{"id":102470,"date":"2020-04-09T10:30:35","date_gmt":"2020-04-09T10:30:35","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/04\/brunetti-05-2020fr\/"},"modified":"2024-11-28T10:20:16","modified_gmt":"2024-11-28T09:20:16","slug":"womit-befasst-sich-die-volkswirtschaftslehre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/04\/womit-befasst-sich-die-volkswirtschaftslehre\/","title":{"rendered":"Womit befasst sich die Volkswirtschaftslehre?"},"content":{"rendered":"<p>Haben Sie sich einmal \u00fcberlegt, wie unglaublich komplex eine moderne Volkswirtschaft ist? Allein in der Schweiz werden jeden Tag Abermillionen von wirtschaftlich relevanten Entscheiden getroffen und eine schier unvorstellbare Menge G\u00fcter wie Nahrungsmittel, Kleider, Haarschnitte, Medikamente oder Beratungsdienstleistungen gehandelt. Und wenn man sich die einzelnen Transaktionen ansieht, dann f\u00e4llt auf, wie unterschiedlich sie zu sein scheinen und wie fein differenziert die G\u00fcter sind \u2013 denken Sie etwa an die Auswahl verschiedener Teigwaren oder Shampoos in einem durchschnittlichen Supermarkt. Wie soll man diese Komplexit\u00e4t vern\u00fcnftig analysieren k\u00f6nnen? Genau darum geht es in der Volkswirtschaftslehre. Es gilt, gewisse Muster und Grundmechanismen zu erkennen, mit denen sich die wichtigsten Zusammenh\u00e4nge in analysierbaren Konzepten vereinfachen lassen.<\/p>\n<p>Eine erste solche konzeptionelle Vereinfachung besteht darin, in \u00fcberschaubarer Weise zusammenzufassen, womit sich das breite Feld der Volkswirtschaftslehre befasst. Dabei lassen sich drei, eng miteinander verbundene Untersuchungsebenen unterscheiden:<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>Erstens befasst sich die Volkswirtschaftslehre mit den \u2013 im weitesten Sinne \u2013 wirtschaftlichen Entscheiden einzelner Menschen.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>Zweitens analysiert sie das Zusammenspiel von Menschen in vielf\u00e4ltigen wirtschaftlichen Beziehungen auf sogenannten M\u00e4rkten.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ul>\n<li>Drittens schliesslich besch\u00e4ftigt sie sich mit der Gesamtwirtschaft, also mit dem Zusammenspiel all dieser Entscheide und M\u00e4rkte.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Wie f\u00e4llen wir Entscheide?<\/h2>\n<p>Die Basis jeder wirtschaftlichen Analyse bilden die <em>Entscheide<\/em> von Einzelnen. Weil wir nicht im Schlaraffenland leben, stehen jeder und jedem von uns nicht unendlich viele Ressourcen zur Verf\u00fcgung. Wir m\u00fcssen also laufend zwischen Alternativen entscheiden: Kaufe ich mir ein Smartphone oder ein Velo? Soll ich morgen Nachmittag Fussball spielen gehen oder noch zwei Stunden lernen? Bei derartigen Entscheiden vergleichen wir \u2013 bewusst oder unbewusst \u2013 Kosten und Nutzen der verschiedenen Alternativen.<\/p>\n<p>Die Volkswirtschaftslehre liefert uns die Grundlagen f\u00fcr die Analyse solcher Entscheide. Dabei unterscheidet sie analytisch zwei Personengruppen: Anbieter und Nachfrager. Die Anbieter m\u00fcssen sich entscheiden, wie sie ihre Mittel einsetzen, um Dinge zu produzieren, die sie mit Gewinn verkaufen k\u00f6nnen. Die Nachfrager entscheiden, wie sie ihre Mittel einsetzen wollen, um die Dinge zu kaufen, die sie ben\u00f6tigen. Es ist typisch, dass uns in der Regel viel mehr konkrete Beispiele f\u00fcr Nachfrageentscheide einfallen, da wir tagt\u00e4glich direkt Dutzende von Produkten nachfragen. Gleichzeitig verkaufen wir in der Regel nur wenige Produkte direkt selbst und sind meist vielmehr nur indirekt auf der Angebotsseite beteiligt, etwa wenn wir bei einem Unternehmen arbeiten, das ein Gut produziert und verkauft.<\/p>\n<h2>Wie funktionieren M\u00e4rkte?