{"id":102430,"date":"2020-04-16T10:30:28","date_gmt":"2020-04-16T10:30:28","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/04\/wallimann-05-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:54:12","modified_gmt":"2023-08-23T20:54:12","slug":"ein-oekonomischer-blick-im-recht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/04\/ein-oekonomischer-blick-im-recht\/","title":{"rendered":"Ein \u00f6konomischer Blick im Recht"},"content":{"rendered":"<p>Die Wettbewerbskommission (Weko) wendet das Kartellgesetz an. Wer jetzt denkt, die Gesetzesanwendung sei nur etwas f\u00fcr Juristen, irrt. \u00d6konominnen und \u00d6konomen machen mit gutem Grund rund ein Drittel der Weko-Mitarbeitenden aus. Denn das Kartellgesetz anwenden heisst, den Wettbewerb zu sch\u00fctzen. So bek\u00e4mpfen wir sch\u00e4dliche Kartelle, \u00fcben die Missbrauchsaufsicht \u00fcber marktbeherrschende Unternehmen aus und f\u00fchren Fusionskontrollen durch. Angesichts dieses breiten Regulierungsspektrums macht es Sinn, dass Expertenwissen aus der \u00d6konomie einfliesst. Doch wie l\u00e4uft dies ab?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Schwerpunkt unserer Arbeit besteht in der Ermittlung und der Beurteilung von Einzelf\u00e4llen. Diese werden jeweils von einem Team bearbeitet, bestehend aus einem juristischen und einem \u00f6konomischen Experten. Damit ist ein Vieraugenprinzip eingerichtet, welches nicht nur der Kontrolle zur Fehlervermeidung, sondern auch der Horizonterweiterung dient. Der Jurist verf\u00fcgt \u00fcber die Expertise zum rechtsstaatlichen Verfahren. Die \u00d6konomin hat gelernt, die Zusammenh\u00e4nge hinter dem Wirtschaftsgeschehen zu erkennen, und bringt dieses Wissen ein. Mit der Zeit lernen beide voneinander, sodass auch jeder neue Fall von Beginn weg mit einem breiteren Blick angegangen werden kann.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Vier Augen sehen mehr<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNebst handwerklichen F\u00e4higkeiten in der \u00d6konomik, also den Methoden f\u00fcr die Analyse des Wirtschaftsgeschehens, erg\u00e4nzt die \u00d6konomin den Juristen auch mit einer anderen Perspektive. Die \u00d6konomie lehrt insbesondere, dass man sich nicht durch den ersten Eindruck des vermeintlich Offensichtlichen t\u00e4uschen lassen sollte. So kann ein chirurgischer Eingriff in die Wirtschaft mit einem kartellrechtlichen Entscheid im Einzelfall zwar das augenscheinliche Problem beheben, f\u00fchrt aber m\u00f6glicherweise zu unerw\u00fcnschten Nebenwirkungen. Das \u00f6konomische Auge ist ge\u00fcbt, diese indirekten Auswirkungen zu ersp\u00e4hen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Wert von zwei Blickwinkeln zeigt sich beispielsweise an einer Frage aus der Uhrenindustrie, welche die Weko schon seit fast zwei Dekaden besch\u00e4ftigt. In der Vergangenheit konzentrierte sich die Produktion von mechanischen Uhrwerken auf die ETA, eine Tochter der Swatch Group. Durch einen kompletten Lieferstopp k\u00f6nnte die ETA die Uhrenhersteller von der zentralen Vorleistung der Werke abschneiden und so den Wettbewerb in der Uhrenproduktion verzerren. Auf den ersten Blick erscheint die Lieferpflicht da als sinnvolle Massnahme. Ein zweiter Blick mit einer \u00f6konomischen Brille deckt jedoch unerw\u00fcnschte Nebeneffekte auf. Die Sicherheit des Lieferzwangs nimmt sowohl der Swatch Group als auch ihren Konkurrentinnen Anreize, selbst in die Produktion von Uhrwerken zu investieren \u2013 was den Innovationswettbewerb in der Uhrwerkproduktion hemmt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUnter Ber\u00fccksichtigung beider Standpunkte entschied die Weko im Jahr 2013, dass vorerst eine Lieferpflicht besteht, diese aber abgebaut und letztlich aufgehoben werden soll. Gegenw\u00e4rtig pr\u00fcfen wieder Juristen und \u00d6konominnen, wie es um die Massnahme steht. Mit einem m\u00f6glichst breiten Blick werden die verbleibenden Vorteile gegen die Nebenwirkungen eines Lieferzwangs abgewogen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wettbewerbskommission (Weko) wendet das Kartellgesetz an. Wer jetzt denkt, die Gesetzesanwendung sei nur etwas f\u00fcr Juristen, irrt. \u00d6konominnen und \u00d6konomen machen mit gutem Grund rund ein Drittel der Weko-Mitarbeitenden aus. 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