{"id":102758,"date":"2020-02-25T11:31:07","date_gmt":"2020-02-25T11:31:07","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/02\/kurer-3-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:54:47","modified_gmt":"2023-08-23T20:54:47","slug":"steuererleichterungen-bremsen-stellenschwund-in-randregionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/02\/steuererleichterungen-bremsen-stellenschwund-in-randregionen\/","title":{"rendered":"Steuererleichterungen bremsen Stellenschwund in Randregionen"},"content":{"rendered":"<p>Regionale Ungleichheiten innerhalb entwickelter L\u00e4nder haben in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erfahren.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> So hielt der Internationale W\u00e4hrungsfonds etwa fest, dass die Wirtschaftsleistung von Regionen innerhalb eines Landes h\u00e4ufig \u00e4hnlich ungleich ist wie jene zwischen den L\u00e4ndern. Solch anhaltende Ungleichheit kann benachteiligten Regionen das Gef\u00fchl vermitteln, dass sie zur\u00fcckgelassen wurden. Zudem kann es zu Unzufriedenheit f\u00fchren und das Vertrauen in den sozialen Zusammenhalt untergraben. Nicht zuletzt um solcher Unzufriedenheit entgegenzuwirken und die Ungleichheit zwischen urbanen und ruralen Gebieten zu verkleinern, geh\u00f6rt eine gezielte Regionalpolitik zum Standardrepertoire vieler entwickelter L\u00e4nder. Eines der umfassendsten Beispiele ist der Regionale Entwicklungsfonds der Europ\u00e4ischen Union.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAber auch die Schweiz betreibt seit vielen Jahren eine gezielte und systematische F\u00f6rderung strukturell benachteiligter Gebiete. So versucht etwa der Bund im Rahmen seiner Regionalpolitik, mithilfe von Steueranreizen die Anzahl Arbeitspl\u00e4tze in strukturschwachen Gebieten zu erh\u00f6hen. Bei der direkten Bundessteuer kann er n\u00e4mlich unter bestimmten Voraussetzungen eine Reduktion der Unternehmensgewinnsteuer gew\u00e4hren. Von den Steuererleichterungen profitieren Unternehmen, die in der Produktion oder in produktionsnahen Bereichen in strukturschwachen Regionen t\u00e4tig sind und dadurch Arbeitspl\u00e4tze schaffen.&#13;<\/p>\n<h2>Umstrittene Wirksamkeit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Wirkung solcher Steuererleichterungen empirisch zu untersuchen, ist kein einfaches Unterfangen. Denn Gemeinden, die in den Genuss von Steuererleichterungen kommen, und Gemeinden, denen die M\u00f6glichkeit nicht zusteht, unterscheiden sich systematisch. Der Grund: Per Definition steht das Instrument nur strukturschwachen Regionen zu, die im Durchschnitt mit einer schwierigeren Arbeitsmarktsituation konfrontiert sind. Ein simpler Vergleich der Arbeitsmarktentwicklung von Gemeinden mit und ohne das Instrument w\u00fcrde also den Effekt untersch\u00e4tzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGrunds\u00e4tzlich ist jede Wirksamkeitsanalyse mit demselben Problem konfrontiert: Es fehlt an einer idealen Vergleichsgruppe. Eine m\u00f6gliche L\u00f6sung ist die Randomisierung, bei der die Probanden zuf\u00e4llig in Experimental- oder Kontrollgruppe eingeteilt werden. Randomisierungen gelten gemeinhin als Goldstandard f\u00fcr die Evaluation kausaler Effekte. Denn die zuf\u00e4llige Zuteilung in eine der beiden Gruppen verhindert systematische Unterschiede zwischen den Gruppen und sorgt daf\u00fcr, dass sie sich nur hinsichtlich der Intervention unterscheiden. So kann jeder Unterschied im Ergebnis kausal auf die Intervention zur\u00fcckgef\u00fchrt werden.&#13;<\/p>\n<h2>Diskontinuit\u00e4t in der Regionalf\u00f6rderung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Praxis sind randomisierte Experimente allerdings h\u00e4ufig problematisch oder nicht umsetzbar. Zweifelsohne w\u00fcrde eine Anspruchsberechtigung f\u00fcr Steuererleichterungen per Los oder M\u00fcnzwurf zu Protesten f\u00fchren. Aus diesem Grund mussten f\u00fcr die Kausalanalyse im nicht experimentellen Bereich andere Verfahren entwickelt werden. Ein solches Verfahren ist das Regressions-Diskontinuit\u00e4ts-Design (RDD). In seiner Urform ist es bereits seit den Sechzigerjahren bekannt.