<\/h2>\n<p>Die Tatsache, dass es Anbieter und Nachfrager gibt, macht bereits klar, dass der Austausch von G\u00fctern die Basis der wirtschaftlichen Beziehungen und damit den zweiten zentralen Untersuchungsgegenstand der Volkswirtschaftslehre bildet; es lohnt sich n\u00e4mlich nur, etwas anzubieten, wenn jemand bereit ist, das entsprechende Gut auch nachzufragen. Ein wichtiger Teil der volkswirtschaftlichen Analyse befasst sich mit solchen Austauschprozessen. Konzeptionell finden sie auf sogenannten M\u00e4rkten statt. Dabei bezeichnet der Begriff \u00abMarkt\u00bb verschiedene Formen des Zusammentreffens von Angebot und Nachfrage. Wenn Sie beispielsweise einen Apfel kaufen, dann wird der Preis, den Sie daf\u00fcr bezahlen, durch das gesamte Angebot an \u00c4pfeln und die gesamte Nachfrage nach ihnen bestimmt. Oder wenn Sie einen Job suchen: Dann bieten Sie Ihre Arbeitskraft auf einem Arbeitsmarkt an, auf dem andere Leute mit \u00e4hnlicher Ausbildung als Anbieter und die Unternehmen als Nachfrager auftreten. Das Verst\u00e4ndnis von Marktprozessen erlaubt es uns, ganz unterschiedliche wirtschaftliche Transaktionen zu analysieren. Wie zentral das Konzept des Marktes ist, sieht man im \u00dcbrigen nur schon daran, dass die allermeisten Volkswirtschaften heute als Marktwirtschaften bezeichnet werden.<\/p>\n<h2>Der grosse Blick aufs Ganze<\/h2>\n<p>Doch manchmal gen\u00fcgt es nicht, die Entscheide einzelner Personen oder die Vorg\u00e4nge auf einzelnen M\u00e4rkten zu analysieren. Wollen wir etwa wissen, wieso der Wohlstand in der Schweiz h\u00f6her ist als in Griechenland, so m\u00fcssen wir die gesamte Leistung der beiden Volkswirtschaften miteinander vergleichen. Nicht anders ist es, wenn wir die Arbeitslosigkeit oder die Inflation in einem Land verstehen wollen. In diesen F\u00e4llen geht es um Aussagen zur Gesamtwirtschaft. Nat\u00fcrlich setzt sich die Gesamtwirtschaft letztlich aus den einzelnen Entscheiden auf den verschiedenen M\u00e4rkten zusammen. Aber es ist ein Ding der Unm\u00f6glichkeit, jede dieser Milliarden Transaktionen auf Tausenden von M\u00e4rkten zu erfassen und aufaddieren zu wollen. Vielmehr muss man hier vereinfachen und versuchen, die groben Zusammenh\u00e4nge zwischen den gesamtwirtschaftlichen Gr\u00f6ssen zu erfassen. Auch daf\u00fcr hat die Volkswirtschaftslehre Instrumente entwickelt, die es erm\u00f6glichen, von Details abzusehen und die gesamte Wirtschaft zu \u00fcberblicken.<\/p>\n<p>An einem Beispiel l\u00e4sst sich die Relevanz der oben beschriebenen drei Untersuchungsebenen illustrieren: Wenn Sie einen Job suchen, dann entscheiden Sie zun\u00e4chst einmal ganz individuell, unter welchen Bedingungen (Entsch\u00e4digung, Arbeitsweg, Alternativen) Sie bereit w\u00e4ren, Ihre Arbeitskraft anzubieten. Wenn Sie sich dann bewerben, begeben Sie sich sozusagen auf den Arbeitsmarkt, wo Sie in Konkurrenz mit anderen ihre Arbeitskraft anbieten und Unternehmen diese nachfragen. Die Erfolgschancen, die Sie dann auf diesem Arbeitsmarkt haben, werden schliesslich zu einem guten Teil von gesamtwirtschaftlichen Faktoren wie der Konjunkturlage oder der Arbeitslosenquote mitbestimmt.<\/p>\n<p>In \u00f6konomischen Lehrb\u00fcchern werden Sie meistens eine Unterscheidung in lediglich zwei Teilgebiete der Volkswirtschaftslehre sehen: Mikro\u00f6konomie und Makro\u00f6konomie. Wie passt dies zu den drei Untersuchungsebenen? Die Mikro\u00f6konomie befasst sich mit den beiden erstgenannten Ebenen, also den individuellen Entscheiden und dem Zusammenwirken dieser Entscheide auf einem einzelnen Markt. Es geht somit \u2013 wie dies der Begriff \u00abMikro\u00bb anklingen l\u00e4sst \u2013 um die kleineren Einheiten, die in ihrer Gesamtheit die Volkswirtschaft ausmachen. Die Makro\u00f6konomie andererseits richtet den Blick auf die gesamte Volkswirtschaft; sie behandelt also die dritte der anfangs genannten Untersuchungsebenen der Volkswirtschaftslehre (siehe <em>Abbildung<\/em>). F\u00fcr jede dieser Ebenen hat die Volkswirtschaftslehre einfache Modelle entwickelt, welche die Analyse deutlich vereinfachen. Je nach konkreter Fragestellung wird dann eher mit mikro\u00f6konomischen oder mit makro\u00f6konomischen Ans\u00e4tzen gearbeitet.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Die Volkswirtschaftslehre strukturiert<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/04\/Bildschirmfoto-2020-03-23-um-14.44.32.