{"id":102784,"date":"2020-02-25T11:31:06","date_gmt":"2020-02-25T11:31:06","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/02\/gasser-roethlisberger-03-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:55:19","modified_gmt":"2023-08-23T20:55:19","slug":"rav-beratung-feldstudien-bringen-licht-in-die-blackbox","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/02\/rav-beratung-feldstudien-bringen-licht-in-die-blackbox\/","title":{"rendered":"RAV-Beratung: Feldstudien bringen Licht in die Blackbox"},"content":{"rendered":"<p>Wird jemand arbeitslos oder ist von Arbeitslosigkeit bedroht, so ist der erste Schritt oft die Anmeldung bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV). Dort erhalten die Stellensuchenden einen Personalberatenden zugeteilt, bei dem dann ein Erst- und sp\u00e4ter regelm\u00e4ssig Folgeberatungsgespr\u00e4che stattfinden. Schweizweit finden in den 129 RAV jedes Jahr insgesamt 1,5 Millionen solcher Gespr\u00e4che statt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Beratungsgespr\u00e4che nehmen in der aktiven Arbeitsmarktpolitik eine Schl\u00fcsselrolle ein, denn sie beeinflussen massgeblich, wie gezielt eine Stellensuche verl\u00e4uft und wie wirksam diese unterst\u00fctzt wird. In den Gespr\u00e4chen legen die Personalberatenden gemeinsam mit den Stellensuchenden eine Strategie fest und entscheiden \u00fcber Massnahmen wie Kurse oder Praktika. Gleichzeitig kontrollieren die Beratenden in den Gespr\u00e4chen die Anstrengungen der Stellensuchenden zur Jobsuche.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Gespr\u00e4che wurden lange als rein administrative T\u00e4tigkeit aufgefasst, weshalb sie aus wissenschaftlicher Sicht als wenig interessant galten. Inzwischen sind Beratungsgespr\u00e4che als eigenst\u00e4ndiger Wirkfaktor in den Fokus der Diskussion und der Forschung ger\u00fcckt.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Potenzial scheint vor allem in einem fr\u00fchen, intensiven und qualitativ hochwertigen Beratungseinsatz zu liegen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Verschiedene Erwartungen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUmgekehrt bedeutet die Schl\u00fcsselrolle aber auch, dass die RAV-Beratung sehr unterschiedlichen Anspr\u00fcchen ausgesetzt und damit anspruchsvoll ist. Eine erfolgreiche Gespr\u00e4chsf\u00fchrung bewegt sich im Spannungsfeld der vielf\u00e4ltigen Aufgaben der RAV und der Erwartungshaltung der Stellensuchenden. Von Gesetzes wegen kontrollieren die RAV-Personalberatenden die Arbeitsbem\u00fchungen und die Vermittlungsf\u00e4higkeit der Stellensuchenden. Daneben beraten sie die RAV-Kunden fachlich und begleiten den Suchprozess. Gleichzeitig erwarten viele Stellensuchende, vom RAV gezielt vermittelt zu werden. Diese zum Teil gegens\u00e4tzlichen Anspr\u00fcche stellen eine Herausforderung dar und erschweren es den Personalberatenden, einen eigenen Beratungsstil zu entwickeln und wirksame Gespr\u00e4che zu f\u00fchren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine zweite Herausforderung betrifft die beschr\u00e4nkte Beratungszeit pro stellensuchende Person. Ausgelegt wurden die Ressourcen der Beratung auf durchschnittlich 120 Stellensuchende pro Personalberatenden, orientiert am fr\u00fcheren Bild der RAV-Beratenden mit prim\u00e4r administrativen Aufgaben. F\u00fcr die individuelle Beratung und die Entwicklung von Beratungsexpertise bleibt damit wenig Zeit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHier stellt die Digitalisierung eine Chance dar: Viele Informationen, die fr\u00fcher im RAV-Gespr\u00e4ch erl\u00e4utert werden mussten, finden sich heute auf Web-Plattformen wie <a href=\"http:\/\/www.aarbeit.swiss\/\">Arbeit.swiss<\/a><u>.<\/u> Auch die Stellenausschreibungen und das automatisierte Stellenmatching werden sich mehr und mehr ins Internet verlagern. Dank dieser neuen Angebote entsteht in der Beratung mehr Raum f\u00fcr das pers\u00f6nliche Gespr\u00e4ch.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn zwei Feldversuchen nimmt das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) darum die Themen Beratungsqualit\u00e4t und Beratungsintensit\u00e4t auf. Zusammen mit 16 interessierten Kantonen hat das Seco das Vorgehen schrittweise erarbeitet. Die Leitung und die Evaluation liegen bei externen Experten, die Anfang 2019 mit einer \u00f6ffentlichen Ausschreibung mandatiert wurden.