{"id":102849,"date":"2020-02-25T11:00:08","date_gmt":"2020-02-25T11:00:08","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/02\/kaiser-siegenthaler-moehr-03-2020fr\/"},"modified":"2024-03-01T08:57:02","modified_gmt":"2024-03-01T07:57:02","slug":"50-plus-arbeiten-mehr-als-frueher-dank-den-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/02\/50-plus-arbeiten-mehr-als-frueher-dank-den-frauen\/","title":{"rendered":"\u00ab50 plus\u00bb arbeiten mehr als fr\u00fcher \u2013 dank den Frauen"},"content":{"rendered":"<p>Die bev\u00f6lkerungsst\u00e4rksten Jahrg\u00e4nge in der Schweiz sind heute 50 bis 55 Jahre alt und werden in 10 bis 15 Jahren das ordentliche Rentenalter erreichen. Der Austritt dieser Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt d\u00fcrfte die Knappheit des Arbeitsangebots erh\u00f6hen und den Fachkr\u00e4ftemangel weiter akzentuieren. Um die demografischen Auswirkungen im Arbeitsmarkt abzufedern, gilt es deshalb, das Erwerbspotenzial der inl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4fte besser auszusch\u00f6pfen. In diesem Zusammenhang stehen die \u00fcber 50-J\u00e4hrigen verst\u00e4rkt im Fokus: Obwohl bei ihnen die Arbeitslosenquote vergleichsweise tief ist, ist auch die <em>Erwerbspartizipation <\/em>deutlich niedriger als in den j\u00fcngeren Altersgruppen.<\/p>\n<p>\u00dcber die Dynamik von Erwerbsverl\u00e4ufen \u00e4lterer Menschen in der Schweiz war bisher relativ wenig bekannt. Im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) haben wir daher empirisch untersucht, wie sich die Erwerbssituation und die Erwerbsverl\u00e4ufe der Altersgruppe \u00ab50 plus\u00bb seit den Neunzigerjahren ver\u00e4ndert haben.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<h2><strong>Frauen ausschlaggebend<\/strong><\/h2>\n<p>F\u00fcr die Studie werteten wir umfangreiche Registerdaten der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) der Jahre 1990 bis 2017 aus, die wir mit Daten der Volksz\u00e4hlungen des Bundesamts f\u00fcr Statistik (BFS) verkn\u00fcpften. Konkret verglichen wir drei Geburtskohorten, die im Zeitraum 1992 bis 2012 ihr 50. Altersjahr vollendeten: Kohorte 1 beinhaltet die Jahrg\u00e4nge 1942 bis 1948, Kohorte 2 die Jahrg\u00e4nge 1949 bis 1955 und Kohorte 3 die Jahrg\u00e4nge 1956 bis 1962.<\/p>\n<p>Wie sich zeigt, stieg die Erwerbsbeteiligung \u00e4lterer Personen in allen Altersjahren. Diese Entwicklung geht auf das Konto der Frauen: Beispielsweise erh\u00f6hte sich die Erwerbst\u00e4tigenquote der 55-j\u00e4hrigen Frauen von rund 65 Prozent in Kohorte 1 auf 75 Prozent in Kohorte 3 (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Bei den M\u00e4nnern sank die Quote hingegen von 90 Prozent auf 86 Prozent.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Erwerbst\u00e4tigenquote nach Kohorte und Geschlecht<\/strong><\/h3>\n<div class='chart chart--normal' id='Kaiser-Siegenthaler-Moehr_de_1'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#Kaiser-Siegenthaler-Moehr_de_1').highcharts({\n  chart: {\n        type: 'spline'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    \n    xAxis: {\n        categories: ['50', '51', '52', '53', '54', '55', '56', '57', '58', '59', '60', '61', '62', '63', '64', '65', '66', '67', '68'],\n         