{"id":103073,"date":"2019-12-19T10:30:07","date_gmt":"2019-12-19T10:30:07","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/12\/jaeggi-schlegel-zanetti-1-2-2020fr\/"},"modified":"2025-06-16T12:32:44","modified_gmt":"2025-06-16T10:32:44","slug":"bei-schlechten-nachrichten-werten-franken-und-yen-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/12\/bei-schlechten-nachrichten-werten-franken-und-yen-auf\/","title":{"rendered":"Bei schlechten Nachrichten werten Franken und Yen auf"},"content":{"rendered":"<p>Der Franken wie auch der japanische Yen gelten als sogenannte Fluchtw\u00e4hrungen. In Zeiten erh\u00f6hter globaler Unsicherheit und Risikoaversion fungieren diese W\u00e4hrungen typischerweise als sicherer Anlagehafen und werten gegen\u00fcber s\u00e4mtlichen anderen W\u00e4hrungen auf.<\/p>\n<p>Dieses Muster kam in der globalen Finanzkrise ab 2007 deutlich zum Ausdruck, als beide W\u00e4hrungen phasenweise massiv aufwerteten. Der Aufwertungsdruck und die damit verbundenen gravierenden Auswirkungen f\u00fcr die Realwirtschaft und die Preisstabilit\u00e4t veranlassten sowohl die Schweizerische Nationalbank (SNB) als auch die Bank of Japan zu unkonventionellen Massnahmen. So legte die SNB im September 2011 beispielsweise einen Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro fest und k\u00fcndigte ihre Bereitschaft an, bei Bedarf unlimitierte Devisenmarktinterventionen zu t\u00e4tigen. Die Bank of Japan implementierte verschiedene grosse Programme zum Kauf von inl\u00e4ndischen Wertschriften, um die monet\u00e4ren Bedingungen weiter zu lockern und die Inflationserwartungen zu st\u00fctzen. Als Folge dehnten sich die Bilanzen der beiden Notenbanken stark aus.<\/p>\n<h2><strong>Wie reagieren Fluchtw\u00e4hrungen?<\/strong><\/h2>\n<p>Der Status dieser W\u00e4hrungen als \u00absicherer Hafen\u00bb impliziert, dass die Nachfrage nach ihnen steigt, wenn die Unsicherheit an den internationalen Finanzm\u00e4rkten zunimmt. Dieser Mechanismus scheint intuitiv klar, l\u00e4sst jedoch einige Fragen offen: Auf welche Informationen reagieren die Fluchtw\u00e4hrungen tats\u00e4chlich? Reagieren sie symmetrisch? Hat sich die Reaktion in der Krisenzeit verst\u00e4rkt?<\/p>\n<p>Um mehr Klarheit zu schaffen, analysierten wir in einer Studie Hochfrequenzdaten.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Konkret verwendeten wir Wechselkursdaten in f\u00fcnfmin\u00fctiger Frequenz f\u00fcr den Zeitraum 2000 bis 2013, wobei der Fokus auf dem Franken und dem Yen lag \u2013 jeweils gegen\u00fcber dem Dollar und dem Euro.<\/p>\n<p>In einem ersten Schritt untersuchten wir den Einfluss makro\u00f6konomischer \u00dcberraschungen auf die beiden W\u00e4hrungen. Der zugrunde liegende Datensatz deckt Konjunkturindikatoren von insgesamt zehn Volkswirtschaften ab \u2013 nebst der Schweiz und Japan betrachteten wir die USA, den Euroraum, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Belgien sowie Grossbritannien. \u00ab\u00dcberraschungen\u00bb definierten wir als Differenz zwischen der Markterwartung und dem realisierten Wert einer makro\u00f6konomischen Variable wie beispielsweise dem BIP-Wachstum. Die grunds\u00e4tzliche Hypothese lautet, dass negative \u00dcberraschungen \u2013 etwa ein entt\u00e4uschendes Wirtschaftswachstum \u2013 die Finanzm\u00e4rkte verunsichern, w\u00e4hrend positive \u00dcberraschungen diese zuversichtlicher stimmen.<\/p>\n<p>Zweitens analysierten wir, wie die beiden W\u00e4hrungen auf die generelle Marktstimmung reagieren. Dazu verwendeten wir einerseits den Volatility Index der Optionsb\u00f6rse von Chicago (VIX). Der VIX ist ein Standardmass, das die implizite Volatilit\u00e4t von Optionen auf den Aktienindex S&amp;P 500 misst. Andererseits setzten wir einen nachrichtenbasierten Index des Finanzdienstleisters Bloomberg ein. Dem Bloomberg-Index liegt ein Algorithmus zugrunde, der t\u00e4glich positive und negative Nachrichten z\u00e4hlt und gewichtet. Darunter finden sich beispielsweise politische oder geopolitische Ereignisse, Naturkatastrophen und Terroranschl\u00e4ge \u2013 mit anderen Worten: Nachrichten, die den Markt potenziell bewegen. Die Differenz aus positiven und negativen Nachrichten dient dabei als Unsicherheitsbarometer.<\/p>\n<h2><strong>Relevante US-Daten<\/strong><\/h2>\n<p>Insgesamt zeigt die Studie: Makro\u00f6konomische \u00dcberraschungen sind ein wichtiger Treiber kurzfristiger Schwankungen des Frankens und des Yens. Insbesondere bei negativen Daten aus den USA werten beide W\u00e4hrungen auf. Entt\u00e4uschen beispielsweise die Besch\u00e4ftigungszahlen der USA in einem bestimmten Monat, werten der Yen wie auch der Franken in der Regel auf. Hingegen beeinflussen reine makro\u00f6konomische \u00dcberraschungen aus Frankreich, Italien, Spanien, Belgien und Grossbritannien die beiden W\u00e4hrungen nicht signifikant. In Europa ist einzig Deutschland diesbez\u00fcglich von Bedeutung, wobei \u00dcberraschungen in Bezug auf deutsche Wirtschaftsdaten vor allem den Franken bewegen.