{"id":102797,"date":"2020-02-25T11:31:06","date_gmt":"2020-02-25T11:31:06","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/02\/zobrist-grampp-03-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:54:57","modified_gmt":"2023-08-23T20:54:57","slug":"laenger-arbeiten-ja-gerne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/02\/laenger-arbeiten-ja-gerne\/","title":{"rendered":"L\u00e4nger arbeiten? Ja gerne!"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweiz steuert auf ein demografisches Problem zu: Der Anteil der Rentner an der Gesamtbev\u00f6lkerung steigt in den n\u00e4chsten Jahren dramatisch. W\u00e4hrend heute auf einen Rentner noch drei Erwerbspersonen kommen, betr\u00e4gt dieses Verh\u00e4ltnis in 20 Jahren bereits 2:1. Diese Gewichtsverschiebung stellt nicht nur die Rentenversicherungen vor finanzielle Probleme, sondern sie f\u00fchrt auch zu einem grossen personellen Engpass auf dem Schweizer Arbeitsmarkt. Gem\u00e4ss Prognosen der Grossbank UBS werden bereits im Jahr 2030 bis zu eine halbe Million Arbeitskr\u00e4fte fehlen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAbhilfe schaffen k\u00f6nnte eine bessere Nutzung des Arbeitskr\u00e4ftepotenzials der Altersgruppe 50 plus. Eine Onlinebefragung des Pr\u00fcfungs- und Beratungsunternehmens Deloitte Schweiz zeigt: 40 Prozent der Erwerbspersonen im Alter zwischen 50 und 64 Jahren m\u00f6chten \u00fcber das offizielle Rentenalter hinaus arbeiten (siehe <em>Abbildung<\/em>).<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Hochgerechnet auf alle Erwerbspersonen, sind dies \u00fcber eine halbe Million Menschen. Die grosse Mehrheit der Befragten w\u00fcnscht aber, dereinst nur noch Teilzeit zu arbeiten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDabei scheint auch der kurz bevorstehende Eintritt ins Rentenalter die Bereitschaft nicht zu mindern, wie der Wert von 40 Prozent bei den 60- bis 64-J\u00e4hrigen zeigt. Dasselbe gilt f\u00fcr das Geschlecht: Die Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen sind minim und nicht signifikant.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Anteil Personen, die \u00fcber das Rentenalter hinaus erwerbst\u00e4tig sein m\u00f6chten (2019)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/02\/Bildschirmfoto-2020-02-18-um-13.08.33.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-93298\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/02\/Bildschirmfoto-2020-02-18-um-13.08.33.png\" alt=\"\" width=\"2542\" height=\"1444\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkungen: Im Juni 2019 befragte Deloitte 1000 in der Schweiz wohnhafte Personen im Alter von 50 bis 64 Jahren. Die Befragung ist repr\u00e4sentativ nach Alter, Geschlecht und Region. <\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Geringere Bereitschaft in der Romandie<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAllerdings gibt es unterschiedliche Pr\u00e4ferenzen nach Sprachregionen: W\u00e4hrend in der Deutschschweiz 44 Prozent der 50- bis 64-J\u00e4hrigen l\u00e4nger arbeiten m\u00f6chten, sind es in der Romandie nur 34 Prozent. \u00c4ltere Menschen in der Romandie stehen auch einer Erh\u00f6hung des Rentenalters skeptischer gegen\u00fcber als Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer, wie eine weitere Untersuchung von Deloitte Schweiz zeigt.