{"id":102351,"date":"2020-04-21T11:00:24","date_gmt":"2020-04-21T11:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/04\/koerber-grass-05-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:54:14","modified_gmt":"2023-08-23T20:54:14","slug":"reform-der-stempelabgaben-und-der-verrechnungssteuer-lohnt-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/04\/reform-der-stempelabgaben-und-der-verrechnungssteuer-lohnt-sich\/","title":{"rendered":"Reform der Stempelabgaben und der Verrechnungssteuer lohnt sich"},"content":{"rendered":"<p>Dem Wirtschaftsstandort Schweiz wird meist ein gutes Zeugnis ausgestellt. Ein Aspekt, bei dem die Schweiz gegen\u00fcber den wichtigsten Konkurrenten jedoch weniger gut abschneidet, ist das steuerliche Umfeld f\u00fcr den Kapitalmarkt. Als ineffizient gilt insbesondere das gegenw\u00e4rtige System aus Verrechnungssteuer und Stempelabgaben. Dieses beeinflusst die Finanzierungsentscheidung von Unternehmen genauso wie die Spart\u00e4tigkeit oder das Versicherungsniveau der privaten Haushalte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAus Standortsicht erweisen sich die Abwanderungseffekte in der Unternehmensfinanzierung und dem institutionellen Anlagegesch\u00e4ft auf andere Finanzm\u00e4rkte als nachteilig (Wertsch\u00f6pfungsabfluss ins Ausland). Hierdurch werden auch Wachstumspotenziale verschenkt, da vielversprechende Gesch\u00e4ftsfelder in der Schweiz nur eingeschr\u00e4nkt oder gar nicht bewirtschaftet werden k\u00f6nnen (geringerer Wertsch\u00f6pfungszufluss aus dem Aus- und Inland). Die Umgehungsaktivit\u00e4ten bewirken zudem ineffiziente Kostenstrukturen und eine suboptimale Nutzung von Skaleneffekten. Dies macht sich vor allem am Werkplatz Schweiz negativ bemerkbar.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Auftrag der Eidgen\u00f6ssischen Steuerverwaltung (ESTV) haben wir evaluiert, was eine umfassende, zielgerichtete und f\u00fcr den Bundeshaushalt finanzierungsneutrale Reform der Stempelabgaben und der Verrechnungssteuer bewirkt.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.estv.admin.ch\/estv\/de\/home\/verrechnungssteuer\/stempelabgaben\/fachinformationen\/stempelabgaben.html\">Stempelabgaben<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.estv.admin.ch\/estv\/de\/home\/verrechnungssteuer\/verrechnungssteuer\/fachinformationen\/verrechnungssteuer.html\">Verrechnungssteuer<\/a> sind insofern wesensverwandt, als sie haupts\u00e4chlich auf kapitalmarktbezogene Aktivit\u00e4ten erhoben werden. Hierbei kommt es teilweise zu sich \u00fcberschneidenden und verst\u00e4rkenden Effekten. Eine trennscharfe Zurechnung der R\u00fcckwirkungen auf spezifische Finanzgesch\u00e4fte ist nicht immer m\u00f6glich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm das gesamtwirtschaftliche Potenzial einer Reform der Stempelabgaben und der Verrechnungssteuer zu sch\u00e4tzen, st\u00fctzten wir uns auf makro\u00f6konomische Modellrechnungen. Gem\u00e4ss dem Hauptszenario steigt das Niveau des schweizerischen Bruttoinlandprodukts (BIP) innerhalb von zehn Jahren um rund 1,4 Prozent. Die Zahl der in der Schweiz Erwerbst\u00e4tigen nimmt im selben Zeitraum um 22\u2019000 Personen zu. Unterstellt werden hierbei ein Wegfall der Stempelabgaben \u2013 aber unter Beibehaltung des Versicherungsstempels \u2013 und eine umfassende Reform des Verrechnungssteuersystems.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nK\u00fcnftige Einkommens- und Besch\u00e4ftigungsgewinne fallen nicht nur im Finanzsektor an. Auch andere Branchen und die Gesamtwirtschaft profitieren. Stimulierende Effekte resultieren vor allem aus den verbesserten Standortbedingungen. Dies \u00e4ussert sich zun\u00e4chst in steigenden Investitionen und in wachsenden Nettoexporten bei Dienstleistungen. Der damit verbundene Einkommenszuwachs und die daraus resultierenden Besch\u00e4ftigungsimpulse wirken sich nachgelagert auch positiv auf den privaten Konsum aus.