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Qualit\u00e4t verbessern<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm ersten Feldversuch nimmt das Seco von 2020 bis 2022 die Beratungsgespr\u00e4che genauer unter die Lupe. Damit soll erstens ein Impuls zur Weiterentwicklung der RAV-Beratungsqualit\u00e4t gesetzt und zweitens durch eine intensive wissenschaftliche Begleitung auch Licht in die oft als \u00abBlackbox\u00bb bezeichnete Beratung gebracht werden.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Feldversuch umfasst insgesamt 300 Personalberatende aus den Kantonen Basel-Stadt, Freiburg, Genf, Graub\u00fcnden, St. Gallen, Schaffhausen, Thurgau, Waadt und Wallis. Eine zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlte H\u00e4lfte dieser Gruppe nimmt direkt an einer neu konzipierten Beratungsschulung teil. Die zweite H\u00e4lfte durchl\u00e4uft die Schulung aus Gr\u00fcnden der besseren Evaluierbarkeit erst zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schulungen zielen darauf ab, die Gespr\u00e4chsf\u00fchrung zu verbessern. Der Fokus liegt dabei auf den drei Erfolgsfaktoren \u00abProzessf\u00fchrung geben\u00bb, \u00abkooperativ begleiten\u00bb und \u00abRessourcen aktivieren\u00bb (siehe <em>Kasten<\/em>). Diese werden anhand konkreter Videobeispiele illustriert und trainiert. Dabei lernen die Personalberatenden, die Erfolgsfaktoren in ihren Beratungsstil zu integrieren und zusammen mit ihren Vorgesetzten in den Berufsalltag zu transferieren. Daf\u00fcr werden die Vorgesetzten eigens geschult. Die Personalberatenden k\u00f6nnen sich durch die in der Schulung integrierten videobasierten Coachings mit neuen Augen sehen und ihre eigenen St\u00e4rken und \u00abWirkmomente\u00bb bewusst ausbauen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Mehr Zeit zur Verf\u00fcgung<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAm zweiten Feldversuch, welcher die Beratungsintensit\u00e4t zum Thema hat, nehmen die sieben Kantone Basel-Landschaft, Bern, Luzern, Nidwalden, Obwalden, Solothurn und Z\u00fcrich teil. Insgesamt werden hier mindestens 4000 Stellensuchende, die sich bei einem RAV anmelden, zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlt. Diese Personen werden in den ersten sechs Monaten ihrer Arbeitslosigkeit doppelt so h\u00e4ufig wie sonst \u00fcblich beraten, da die fr\u00fche Phase der Arbeitslosigkeit entscheidend ist: Die Stellensuchenden sind noch sehr nahe am Arbeitsmarkt, haben noch viele Berufskontakte und ein gr\u00f6sseres Vertrauen in ihre St\u00e4rken. In den zus\u00e4tzlichen Gespr\u00e4chen geht es deshalb vorwiegend um die beratende Begleitung der selbstst\u00e4ndigen Jobsuche. Sp\u00e4ter gewinnen dann die arbeitsmarktlichen Massnahmen und die begleitete Vermittlung sowie die Arbeitgeberkontakte an Wichtigkeit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie zus\u00e4tzlichen Beratungsgespr\u00e4che dienen dazu, die Stellensuchenden zu begleiten \u2013 und nicht dazu, diese st\u00e4rker zu kontrollieren. Deshalb lernen die Personalberatenden in Coachings, die kollegiale Beratung zu verbessern. F\u00fcr die zus\u00e4tzliche Beratungszeit erhalten die RAV mehr Ressourcen vom Fonds der Arbeitslosenversicherung.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Aus der Praxis lernen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr die beteiligten Kantone ist die zuf\u00e4llige Auswahl der Teilnehmenden in den beiden Feldversuchen anspruchsvoll. Die Randomisierung hat aber f\u00fcr die Evaluation klare Vorteile.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Sie erleichtert insbesondere die kausale Interpretation der Massnahme, weil die Interventions- und die Kontrollgruppe vergleichbar gehalten werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNeben einer reinen Wirkungsevaluation, inklusive einer Kosten-Nutzen-Analyse, werden auch qualitative Wirkungsmechanismen der Beratung untersucht. Dazu werden unter anderem Verhaltens\u00e4nderungen der Personalberatenden und der Stellensuchenden erhoben. Daraus ergeben sich praxisnahe Empfehlungen zur St\u00e4rkung der RAV-Beratung. Im Vergleich zu einer Datenerhebung haben Feldversuche den zus\u00e4tzlichen Vorteil, dass die konkrete Umsetzbarkeit einer Intervention direkt mitgepr\u00fcft wird und weitere interessierte Kantone von diesen Praxiserfahrungen profitieren k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas extern beauftragte Evaluationsteam wurde seit Beginn eng in die Entwicklungsarbeiten der beiden Feldversuche einbezogen. Die unausweichlichen Verhandlungen zwischen methodischem Anspruch und praktischer Umsetzung wurden bereits in der \u00f6ffentlichen Ausschreibung eingeplant und nun intensiv gef\u00fchrt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie beiden zweij\u00e4hrigen Feldversuche starten im M\u00e4rz 2020. Die Ergebnisse der qualitativen Evaluation werden Ende 2022 vorliegen, diejenigen der wissenschaftlichen Wirkungsevaluation Ende 2024.