title: {\n            text: 'Alter'\n        },\n    },\n    yAxis: {\n        title: {\n            text: 'Anteil Erwerbst\u00e4tige'\n        },\n        labels: {\n            format: '{value}%'\n        },\n    },\n    plotOptions: {\n                series: {\n            marker: {\n                enabled: false\n            } },\n        spline: {\n            dataLabels: {\n                enabled: false\n            },\n\n        }\n    },\n    tooltip: {\n        headerFormat: '<b>{series.name}<\/b><br\/>',\n        pointFormat: '{point.y}%'\n    },\n    series: [{\n        name: 'M\u00e4nner (Jg. 1942\u20131948)',\n        data: [93, 93, 92, 91, 91, 90, 89, 88, 86, 84, 82, 77, 73, 67, 61, 59, 19, 16, 13],\n        color:\"#c74d70\"\n    }, {\n        name: 'M\u00e4nner (Jg. 1949\u20131955)',\n        data: [90, 90, 88, 88, 88, 88, 87, 87, 86, 85, 83, 78, 74, null, null, null, null, null, null, ],\n                color:\"#a5c4d2\"\n    }, {\n        name: 'M\u00e4nner (Jg. 1956\u20131962)',\n        data: [90,89,89,89,88,86,null,null,null,null,null, null, null, null, null, null, null, null, null],\n            color:\"#74ab4e\"\n    },{\n        name: 'Frauen (Jg. 1942\u20131948)',\n        data: [67, 67, 67, 66, 65, 65, 63, 63, 61, 59, 57, 53, 52, 48, 47, 9, 6, 5, 4],\n                dashStyle: 'shortdot',\n                        color:\"#c74d70\"\n    },{\n        name: 'Frauen (Jg. 1949\u20131955)',\n        data: [74, 73, 73, 73, 72, 72, 71, 71, 69, 68, 66, 62, 58, null, null,null,null, null, null],\n                dashStyle: 'shortdot',\n    color:\"#a5c4d2\"\n\n    },{\n        name: 'Frauen (Jg. 1956\u20131962)',\n        data: [78,78,78,78,77,75, null, null, null, null, null, null, null, null, null, null, null, null, null],\n                dashStyle: 'shortdot',\n            color:\"#74ab4e\"\n\n    }]\n});\n});\n\n\n\n<\/script>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Individuelle Konti (IK) der AHV, Rentenregister AHV\/IV, STATPOP; Berechnungen Kaiser, Siegenthaler und M\u00f6hr \/ Die Volkswirtschaft<\/span><\/p>\n<h2><strong>Gesellschaftlicher Wandel<\/strong><\/h2>\n<p>Inwieweit l\u00e4sst sich die bemerkenswerte Zunahme der Arbeitsmarktbeteiligung von \u00e4lteren Frauen erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Naheliegend ist die Vermutung, dass die Ver\u00e4nderung der Bev\u00f6lkerungsstruktur \u00fcber die Zeit eine wichtige Rolle gespielt hat, da sich die Erwerbsbeteiligung je nach soziodemografischen Merkmalen unterscheidet. So stieg beispielsweise seit den Neunzigerjahren der Anteil der Personen mit einer terti\u00e4ren Ausbildung, w\u00e4hrend der Anteil verheirateter Personen sank. Unsere \u00f6konometrische Auswertung zeigt jedoch, dass solche soziodemografischen Verschiebungen lediglich ein Viertel der Zunahme der Erwerbst\u00e4tigenquote erkl\u00e4ren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Entscheidend d\u00fcrften der gesellschaftliche Wandel und die damit verbundenen institutionellen \u00c4nderungen sein. Beispielsweise hat die Einf\u00fchrung des Mutterschaftsurlaubs die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie verbessert.