{"id":102700,"date":"2020-03-17T08:30:55","date_gmt":"2020-03-17T08:30:55","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/03\/joubli-kunze-04-2020fr\/"},"modified":"2025-06-16T12:22:23","modified_gmt":"2025-06-16T10:22:23","slug":"verantwortungsvolle-unternehmensfuehrung-was-macht-der-bund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/03\/verantwortungsvolle-unternehmensfuehrung-was-macht-der-bund\/","title":{"rendered":"Verantwortungsvolle Unternehmensf\u00fchrung \u2013 was macht der Bund?"},"content":{"rendered":"<p>Die Debatte zur Konzernverantwortungsinitiative und der Klimawandel haben die verantwortungsvolle Unternehmensf\u00fchrung in den gesellschaftlichen und politischen Fokus ger\u00fcckt. Auch in der Agenda 2030 f\u00fcr Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen ist der Privatsektor ein wichtiger Akteur. Doch welche Aktivit\u00e4ten sind zielf\u00fchrend? Und: Welche Rolle kommt dem Bund zu?<\/p>\n<p>Gesellschaft und Politik erwarten von Unternehmen verantwortungsvolles Handeln im In- und Ausland. Zur Unternehmensnachhaltigkeit geh\u00f6ren die Achtung der Menschenrechte, w\u00fcrdige Arbeitsbedingungen, die Einhaltung von Umweltstandards sowie der Verzicht auf Korruption und T\u00e4uschung von Konsumenten. Heutzutage reagiert die \u00d6ffentlichkeit \u2013 nicht zuletzt \u00fcber Social Media \u2013 schneller und vehementer auf vermutete oder tats\u00e4chliche Verst\u00f6sse.<\/p>\n<p>Gestiegene gesellschaftliche Erwartungen, der technologische Wandel sowie die Komplexit\u00e4t der internationalen Lieferketten stellen die Unternehmen vor neue Herausforderungen. Ber\u00fccksichtigen Kunden nach wie vor Bijouterien, die aufgrund von Kinderarbeit in der Goldlieferantenkette in den sozialen Medien angeprangert werden? F\u00fchren Banken weiterhin Unternehmen in ihren Portfolios, die nicht auf erneuerbare Energien setzen? Wie k\u00f6nnen kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) mit vertretbarem Aufwand \u00fcber Nachhaltigkeit berichten oder eine menschenrechtliche Sorgfaltspr\u00fcfung durchf\u00fchren? Um Antworten auf solche Fragen zu finden, m\u00fcssen sich Unternehmen mit einer Vielzahl internationaler Richtlinien und Standards der verantwortungsvollen Unternehmensf\u00fchrung wie auch mit sich \u00e4ndernden Wertehaltungen und Bed\u00fcrfnissen von Kunden, Arbeitnehmenden und weiteren Interessengruppen auseinandersetzen.<\/p>\n<h2><strong>Zwei Aktionspl\u00e4ne<\/strong><\/h2>\n<p>Zur F\u00f6rderung der verantwortungsvollen Unternehmensf\u00fchrung hat der Bundesrat im Januar 2020 den <a href=\"http:\/\/www.csr.admin.ch\/\">Aktionsplan<\/a> zur gesellschaftlichen Verantwortung der Unternehmen (Corporate Social Responsibility, CSR) und den Nationalen Aktionsplan f\u00fcr Wirtschaft und Menschenrechte (<a href=\"http:\/\/www.nap-bhr.admin.ch\/\">NAP<\/a>) verabschiedet. Beide Pl\u00e4ne gelten f\u00fcr den Zeitraum 2020 bis 2023. Der CSR-Aktionsplan stellt den Unternehmen eine breite Auswahl an Instrumenten zur Verf\u00fcgung, um die Einhaltung der Arbeits- und Menschenrechte, die Korruptionspr\u00e4vention und den Umweltschutz zu verbessern. Er enth\u00e4lt 16 Massnahmen, die haupts\u00e4chlich die Nachhaltigkeitsberichterstattung und die Sorgfaltspr\u00fcfung zur verantwortungsvollen Unternehmensf\u00fchrung betreffen. Gerade die Sorgfaltspr\u00fcfung ist eine Chance f\u00fcr die Unternehmen: Sie erm\u00f6glicht ihnen, Risiken betreffend beispielsweise Wasserverschmutzung, Zwangsarbeit in der Zulieferkette oder Bestechung von Amtstr\u00e4gern zu erkennen. Auf dieser Basis k\u00f6nnen sie geeignete Massnahmen ergreifen, wobei sie deren Wirksamkeit laufend \u00fcberpr\u00fcfen (siehe <em>Abbildung<\/em>) und dar\u00fcber berichten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Weiter f\u00f6rdert der Bund den Dialog zwischen Interessengruppen wie Nichtregierungsorganisationen, Wirtschaftsverb\u00e4nden und Wissenschaft, um gemeinsame L\u00f6sungen (zum Beispiel zur Bek\u00e4mpfung des Klimawandels) zu finden. Bei vermutlichen Verst\u00f6ssen gegen die OECD-Leits\u00e4tze f\u00fcr multinationale Unternehmen bietet der <a href=\"http:\/\/www.seco.admin.ch\/nkp\">Nationale Kontaktpunkt<\/a> Mediationen zur Konfliktl\u00f6sung an. So trug er zu zukunftsgerichteten L\u00f6sungen zur Achtung der Menschenrechte durch die Credit Suisse, die Fifa und Lafarge Holcim bei.