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine Vorbedingung des Projekts ist f\u00fcr das Seco die enge Zusammenarbeit mit den Kantonen. Die Feldversuche sollen die Kantone motivieren, die RAV-Beratung weiterzuentwickeln und zu modernisieren. Mit dem Fokus der Beratung auf die Unterst\u00fctzung der eigenst\u00e4ndigen Stellensuche in der ersten Phase der Arbeitslosigkeit erg\u00e4nzt das Projekt das Impulsprogramm des Bunds f\u00fcr schwer vermittelbare Stellensuchende.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Vgl. Amosa (2019); Arni und Wunsch (2014); Liu et al. (2014); Rosholm (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\"><a href=\"https:\/\/freiburg-institut.de\/\">Freiburg Institut<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.bss-basel.ch\/\">BSS Volkswirtschaftliche Beratung<\/a>, jeweils in Kooperation mit Subunternehmen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Egger, Dreher & Partner (2013).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Arni, P. (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Siehe Beitrag von Isabelle Schirmer (Seco) und Sabine Giger (SBFI) in dieser Ausgabe.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wird jemand arbeitslos oder ist von Arbeitslosigkeit bedroht, so ist der erste Schritt oft die Anmeldung bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV). Dort erhalten die Stellensuchenden einen Personalberatenden zugeteilt, bei dem dann ein Erst- und sp\u00e4ter regelm\u00e4ssig Folgeberatungsgespr\u00e4che stattfinden. 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Studie im Auftrag der Aufsichtskommission f\u00fcr den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung.<\/li>&#13;\n \t<li>Freiburg Institut (2016). Detailanalyse der Erfolgsfaktoren in der Beratung von Stellensuchenden. Studie im Auftrag des Amtes f\u00fcr Wirtschaft und Arbeit des Kantons Solothurn.<\/li>&#13;\n \t<li>Liu, S., Huang, J. und Mo, W. (2014). Effectiveness of Job Search Interventions: A Meta-Analytic Review. Psychological Bulletin, 140(4): 1009\u20131041.<\/li>&#13;\n \t<li>Rosholm, M. (2014). Do Case Workers Help the Unemployed? IZA World of Labor, Bonn.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Erfolgreich beraten","kasten_box":"F\u00fcr eine erfolgreiche RAV-Beratung sind gem\u00e4ss einer Studie im Kanton Solothurn drei Faktoren entscheidend (<a href=\"https:\/\/freiburg-institut.de\/index.php\/unser-modell\">Freiburg Institut, 2016<\/a>). Erstens erzielen diejenigen Personalberatenden die besten Wirkungen, die eine <em>klare Prozessf\u00fchrung <\/em>\u00fcbernehmen. Das heisst, sie strukturieren den Beratungsprozess klar und erkl\u00e4ren das gew\u00e4hlte Vorgehen dem Stellensuchenden fr\u00fchzeitig und verst\u00e4ndlich. Damit kann dem RAV-Kunden Orientierung gegeben und Vertrauen vermittelt werden, sodass er sich m\u00f6glichst rasch aktiv in den Suchprozess einbringt. Der zweite Erfolgsfaktor ist die <em>kooperative Begleitung<\/em>. Das bedeutet, dass der Personalberatende auf die Anliegen des Stellensuchenden eingeht und ihn mit Fragen sowie passenden Methoden unterst\u00fctzt, selbst neue Perspektiven zu entdecken. Drittens gilt es <em>Ressourcen zu aktivieren<\/em>. Dazu muss den Stellensuchenden Wertsch\u00e4tzung entgegengebracht, ihr Selbstvertrauen gest\u00e4rkt und ihr Optimismus erh\u00f6ht werden. 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Zusammen mit 16 Kantonen hat das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft 2020 zwei zweij\u00e4hrige Feldversuche zur Beratungsqualit\u00e4t und -intensit\u00e4t lanciert. Damit soll die Beratung in den RAV professionalisiert werden. 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