<\/p>\n<h2><strong>Arbeitslosigkeit als Z\u00e4sur<\/strong><\/h2>\n<p>Anhand der Daten konnten wir aufzeigen, dass die Erwerbsbiografien von Personen, die im Alter von 50 Jahren entweder erwerbst\u00e4tig oder arbeitslos waren, unterschiedlich verlaufen (siehe <em>Abbildung 2a und 2b<\/em>). So arbeiteten 9 von 10 Personen, die in Kohorte 1 (1942\u20131948) mit 50 Jahren einer Erwerbst\u00e4tigkeit nachgingen, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter weiterhin. Mit 60 Jahren waren es noch 3 von 4. Rund 7 Prozent bezogen im Alter von 60 Jahren eine IV-Rente, wobei einige von ihnen nach wie vor erwerbst\u00e4tig waren.<\/p>\n<p>Betrachtet man hingegen jene Personen, die mit 50 Jahren arbeitslos waren, sind in derselben Altersphase deutlich mehr Erwerbsr\u00fccktritte zu verzeichnen: Nur die H\u00e4lfte von ihnen war mit 60 Jahren noch erwerbst\u00e4tig; 7 Prozent waren wiederholt arbeitslos, und etwa jeder F\u00fcnfte bezog eine IV-Rente.<\/p>\n<p>Insgesamt deuten die Resultate darauf hin, dass sich \u00e4ltere Personen, die arbeitslos werden, im Schnitt fr\u00fcher aus dem Erwerbsleben zur\u00fcckziehen und h\u00e4ufiger von gesundheitlichen Beeintr\u00e4chtigungen betroffen sind. Im Durchschnitt hat eine Arbeitslosigkeit im Alter von 50 Jahren einen um rund ein halbes Jahr fr\u00fcheren Erwerbsr\u00fccktritt zur Folge.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2a: Erwerbsstatus von Erwerbst\u00e4tigen der Jahrg\u00e4nge 1942\u20131948 (Kohorte 1)<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/02\/Bildschirmfoto-2020-03-02-um-15.11.14.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-93676\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/02\/Bildschirmfoto-2020-03-02-um-15.11.14.png\" alt=\"\" width=\"1984\" height=\"1260\" \/><\/a><\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2b: <strong>Erwerbsstatus von ALV-Bez\u00fcgern der Jahrg\u00e4nge 1942\u20131948 (Kohorte 1)<\/strong><\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/02\/Bildschirmfoto-2020-03-02-um-15.11.28.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-93677\" src=\"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2020\/02\/Bildschirmfoto-2020-03-02-um-15.11.28.png\" alt=\"\" width=\"1970\" height=\"1234\" \/><\/a><\/p>\n<p><span class=\"text__legend\">Anmerkungen: Dargestellt sind die relativen Anteile der Erwerbsstatus-Kategorien nach Alter. Erfasst sind alle Personen, die im 50. Altersjahr im Dezember erwerbst\u00e4tig waren (Abbildung 2a), bzw. Personen,\u00a0die im 50. Altersjahr im Dezember ALV-Leistungen bezogen (Abbildung 2b). Zu den \u00ab\u00fcbrigen Nichterwerbst\u00e4tigen\u00bb z\u00e4hlen unter anderem AHV-Altersrentner ohne Erwerb, Fr\u00fchpensionierte, Hausfrauen und Hausm\u00e4nner, nicht erwerbst\u00e4tige Sozialhilfebez\u00fcger sowie Erwerbslose ohne Anspruch auf ALV-Leistungen.<\/span><\/p>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Individuelle Konti (IK) der AHV, Rentenregister AHV\/IV, STATPOP, Berechnungen Kaiser, Siegenthaler und M\u00f6hr \/ Die Volkswirtschaft<\/span><\/p>\n<h2><strong>\u00dcber die Zeit stabil<\/strong><\/h2>\n<p>Um die langfristigen Auswirkungen einer Arbeitslosigkeit genauer zu analysieren, verglichen wir mittels \u00f6konometrischer Methoden die Erwerbsverl\u00e4ufe von Arbeitslosen mit denjenigen von Erwerbst\u00e4tigen, die hinsichtlich der vergangenen Erwerbsbiografie sowie soziodemografischer Merkmale identisch sind (siehe <em>Kasten<\/em>). Die Ergebnisse zeigen: Eine Arbeitslosigkeit mit 50 Jahren senkt die Erwerbst\u00e4tigkeit mittel- bis langfristig um 5 bis 7 Prozentpunkte.