{"id":103127,"date":"2019-12-16T08:30:03","date_gmt":"2019-12-16T08:30:03","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/12\/wu-ziegler-1-2-2020fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:55:36","modified_gmt":"2023-08-23T20:55:36","slug":"chinesische-firmen-kaufen-schweizer-traditionsunternehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/12\/chinesische-firmen-kaufen-schweizer-traditionsunternehmen\/","title":{"rendered":"Chinesische Firmen kaufen Schweizer Traditionsunternehmen"},"content":{"rendered":"<p>Die Finanzkrise traf das Schwellenland China weniger stark als die meisten Industriestaaten. Dies er\u00f6ffnete chinesischen Unternehmen Investitionsm\u00f6glichkeiten im Ausland. Entsprechend wuchs die Zahl der chinesischen Firmen\u00fcbernahmen im Ausland (Mergers &amp; Acquisitions) von 146 im Jahr 2010 auf 573 im Jahr 2016.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese \u00dcbernahmen sind auch im Sinne der chinesischen Staatspartei, die in ihrer \u00abStrategie 2025\u00bb<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Branchen aufgelistet hat, in denen das Land 2025 global zu den f\u00fchrenden Anbietern geh\u00f6ren soll. Darunter finden sich etwa die Maschinenindustrie, die Informations- und Kommunikationstechnologie sowie die Biomedizin. Das Reich der Mitte strebt somit zunehmend hin zu einem Qualit\u00e4tswachstum oder von \u00abMade in China\u00bb zu \u00abCreated in China\u00bb. Auch Schweizer Unternehmen liegen wegen der ausgepr\u00e4gten Innovationskraft, der weltbekannten Marken, der guten Reputation der Schweiz und der Offenheit f\u00fcr ausl\u00e4ndische Investoren im strategischen Fokus der chinesischen Investoren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn den Medien fanden vor allem \u00dcbernahmen wie die des Agrarchemiekonzerns Syngenta durch Chemchina oder die Zuk\u00e4ufe der chinesischen HNA-Gruppe Aufmerksamkeit. Diese \u00dcbernahmen durch staatsnahe Konzerne sind in der Schweiz \u2013 wie die Motion des Walliser CVP-St\u00e4nderats Beat Rieder \u00ab<a href=\"https:\/\/www.parlament.ch\/de\/ratsbetrieb\/suche-curia-vista\/geschaeft?AffairId=20183021\">Schutz der Schweizer Wirtschaft durch Investitionskontrollen\u00bb<\/a> vom Februar 2018 zeigt \u2013 nicht unumstritten. Moniert wird in der Motion namentlich, dass die ausl\u00e4ndischen \u00dcbernahmen der Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Schweizer Wirtschaft schaden w\u00fcrden.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Privatsektor gewinnt an Einfluss<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWeniger im Fokus der \u00d6ffentlichkeit stehen \u00dcbernahmen durch chinesische Privatunternehmen: Seit 2002 ist es Privatfirmen erlaubt, grenz\u00fcberschreitende \u00dcbernahmen zu t\u00e4tigen. Von weltweit 498 M&amp;A-Deals chinesischer Firmen im Jahr 2015 wurden drei Viertel von Privatfirmen get\u00e4tigt. Zwischen 2010 und 2017 stieg der Anteil der Privatfirmen am chinesischen Bruttoinlandprodukt von rund 20 Prozent auf 60 Prozent.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Vier F\u00fcnftel aller Arbeitnehmer Chinas sind inzwischen im Privatsektor besch\u00e4ftigt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der Schweiz stammten im Jahr 2017 von 80 Firmen mit chinesischen Eigent\u00fcmern mehr als drei Viertel aus dem Privatsektor. Unter den \u00dcbernahmen finden sich Traditionsunternehmen wie der Maschinenbauer Saurer, der Strickmaschinenhersteller Steiger, der Trinkflaschenproduzent Sigg, der Schuhhersteller Bally und das Designteam des Fassadenbauers Schmidlin.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Drei Fallbeispiele im \u00dcberblick<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWelche strategischen \u00dcberlegungen liegen hinter den privaten Investitionen aus China? In drei Fallbeispielen \u2013 Sigg, Steiger und Schmidlin \u2013 gingen wir dieser Frage nach und untersuchten, ob sich die \u00dcbernahmen auch aus Schweizer Sicht gelohnt haben (siehe <em>Tabelle<\/em>).<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie dreij\u00e4hrigen L\u00e4ngsschnittstudien basieren methodisch auf halbstrukturierten Interviews mit Entscheidungstr\u00e4gern der involvierten Unternehmen und fokussieren auf das Zusammenf\u00fchren von strategischen Ressourcen nach der \u00dcbernahme und auf die daraus entstehenden Synergien. Auch wenn die F\u00e4lle individuell sind, lassen sich gewisse Muster erkennen.