<\/p>\n<p>Der Bundesrat erwartet von Unternehmen mit Sitz oder T\u00e4tigkeit in der Schweiz, dass sie internationale Standards und Prinzipien der verantwortungsvollen Unternehmensf\u00fchrung einhalten. In erster Linie handelt es sich dabei um die <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/seco\/de\/home\/Aussenwirtschaftspolitik_Wirtschaftliche_Zusammenarbeit\/Wirtschaftsbeziehungen\/OECD-Guidelines.html\">Leits\u00e4tze f\u00fcr multinationale Unternehmen<\/a> der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie um die <a href=\"https:\/\/www.nap-bhr.admin.ch\/napbhr\/de\/home.html\">Leitprinzipien f\u00fcr Wirtschaft und Menschenrechte<\/a> und den <a href=\"https:\/\/www.globalcompact.ch\/\">Global Compact<\/a> der Vereinten Nationen. Der Bund bringt sich aktiv bei der OECD und bei der UNO f\u00fcr international abgestimmte Rahmenbedingungen ein, unterst\u00fctzt Unternehmen bei der operativen Umsetzung (siehe <em>Kasten<\/em>), verbessert die Gouvernanz und die Unternehmenspraxis in Entwicklungs- und Transitionsl\u00e4ndern f\u00fcr die Thematik und f\u00f6rdert die Transparenz beispielsweise durch Nachhaltigkeitsberichterstattung.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Sechs Schritte der Sorgfaltspr\u00fcfung<\/strong><\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/03\/joubli-de.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-94128\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/03\/joubli-de.png\" alt=\"\" width=\"2546\" height=\"1534\" \/><\/a><\/p>\n<h2><strong>Fokus auf Menschenrechte<\/strong><\/h2>\n<p>W\u00e4hrend der CSR-Aktionsplan breiter gefasst ist, konzentriert sich der NAP auf Instrumente zur Achtung der Menschenrechte. Er basiert auf den drei S\u00e4ulen \u00abStaatliche Schutzpflicht\u00bb, \u00abUnternehmensverantwortung\u00bb und \u00abZugang zur Wiedergutmachung\u00bb. Beispielsweise unterst\u00fctzt der Bund die Unternehmen bei der Umsetzung der menschenrechtlichen Sorgfaltspr\u00fcfung, indem er in Zusammenarbeit mit Handelskammern, Wirtschafts- und Branchenverb\u00e4nden Workshops organisiert. Zudem f\u00f6rdert der Bund sektorielle und private Initiativen, welche die Umsetzung der menschenrechtlichen Sorgfaltspr\u00fcfung gem\u00e4ss den UNO-Leitprinzipien f\u00fcr Wirtschaft und Menschenrechte zum Ziel haben.<\/p>\n<p>Aufgrund erh\u00f6hter menschenrechtlicher Risiken in Hochrisikol\u00e4ndern arbeitet der Bund mit den Schweizer Botschaften zusammen. Handlungsbedarf gibt es beispielsweise bei der Kinderarbeit: Weltweit arbeiten gem\u00e4ss der Internationalen Arbeitsorganisation \u00fcber 150 Millionen Kinder.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Um hier Gegensteuer zu geben, m\u00f6chte sich die Schweiz an der globalen Allianz 8.7 gegen Kinderarbeit, Zwangsarbeit und Menschenhandel beteiligen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Schweizer KMU hat der Bund eine <a href=\"http:\/\/www.nap-bhr.admin.ch\/\">Brosch\u00fcre<\/a> publiziert, welche einen praktischen \u00dcberblick \u00fcber die Chancen und Herausforderungen der verantwortlichen Unternehmensf\u00fchrung gibt. Die Brosch\u00fcre erkl\u00e4rt, welche Schritte zur Umsetzung der menschenrechtlichen Sorgfaltspr\u00fcfung auf Unternehmensebene notwendig sind.