<\/p>\n<p>Die Effekte einer Arbeitslosigkeit mit 50 Jahren haben sich seit den Neunzigerjahren kaum ver\u00e4ndert. Wenn eine Arbeitslosigkeit aber sp\u00e4ter im Erwerbsleben auftritt, bekundet die j\u00fcngere Kohorte mehr M\u00fche als die \u00e4ltere, zur\u00fcck auf den Arbeitsmarkt zu finden. So senkt eine Arbeitslosigkeit mit 55 Jahren die Wahrscheinlichkeit, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter zu arbeiten, um 8 Prozent in Kohorte 1 (1942\u20131948). Demgegen\u00fcber betr\u00e4gt der R\u00fcckgang in Kohorte 3 (1956\u20131962) 14 Prozent.<\/p>\n<h2><strong>Potenzial vorhanden<\/strong><\/h2>\n<p>Da die Teilnahme der \u00e4lteren Frauen auf dem Arbeitsmarkt auch in den kommenden Jahren weiter zunehmen d\u00fcrfte, kann das Erwerbspotenzial der Altersgruppe \u00ab50 plus\u00bb k\u00fcnftig st\u00e4rker ausgesch\u00f6pft werden. Betrachtet man die einzelnen Altersphasen, so ist zus\u00e4tzliches Erwerbspotenzial vor allem ab 60 Jahren auszumachen, da sich die Abnahme der Erwerbst\u00e4tigenquote ab diesem Alter sp\u00fcrbar beschleunigt. Entsprechend d\u00fcrften insbesondere jene Massnahmen, welche auf einen l\u00e4ngeren Verbleib im Arbeitsmarkt ab 60 Jahren ausgerichtet sind, die Erwerbsbeteiligung positiv beeinflussen.<\/p>\n<p>Zudem ist es zentral, \u00e4ltere Arbeitslose rasch und effektiv wieder in den Arbeitsmarkt einzugliedern. Denn: Br\u00fcche in der Erwerbsbiografie wirken sich nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- bis langfristig auf die Arbeitsmarktbeteiligung aus.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Kaiser, Boris, Siegenthaler, Michael & M\u00f6hr, Thomas (2020): Erwerbsverl\u00e4ufe ab 50 Jahren in der Schweiz: Arbeitsmarktintegration von \u00e4lteren Erwerbst\u00e4tigen. BSS Volkswirtschaftliche Beratung und KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Z\u00fcrich. Im Auftrag des Seco.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die bev\u00f6lkerungsst\u00e4rksten Jahrg\u00e4nge in der Schweiz sind heute 50 bis 55 Jahre alt und werden in 10 bis 15 Jahren das ordentliche Rentenalter erreichen. Der Austritt dieser Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt d\u00fcrfte die Knappheit des Arbeitsangebots erh\u00f6hen und den Fachkr\u00e4ftemangel weiter akzentuieren. 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Da wenig \u00fcber deren Erwerbsverl\u00e4ufe bekannt ist, haben BSS Volkswirtschaftliche Beratung und die KOF Konjunkturforschungsstelle im Auftrag des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) untersucht, wie sich die Erwerbsverl\u00e4ufe und die Arbeitsmarktintegration von \u00e4lteren Menschen in der Schweiz \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum entwickelt haben. Ein zentrales Ergebnis ist, dass die Erwerbspartizipation der \u00fcber 50-J\u00e4hrigen seit den Neunzigerjahren gestiegen ist. Diese Zunahme ist ausschliesslich den Frauen zuzuschreiben. 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