<\/p>\n<p>Die Studie best\u00e4tigt zudem die Hypothese, dass sich \u00dcberraschungen in Zeiten hoher Unsicherheit st\u00e4rker auf die Fluchtw\u00e4hrungen auswirken als in Zeiten geringer Unsicherheit. Wird die Stichprobe in zwei Perioden unterteilt, sind die Effekte in der Periode seit 2007, also seit der Krise, eindeutig gr\u00f6sser.<\/p>\n<p>Die ausgepr\u00e4gte Sensitivit\u00e4t gegen\u00fcber makro\u00f6konomischen \u00dcberraschungen ist eine spezifische Eigenschaft von Fluchtw\u00e4hrungen. Demgegen\u00fcber reagieren \u00abnormale\u00bb W\u00e4hrungen wie der australische Dollar, der kanadische Dollar und das britische Pfund weniger auf makro\u00f6konomische \u00dcberraschungen, wie Regressionen zeigen. Evidenz findet sich auch daf\u00fcr, dass die beiden Fluchtw\u00e4hrungen Franken und Yen asymmetrisch reagieren: Schlechte Nachrichten aus dem Ausland haben einen gr\u00f6sseren Einfluss als gute Nachrichten. Dies gilt insbesondere f\u00fcr die Krisenzeit.<\/p>\n<h2><strong>Marktumfeld als Faktor<\/strong><\/h2>\n<p>In einem weiteren Schritt erg\u00e4nzten wir die Regressionsgleichungen durch den VIX und den Bloomberg-Index, die wie erw\u00e4hnt das generelle Marktumfeld abbilden. Beide Masse beeinflussen die Fluchtw\u00e4hrungen systematisch \u2013 beispielsweise reagieren die Finanzm\u00e4rkte unruhig auf negative politische Nachrichten, welche die Nachhaltigkeit der italienischen Staatsfinanzen infrage stellen. In der Folge geraten Franken und Yen unter Aufwertungsdruck.<\/p>\n<p>Aus der Studie gehen insgesamt vier Resultate hervor: Erstens reagieren die beiden Fluchtw\u00e4hrungen Franken und Yen sensitiver auf makro\u00f6konomische \u00dcberraschungen als andere W\u00e4hrungen. Zweitens reagieren sie in Krisenzeiten st\u00e4rker als sonst. Drittens sind die Wechselkurswirkungen asymmetrisch, das heisst, beide W\u00e4hrungen reagieren st\u00e4rker auf negative \u00dcberraschungen aus dem Ausland als auf positive. Viertens wirkt sich die generelle Marktstimmung zus\u00e4tzlich auf die Wechselkurse aus. Somit haben wir mit den makro\u00f6konomischen \u00dcberraschungen und mit dem Marktumfeld zwei Kan\u00e4le identifiziert, welche Bewegungen in den Fluchtw\u00e4hrungen ausl\u00f6sen k\u00f6nnen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">J\u00e4ggi, A., Schlegel, M. und Zanetti, A. (2019). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1186\/s41937-019-0031-9\">Macroeconomic Surprises, Market Environment, and Safe-Haven Currencies.<\/a> Swiss Journal of Economics and Statistics Vol. 155.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Franken wie auch der japanische Yen gelten als sogenannte Fluchtw\u00e4hrungen. In Zeiten erh\u00f6hter globaler Unsicherheit und Risikoaversion fungieren diese W\u00e4hrungen typischerweise als sicherer Anlagehafen und werten gegen\u00fcber s\u00e4mtlichen anderen W\u00e4hrungen auf. Dieses Muster kam in der globalen Finanzkrise ab 2007 deutlich zum Ausdruck, als beide W\u00e4hrungen phasenweise massiv aufwerteten. 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Beide W\u00e4hrungen reagieren zudem st\u00e4rker auf negative \u00dcberraschungen als auf positive. Dar\u00fcber hinaus reagieren beide auch systematisch auf Ver\u00e4nderungen im allgemeinen Marktumfeld, wie eine Analyse anhand des Finanzdaten-Index VIX und eines Nachrichten-Index von Bloomberg zeigen.","magazine_issue":"20250616","seco_author_reccomended_post":"","redaktoren":"","korrektor":"","planned_publication_date":"2019-12-19 09:30:07","original_files":null,"external_release_for_author":"20191205","external_release_for_author_time":"23:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5dc0172936bcd"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103073"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4968"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103073"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103073\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":211420,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103073\/revisions\/211420"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4024"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4969"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4968"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/211257"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103073"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=103073"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=103073"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=103073"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=103073"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=103073"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}