{"id":103549,"date":"2019-10-23T10:30:34","date_gmt":"2019-10-23T10:30:34","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2019\/10\/cirigliano-11-2019fr\/"},"modified":"2024-02-07T10:54:02","modified_gmt":"2024-02-07T09:54:02","slug":"cirigliano-11-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2019\/10\/cirigliano-11-2019\/","title":{"rendered":"Wie Autofahren ohne Tacho"},"content":{"rendered":"<p>Eines der Paradigmen des Arbeitsrechts lautet: Zeit wird entgeltet, nicht das Resultat. Deshalb redet man von einem Arbeitsvertrag, nicht von einem Werkvertrag. Der Arbeitsvertrag definiert und grenzt sich von anderen Vertr\u00e4gen wie etwa dem Werkvertrag dadurch ab, dass die Arbeitszeit \u2013 und nicht die Schaffung eines Produkts oder eines Resultats \u2013 zu entl\u00f6hnen ist. Das ist gerade auch in Zeiten der Digitalisierung von gr\u00f6sster Aktualit\u00e4t. Denn mit Smartphones, Plattformen und Homeoffice ist die Vermischung von Arbeit und Freizeit immer wahrscheinlicher. Damit keine Gratisarbeit geleistet wird, Teilzeitpensen respektiert werden und \u00fcberhaupt Zeit f\u00fcr Schlaf, Familie, Freunde und Care-Arbeit bleibt, wird die Arbeitszeiterfassung immer wichtiger. Man kann bequem mit Smartphone oder Software die geleistete Arbeit \u2013 etwa beim Beantworten von Mails im Zug oder in einem Caf\u00e9 \u2013 erfassen und der Arbeitszeit anrechnen.<\/p>\n<p>Auch die psychosozialen Risiken, die zu Stress, Burn-out und Herz-Kreislauf-Erkrankungen f\u00fchren, k\u00f6nnen nur anhand der Arbeitszeiterfassung gemessen und in Schach gehalten werden. Arbeiten ohne Arbeitszeiterfassung ist wie Auto fahren ohne Tacho: Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter f\u00e4hrt man zu schnell, und es kommt der Crash.<\/p>\n<h2><strong>Gesundheit sch\u00fctzen <\/strong><\/h2>\n<p>Wenn Arbeitszeiterfassung also zu vergleichen ist mit dem Geschwindigkeitsmesser eines Autos, sind die materiellen Bestimmungen des Arbeitsgesetzes die Tempo-H\u00f6chstlimiten im Strassenverkehr: Je nachdem, wo man f\u00e4hrt, gelten unterschiedliche Limiten. Die Regelungen des Arbeitsgesetzes basieren auf arbeitsmedizinischen Erkenntnissen zu maximalen w\u00f6chentlichen Arbeitszeiten, n\u00f6tiger t\u00e4glicher Nachtruhe sowie sozialem Austausch mit Familie und Freunden, der an Wochenenden mit der Sonntagsruhe synchronisiert wird.<\/p>\n<p>Wissenschaftliche Studien zeigen, dass in der Schweiz zu lange gearbeitet wird: Besonders die Gesundheit von Frauen mit Care-Aufgaben beeintr\u00e4chtigen Arbeitswochen von mehr als 40 Stunden. Zur Erinnerung: Die H\u00f6chstarbeitszeiten betragen in der Schweiz rekordverd\u00e4chtige 45 Stunden; im Gesundheitswesen sind sogar 50 Stunden pro Woche erlaubt. Kein Wunder, dass die Schweizerische Gesundheitsbefragung sowie der Job-Stress-Index der Gesundheitsf\u00f6rderung Schweiz eine Tendenz zu immer mehr psychosozialen Risiken und Burn-outs wegen Stress am Arbeitsplatz ausweisen.<\/p>\n<p>Das Arbeitsgesetz sch\u00fctzt die Gesundheit der Arbeitnehmenden also, was die w\u00f6chentlichen Arbeitszeiten angeht, nur zum Teil. Gerade im Zeitalter der Digitalisierung, wo die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen, und angesichts der Forderung nach einer besseren Verteilung von Care-Arbeit und Beruf w\u00e4ren k\u00fcrzere w\u00f6chentliche Arbeitszeiten sowie eine bessere Planbarkeit von Arbeitseins\u00e4tzen, Bereitschaftsdienstenten und Piketts essenziell.<\/p>\n<p>Deshalb lautet eine Forderung des Frauenstreiktags vom Juni: Auf jegliche Deregulierung des Arbeitsgesetzes ist zu verzichten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines der Paradigmen des Arbeitsrechts lautet: Zeit wird entgeltet, nicht das Resultat. Deshalb redet man von einem Arbeitsvertrag, nicht von einem Werkvertrag. Der Arbeitsvertrag definiert und grenzt sich von anderen Vertr\u00e4gen wie etwa dem Werkvertrag dadurch ab, dass die Arbeitszeit \u2013 und nicht die Schaffung eines Produkts oder eines Resultats \u2013 zu entl\u00f6hnen ist. 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