<\/p>\n<h2><strong>Unternehmen sind gefordert<\/strong><\/h2>\n<p>Viele Schweizer Unternehmen handeln schon heute verantwortungsvoll. Insbesondere gr\u00f6ssere Unternehmen orientieren sich an international vereinbarten Instrumenten wie den OECD-Leits\u00e4tzen f\u00fcr multinationale Unternehmen oder den UNO-Leitprinzipien f\u00fcr Wirtschaft und Menschenrechte. Aber auch KMU handeln verantwortungsvoll, indem sie unter anderem Arbeitspl\u00e4tze schaffen, flexible Arbeitsmodelle zur Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf anbieten und innovative nachhaltige Produkte entwickeln.<\/p>\n<p>Gleichzeitig ist die Liste der globalen Herausforderungen lang: Die nat\u00fcrlichen Ressourcen sind begrenzt, die Altersvorsorge ist angesichts der demografischen Alterung gef\u00e4hrdet, die gesellschaftlichen Erwartungen an Unternehmen steigen, und die Digitalisierung erfordert neue Arbeitsmodelle. Konkret m\u00fcssen Schweizer Unternehmen zur Erreichung der Ziele des Pariser Klimaabkommens beitragen, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die Bed\u00fcrfnisse der \u00e4lteren Mitarbeitenden st\u00e4rker ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Auch die vierte industrielle Revolution mit der zunehmenden Digitalisierung birgt Chancen und Risiken f\u00fcr die verantwortungsvolle Unternehmensf\u00fchrung. Beispielsweise entstehen im Dienstleistungssektor komplett neue Arbeitsformen. Da sogenannte Cloud-Worker aus Entwicklungsl\u00e4ndern vermehrt Routineaufgaben wie die Unternehmensbuchhaltung f\u00fcr Schweizer Firmen \u00fcbernehmen, stellt sich f\u00fcr diese die Frage, wie w\u00fcrdige Arbeitsbedingungen sichergestellt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2><strong>Innovation als Schl\u00fcssel<\/strong><\/h2>\n<p>Bei der L\u00f6sung der zuk\u00fcnftigen gesellschaftlichen Herausforderungen spielt Innovation eine entscheidende Rolle. Dies l\u00e4sst sich am Beispiel Mobilit\u00e4t zeigen: Es reicht nicht, konventionelle Fahrzeuge verantwortungsvoll herzustellen, sondern es geht vielmehr darum, \u00f6kologische, verkehrstaugliche und wirtschaftliche Verkehrsmittel zu entwickeln. Dabei sollen auch innovative Konzepte der geteilten Mobilit\u00e4t zum Einsatz kommen. Weiter erm\u00f6glicht etwa die Blockchain- Technologie eine bessere R\u00fcckverfolgbarkeit und mehr Transparenz bei Lieferketten, was eine effizientere Sorgfaltspr\u00fcfung erm\u00f6glicht. Eine Herausforderung ist dabei der Datenschutz; zudem ist es f\u00fcr lokale Interessengruppen wie etwa Kakaobauern anspruchsvoll, die Datenqualit\u00e4t zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Die Schweizer Wirtschaft hat gute Voraussetzungen, um diese Herausforderungen zu meistern. Sie ist innovativ und baut auf einer langj\u00e4hrigen Kultur von Verantwortung und Respekt auf. Entscheidend ist auch die Unternehmenskultur der einzelnen Firmen: Die Vorbildrolle der Gesch\u00e4ftsleitung und des Verwaltungsrats, deren Bereitschaft zum Dialog mit den externen Interessengruppen sowie die Risikobereitschaft f\u00fcr Innovation sind zentral. Dies wird nicht zuletzt von den sogenannten Millennials, den zuk\u00fcnftigen Mitarbeitenden, F\u00fchrungskr\u00e4ften und Konsumenten, erwartet.<\/p>\n<p>Klar ist: Eine verantwortungsvolle Unternehmensf\u00fchrung st\u00e4rkt die Wettbewerbsf\u00e4higkeit und die Marktstellung eines Unternehmens, mindert potenzielle Reputationsrisiken und ist eine wichtige Voraussetzung f\u00fcr eine nachhaltige wirtschaftliche, gesellschaftliche und \u00f6kologische Entwicklung.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Zahlen von 2016.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Debatte zur Konzernverantwortungsinitiative und der Klimawandel haben die verantwortungsvolle Unternehmensf\u00fchrung in den gesellschaftlichen und politischen Fokus ger\u00fcckt. 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