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese Methode eignet sich dann, wenn eine Diskontinuit\u00e4t bei der Zuteilung in die Experimental- und die Kontrollgruppe vorliegt. Ein typisches Beispiel daf\u00fcr sind Punktzahlen an Zulassungspr\u00fcfungen. Diese eignen sich zur Messung der Wirkung eines Studiums auf den sp\u00e4teren Lohn. Angenommen, bei einer solchen Pr\u00fcfung k\u00f6nnen zwischen 0 und 100 Punkte erreicht werden. Wer eine Punktzahl von 60 erreicht, hat bestanden und ist zum Studium zugelassen. Auch hier w\u00fcrde der simple Vergleich von erfolgreichen und durchgefallenen Personen die Wirkung des Studiums auf den Lohn verzerren. Denn grunds\u00e4tzlich gibt es eine positive Korrelation sowohl zwischen Punkten und Studium als auch zwischen Punkten und sp\u00e4terem Lohn, weil die Punktzahl auch von Intelligenz, Fleiss und anderem abh\u00e4ngt. Rund um die 60-Punkte-Schwelle gibt es allerdings einen \u00abSprung\u00bb \u2013 eine Diskontinuit\u00e4t \u2013 in der Wahrscheinlichkeit, ein Studium zu beginnen. Bei der Intelligenz und dem Fleiss gibt es allerdings keine solche Diskontinuit\u00e4t. Wenn wir nun also die Pr\u00fcfungsteilnehmenden ganz knapp unter und \u00fcber dieser Schwelle von 60 Punkten in die Untersuchung mit einbeziehen, k\u00f6nnen wir davon ausgehen, dass sich diese Personen tats\u00e4chlich prim\u00e4r im Bestehen oder Nichtbestehen der Pr\u00fcfung und damit einzig durch das nachfolgende Studium systematisch unterscheiden.&#13;<\/p>\n<h2>Wer ist strukturschwach?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSeit einer Reform der Regionalpolitik im Jahr 2008 zeigt sich auch bei den Steuererleichterungen f\u00fcr strukturschwache Regionen eine Diskontinuit\u00e4t wie im obigen Beispiel. Damals fand man, die Kriterien f\u00fcr die Regionen, die anspruchsberechtigt waren, seien zu wenig spezifiziert und m\u00fcssten neu definiert werden. Im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) entwickelte die Forschungsabteilung der Credit Suisse ein systematisches Verfahren, um die \u00f6konomische Strukturschw\u00e4che zu messen. Das neue Verfahren basierte auf einem synthetischen Indikator zur Regionalentwicklung, der die 106 vom Bundesamt f\u00fcr Statistik definierten Kleinarbeitsmarktgebiete (sogennante MS-Regionen) der Schweiz nach diversen objektiven, \u00f6konomischen Kennzahlen klassifiziert. Ob eine Region strukturschwach ist, h\u00e4ngt dabei unter anderem von der Bev\u00f6lkerungs- und der Wirtschaftsentwicklung, von der Einkommenssituation und von der regionalen Arbeitslosigkeit ab.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWelche Regionen sind also strukturschwach und k\u00f6nnen das Instrument der Steuererleichterungen anwenden? Der Bund nahm die Standardnormalverteilung des synthetischen Indikators als Basis und entschied sich daf\u00fcr, dass die untersten 30 Prozent der Verteilung als strukturschwach gelten und f\u00f6rderungsberechtigt sein sollen (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). In diesen Regionen sind insgesamt rund 10 Prozent der schweizerischen Bev\u00f6lkerung wohnhaft.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Verteilung der Schweizer Regionen nach Strukturschw\u00e4che<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/02\/KURER_ABB1_DE.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-93210\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/02\/KURER_ABB1_DE.png\" alt=\"\" width=\"2532\" height=\"1746\" \/><\/a>&#13;<\/p>\n<h2>\u00c4hnliche Regionen vergleichen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin Vergleich zwischen der strukturschw\u00e4chsten Region, dem B\u00fcndner Schanfigg, und der strukturst\u00e4rksten, der Region March am oberen Z\u00fcrichsee, w\u00e4re nat\u00fcrlich nicht geeignet, um die Wirkung der Steuererleichterungen zu untersuchen. Denn die beiden Regionen unterscheiden sich in allen m\u00f6glichen Charakteristika systematisch. Hingegen unterscheiden sich die Regionen, die um die 30-Prozent-Schwelle herum positioniert sind, kaum. So ist beispielsweise die Region Siders praktisch gleich strukturschwach wie das Tessiner Tre Valli oder der Berner Oberaargau. Trotzdem hatten die letzteren beiden Regionen, nicht aber Siders Anspruch auf Steuererleichterung im Rahmen der Regionalpolitik (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Da die Anspruchsberechtigung auf dem objektiven Strukturschw\u00e4cheindikator basiert, haben die Regionen keine M\u00f6glichkeit, zu manipulieren, ob sie Anspruch auf Steuererleichterungen haben oder nicht.