{"id":103227,"date":"2019-11-26T09:00:32","date_gmt":"2019-11-26T09:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/11\/interview-guy-parmelin-12-2019fr\/"},"modified":"2023-08-23T22:55:55","modified_gmt":"2023-08-23T20:55:55","slug":"so-intelligent-wie-menschen-sind-maschinen-noch-lange-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/11\/so-intelligent-wie-menschen-sind-maschinen-noch-lange-nicht\/","title":{"rendered":"\u00abSo intelligent wie Menschen sind Maschinen noch lange nicht\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Herr Parmelin, wenn Sie an k\u00fcnstliche Intelligenz denken, was l\u00f6st das bei Ihnen aus?<\/h3>\n<p>K\u00fcnstliche Intelligenz ist eine grosse Chance.\u00a0 Sie ver\u00e4ndert unser Leben, sie ver\u00e4ndert s\u00e4mtliche Bereiche. Im Moment sind dies zum Beispiel die Bilderkennung, die medizinische Diagnostik, die Sprach\u00fcbersetzung oder die Mobilit\u00e4t.<\/p>\n<h3>Auch im Bundesrat ist k\u00fcnstliche Intelligenz ein Thema. Weshalb besch\u00e4ftigen Sie sich damit?<\/h3>\n<p>Wollen wir unsere Wettbewerbsf\u00e4higkeit erhalten und st\u00e4rken, m\u00fcssen wir die digitalen Technologien beherrschen.<\/p>\n<h3>Die k\u00fcnstliche Intelligenz gilt als Grundlagentechnologie, die ganze Branchen durchdringt und umgestaltet \u2013 vergleichbar mit der Dampfmaschine oder der Elektrifizierung. \u00dcbersch\u00e4tzen Sie die Bedeutung dieser Technologie nicht?<\/h3>\n<p>Nehmen wir noch einmal das Beispiel der Bild- und Spracherkennung: Damit lassen sich prinzipiell in allen Branchen Automatisierungen vornehmen. Aber: Die Technologie befindet sich in einem Entwicklungsprozess. Deshalb ist mir wichtig, dass der Bund nicht Science-Fiction betreibt, sondern realistisch schaut, was morgen voraussichtlich m\u00f6glich sein wird. Wir m\u00fcssen eine realistische Interessenabw\u00e4gung zugunsten von Gesellschaft und Wirtschaft vornehmen.<\/p>\n<h3>Ersetzen die Maschinen zunehmend die Arbeitnehmenden?<\/h3>\n<p>So intelligent wie Menschen sind Maschinen noch lange nicht. Und es ist fraglich, ob sie es jemals sein werden. Dennoch: Die Arbeitswelt ver\u00e4ndert sich. Und zwar rasant. Einerseits verlieren bisherige Berufe an Bedeutung, andererseits gibt es auch neue Berufsbilder. Wir verfolgen diesen Strukturwandel intensiv. Insgesamt werden Maschinen die menschliche Arbeit aber wohl eher erg\u00e4nzen. Ich hoffe auf ein Miteinander.<\/p>\n<h3>In kaum einem anderen Land gibt es gemessen an der Bev\u00f6lkerungsgr\u00f6sse so viele Patente und Unternehmensgr\u00fcndungen im Bereich der k\u00fcnstlichen Intelligenz wie in der Schweiz. Ist diese gute Ausgangslage gef\u00e4hrdet?<\/h3>\n<p>Wir d\u00fcrfen uns selbstverst\u00e4ndlich nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen. Aber unser offenes System funktioniert grunds\u00e4tzlich gut: In der Schweiz bestimmen Wirtschaft und Forschung, welche Technologien erforscht und eingesetzt werden. Der Staat h\u00e4lt sich m\u00f6glichst raus.<\/p>\n<h3>Beim technologischen Fortschritt ist die Ausbildung der Arbeitnehmenden zentral. Tun wir hier genug?