{"id":102901,"date":"2020-02-24T08:01:14","date_gmt":"2020-02-24T08:01:14","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2020\/02\/interview-03-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:55:25","modified_gmt":"2023-08-23T20:55:25","slug":"wir-sehen-uns-als-eine-art-reisebuero","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2020\/02\/wir-sehen-uns-als-eine-art-reisebuero\/","title":{"rendered":"\u00abWir sehen uns als eine Art Reiseb\u00fcro\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Herr Gilgen, Sie sind seit f\u00fcnfzehn Jahren im Vollzug des Arbeitslosenversicherungsgesetzes t\u00e4tig. Wie beurteilen Sie heute die Entwicklung der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch denke, die RAV-Organisation hat deutlich an Professionalit\u00e4t gewonnen. Stellensuchende wurden fr\u00fcher eher verwaltet als beraten. Heute geht es vielmehr um Wirkung in der Beratung. Die wirkungsorientierte Leistungsvereinbarung des Bundes mit den Kantonen hat viel zum Austausch von bew\u00e4hrten Vorgehensweisen unter den Kantonen beigetragen.&#13;<\/p>\n<h3>Im Jahr 2013 lancierten Sie das Projekt \u00abBern Top!\u00bb, welches die Beratung im Kanton Bern individualisierte. Was heisst das?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u00abBern Top!\u00bb war nicht nur ein neues Beratungs-, sondern ein umfassendes Strategie- und Kulturentwicklungsprojekt. Wir wollten uns konsequenter auf die individuelle Situation der Stellensuchenden ausrichten und haben gleichzeitig das Portfolio der arbeitsmarktlichen Massnahmen stark bereinigt. Gegenstand des Projektes war zudem eine neue Arbeitgeber-orientierte Kultur bei der Stellenvermittlung. Heute sehen wir uns als eine Art Reiseb\u00fcro, welches die Stellensuchenden auf dem Weg in eine neue berufliche Zukunft begleitet.&#13;<\/p>\n<h3>Auch die Innenausstattung der RAV-Zentren erinnert an ein Reiseb\u00fcro. Ist das Zufall?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNein. Wir haben uns bewusst f\u00fcr ein modernes Raumkonzept entschieden. Seit 2017 haben wir f\u00fcnf neue RAV-Zentren bezogen oder bestehende komplett umgebaut. Weitere sind in Planung. Wir sehen uns als eine Kombination aus Sozialversicherung, also dem Rechtsvollzug, \u00f6ffentlicher Arbeitsvermittlung, die sich am Markt orientiert, und Reiseb\u00fcro, weil die Beratung individuell ausgestaltet ist. Sichtbar machen wir dies mit einem v\u00f6llig neuen Raumkonzept. Eine stellensuchende Person soll sich dank einem offenen, aber professionellen Ambiente im RAV willkommen und professionell beraten f\u00fchlen. Die RAV-Beraterin oder der RAV-Berater kann f\u00fcr jedes Gespr\u00e4ch aus drei verschiedenen Tisch-und-Sitz-Kompositionen ein passendes Beratungsumfeld im Open-Space-Raum w\u00e4hlen. Selbstverst\u00e4ndlich sind auf Wunsch weiterhin Beratungsgespr\u00e4che in einem geschlossenen Raum m\u00f6glich, was aber selten verlangt wird. Nach pers\u00f6nlichem Geschmack ausgestattete Einzelb\u00fcros von Personalberatenden wirken auf die Kunden nicht professionell. Sie wird es in unseren RAV-Zentren in Zukunft nicht mehr geben.&#13;<\/p>\n<h3>Eine Neuerung von \u00abBern Top!\u00bb war das Ampelsystem. Wie funktioniert dieses?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Ampelsystem war ein Teilaspekt des Projektes \u00abBern Top!\u00bb. F\u00fcr unsere Personalberatenden bedeutet es eine bewusstere Kundensegmentierung in drei Anspruchsgruppen. Je nach Ausgangslage und Beratungsbedarf teilen wir im Kanton Bern die Stellensuchenden in Br\u00fccken-, Markt- und Integrationskunden ein. Diese bewusste Segmentierung ist eine wichtige Weichenstellung f\u00fcr die Zusammenarbeit zwischen den Stellensuchenden und den Personalberatenden. Sie dient als Basis f\u00fcr eine bedarfsgerechte und zielf\u00fchrende Wiedereingliederungsstrategie.