{"id":102344,"date":"2020-04-21T11:00:28","date_gmt":"2020-04-21T11:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/04\/kapalle-05-2020fr\/"},"modified":"2024-02-05T17:25:01","modified_gmt":"2024-02-05T16:25:01","slug":"verpasste-chancen-im-schweizer-kapitalmarkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/04\/verpasste-chancen-im-schweizer-kapitalmarkt\/","title":{"rendered":"Verpasste Chancen im Schweizer Kapitalmarkt"},"content":{"rendered":"<p>Der Bankenplatz Schweiz geh\u00f6rt international zu den besten. Insgesamt werden hierzulande Verm\u00f6gen in der H\u00f6he von rund 7,3 Billionen Franken verwaltet. Davon stammt rund die H\u00e4lfte von Kunden im Ausland. Bei der grenz\u00fcberschreitenden Verm\u00f6gensverwaltung ist der Finanzplatz \u2013 mit einem Marktanteil von 27 Prozent \u2013 weltweit die Nummer eins. Das ist ein klares Zeichen f\u00fcr ein hohes Vertrauen in die Arbeit der Schweizer Banken. Diese Stellung verdankt die Schweiz zudem den attraktiven Standortbedingungen sowie der hohen Wettbewerbs- und Innovationsf\u00e4higkeit der Branche.<\/p>\n<p>Ein starker Wirtschafts- und Finanzplatz braucht einen starken Kapitalmarkt. Heute f\u00e4hrt der Schweizer Kapital-, Geld- und Kreditmarkt vor allem aufgrund steuerlicher H\u00fcrden jedoch mit angezogener Handbremse. So erhebt der Bund eine Emissionsabgabe auf Aktien von 1 Prozent. Zudem ist auf K\u00e4ufen und Verk\u00e4ufen inl\u00e4ndischer und ausl\u00e4ndischer Wertschriften jedes Mal eine Umsatzabgabe von 0,15 beziehungsweise 0,3 Prozent abzuliefern. Diese beiden Stempelabgaben stellen eine Emissions- und eine Handelsbremse dar.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich werden die Wertschriften mit einer Verrechnungssteuer belastet. Auf Zinsen und Dividenden von inl\u00e4ndischen Wertschriften m\u00fcssen die Emittenten 35 Prozent an der Quelle belasten und dem Fiskus \u00fcberweisen. Der Investor erh\u00e4lt somit nur 65 Prozent vom Gewinn. Je nach Wohnsitzland kann er die restlichen 35 Prozent teilweise oder ganz zur\u00fcckfordern. Die Verrechnungssteuer und die damit verbundenen aufwendigen R\u00fcckforderungsverfahren machen schweizerische Titel daher international unattraktiv.<\/p>\n<p>Die Stempel- und die Verrechnungssteuer stellen einen wesentlichen Standortnachteil dar. Denn Konkurrenzstandorte wie London, Singapur oder Hongkong kennen keine vergleichbaren Abgaben. Investoren, Banken und andere Finanzdienstleister ziehen deshalb f\u00fcr gewisse Gesch\u00e4fte Konkurrenzstandorte vor, um die Volumina konkurrenzf\u00e4hig anzulegen und zu bewirtschaften.<\/p>\n<h2><strong>Verlagerung ins Ausland<\/strong><\/h2>\n<p>Die Schweizerische Bankiervereinigung hat die Verlagerung in ausgew\u00e4hlten Gesch\u00e4ftsfeldern untersucht. Im Depotgesch\u00e4ft verwalten die Banken f\u00fcr ihre Kunden ein totales Volumen an Wertschriften von fast 6,2 Billionen Franken. Ein Betrag von zus\u00e4tzlichen rund 10 Prozent wird, aufgrund von Stempelabgaben, im Ausland gehalten, das sind \u00fcber 600 Milliarden Franken. Die Stempelabgaben verhindern auch, dass neue Kunden in die Schweiz kommen. Ohne die Stempelabgaben und die Verrechnungssteuer k\u00f6nnte die j\u00e4hrliche Wachstumsrate bei den Kundendepots bei 5 Prozent liegen.