob die Nationalbank diese Vorgabe \u00e4ndern k\u00f6nnte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Definition der Preisstabilit\u00e4t ist jedoch flexibel genug, dass die SNB f\u00fcr eine gewisse Dauer eine Inflation nahe am oberen Bereich der Definition der Preisstabilit\u00e4t, das heisst 2 Prozent, anstreben k\u00f6nnte. Eine solche Politik h\u00e4tte eine gewisse \u00c4hnlichkeit mit einem tempor\u00e4ren Preisniveauziel oder einem tempor\u00e4ren Wechselkursziel.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> Sie w\u00fcrde das Problem der Nullzinsgrenze mindern, den Zinssenkungsspielraum erh\u00f6hen und den Franken abschw\u00e4chen \u2013 ohne dabei das Mandat der SNB zu verletzen. Entscheidend ist jedoch, dass die SNB eine solche Politik klar und im Voraus kommuniziert. Ansonsten wird sich die Schweiz bis auf Weiteres auf tiefe oder sogar negative Zinsen einstellen m\u00fcssen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Del Negro et al. (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Bean et al. (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Kaufmann (2019a) und (2019b).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Bundesrat (2002).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Kaufmann (2019a).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Siehe Referenzen in Gagnon et al. (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Svensson (2002), B\u00e4urle und Kaufmann (2018).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tiefe Zinsen sind eine Herausforderung f\u00fcr die Wirtschaft: Ein Sparheft wirft kaum noch Ertrag ab, Pensionskassen suchen nach neuen Anlagem\u00f6glichkeiten, Regulatoren warnen vor risikoreichen Anlagestrategien und Finanzmarktblasen, Banken beklagen sich \u00fcber Negativzinsen, und Zentralbanken greifen vermehrt zu neuen, unkonventionellen Massnahmen wie Anleihen- und Devisenk\u00e4ufen. 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Causes and Consequences of Persistently Low Interest Rates<\/a>, Geneva Reports on the World Economy 17, ICMB.<\/li>&#13;\n \t<li>Bundesrat (2002). <a href=\"https:\/\/www.snb.ch\/de\/mmr\/reference\/snb_legal_docum_brbotschaft\/source\/snb_legal_docum_brbotschaft.de.pdf\">Botschaft \u00fcber die Revision des Nationalbankgesetzes<\/a>, SR 02.050.<\/li>&#13;\n \t<li>Del Negro, Marco, Domenico Giannone, Marc Giannoni, Andrea Tambalotti (2018). <a href=\"https:\/\/voxeu.org\/article\/global-trends-interest-rates\">Global Trends in Interest rates<\/a>, VOX CEPR Policy Portal.<\/li>&#13;\n \t<li>Gagnon, Joseph E. und Christopher G. Collins (2019). <a href=\"https:\/\/www.piie.com\/blogs\/realtime-economic-issues-watch\/case-raising-inflation-target-stronger-you-think\">The Case for Raising the Inflation Target Is Stronger than You Think<\/a>.<\/li>&#13;\n \t<li>Kaufmann, Daniel (2019a). <a href=\"https:\/\/dankaufmann.github.io\/FrancFort\/\">Le franc fort et le r\u00f4le de la politique mon\u00e9taire<\/a>, Pr\u00e9sentation \u00e0 la CVCI Lausanne, 26 septembre 2019.<\/li>&#13;\n \t<li>Kaufmann, Daniel (2019b). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1186\/s41937-019-0033-7\">Nominal Stability over Two Centuries<\/a>, Swiss Journal of Economics and Statistics.<\/li>&#13;\n \t<li>Svensson, Lars E.O. (2001). <a href=\"https:\/\/larseosvensson.se\/files\/papers\/me19-s1-11.pdf\">The Zero Bound in an Open Economy: A Foolproof Way of Escaping from a Liquidity Trap, Monetary and Economic Studies<\/a>.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":102263,"main_focus":[156009,156812],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":102267,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"93853","post_abstract":"Im internationalen Vergleich sind die Zinsen in der Schweiz sehr tief. Das ist nicht nur auf internationale Faktoren, sondern auch auf die besonders tiefe Inflation zur\u00fcckzuf\u00fchren. Das tiefe Zinsniveau stellt Anleger, Sparer und nicht zuletzt die Nationalbank vor besondere Herausforderungen. Durch den eingeschr\u00e4nkten Zinssenkungsspielraum muss die SNB vermehrt zu unkonventionellen geldpolitischen Massnahmen greifen, was die Bilanz immer mehr aufbl\u00e4ht. 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