&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Arbeitslosen lediglich eine Tagesstruktur zu geben, macht wenig Sinn<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3>Gibt es auch Massnahmen, die nicht so gut funktioniert haben?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa. Wir haben festgestellt, dass nicht alle arbeitsmarktlichen Massnahmen zielf\u00fchrend sind. Von reinen Besch\u00e4ftigungsprogrammen haben wir uns beispielsweise verabschiedet. Diese verl\u00e4ngern unseres Erachtens die Arbeitslosigkeit. Es macht wenig Sinn, Arbeitslosen mit einer Besch\u00e4ftigung lediglich eine Tagesstruktur zu geben. Vielmehr bevorzugen wir Konzepte, die auf den ersten Arbeitsmarkt ausgerichtet sind. Das sind beispielsweise Bewerbungscoachings oder Praktika.&#13;<\/p>\n<h3>Was ist die Hauptschwierigkeit bei der Vermittlung der Stellensuchenden?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIn vielen Branchen herrscht ein Fachkr\u00e4ftemangel \u2013 gleichzeitig weisen die meisten Arbeitslosen nicht die gesuchten Profile auf. Sprich: Es besteht oft ein Mismatch von Angebot und Nachfrage im Arbeitsmarkt. Zunehmend Schwierigkeiten haben wir auch mit \u00e4lteren oder gering qualifizierten Stellensuchenden ohne formalen Berufsabschluss.&#13;<\/p>\n<h3>Welche Lehrstellen empfehlen Sie Jugendlichen, die einen Job auf sicher haben m\u00f6chten?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Kanton Bern besteht die Bef\u00fcrchtung, dass in den n\u00e4chsten Jahren insbesondere in der Industrie die Fachkr\u00e4fte fehlen werden. Eine Lehre in dieser Branche oder in einem handwerklichen Bereich lohnt sich also.&#13;<\/p>\n<h3>Gerade technische Branchen sind eine klassische M\u00e4nnerdom\u00e4ne.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs ist klar: Wir m\u00fcssen mehr junge Frauen f\u00fcr Mint-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, Anm. d. Red.) oder auch handwerkliche Berufe begeistern. Ein positives Beispiel ist der Malerberuf: Dort liegt der Frauenanteil bei den Lernenden inzwischen bei fast 50 Prozent und nimmt weiter zu.&#13;<\/p>\n<blockquote><p>Eine Lehre in der Industrie lohnt sich<\/p><\/blockquote>\n<p>&#13;<\/p>\n<h3>Wer mit 58 Jahren oder sp\u00e4ter arbeitslos wird, hat kaum Aussicht auf eine neue Stelle. Was tut der Kanton Bern f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitnehmende?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nUnsere Beratungsstrategie orientiert sich an der individuellen Ausgangslage der Stellensuchenden. Kollektivmassnahmen f\u00fcr eine gewisse Altersgruppe sind deshalb nicht zielf\u00fchrend. Nicht jede Person \u00fcber 50 ist schwierig vermittelbar. Ich will die Situation aber nicht besch\u00f6nigen: Im Einzelfall ist die Jobsuche f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitnehmende schwierig. Die Arbeitslosigkeit dauert zudem im Durchschnitt deutlich l\u00e4nger als bei den \u00fcbrigen Altersgruppen. Wichtig ist eine rasche Aktivierung und Unterst\u00fctzung zu Beginn der Arbeitslosigkeit. Nach sieben bis neun Monaten wird die Stellensuche zunehmend kompliziert.&#13;<\/p>\n<h3>Was sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr die l\u00e4ngere Arbeitslosigkeit von \u00e4lteren Personen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEin Nachteil gegen\u00fcber j\u00fcngeren Bewerbern sind zum Beispiel die hohen Pensionskassenbeitr\u00e4ge, die eine Wiederanstellung erschweren. Zudem stellen \u00e4ltere Arbeitnehmende manchmal zu hohe Anspr\u00fcche bei den Anstellungsbedingungen. Man sollte aber nicht verallgemeinern. Es fehlt oft auch am grunds\u00e4tzlichen Willen der HR-Abteilungen, berufserfahrene Stellensuchende zu einem Vorstellungsgespr\u00e4ch einzuladen, wenn es j\u00fcngere Bewerber gibt.