<\/h3>\n<p>Verschiedene Massnahmen wurden bereits umgesetzt. Sie sollen sicherstellen, dass alle die n\u00f6tigen Kompetenzen besitzen, um im Zeitalter der Digitalisierung arbeiten zu k\u00f6nnen. Das beginnt beim Informatikunterricht in der Schule. Ausserdem werden Fachpersonen f\u00fcr k\u00fcnstliche Intelligenz ausgebildet. Die Digitalisierung wird ein wichtiges transversales Thema der Botschaft zur F\u00f6rderung von Bildung, Forschung und Innovation 2021\u20132024 sein, denn in diesem Bereich k\u00f6nnen wir noch mehr tun. Aber wir sollten nicht illusorisch sein: Einige Menschen haben M\u00fche, sich anzupassen. Da m\u00fcssen wir rasch L\u00f6sungen suchen, damit sie nicht auf der Strecke bleiben.<\/p>\n<blockquote><p>Einige Menschen haben M\u00fche, sich anzupassen. Da m\u00fcssen wir L\u00f6sungen suchen, damit sie nicht auf der Strecke bleiben.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Wo setzen Sie die Grenze bei der Regulierung?<\/h3>\n<p>Eine allgemeine Regulierung ist sicher nicht zielf\u00fchrend. Denn es ist nicht dasselbe, ob ein Text automatisch \u00fcbersetzt wird oder ein Auto selber f\u00e4hrt. Viele Herausforderungen der k\u00fcnstlichen Intelligenz sind sehr spezifisch, und es kommen laufend neue hinzu. Ein Beispiel sind etwa grosse IT-Unternehmen, die mithilfe von k\u00fcnstlicher Intelligenz Informationen aufbereiten und verbreiten; ein anderes Beispiel sind medizinische Ger\u00e4te, die immer unabh\u00e4ngiger vom medizinischen Personal Interventionen am Menschen vornehmen. Im einen Fall geht es vor allem um Datensicherheit, im anderen um die physische Integrit\u00e4t.<\/p>\n<h3>Wie beurteilen Sie die ethischen Bedenken?<\/h3>\n<p>Bei der k\u00fcnstlichen Intelligenz sind ethische Fragen sehr kontextabh\u00e4ngig.<\/p>\n<h3>W\u00fcrden Sie sich vom Roboter Da Vinci operieren lassen, oder liessen Sie sich bei einem Bewerbungsgespr\u00e4ch von einem Computer interviewen?<\/h3>\n<p>Einem Algorithmus sein Leben anzuvertrauen, ist nat\u00fcrlich etwas seltsam, tats\u00e4chlich aber nutzen wir Algorithmen bereits t\u00e4glich, zum Beispiel mit dem Smartphone. Ich denke, k\u00fcnstliche Intelligenz funktioniert am besten, wenn sie die T\u00e4tigkeiten von Menschen erg\u00e4nzt.<\/p>\n<blockquote><p>K\u00fcnstliche Intelligenz funktioniert am besten, wenn sie die T\u00e4tigkeiten von Menschen erg\u00e4nzt.<\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Was ist die Rolle der Kantone bei dieser technologischen Entwicklung?<\/h3>\n<p>Der Bund arbeitet auf mehreren Ebenen eng mit den Kantonen zusammen. Regionale Lehrpl\u00e4ne definieren die Kompetenzen, die im Zeitalter der Digitalisierung notwendig sind. Ausserdem wurde eine nationale Digitalisierungsstrategie f\u00fcr das Bildungswesen verabschiedet. Einige Kantone haben sogar eine eigene Strategie entwickelt, um die Digitalisierung im Bildungswesen voranzutreiben. Und nat\u00fcrlich sind auch die kantonalen Hochschulen enorm wichtige Akteure, zum Beispiel in der Forschung zur k\u00fcnstlichen Intelligenz.<\/p>\n<h3>\u00abHorizon Europe\u00bb ist das neue Forschungs- und Innovationsprogramm der Europ\u00e4ischen Union und startet 2021. Hat die Schweiz Chancen, auch ohne das Rahmenabkommen daran teilzunehmen?