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>\u00dcbernahmen von Sigg, Steiger und Schmidlin<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<\/p>\n<table width=\"0\">&#13;<\/p>\n<tbody>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"120\"><strong>\u00dcbernommenes Unternehmen (Gr\u00fcndungsjahr)<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"140\"><strong>Produkt\/Industrie<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"101\"><strong>Chinesischer Investor (Gr\u00fcndungsjahr)&#13;<br \/>\n<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"55\"><strong>Jahr der Akquisition<\/strong><\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"120\">Sigg Switzerland Bottles, Frauenfeld (1908)<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"140\">Herstellung von Thermoflaschen<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"101\">Haers (1996)<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"55\">2016<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"120\">Steiger, Vionnaz VS (1949)<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"140\">Textilmaschinenbau<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"101\">Ningbo Cixing (1988)<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"55\">2010<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<\/p>\n<tr>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"120\">Designteam Schmidlin, Basel (1936)<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"140\">Fassadenbau<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"101\">Yuanda (1993)<\/td>\n<p>&#13;<\/p>\n<td style=\"width: 120px; text-align: center;\" width=\"55\">2008<\/td>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tr>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/tbody>\n<p>&#13;<br \/>\n<\/table>\n<p>&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Wu (2019)<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn allen drei F\u00e4llen handelt es sich um Horizontal\u00fcbernahmen im Produktionsbereich. Alle Schweizer Firmen sind deutlich \u00e4lter als die chinesischen. Die chinesischen Unternehmen sind b\u00f6rsenkotiert, haben Zugang zum Kapitalmarkt und verf\u00fcgen \u00fcber ausreichenden finanziellen Spielraum f\u00fcr Akquisitionen. Anders als Staatsfirmen kommen sie nicht in den Genuss von g\u00fcnstigen Krediten und Subventionen. Im Heimmarkt sind die chinesischen Unternehmen Konkurrenz ausgesetzt; sie sind lokal gut vernetzt und reagieren schnell, innovativ und flexibel auf Kundenw\u00fcnsche.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie drei \u00dcbernahmen waren strategischer Art: Der chinesische Investor Haers kaufte mit Sigg eine starke, 108-j\u00e4hrige Marke, das Produktdesign, einen Schweizer Produktionsstandort und ein europ\u00e4isches Absatznetzwerk. Ningbo Cixing \u00fcbernahm Steiger wegen der Reputation im Weltmarkt, wegen der Technologie f\u00fcr computergesteuerte Strickmaschinen und wegen seiner Produktionsf\u00e4higkeit f\u00fcr hochwertige Maschinen im High-End-Bereich. Und Yuanda integrierte das Designteam der bankrotten Schmidlin aufgrund der Qualit\u00e4t, des Marketingnetzwerks und der Projektentwicklungsf\u00e4higkeit. Wichtige Gr\u00fcnde f\u00fcr die \u00dcbernahmen waren zudem die Reputation der Schweiz und das \u00abhandwerkliche K\u00f6nnen\u00bb der Firmen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>T\u00fcr\u00f6ffner f\u00fcr chinesischen Markt<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWeshalb konnten die chinesischen Privatfirmen die Schweizer Traditionsunternehmen \u00fcberhaupt \u00fcbernehmen? Klar ist: Das Vorhandensein von Investitionskapital reichte nicht als \u00dcbernahmegrund. Chinesische Privatfirmen sind vielmehr attraktive Investoren, weil sie \u00fcber einen Zugang zum chinesischen Absatzmarkt verf\u00fcgen. Zudem k\u00f6nnen sie auf billige Arbeitskr\u00e4fte zur\u00fcckgreifen. Weiter verf\u00fcgen sie \u00fcber effiziente Wertsch\u00f6pfungsketten sowie ein grosses Kundennetzwerk und ein professionelles Marketing.