&#13;<\/p>\n<h3>\u00c4ltere Arbeitslose werden auch h\u00e4ufiger langzeitarbeitslos.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa, das ist so. Je \u00e4lter, desto gr\u00f6sser das Risiko von Langzeitarbeitslosigkeit. Stellensuchende, die l\u00e4nger als ein Jahr arbeitslos sind, haben es generell schwer, Anschluss im Arbeitsmarkt zu finden.&#13;<\/p>\n<h3>Der Bundesrat will die Beratungsangebote der RAV f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitslose verbessern. Steht das nicht im Widerspruch zu Ihrem Ansatz, das Individuum ins Zentrum zu stellen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNein. Das Impulsprogramm erg\u00e4nzt unseren Ansatz. Dabei handelt es sich um Massnahmen zur F\u00f6rderung des inl\u00e4ndischen Fachkr\u00e4ftepotenzials. Zwei Massnahmen betreffen die RAV-Organisationen. So will der Bundesrat die Konkurrenzf\u00e4higkeit von \u00e4lteren Arbeitskr\u00e4ften verbessern: Einerseits soll f\u00fcr schwer vermittelbare Stellensuchende der Zugang zum Arbeitsmarkt vereinfacht werden. Andererseits will der Bundesrat in der Schweiz lebende Ausl\u00e4nder besser in den Arbeitsmarkt integrieren.&#13;<\/p>\n<h3>D\u00fcrfen auch Ausgesteuerte in eine RAV-Beratung kommen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa, unsere Dienstleistungen stehen allen vermittelbaren und arbeitsmarktf\u00e4higen Ausgesteuerten kostenlos zur Verf\u00fcgung. Dabei arbeiten wir auch eng mit den Sozialdiensten zusammen.&#13;<\/p>\n<h3>Die RAV bieten keine Weiterbildungskurse f\u00fcr Arbeitslose an. Warum nicht?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie RAV haben grunds\u00e4tzlich keinen Bildungsauftrag. Ihr prim\u00e4rer Auftrag ist die rasche und dauerhafte Wiedereingliederung von vermittlungsf\u00e4higen Personen in den ersten Arbeitsmarkt. In diesem Zusammenhang sind aber arbeitsmarktliche Massnahmen \u2013 das kann zum Beispiel auch ein individueller Sprachkurs sein \u2013 durchaus zul\u00e4ssig.&#13;<\/p>\n<h3>Das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft l\u00e4sst den Kantonen grosse Freiheiten bei der Ausgestaltung der Arbeitsvermittlung.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Vollzugshoheit liegt bei den Kantonen. Wir haben viel Spielraum bei der Ausgestaltung unserer Organisation. Das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft steuert \u00fcber eine wirkungsorientierte Leistungsvereinbarung und \u00fcber eine entsprechende Wirkungsmessung. Das Amt entsch\u00e4digt unsere Vollzugskosten aufgrund der Anzahl Stellensuchender und legt j\u00e4hrlich neu das Kostendach fest.&#13;<\/p>\n<h3>Bei der j\u00e4hrlichen Wirkungsmessung des Seco hat sich der Kanton Bern unter Ihrer Leitung hochgearbeitet. Sind Sie zufrieden?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Investitionen in die Beratung haben sich zwar ausbezahlt, aber zufrieden bin ich nat\u00fcrlich noch nicht. Im Jahr 2018 erreichten wir einen Gesamtindex von 99 Punkten. Wir verfehlten die 100-Punkte Marke, welche dem schweizerischen Durchschnitt entspricht, damit nur knapp. Um uns zu verbessern, wollen wir beispielsweise noch mehr in die Qualit\u00e4t der Beratung investieren.&#13;<\/p>\n<h3>Der Kanton Bern nimmt dieses Jahr zusammen mit 15 anderen Kantonen am Projekt \u00abOptimierung RAV-Beratung\u00bb des Seco teil. Was versprechen Sie sich davon?