<\/p>\n<p>Schweizer Banken halten in den Depots f\u00fcr ihre Kunden rund 2,3 Billionen Franken an Anlagefonds. Doch nur ein Drittel davon sind Schweizer Fonds. Fonds werden oft nicht in der Schweiz aufgelegt, sondern in Luxemburg, Irland, auf den Kanalinseln oder den Bahamas. Zudem sind die Banken in der Schweiz traditionell stark in der Emission und dem Vertrieb von strukturierten Finanzprodukten. Allein im letzten Jahr wurden \u00fcber 300 Milliarden Franken emittiert, das meiste davon allerdings im Ausland, wie etwa Guernsey. Grund daf\u00fcr sind die Schweizer Stempelabgaben und die heutige Ausgestaltung der Verrechnungssteuer.<\/p>\n<p>Bei den Unternehmensanleihen betr\u00e4gt das Volumen der Emissionen 500 Milliarden. Doch nur 100 Milliarden sind aus der Schweiz heraus emittiert. Der Rest wird an Standorten wie den Kanalinseln, Inseln im Pazifik, Luxemburg oder den Niederlanden \u00abproduziert\u00bb. Grund daf\u00fcr ist die heutige Ausgestaltung der Verrechnungssteuer, die in der Schweiz anfallen w\u00fcrde. Die Emissionen von ausl\u00e4ndischen Unternehmen in der Schweiz betragen lediglich 14 Milliarden. Bei einer Reform der Verrechnungssteuer k\u00f6nnte die Schweiz das Niveau von Luxemburg erreichen, sprich 1,2 Billionen Franken. Auch das Volumen der in der Schweiz emittierten Aktien liesse sich um 950 Milliarden steigern.<\/p>\n<p>Bei den Treuhandanlagen befinden sich rund 200 Milliarden Franken an Kundengeldern von Schweizer Finanzdienstleistern im Ausland \u2013 etwa in London oder den USA. Im Inland liegen nur 30 Milliarden Franken. Der Hauptgrund f\u00fcr die Verlagerung ins Ausland ist die Verrechnungssteuer.<\/p>\n<p>Schliesslich findet in der Schweiz wegen der Stempelabgaben beinahe kein Handel von Anleihen mit Laufzeiten unter einem Jahr statt. Die Steuer auf dem Handel w\u00e4re gr\u00f6sser als die Rendite. Das Volumen an Liquidit\u00e4t im Markt k\u00f6nnte ohne die Stempelabgaben um 70 Milliarden Franken gesteigert werden.<\/p>\n<h2><strong>Alle profitieren<\/strong><\/h2>\n<p>Mit einem \u00abR\u00fcckholen\u00bb der oben dargestellten, ins Ausland verlagerten Gesch\u00e4ftsvolumen w\u00fcrden hierzulande zus\u00e4tzliche Arbeitspl\u00e4tze, Einkommen und Steuereinnahmen generiert. Bedeutende Gesch\u00e4ftsvolumen wie Treuhandanlagen oder Wertschriftendepots k\u00f6nnten direkt in die Schweiz zur\u00fccktransferiert werden. Zudem w\u00fcrden sich f\u00fcr die Banken neue Gesch\u00e4ftsfelder wie zum Beispiel nachhaltige Anleihen (\u00abgreen bonds\u00bb) er\u00f6ffnen. Ein weiterer Vorteil ist die Vermeidung von Opportunit\u00e4tskosten. So w\u00fcrden Liquidit\u00e4tsnachteile beseitigt, die sich durch die zeitliche Verz\u00f6gerung in der Ablieferung und der R\u00fcckerstattung der Verrechnungssteuer ergeben.<\/p>\n<p>N\u00f6tig dazu w\u00e4ren eine Abschaffung der Emissions- und der Umsatzabgabe sowie eine Reform bei der Verrechnungssteuer, welche die Zinsen an der Quelle von der Abgabe befreit und gleichzeitig auch die Aktien entlastet. So k\u00f6nnte der heutige Satz von 35 Prozent auf den international anerkannten Sockelsatz von 15 gesenkt werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bankenplatz Schweiz geh\u00f6rt international zu den besten. Insgesamt werden hierzulande Verm\u00f6gen in der H\u00f6he von rund 7,3 Billionen Franken verwaltet. 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