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-94275\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/04\/Bildschirmfoto-2020-03-23-um-14.44.32.png\" alt=\"\" width=\"1820\" height=\"766\" \/><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben Sie sich einmal \u00fcberlegt, wie unglaublich komplex eine moderne Volkswirtschaft ist? Allein in der Schweiz werden jeden Tag Abermillionen von wirtschaftlich relevanten Entscheiden getroffen und eine schier unvorstellbare Menge G\u00fcter wie Nahrungsmittel, Kleider, Haarschnitte, Medikamente oder Beratungsdienstleistungen gehandelt. Und wenn man sich die einzelnen Transaktionen ansieht, dann f\u00e4llt auf, wie unterschiedlich sie zu sein [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":2751,"featured_media":98903,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[68],"post_opinion":[],"post_serie":[74],"post_content_category":[213],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":2751,"seco_co_author":"","author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Professor am Departement Volkswirtschaftslehre der Universit\u00e4t Bern","seco_author_post_occupation_fr":"Professeur au D\u00e9partement des sciences \u00e9conomiques, Universit\u00e9 de Berne","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"Neue Serie: \u00d6konomie kurz erkl\u00e4rt","post_lead":"Eine moderne Volkswirtschaft ist immens komplex. Um sie zu analysieren, konzentrieren sich \u00d6konomen auf drei wesentliche Ebenen: Einzelentscheidungen, M\u00e4rkte und die Gesamtwirtschaft.","post_hero_image_description":"\u00abDie Basis jeder wirtschaftlichen Analyse bilden die Entscheide von Einzelnen.\u00bb","post_hero_image_description_copyright_de":"Jonah Baumann","post_hero_image_description_copyright_fr":"Jonah Baumann","post_references_literature":"","post_kasten":[{"kasten_title":"Serie: \u00d6konomie kurz erkl\u00e4rt","kasten_box":"In unserer sechsteiligen Serie \u00ab\u00d6konomie kurz erkl\u00e4rt\u00bb vermittelt Aymo Brunetti auf verst\u00e4ndliche Weise Schl\u00fcsselthemen der Volkswirtschaftslehre. Die Beitr\u00e4ge beruhen teilweise auf seinem Lehrbuch \u00abVolkswirtschaftslehre \u2013 Lehrmittel f\u00fcr die Sekundarstufe II und die Weiterbildung\u00bb. Weitere Themen sind: \u00ab<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch?p=96121\">Wachstum versus Konjunktur<\/a>\u00bb, \u00ab<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch2020\/09\/brunetti-serie-10-2020\/\">Die unsichtbare Hand<\/a>\u00bb, \u00ab<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch2020\/11\/banken-und-finanzkrisen\/\">Banken und Finanzkrisen<\/a>\u00bb, \u00ab<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch?p=101730\">Ausserordentliche Geldpolitik<\/a>\u00bb sowie \u00ab<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch?p=104233\">\u00d6kologie und \u00d6konomie<\/a>\u00bb."},{"kasten_title":"Die ganze Serie als Booklet zum Herunterladen und Ausdrucken:","kasten_box":"<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/07\/BOOKLET-Oekonomiekurzerkl_GESAMT_DE.pdf\"><img class=\"alignnone size-full wp-image-105408\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2021\/07\/Oekonomiekurzerkl_GESAMT_DE_Seite_01-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1654\" height=\"2339\" \/><\/a>"}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":102473,"main_focus":"","serie_email":"","frontpage_slider_bild":102477,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"93848","post_abstract":"","magazine_issue":"20200501","seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":[3988],"korrektor":"","planned_publication_date":"2020-04-09 08:30:35","original_files":null,"external_release_for_author":"20200326","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5e66668026686"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102470"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2751"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=102470"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102470\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":205063,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/102470\/revisions\/205063"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3988"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2751"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98903"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=102470"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=102470"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=102470"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=102470"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=102470"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=102470"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}