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Kanton Bern beteiligt sich am Teilprojekt Beratungsintensit\u00e4t, innerhalb dessen eine zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlte Gruppe von Stellensuchenden im ersten halben Jahr ihrer Arbeitslosigkeit deutlich intensiver beraten wird. Wir versprechen uns Erkenntnisse dar\u00fcber, ob dies die Wirksamkeit der RAV-Beratung steigert, also die Stellenlosigkeit verk\u00fcrzt.&#13;<\/p>\n<h3>Wie erfolgreich ist die Stellenmeldepflicht im Kanton Bern?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nOrganisatorisch hat sich die Stellenmeldepflicht gut eingespielt. Sorge bereitet mir jedoch der erw\u00e4hnte Mismatch: Wir k\u00f6nnen den Arbeitgebern nur selten geeignete Kandidaten vorschlagen. Daher sind die Vermittlungserfolge unter dem Strich bescheiden. Hinzu kommt: Die Unternehmen entscheiden selber, wen sie zu einem Vorstellungsgespr\u00e4ch einladen, und sind nicht verpflichtet, uns die Absagegr\u00fcnde mitzuteilen. Das ist ein bisschen st\u00f6rend. Trotzdem finde ich, dass die Stellenmeldepflicht gerade f\u00fcr \u00e4ltere Arbeitslose, die gut qualifiziert sind, eine Chance ist.&#13;<\/p>\n<h3>Das Seco hat im Zuge der Stellenmeldepflicht die Website Arbeit.swiss, auf der die offenen Stellen sichtbar sind, \u00fcberarbeitet. Doch nur ein Viertel der Stellensuchenden nutzt das Portal. Muss man die Anmeldung f\u00fcr obligatorisch erkl\u00e4ren?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIn einem ersten Schritt sollten die RAV-Beratenden die Kunden f\u00fcr das Portal sensibilisieren. Im Gespr\u00e4ch kann man ihnen zeigen, wie man das Tool gewinnbringend nutzen kann.&#13;<\/p>\n<h3>W\u00e4re es nicht besser, wenn ein Stellensuchender sich schon vor dem Beratungsgespr\u00e4ch einloggt?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa, unbedingt. Stellensuchende Personen k\u00f6nnen sich auf Arbeit.swiss jederzeit \u00fcber offene Stellen informieren. Die Pr\u00e4vention von Arbeitslosigkeit ist wichtig. Wir investieren hier viel, aber noch nicht genug. Das Seco misst deshalb mit einem neuen Indikator, wie gut es den RAV gelingt, Arbeitslosigkeit zu verh\u00fcten. Das betrifft insbesondere die Zeit w\u00e4hrend der K\u00fcndigungsfrist. Wir empfehlen allen Erwerbst\u00e4tigen, sich nach einer K\u00fcndigung oder bei drohender Arbeitslosigkeit sofort auf dem RAV anzumelden.&#13;<\/p>\n<h3>Die Stellenmeldepflicht st\u00f6sst auch auf Widerstand. Der Verband Gastrosuisse und der Baumeisterverband bezeichnen sie als sinnlos und b\u00fcrokratisch. K\u00f6nnen Sie diese Kritik nachvollziehen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNein. Der gesetzliche Auftrag ist klar. Die Meldung der Stellen \u00fcber die Webplattform ist einfach, und der Aufwand ist verh\u00e4ltnism\u00e4ssig. Man sollte die Stellenmeldepflicht positiv sehen: Im Idealfall findet eine Firma rasch eine geeignete Person. Das spart Kosten.&#13;<\/p>\n<h3>Es gibt auch Firmen, die nicht meldepflichtige Stellen an die RAV melden.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa. Die Firmen unterscheiden oft nicht mehr zwischen meldepflichtigen und nicht meldepflichtigen Stellen. Das begr\u00fcssen wir. Viele Unternehmen arbeiten schon seit Jahren gut mit den RAV zusammen. Die Pflege der Kontakte mit den Unternehmen ist deshalb sehr wichtig.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Gilgen, Sie sind seit f\u00fcnfzehn Jahren im Vollzug des Arbeitslosenversicherungsgesetzes t\u00e4tig. Wie beurteilen Sie heute die Entwicklung der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren? &#13; Ich denke, die RAV-Organisation hat deutlich an Professionalit\u00e4t gewonnen. Stellensuchende wurden fr\u00fcher eher verwaltet als beraten. Heute geht es vielmehr um Wirkung in der Beratung. 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