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Regionen der Schweiz nach Strukturschw\u00e4che und Anspruchsberechtigung<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"legacy_chart_custom\"><div class='chart chart--normal' id='Kurer_1_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Kurer_1_de').highcharts({\n      chart: {\n        type: 'column'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n     \n\n    xAxis: {\n        categories: [          \n'March SZ','Zug','Nyon VD','Morges\/Rolle VD','Pfannenstiel ZH','Z\u00fcrich','La Gruy\u00e8re FR','Monthey\/St-Maurice VS','Nidwalden\/Engelberg OW','Gros-de-Vaud','Murten FR','Glattal\/Furttal ZH','Lugano','Vevey\/Lavaux VD','Fricktal AG','Gen\u00e8ve','Knonaueramt ZH','Gl\u00e2ne\/Veveyse FR',\n'La Sarine FR','Oberes Baselbiet 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Um zu messen, wie sich die regionale Wirtschaft entwickelt hat, wurde untersucht, wie sich die Anzahl Arbeitspl\u00e4tze im zweiten Sektor zwischen 2008 und 2016 ver\u00e4ndert hat. Dabei soll nur gemessen werden, wie sich die Einf\u00fchrung des Instruments an sich ausgewirkt hat \u2013 und nicht, welchen Effekt die tats\u00e4chlich bewilligten Steuererleichterungen haben. Dieser sogenannte Intention-to-Treat-Effekt ist f\u00fcr die Beurteilung von Regionalpolitiken relevant, bei denen die Gemeinden nicht zur Teilnahme gezwungen werden k\u00f6nnen. In diesem Sinne ist die Nichtteilnahme trotz eigentlicher Anspruchsberechtigung integraler Bestandteil der Steuererleichterungen in der Regionalpolitik.&#13;<\/p>\n<h2>Positiver Effekt auf Arbeitsmarkt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie die Analyse zeigt, hatte die Einf\u00fchrung des Instruments nachweislich positive Effekte auf die Arbeitsmarktsituation in den betroffenen Gemeinden. Je nach Modellspezifikation variiert die St\u00e4rke des Effekts leicht, aber im Durchschnitt bewegt er sich in der Gr\u00f6ssenordnung von rund 30 Arbeitspl\u00e4tzen. Konkret heisst das: Obwohl zwischen 2008 und 2016 in den Gemeinden rund um den Schwellenwert Arbeitspl\u00e4tze in der Industrie verloren gingen, fiel dieser R\u00fcckgang in den Gemeinden gerade \u00fcber dem Schwellenwert um rund 30 Arbeitspl\u00e4tze weniger stark aus als in den Gemeinden leicht unter dem Schwellenwert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuf den ersten Blick erscheint ein durchschnittlicher Effekt von rund 30 Arbeitspl\u00e4tzen eher bescheiden. Allerdings sind die prozentualen Effekte im Verh\u00e4ltnis zur Gesamtzahl der Arbeitspl\u00e4tze in den betroffenen Gemeinden durchaus nennenswert. Zudem ignoriert das Resultat, ob die Gemeinden \u00fcber der Schwelle tats\u00e4chlich Steuererleichterungen angeboten haben oder nicht. Die Wirkung effektiv gew\u00e4hrter Steuererleichterungen ist zweifellos gr\u00f6sser als der Effekt der generellen Einf\u00fchrung des Instruments. Wegen der relativ kleinen Anzahl effektiv gew\u00e4hrter Steuererleichterungen kann dieser direkte Effekt allerdings nicht pr\u00e4zise gesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Beitrag basiert auf Kurer (2020).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe Thistlethwaite und Campbell (1960).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regionale Ungleichheiten innerhalb entwickelter L\u00e4nder haben in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erfahren. 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In: Journal of Educational Psychology, 51(6), 309\u2013317.<\/li>&#13;\n \t<li>Kurer, Thomas (2020). <a href=\"https:\/\/www.newsd.admin.ch\/newsd\/message\/attachments\/59902.pdf\">Regressions-Diskontinuit\u00e4ts-Analyse von Steuererleichterungen im Rahmen der Regionalpolitik<\/a>. Studie im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":102761,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":102765,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"91915","post_abstract":"Im Rahmen der Regionalpolitik kann der Bund Steuererleichterungen f\u00fcr industrielle Unternehmen gew\u00e4hren, die Arbeitspl\u00e4tze in strukturschwachen Gebieten schaffen oder neu ausrichten. Die Wirksamkeit des Instruments war bisher umstritten. In einer neuen Studie im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) wurde ein spezielles statistisches Verfahren angewendet, um die Wirksamkeit der Steuererleichterungen zu untersuchen. Die Analyse mit dem sogenannten Regressions-Diskontinuit\u00e4ts-Design (RDD) zeigt, dass die Einf\u00fchrung des Instruments zwar bescheidene, aber doch signifikant positive Effekte auf die regionale Arbeitsmarktentwicklung in den untersuchten Gebieten hat. Generell gingen die Arbeitspl\u00e4tze im Industriesektor in den wirtschaftlich benachteiligten Gebieten zwischen 2008 und 2016 zwar zur\u00fcck. 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