<\/h3>\n<p>Die Beteiligung der Schweiz an den EU-Forschungsrahmenprogrammen ist Teil der Bilateralen I. Sie stellt kein Marktzugangsdossier dar und h\u00e4ngt deshalb nicht vom institutionellen Rahmenabkommen ab. Wir erwarten daher weiterhin, dass wir uns an \u00abHorizon Europe\u00bb beteiligen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Was, wenn die Schweiz nur teilassoziiertes Mitglied w\u00fcrde, wie bei \u00abHorizon 2020\u00bb?<\/h3>\n<p>Wir kennen die exakten Teilnahmebedingungen f\u00fcr die Schweiz f\u00fcr \u00abHorizon Europe\u00bb noch nicht, aber wir sollten nicht vergessen: Die Schweiz ist ein aktiver, zuverl\u00e4ssiger und sehr gesch\u00e4tzter Partner f\u00fcr die europ\u00e4ischen Forschungs- und Innovationsprogramme. Wir investieren in alle grossen internationalen Forschungsorganisationen in Europa. Unsere eigenen Institutionen und Forschungsinfrastrukturen machen uns zu einem gesch\u00e4tzten Partner f\u00fcr die Weiterentwicklung des europ\u00e4ischen Forschungsraums. Die letztj\u00e4hrigen Nobelpreise, die an Schweizer Forscher gingen, erbringen den Beweis. Wir hoffen, dass wir weiterhin dazu beitragen k\u00f6nnen, die Positionierung Europas gegen\u00fcber Konkurrenten wie China oder den USA zu st\u00e4rken.<\/p>\n<h3>Ein grosser Teil der \u00abHorizon\u00bb-Gelder f\u00fcr k\u00fcnstliche Intelligenz fliesst an die beiden technischen Hochschulen in Z\u00fcrich und Lausanne. W\u00fcrden diese international nicht deutlich an Terrain verlieren ohne die EU-Gelder?<\/h3>\n<p>Das ist nicht nur eine Frage des Geldes. F\u00fcr Forschende, Unternehmen und KMU ist es wichtig, dass sie international in die Netzwerke und den Wettbewerb eingebunden sind. Das f\u00f6rdert die Attraktivit\u00e4t des Forschungs- und Innovationsstandorts Schweiz.<\/p>\n<h3>Die Innovationskraft der Schweizer Firmen schwindet, wie die Konjunkturforschungsstelle der ETH Z\u00fcrich zeigt. Immer mehr Unternehmen ziehen sich aus der Forschung und Entwicklung zur\u00fcck. K\u00f6nnte dieser Trend negative Folgen f\u00fcr die Gesamtwirtschaft haben?<\/h3>\n<p>Ja, nat\u00fcrlich. In anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zeigt sich, dass Unternehmen in innovationsgetriebenen Branchen, die nicht mehr in Forschung und Entwicklung investieren, ein hohes Risiko aufweisen, vom Markt zu verschwinden.<\/p>\n<h3>Insbesondere KMU ziehen sich aus der Forschung und Entwicklung zur\u00fcck. Ist hier der ungen\u00fcgende Zugang zu Fremdkapital f\u00fcr die Finanzierung von Innovationsaktivit\u00e4ten der Hemmschuh?<\/h3>\n<p>Mit dem zunehmenden Wettbewerb ist es f\u00fcr die Firmen schwieriger geworden, abzuw\u00e4gen, ob sich Investitionen in Forschung und Entwicklung lohnen. M\u00f6glicherweise k\u00f6nnte ein erleichterter Zugang zu Fremdkapital diese Unsicherheit mindern. Doch dieser Zugang wird von den Unternehmen nicht als wichtigstes Hemmnis empfunden.<\/p>\n<h3>Bei den innovativen Unternehmen schneidet die Schweiz im internationalen Vergleich immer noch gut ab. Aber was passiert, wenn die Unternehmen zum Schluss kommen, dass die Renditeaussichten f\u00fcr Innovationen zu niedrig sind?