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Verrechnungssteuer entscheidend<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas gr\u00f6sste Potenzial verorten wir in einer Reform der Verrechnungssteuer. Zwar ist eine Zuteilung der Reformbeitr\u00e4ge nach Steuerarten nicht immer trennscharf m\u00f6glich. Werden die ausschliesslich und eher durch die Verrechnungssteuer gepr\u00e4gten Bereiche zusammengenommen, tr\u00e4gt die Abschaffung der Verrechnungssteuer nach unserer Einsch\u00e4tzung rund 1 Prozentpunkt zum Gesamteffekt von 1,4 Prozentpunkten bei (siehe <em>Abbildung 1<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Gewinn beim BIP-Niveau dank Reform nach Steuerarten<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Bill_Koerber_Grass_Abb1_DE'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Bill_Koerber_Grass_Abb1_DE').highcharts({\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n        categories: ['nach 1 Jahr', 'nach 5 Jahren', 'nach 10 Jahren']\n    },\n     yAxis: {\n        title: {\n            text: 'in Prozentpunkten des BIP'\n        },\n         labels: {\n            format: '{value}'\n        },\n stackLabels: {\n            enabled: false,\n          \n        }\n    },\n tooltip: {\n        valueSuffix: ' Prozentpunkte'\n    },\n      plotOptions: {\n        column: {\n            stacking: 'normal',\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            }\n        }\n    },\n    series: [ {\n        type: 'column',\n        name: 'Emissionsabgabe',\n        data: [-0.01, \t0.01, \t0.03]\n    }, {\n        type: 'column',\n        name: 'Umsatzabgabe',\n        data: [0.10, \t0.31, \t0.41],\ncolor: '#23318a',\n    },{\n        type: 'column',\n        name: 'Haupts\u00e4chlich Verrechnungssteuer',\n        data: [-0.02, \t0.28, \t0.44]\n    },{\n        type: 'column',\n        name: 'Verrechnungssteuer',\n        data: [-0.03, \t0.37, \t0.53],\ncolor:  '#ffdd0c',\n    },  ]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BAK Economics \/ Die Volkswirtschaft<\/span><em>&#13;<br \/>\n<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer verbleibende Wertsch\u00f6pfungsgewinn von immerhin 0,4 BIP-Prozentpunkten nach zehn Jahren ist gr\u00f6sstenteils der Abschaffung der Umsatzabgabe zuzurechnen. W\u00e4hrend der ersten zwei Jahre liegen die zu erwartenden Reformgewinne bei der Umsatzabgabe sogar h\u00f6her als bei der Verrechnungssteuer (bei Gegenfinanzierung). Vor allem im Depotgesch\u00e4ft sind nach Abschaffung der Umsatzabgabe bereits kurzfristig nennenswerte Repatriierungen in die Schweiz zu erwarten. Die f\u00fcr die hiesige Wirtschaft wesentlich bedeutsameren positiven Standortwirkungen der Verrechnungssteuer brauchen eine gewisse Zeit, bis sie voll zur Geltung kommen. Hinzu kommt, dass bei der Verrechnungssteuer vor allem ausl\u00e4ndische Akteure entlastet werden. Der als Gegenfinanzierungsmassnahme unterstellte Konsumverzicht bei den Bundesausgaben wirkt kurzfristig d\u00e4mpfend auf das Bruttoinlandprodukt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Abschaffung der Emissionsabgabe bewirkt gem\u00e4ss unseren Modellrechnungen nur geringe gesamtwirtschaftliche Effekte. Allerdings ist hier zu bedenken, dass die Emissionsabgabe ein gr\u00f6sseres Investitions- und Innovationshemmnis darstellen k\u00f6nnte, als es mit unseren Modellsimulationen abbildbar ist. So profitieren m\u00f6glicherweise innovative Start-ups davon.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Gemeinden und Kantone profitieren<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr den Bund ist die Reform am Anfang mit Mindereinnahmen von \u00fcber 3 Milliarden Franken verbunden \u2013 dies entspricht knapp 5 Prozent der aktuellen Bundesausgaben (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Um der Schuldenbremse gerecht zu werden, wurde f\u00fcr die Simulationsrechnung unterstellt, dass der Bund Mindereinnahmen mit einer entsprechenden Reduktion der Konsumausgaben begegnet. Die so gegenfinanzierte Steuerreform zeitigt langfristig positive Effekte auf die gesamten \u00f6ffentlichen Finanzen. In Relation zum BIP reduziert sich die gesamte Staatsverschuldung im Zeitfenster von zehn Jahren um 1 Prozentpunkt.