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin wichtiger Grund ist auch das chinesische Bekenntnis zur Aufrechterhaltung, St\u00e4rkung und Nutzung der Schweizer Marke. Dies war der entscheidende Grund, weshalb Sigg den chinesischen Akquisiteur im Bietprozess bevorzugte. So wurde bef\u00fcrchtet, dass andere Investoren die Schweizer Marke und den Schweizer Standort aufgegeben h\u00e4tten. Haers kaufte im Grunde die Marke \u00abSigg\u00bb und will diese als Kernwert langfristig nutzen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Synergien nutzen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUm die Stabilit\u00e4t der \u00fcbernommenen Firmen zu sichern, machten die chinesischen Firmen Zugest\u00e4ndnisse an die Mitarbeitenden in der Schweiz \u2013 etwa durch K\u00fcndigungs- und Versicherungsschutz. Ein \u00ablight-touch approach\u00bb mit weitgehender Beibehaltung bestehender Strukturen sollte f\u00fcr Kontinuit\u00e4t im Schweizer Management sorgen, was bei Steiger und dem Designteam von Schmidlin von Beginn weg gelungen ist und bei Sigg nach eher wechselhaften Zeiten inzwischen auch gegeben ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nOb durch die \u00dcbernahme ein Mehrwert geschaffen wird, h\u00e4ngt im Wesentlichen davon ab, wie Ressourcen der \u00fcbernehmenden und der \u00fcbernommenen Firma geb\u00fcndelt werden. M\u00f6gliche Synergien ergeben sich beispielsweise, wenn die Schweizer Technologie mit chinesischer Effizienz in der Produktion verbunden wird oder wenn die Produktlinien kombiniert werden, um neue Kundengruppen zu erschliessen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin Mehrwert resultiert auch aus der gegenseitigen Erschliessung der jeweiligen Absatzm\u00e4rkte und aus der gemeinsamen Innovationskraft. Forschung, Entwicklung und Vermarktung erhalten einen Schub, wenn es gelingt, Schweizer Kreativit\u00e4t mit chinesischer Kostenoptimierung zu kombinieren. Weitere Synergien ergeben sich, wenn die Traditionsmarke mit der chinesischen Produktion und dem chinesischen Marketingnetzwerk kombiniert wird. So lassen sich die Schweizer Produkte zu konkurrenzf\u00e4higen Preisen auf dem chinesischen und dem Globalmarkt etablieren. Diese B\u00fcndelungen von Ressourcen st\u00e4rken die Innovationskraft und die Marktmacht, erh\u00f6hen die Effizienz und f\u00fchren zu Wachstum.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Kulturelle Differenzen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie drei \u00fcbernommenen Schweizer Firmen wurden durch die \u00dcbernahme aus existenzbedrohenden finanziellen Schwierigkeiten befreit. Sigg steht auf finanziell festen F\u00fcssen und schreibt schwarze Zahlen. Yuanda wiederum integrierte Schmidlins Designteam nach dem Konkurs der Firma. Bereits hat Yuanda Europe zahlreiche Projekte gewonnen und expandiert gewinnbringend. Steiger schliesslich durchlief in den neun Jahren nach der \u00dcbernahme eine Schrumpfkur, ist aber konkurrenzf\u00e4higer als vor der \u00dcbernahme und kann dank finanzieller Unterst\u00fctzung durch Cixing bisher auf Eis gelegte Innovationsideen realisieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn allen Fallbeispielen ergaben sich Kulturschwierigkeiten, welche man durch intensive Kommunikation zu meistern versuchte. Beispielsweise berichtete ein Schweizer Manager von Yuanda Europa, dass das schweizerische und das chinesische Team rund f\u00fcnf Jahre gebraucht h\u00e4tten, um miteinander sachbezogen und offen diskutieren zu k\u00f6nnen. Der Schweizer Chef von Steiger meinte, die chinesische und die Schweizer Seite h\u00e4tten viel voneinander gelernt. Er w\u00fcnsche sich manchmal, dass die Chinesen ein bisschen schweizerischer und die Schweizer ein bisschen chinesischer werden k\u00f6nnten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn allen Fallbeispielen sind die \u00dcbernahmen auf gutem Weg. Ob sie sich auch langfristig f\u00fcr beide Seiten als strategisch erfolgreich erweisen, muss noch weiter beobachtet werden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">McKinsey Greater China (2018): China Is Betting Big on These 10 Industries, Juni.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">MSCI (2017). Morgan Stanley Research 2017.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Daten stammen aus einer laufenden Doktorarbeit der Autorin Juan Wu an der Universit\u00e4t Freiburg.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Finanzkrise traf das Schwellenland China weniger stark als die meisten Industriestaaten. Dies er\u00f6ffnete chinesischen Unternehmen Investitionsm\u00f6glichkeiten im Ausland. 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In einer dreij\u00e4hrigen L\u00e4ngsstudie haben wir die \u00dcbernahmen von drei Schweizer Traditionsunternehmen (Sigg, Steiger und Schmidlin) untersucht. Wie sich zeigt, scheinen \u00dcbernahmen in derselben Branche erfolgversprechend zu sein, da sich Synergien ergeben und sich den Unternehmen neue Absatzm\u00e4rkte erschliessen. 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