<\/h3>\n<p>F\u00fcr die Unternehmen sind hohe Renditeaussichten und die \u00dcberzeugung, dass ihre Innovation ein Marktpotenzial aufweist, ausschlaggebend f\u00fcr ihre Investitionsentscheide zu Forschung und Entwicklung. Die wirtschaftlichen Perspektiven und die Sicherheit, in der Schweiz gute Rahmenbedingungen vorzufinden, sind ebenfalls entscheidend. Deshalb muss der Wirtschaftsstandort Schweiz noch attraktiver werden.<\/p>\n<h3>Im Ranking des Weltwirtschaftsforums ist die Schweiz zur\u00fcckgefallen. Bereitet Ihnen das Sorge?<\/h3>\n<p>Die Schweiz ist im Ranking des Weltwirtschaftsforums vom 4. Rang im Jahr 2018 auf den 5. Rang im Jahr 2019 gerutscht: Damit bleibt sie aber immer noch eines der wettbewerbsf\u00e4higsten L\u00e4nder. Im Index der privaten Wirtschaftshochschule IMD ist sie sogar vom 5. Platz auf den 4. Platz vorger\u00fcckt. Unterschiede von einigen wenigen Pl\u00e4tzen sind nicht unbedingt signifikant. Dennoch k\u00f6nnen Reformen eine entscheidende Rolle spielen: Wenn einige L\u00e4nder Reformen umsetzen, k\u00f6nnen andere L\u00e4nder dadurch ein wenig zur\u00fcckfallen. Deshalb ist es unabdingbar, dass auch die Schweiz hier nicht unt\u00e4tig bleibt.<\/p>\n<h3>2015 hat sich der Bundesrat mit den Schw\u00e4chen der Schweiz befasst. Kamen Sie seither beim mangelnden Wettbewerb im Binnenmarkt und bei der administrativen Belastung voran?<\/h3>\n<p>Der Bundesrat hat im Rahmen seiner Wachstumspolitik 2016\u20132019 verschiedene Massnahmen ergriffen, um den Wettbewerb zu st\u00e4rken: so etwa den Abbau von Importhindernissen, die \u00d6ffnung des Aussenhandels oder die Liberalisierung des Gas- und des Strommarktes. Der Bundesrat wird Ende Jahr \u00fcber diese Massnahmen Bilanz ziehen. Bei der Digitalisierung sind wir auf dem richtigen Weg: Momentan pr\u00fcfen wir, welche Hindernisse bestehen und wie sich diese beseitigen lassen. Ausserdem f\u00fchrt der vom Bundesrat vorgeschlagene Abbau aller Industriez\u00f6lle zu Kosteneinsparungen bei Unternehmen von insgesamt rund 900 Millionen Franken.<\/p>\n<h3>Ein Jahr Wirtschaftsminister: Ihre Bilanz?<\/h3>\n<p>Ich ziehe eine positive Bilanz! Das WBF ist ein komplexes Departement mit sehr unterschiedlichen Bereichen. Ich stelle fest, dass der Zusammenzug von Wirtschaft und Forschung unter demselben Dach langsam Fr\u00fcchte tr\u00e4gt. Auch das Landwirtschaftsdossier bleibt spannend. Denn wir m\u00fcssen Wege finden, \u00d6kologie, Ern\u00e4hrungssicherheit und Unternehmertum miteinander zu verbinden. Dabei muss man st\u00e4ndig darauf achten, dass es nicht zu Ungleichgewichten kommt \u2013 das macht dieses Departement so spannend. Umso mehr, als ich auf die effiziente Unterst\u00fctzung kompetenter und hoch motivierter Teams z\u00e4hlen darf.<\/p>\n<p><span class=\"text__legend\">Das Interview wurde schriftlich gef\u00fchrt.<\/span><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Parmelin, wenn Sie an k\u00fcnstliche Intelligenz denken, was l\u00f6st das bei Ihnen aus? K\u00fcnstliche Intelligenz ist eine grosse Chance.\u00a0 Sie ver\u00e4ndert unser Leben, sie ver\u00e4ndert s\u00e4mtliche Bereiche. 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