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: R\u00fcckwirkung der Steuerreform auf \u00f6ffentliche Finanzen <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Bill_Koerber_Grass_Abb2_DE'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Bill_Koerber_Grass_Abb2_DE').highcharts({\n   title: {\n        text: ''\n    },\n    xAxis: {\n        categories: ['nach 1 Jahr', 'nach 5 Jahren', 'nach 10 Jahren']\n    },\n     yAxis: {\n        title: {\n            text: 'in Mio. Fr.'\n        },\n         labels: {\n            format: '{value}'\n        }, stackLabels: {\n            enabled: false,\n          \n        }\n    },\n tooltip: {\n        valueSuffix: ' Mio. 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Fr. gegen\u00fcber dem Basisszenario, Angaben real, bereinigt um Preiseffekte.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BAK Economics \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der mittel- bis l\u00e4ngerfristigen Perspektive z\u00e4hlen vor allem die Kantone und Gemeinden zu den Gewinnern. Sie profitieren von den h\u00f6heren realen Steuerertr\u00e4gen. Auf Ebene des Bundes ist die Reform im betrachteten Zeitraum hingegen noch nicht selbstfinanzierend. Allerdings ist auch hier im Zeitablauf infolge der regeren Wirtschaftsdynamik eine klare Verbesserung der Einnahmensituation in Richtung Selbstfinanzierung zu erkennen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Ergebnis unserer Analysen ist eine Reform des gegenw\u00e4rtigen Systems aus Stempelabgaben und Verrechnungssteuer gesamtwirtschaftlich selbst bei eher verhaltenen Annahmen bez\u00fcglich der zu erwartenden realwirtschaftlichen Effekte lohnenswert (siehe <em>Kasten<\/em>). Gerade im Zusammenspiel mit der aktuellen Reform der Unternehmensbesteuerung w\u00fcrde ein g\u00fcnstiges steuerliches Umfeld f\u00fcr Firmen mit hohem Wachstums- und Innovationspotenzial entstehen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Schrittweises Vorgehen?<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSollte die weitreichende Steuerreform nicht in einem Zug umsetzbar sein, bieten sich auch eine kleinere Reform oder ein schrittweises Vorgehen an. Diesbez\u00fcglich haben wir in einem weiteren Analyseschritt die Auswirkungen eines etappierten Reformvorgehens analysiert. Hierbei werden zun\u00e4chst Reformschritte unterstellt, welche den Schweizer Fremdkapitalmarkt st\u00e4rken. Zeitlich um drei Jahre versetzt, erfolgen zus\u00e4tzliche Reformmassnahmen zur St\u00e4rkung des Eigenkapitalmarktes.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie sich zeigt, f\u00e4llt die positive gesamtwirtschaftliche Wirkung des schrittweisen Vorgehens nach zehn Jahren fast genauso hoch aus, wie es bei einer umfassenden und simultan durchgef\u00fchrten Reform der Fall ist. Zudem bewirkt die Etappierung in den ersten drei Jahren deutlich geringere Einnahmenausf\u00e4lle des Bundes. Allerdings ist das etappierte Vorgehen tempor\u00e4r mit sp\u00fcrbar geringeren gesamtwirtschaftlichen Effekten verbunden, als es bei gleichzeitig umgesetzten Reformmassnahmen der Fall ist.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">BAK Economics (2019). <a href=\"https:\/\/www.aramis.admin.ch\/Dokument.aspx?DocumentID=50324\">Volkswirtschaftliche Auswirkungen einer Reform der Stempelabgaben und Verrechnungssteuer<\/a>, Studie im Auftrag der Eidgen\u00f6ssischen Steuerverwaltung.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem Wirtschaftsstandort Schweiz wird meist ein gutes Zeugnis ausgestellt. Ein Aspekt, bei dem die Schweiz gegen\u00fcber den wichtigsten Konkurrenten jedoch weniger gut abschneidet, ist das steuerliche Umfeld f\u00fcr den Kapitalmarkt. 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Um diesen Unsicherheiten Rechnung zu tragen, hat BAK erg\u00e4nzend zum Hauptszenario <em>zwei alternative Szenarien<\/em> berechnet: ein optimistisches und ein pessimistisches Szenario. Bei g\u00fcnstigeren Annahmen ergibt sich im Zeitfenster von zehn Jahren ein zus\u00e4tzlicher BIP-Gewinn von rund 1 Prozentpunkt (2,5% h\u00f6heres BIP-Niveau). 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Im Ergebnis ist eine Reform des gegenw\u00e4rtigen Systems lohnenswert. Gem\u00e4ss dem Hauptszenario f\u00fchrt die Reform in einem Zeitfenster von zehn Jahren zu einem um rund 1,4 Prozent h\u00f6heren Niveau des Schweizer Bruttoinlandprodukts. 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