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie l\u00e4sst sich diese Kluft erkl\u00e4ren? Die Antwort auf diese Frage ist nicht ganz einfach, da unterschiedliche Faktoren eine Rolle spielen d\u00fcrften. Zu nennen ist erstens das schlechtere Abschneiden franz\u00f6sischsprachiger Gebiete bei wichtigen Arbeitsmarktindikatoren. Die Genferseeregion, aber auch die Kantone Neuenburg und Jura weisen eine \u00fcberdurchschnittliche Arbeitslosenquote sowie eine unterdurchschnittliche Erwerbsquote auf. Dies ist relevant, da Nichterwerbst\u00e4tige in der Regel eine tiefere Bereitschaft aufweisen, \u00fcber das Rentenalter hinaus zu arbeiten oder einer Erh\u00f6hung des Rentenalters zuzustimmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZweitens herrscht ein unterschiedliches Staatsverst\u00e4ndnis vor: W\u00e4hrend die Deutschschweizer im Durchschnitt eine nachhaltige Finanzierbarkeit der Altersvorsorge st\u00e4rker gewichten, erwarten Romands tendenziell mehr Leistungen vom Staat und sind somit auch weniger bereit, l\u00e4nger zu arbeiten oder das Rentenalter zu erh\u00f6hen.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Drittens k\u00f6nnte auch die Gesundheit eine Rolle spielen. Gem\u00e4ss einer Untersuchung der Universit\u00e4ten Luzern und Bern f\u00fchlen sich Deutsch sprechende Personen in der Schweiz ges\u00fcnder als Franz\u00f6sisch sprechende, wenn auch die Differenz gering ist.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSignifikante Unterschiede gibt es auch beim Ausbildungsstand. W\u00e4hrend die H\u00e4lfte der 50- bis 64-J\u00e4hrigen mit einem hohen Ausbildungsniveau l\u00e4nger arbeiten m\u00f6chte, betr\u00e4gt der Anteil bei den Gleichaltrigen mit einem tiefen Ausbildungsniveau lediglich 24 Prozent. Allgemein gilt: je besser die Ausbildung, desto h\u00f6her die Bereitschaft, \u00fcber das Rentenalter hinaus zu arbeiten. Dasselbe zeigt sich auch bei der Arbeitszufriedenheit. Je zufriedener und motivierter die 50- bis 64-J\u00e4hrigen mit ihrer jetzigen Arbeit sind, desto eher sind sie bereit, l\u00e4nger zu arbeiten. Beide Zusammenh\u00e4nge sind wenig \u00fcberraschend.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Wunsch versus Realit\u00e4t<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr Schweizer Unternehmen sind das gute Nachrichten \u2013 und zwar gleich in doppelter Hinsicht. Bleiben die 40 Prozent der 50- bis 64-J\u00e4hrigen nach Erreichen des Rentenalters effektiv erwerbst\u00e4tig, k\u00f6nnen Unternehmen nicht nur den zuk\u00fcnftigen Arbeitskr\u00e4ftemangel lindern, sondern sie k\u00f6nnen auch auf Mitarbeiter z\u00e4hlen, die \u00fcberdurchschnittlich ausgebildet und zufrieden sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin Blick auf die Arbeitsmarktpartizipation der Personen, die bereits das Rentenalter erreicht haben, l\u00e4sst allerdings Zweifel aufkommen, ob sich der Wunsch, l\u00e4nger zu arbeiten, in die Realit\u00e4t \u00fcbertragen l\u00e4sst. Im Jahr 2018 waren bloss 23 Prozent der 65- bis 69-J\u00e4hrigen erwerbst\u00e4tig. Zudem rechnen nur 30 Prozent der befragten Personen, die gerne l\u00e4nger arbeiten m\u00f6chten, effektiv damit, dass sie dies auch tun werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Diskrepanz zwischen Wunsch und (erwarteter) Realit\u00e4t kommt nicht von ungef\u00e4hr. Erstens hat das fixe Renteneintrittsalter in der Schweiz in den K\u00f6pfen vieler Erwerbst\u00e4tiger einen Automatismus zementiert. Seit Jahren gilt: Wer 64 (Frauen) beziehungsweise 65 (M\u00e4nner) wird, verl\u00e4sst den Arbeitsmarkt und geht in Pension, selbst wenn sie oder er bereit w\u00e4re, l\u00e4nger zu arbeiten. Zweitens agieren viele Unternehmen zur\u00fcckhaltend und bieten kaum Modelle an, um \u00e4ltere Mitarbeitende l\u00e4nger zu halten \u2013 nicht zuletzt aufgrund des angesprochenen Automatismus, aber auch aufgrund h\u00f6herer Beitr\u00e4ge f\u00fcr die berufliche Vorsorge (BVG) oder wegen Vorurteilen hinsichtlich Motivation und Leistungsf\u00e4higkeit \u00e4lterer Arbeitnehmender. Drittens spielen fehlende Anreize eine Rolle. Wenn es sich finanziell nicht lohnt, werden viele Erwerbst\u00e4tige nicht \u00fcber das Rentenalter hinaus arbeiten \u2013 auch wenn sie dies eigentlich m\u00f6chten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWas ist zu tun? Handlungsspielraum gibt es sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft. Beide k\u00f6nnen daf\u00fcr sorgen, dass der Wunsch vieler Erwerbspersonen, l\u00e4nger zu arbeiten, erf\u00fcllt wird. Zum einen sollten Unternehmen ihre Personalpolitik \u00fcberdenken und Angebote f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitskr\u00e4fte konsequent ausbauen und anpassen. Zum anderen sollte der Staat die Rahmenbedingungen verbessern, indem er etwa das fixe Renteneintrittsalter aufhebt und die finanziellen Anreize verbessert. Wer l\u00e4nger arbeitet, muss deutlich mehr Rente erhalten, und vice versa. Schliesslich gilt es die nach Alter abgestuften BVG-Beitr\u00e4ge anzugleichen. Nur so l\u00e4sst sich das zus\u00e4tzliche Arbeitskr\u00e4ftepotenzial in der Realit\u00e4t auch umfassend nutzen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">UBS (2017).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Deloitte (2019a).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Vgl. dazu Deloitte (2019b).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Henchoz et al. (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Roser et al. (2019).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweiz steuert auf ein demografisches Problem zu: Der Anteil der Rentner an der Gesamtbev\u00f6lkerung steigt in den n\u00e4chsten Jahren dramatisch. W\u00e4hrend heute auf einen Rentner noch drei Erwerbspersonen kommen, betr\u00e4gt dieses Verh\u00e4ltnis in 20 Jahren bereits 2:1. 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Die Erh\u00f6hung des Rentenalters aus Sicht der Altersgruppe 50\u201370<\/a>, Z\u00fcrich.<\/li>&#13;\n \t<li>Henchoz, C., Coste, T. und Wernli, B. (2019). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1186\/s41937-019-0028-4\">Culture, Money Attitudes and Economic Outcomes<\/a>, in: Swiss Journal of Economics and Statistics (2019) 155\u20132.<\/li>&#13;\n \t<li>Roser, K. et al. (2019). <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s11136-019-02161-5#citeas\">Health-related Quality of Life in Switzerland: Normative Data for the SF-36v2 Questionnaire<\/a>, in: Quality of Life Research 18, 1963\u20131977.<\/li>&#13;\n \t<li>UBS (2017). <a href=\"https:\/\/www.ubs.com\/microsites\/impulse\/de\/management\/2017\/generation-silver.html\">UBS Outlook Schweiz, Generation Silber auf dem Arbeitsmarkt<\/a>, 18. Juli.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":102800,"main_focus":[156037,156832],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":102804,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"91825","post_abstract":"Gem\u00e4ss einer Umfrage von Deloitte Schweiz m\u00f6chten 40 Prozent der 50- bis 64-j\u00e4hrigen Erwerbspersonen auch im Pensionsalter arbeiten. In der Deutschschweiz ist dieser Wille signifikant h\u00f6her als in der Romandie. Zudem gilt: je h\u00f6her das Ausbildungsniveau und die Arbeitszufriedenheit, desto gr\u00f6sser die Bereitschaft, l\u00e4nger zu arbeiten. W\u00fcrde dieses zus\u00e4tzliche Potenzial genutzt, liesse sich der prognostizierte Arbeitskr\u00e4ftemangel deutlich lindern. 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